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Dienstag, 23. Mai 2017

Rennsteiglauf Supermarathon 2017

Viele Gründe sprechen dagegen, zwei Wochen nach einem 100er gleich nochmal 73,5 km zu laufen. Als sich spontan eine Mitfahrgelegenheit zum Rennsteiglauf bietet, will mir ganz plötzlich kein solcher Grund mehr einfallen.

Man kennt den Effekt noch aus dem Physik-Unterricht: Ausdehnung bei Erwärmung. Unter dem Einfluss des Treibhauseffekts scheint nun sogar der Rennsteig länger geworden zu sein. Wurden bisher 72,7 km für den Supermarathon veranschlagt, so werden in diesem Jahr 800 m mehr ausgeschrieben. So richtig traut man der ganzen Messerei wohl nicht mehr. Jedenfalls verzichtet der Veranstalter neuerdings darauf, die Distanz auf das Finisher-Shirt zu drucken. Trotzdem will ich es haben!

Ein Supermarathonfinisher oder ein super Marathon-Finisher?

Nach dem am Anschlag gelaufenen 100er verbieten sich allzu hoch gesteckte Ziele, was den Druck auf angenehme​ Weise reduziert. Das Tief zwischen km 60 und 80 vor zwei Wochen war eine üble Erfahrung, so dass ich heute als oberstes Gebot "mit gutem Kopf" unterwegs sein möchte. Ich will ohne Leiden ins Ziel kommen - und vielleicht trotzdem etwas schneller sein als bei meinem ersten Supermarathon vor vier Jahren? Es heißt doch immer, dass man nach einem Langstreckenrennen Bestzeiten auf den Unterdistanzen laufen könne ...

Vorm Start auf dem Eisenacher Markt
Dazu habe ich mir eine Strategie ausgedacht. Ich muss mich bloß auch mal dran halten! Der Trick beim Rennsteig besteht darin, während des langen Anstiegs vom Start bis zum Gipfel des Großen Inselsbergs mit den Kräften zu haushalten. Dieses erste Segment darf ich mit einer 7er Pace zuckeln. Wenn ich danach mit einer 6er Pace ins Ziel laufe, werde ich nach 7:46 Stunden im Ziel sein - elf Minuten schneller als beim ersten Versuch.

Zum Inselsberg


Ich lasse mir Zeit, gehe die steilen Segmente, zum Beispiel vorm Dreiherrnstein und vorm Inselsberg-Gipfel. Das Tempo fühlt sich entspannt an, obwohl die Uhr eine Pace von 6:23 zeigt. Gerne würde ich schneller laufen, denn mir wird immer kälter, je höher wir kommen. Immer wieder sage ich mir "Das Rennen wird nicht auf den ersten 25 km entschieden, sondern auf den letzten 25!"  Es kostet einiges an Disziplin, sich fast drei Stunden lang zu bremsen. Aber es gibt genügend abschreckende Beispiele in der Läuferschar um mich herum, denen die Belastung schon jetzt anzusehen ist.

Bei 100-km-Läufen in Deutschland finden sich meist weniger als 300 Starter. Der Rennsteig-Supermarathon mit seinen 1800 Höhenmetern dürfte kaum wesentlich weniger anstrengend sein, lockt aber rund 2500 Läufer an den Start. Da hat vermutlich nicht jeder ein adäquates Training absolviert.

Auf dem Gipfel bricht endlich die wärmende Sonne durch den Nebel. Eigentlich wollte ich mich von Wasser und Bananen ernähren. Aber wegen der niedrigen Temperaturen greife ich unterwegs dankbar zum heißen Tee. Und zum Schleim! Ich hatte ja völlig vergessen, dass es hier den legendären Haferschleim gibt. Köstlich! Von den ebenfalls feilgebotenen Wiener Würstchen lasse ich aber die Finger.
Tee-Ausschank vor der Kleiderbeutelabgabe

Vom Inselsberg führt ein langer, steiler Abhang zum Kleinen Inselsberg hinunter. Ich lasse es richtig krachen und donnere lustvoll die Piste runter. "Denk an deine Knie.", raunt mir ein erfahrener Läufer zu, der sich vorsichtig zu Tale tastet. Nein, den Spaß gönne ich mir! Schließlich habe ich erst kürzlich auf ganz anderem Untergrund geübt.


Die Hälfte ist geschafft!


Bei der Ebertswiese fingen  bei meinem Debüt die schlechten Gedanken an. Auch heute spüre ich die Beine deutlich. Die Wahrnehmung ist aber positiv. Freudig wird das Schild "Die Hälfte ist geschafft!" registriert. Mein Mantra lautet heute: "Du hast bis jetzt alles richtig gemacht."

Kilometer 50 passiere ich fast exakt nach fünf Stunden. Nur noch ein Drittel! Am Start meinte jemand, wenn man am Grenzadler sei, habe man es praktisch geschafft. Nun ja, damals hatte ich dort bei km 54 eine ganze Weile mit mir gerungen, ob ich nicht die Möglichkeit zum Ausstieg mit offizieller Wertung nutzen sollte. Heute sagt der Moderator beim Durchlauf gerade die 15. Frau an. Den Dreiherrenstein hatte ich noch mit der Frau auf Platz 34 überschritten. Es läuft! Und es fühlt sich gut an, permanent zu überholen, auch wenn das mit der Relativgeschwindigkeit geschieht, die ein Lkw in der linken Autobahnspur gegenüber dem Truck in der rechten aufweist. Natürlich schießt auch hin und wieder mal ein Porsche vorbei. Aber je weiter ich komme, um so mehr havarierte Sportwagen stehen am Rand. "Du hast bis jetzt alles richtig gemacht."

Der ist fertig!


Mittlerweile muss ich etwas fokussierter laufen. Der Blick ist einwärts gerichtet. Vermutlich habe ich gerade mal etwas tiefer durchgeatmet, oder vielleicht galt es auch gar nicht wirklich mir. Jedenfalls schnappe ich die Bemerkung vom Rand auf: "Der ist fertig!" An mir gleitet das ab, weil es einfach nicht stimmt. Aber wie muss sich so ein Kommentar in den Ohren derjenigen anhören, die sich wirklich auf dem Zahnfleisch ins Ziel schleppen?!

Es zieht sich aufwärts. Nicht steil, vor allem nicht steil genug zum Gehen. Aber lang. Ich weiß, dass der höchste Punkt der Strecke markiert ist. Und ganz oben sehe ich ein Schild. "Lass es den höchsten Punkt sein!", denke ich bei jedem Schritt. "Lass es den höchsten Punkt sein!" Und tatsächlich, er ist es! Ab jetzt geht es tendenziell bergab. Die steile Wiese runter zum Schmücke-VP sorgt nochmal für richtigen Lauf-Spaß. Ich mache hier gleich zwei Plätze in der Damenwertung gut.


Retardierendes Moment


Ein Porsche-Läufer, schon in Finisher-Stimmung, versucht einen Geher zu motivieren. Doch der gibt mit gebrochener Stimme zurück: "Bergab geht gar nicht mehr." Gerade bedauere ich den armen Kerl, müssen wir doch jetzt eigentlich nur noch runter ins "schönste Ziel der Welt - in Schmiedefeld", da gibt es einen weiteren, langen Gegenanstieg. Ich gehe ein paar Schritte. Dummerweise schmerzt seit geraumer Zeit beim Gehen mein rechter, hinterer Oberschenkel mehr als beim Laufen. Also laufe ich wieder an. Genau in dem Moment schießt mir ein Krampf in die Innenseite des Oberschenkels. "Was? Jetzt, so kurz vor dem Finale dieses flüssigen Rennens, soll plötzlich alles vorbei sein?!" Krämpfe hatte ich unterwegs noch nie. Was macht man da? Ich laufe weiter. Der Schmerz ist gerade noch so auszuhalten. Nur ein µ mehr und ich stünde auch am Rand. Die Therapie schlägt an. Der Krampf verschwindet so plötzlich, wie er gekommen war.

"Das schönste Ziel der Welt - in Schmiedefeld"
Durch die Menge der ausnahmslos applaudierenden 17-km-Wanderer renne ich Richtung Ziel, das schon seit Langem zu hören ist. Das "Du siehst ja noch ganz entspannt aus!" vom Streckenrand klingt fast ein bisschen enttäuscht. Dann sieht man einen Zielbogen, von dem sich der erfahrene Rennsteigläufer jedoch nicht verwirren lässt. Erst der dritte Bogen ist der wahre. Hier darf endlich gejubelt und geweint werden.

Mittlerweile bin ich geneigt, das Gelingen eines Ultras weniger nach der erreichten Zielzeit als nach dem Befinden unterwegs zu beurteilen. In dieser Wertung liege ich heute ganz weit vorne. Trotzdem muss die Zielzeit von 7:18:22 nicht verschwiegen werden, bedeutet sie doch eine Verbesserung von 39 Minuten. Und ich finde, 13. Frau klingt irgendwie viel besser als 206. Mann.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Rennsteiglauf-Vorbereitung Teil 2: Laufbericht Harzquerung

Aufnäher statt Medaille
Bis zuletzt ist unsicher, ob meine anderen Verpflichtungen einen Start bei der Harzquerung zulassen. Deshalb habe ich keine Übernachtung gebucht. Stattdessen stehe ich am 27.4.2013 um 3 Uhr auf und fahre nach Wernigerode. Ich denke, mit diesem Ansatz habe ich in etwa genauso viel Schlaf abbekommen wie bei einer Übernachtung im Gemeinschaftsquartier. Während der Fahrt regnet es ununterbrochen. Das Thermometer zeigt um die 4 Grad. Glücklicherweise habe ich nach dem Abrufen des Wetterberichts noch eine Regenjacke in die Wettkampftasche gepackt.


"Warst du heute schon mal draußen?"

 

Kurz vor Sieben erreiche ich die Turnhalle "Unter den Zindeln" und bekomme direkt am Eingang meine Startnummer. Es ist also noch ausreichend Zeit bis zum Start und somit Gelegenheit das Objekt zu inspizieren. Auf der nostalgisch anmutenden Homepage des Veranstalters war angedeutet worden, dass die Turnhalle demnächst abgerissen werden solle. Optik und Geruch passen zu dieser Aussage. Trotzdem erfüllt das Gebäude seinen Zweck, schützt es doch die Wartenden vor dem Regen und spendet Wärme. Bildete früher der Herd das soziale Zentrum einer Wohnung, so sind es hier die Heizkörper, um die man sich schart. Ein Starter ist mit dem Fahrrad angereist und entsprechend durchgeweicht. Er versucht seine Socken an der Heizung wieder trocken zu bekommen, was nicht bei allen auf Gegenliebe stößt. Ein anderer Läufer schmiegt sich in dicker Jacke an die Heizung und meint angesichts meiner kurzen Laufhose: "Warst du heute schon mal draußen?" Es regnet immer noch. Aber ich habe ja meine Regenjacke dabei. Nicht alle sind so gut ausgerüstet. Jemand borgt sich eine kleine Plastiktüte, versieht sie mit einem Loch für den Kopf und drapiert sich das Ganze elegant um den Hals, um wenigstens die Schultern zu schützen. Diese Improvisation scheint sich unterwegs zu bewähren. Jedenfalls werde ich ihn Stunden später genau so gekleidet ins Ziel laufen sehen.

Ich reiße mir die Jacke vom Leib

 

Als ich dem Pulk zum Start am Waldrand folge, regnete es gar nicht mehr so stark und ich bekomme Zweifel, ob die Jacke nicht doch zu warm ist. Nach dem Startschuss geht es sofort steil bergan, und das Feld kommt ins Stocken. Vielfach kann man daher nur Gehen. Doch selbst dabei rutschen die Füße im Matsch immer wieder nach hinten weg. Überholen ist nur im Unterholz neben dem Weg möglich. Meine Pace liegt bei über 8 min/km. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt, denn ich möchte weniger als 5 Stunden für die 51 km lange Strecke benötigen. Ich kämpfe mich weiter bergan, schwitze stark und reiße mir die Jacke vom Leib. "Na super, jetzt kannst du den Lappen noch 50 km mit dir rumschleppen!", fährt es mir durch den Kopf. Doch kaum kommen wir oben an der nebelverhangenen Zillierbach-Talsperre an, weht ein kalter Wind und ich bin froh, die Jacke wieder überstreifen zu können. Drei Grad wird das Thermometer im Ziel anzeigen, also dürfte es auf den Gipfeln noch kälter sein. Jedenfalls werde ich die Jacke bis Nordhausen nicht wieder ausziehen.

 Alte Bekannte aus der DDR


An der ersten Verpflegungsstation treffe ich alte Bekannte, die ich längst vergessen hatte. Die Getränke werden nicht in den üblichen Wegwerfbechern gereicht, sondern in den guten alten, braunen DDR-Plastik-Henkelbechern, aus denen ich schon im Kindergarten getrunken habe. Später bei Lehre und Armee wurde darin der berüchtigte Impo-Tee ausgeschenkt. Sein Name basiert auf der Legende, dass dem Tee ein Zusatz beigemischt war, der den Geschlechtstrieb unterdrücken sollte. Heute ist etwas Zucker im Tee, der Energie für die nächsten Kilometer gibt. Und damit gilt auch heute: Vortrieb statt Geschlechtstrieb!

Schwierige Wegverhältnisse und Stürze

 

Der schlammige Untergrund verlangt viel Kraft und Aufmerksamkeit. Ich bin mit normalen Straßenlaufschuhen unterwegs und rutsche stark. Dennoch bin ich manchmal gegenüber den Trailschuhträgern im Vorteil. Deren Profilschuhe haben auf nassem Holz keinen Grip, und ein Läufer stürzt direkt vor mir auf einer Brücke. Nachdem er sich aufgerappelt hat, wirft er einen Blick auf meine weißen Handschuhe: "Wenn sie im Ziel noch weiß sind, hast du alles richtig gemacht!" Kaum sind diese Worte verhallt, bleibe ich an einer Wurzel hängen und kann mich gerade noch mit den Händen abfangen. Ich zeige meine nun braunen Hände vor und bekomme zu hören: "Solange sie nicht rot sind, ist es auch in Ordnung!"

Plötzlich Gegenverkehr

 

Wie in der Ausschreibung versprochen, führen die Wege meist auf schmalen Pfaden durchs Unterholz. Und so wundert sich auch niemand, als es - kurz nachdem ein Bach zu überspringen war - auf einem verwachsenen alten Rückeweg weitergeht. Selbst als unserem Trupp plötzlich Läufer von vorn begegnen, ahne ich nichts. Schließlich werden bei diesem Laufereignis auch andere Strecken angeboten, deren Verlauf ich nicht kenne. Während die ersten der Entgegenkommenden kommentarlos an uns vorübereilen, ist am Ende des kleinen Feldes jemand so fair, uns darauf hinzuweisen, dass wir uns alle verlaufen haben und umkehren müssen. Ich habe meine Lektion gelernt und werde künftig nicht mehr blind der Masse folgen, sondern eigenverantwortlich nach Wegmarkierungen Ausschau halten.

Schattenmann statt Hammermann

 

Der Verlauf des Weges ist die pure Lust! Trotz der suboptimalen Witterung kann ich die Schönheit der Landschaft ringsum genießen. Wie herrlich muss es erst bei Sonnenschein sein? Aber Hitze wäre meinem Lauf nicht zuträglich und so bin ich es zufrieden. Plötzlich schießt von hinten der Schattenmann vom Kyffhäuser an mir vorbei. Seine damalige Zurückhaltung zahlt sich heute offenbar aus. Hoffentlich habe ich nicht zu viele Körner verbraten. Ich will doch noch auf den Rennsteig!

Vom Genusslaufen noch weit entfernt

 

Am langen Anstieg zum Poppenberg muss ich noch ein paar der verbliebenen Körner investieren. Hin- und wieder muss ich hier gehen, bin oben aber erstaunt, wie gut der Aufstieg gelang. Das hatte ich mir schlimmer vorgestellt. Von einer Besteigung des Aussichtsturmes sehe ich aber ab. In einem Laufbericht hatte ich vorab gelesen, dass tatsächlich einige noch hier hinauf gehen und den Fernblick genießen. Von dieser entspannten Herangehensweise des wahren Genussläufers bin ich noch zu weit entfernt. Vielleicht gelingt es mir eines fernen Tages, diese Gelassenheit zu erreichen. Heute trage ich noch eine Uhr beim Laufen und eile nach kurzer Stärkung an der Verpflegungsstation weiter.

9 km Ultra-Feeling

 

Nach einer längeren Bergabpassage, an der ich einige Mitstreiter überholen kann, erreiche ich den Verpflegungspunkt bei km 43. Die Marathondistanz hat Körper und Geist zu einer homogenen Masse kondensiert. Schluchze ich vor Schmerz oder vor Glück? Das Blut pulst irgendwo durch die Beine, aber kaum noch durch den Kopf. Ich benötige mehrere Hundert Meter, um erfolgreich auszurechnen, dass das Fünf-Stunden-Ziel realistisch erreichbar ist. Ein Schwall Endorphine kommt über mich. Obwohl es kaum noch größere Anstiege zu bewältigen gibt, werde ich von hinten überrollt. Offenbar haben die anderen bessere körperliche oder mentale Reserven. Vielleicht fehlt mir einfach noch die Erfahrung auf der ultra-langen Strecke. An der letzten Getränkestation weist ein handgemaltes Pappschild noch 4 km bis zum Ziel aus. Ich zweifle. Stand nicht im Internet, dass es ab hier noch 5 km seien? Der Weg zieht sich über aufgeweichte Wiesen. Ich rutsche bei jedem Schritt bergan wieder ein Stück zurück. Ein Überholender versucht mich zum Mitkommen zu motivieren. Er schafft es nicht. Jeder Schritt schmerzt. Ich sehe Häuser in den Wiesen, ahne dass Nordhausen naht. Wage wieder nicht, es zu glauben. Immer wieder der Gedanke: "Wie weit noch? Wie weit noch?". Schließlich, ich passiere gerade ein paar Kleingärten, kommt mir ein Fußgänger entgegen und meint: "Nur noch 500 m!" Ich kann es nicht fassen. "Nur noch 500 m?", rufe ich erstaunt, erleichtert und befreit zugleich. Statt auf Meter hatte ich mich noch auf Kilometer eingestellt. Ich habe noch eine Menge Zeit, bevor die selbstgesetzte 5-Stunden-Frist verstreichen wird. Lächelnd greife ich zum Telefon, um mein Ein-Mann-Empfangskomitee auf meinen verfrühten Einlauf aufmerksam zu machen. "Mach mal die Kamera scharf!", rufe ich. Doch das Komitee steht nicht am Ziel, sondern im Stau. Egal, das kann mein Glück jetzt nicht mehr trüben!

Da brauchst du jemanden, der dich sehr, sehr lieb hat.

 

"Das hast du dir jetzt verdient.", höre ich im Ziel. Aus dem Munde eines Kindes klingt das seltsam. Ich neige mein Haupt, um mir die Medaille umhängen zu lassen. Doch zu meiner Enttäuschung bleibt mein Hals ungeschmückt. Stattdessen bekomme ich einen Textmarker und einen Aufnäher in die Hand gedrückt. Beide ziert das Logo der Harzquerung.
Textmarker als Zielprämie
Außerdem gibt es Iso, Wasser, saure Gurken und Schmalzstulle für die Finisher. Das Gepäck liegt regensicher unter einem Tribünendach direkt neben dem Ziel. Und auch zur Dusche ist es nicht weit. In der Umkleide hat jemand Probleme, die Beine anzuwinkeln: "Jetzt fehlt mir jemand, der mir die Socken auszieht." Sollte das ein Wink mit dem Zaunpfahl sein, so wird er nach einem Blick auf seine schlammigen, stinkenden Füße ignoriert: "Da brauchst du jemanden, der dich sehr, sehr lieb hat."

Mein Ein-Mann-Empfangskomitee

 

Den vom Veranstalter organisierten Bustransfer zurück nach Wernigerode brauche ich nicht in Anspruch zu nehmen. Denn mein Ein-Mann-Empfangskomitee trifft doch noch ein. Eigentlich ist es auf der Durchreise zu einem Radrennen in Göttingen. Doch es macht nicht nur in Nordhausen für mich Halt, sondern nimmt auch noch den Umweg über Wernigerode in Kauf, um mich im gut geheizten Auto dorthin zu chauffieren. Unterwegs werde ich mit heißem, gesüßten Tee und diversen Kohlehydraten verwöhnt. Dankbar genieße ich diesen Service, den nur ein erfahrener Ausdauersportler bieten kann. Gemeinsam besichtigen wir das schmucke Fachwerkstädtchen Wernigerode. Ein Kurzurlaub bis zur baldigen Walpurgisnacht wäre angemessen. Doch nach einer Einkehr - immerhin nehmen wir den "Hexenschmaus" - muss ich die Rückfahrt antreten.

Ausblick

 

Die Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten des Harzes erfordern weitere Besuche in dieser Gegend. Die Harzquerung mit ihrer ausgesucht naturnahen Wegführung und der schnörkellosen Organisation lockt ohnehin zur Wiederholung - dann vielleicht bei schönem Wetter. Darüberhinaus gibt es z.B. mit Harzgebirgslauf, Brocken-Lauf, Bad Harzbuger Bergmarathon und Brocken-Challenge noch genügend Gründe zum Wiederkommen.

Freitag, 14. Juni 2013

Rennsteiglauf-Vorbereitung Teil 1: Laufbericht "Kyffhäuser Berglauf"-Marathon


Start
Startbogen vorm Schloss
Nachdem ich von meiner Teilnahme am Rennsteiglauf-Supermarathon berichtet habe, möchte ich auch die Wettkämpfe schildern, mit denen ich mich auf die 72,7 km vorbereitet habe. Ich startete erst beim  "Kyffhäuser Berglauf" über die Marathondistanz und nahm später an der Harzquerung über 51 km teil.

Die Thüringer Läufe haben die Eigenschaft, bereits samstags stattzufinden. Das bedeutet eine Anreise am Freitag im dichten Pendlerverkehr. Vor dem Kyffhäuser Berglauf am 13.4.2013 bezogen wir in der Jugendherberge Kelbra Quartier. Das Haus ist top-modern ausgestattet und verfügt neben einer Cafeteria mit herrlicher Aussicht auch über eine große Terrasse, die einen wunderbaren Fernblick ins Thüringer Land bietet. Die Verpflegung steht einem Sterne-Hotel in nichts nach. Am Frühstücks- und Abendbrot-Büfett werden selbstgemachte Salate und eine große Auswahl an Käse, Aufschnitt und Müsli gereicht. Der Service wird durch die Freundlichkeit des Personals vervollkommnet. Lediglich die Lage des Hauses auf der "falschen" Seite des Kyffhäusers bedingt eine knappe halbe Stunde Anfahrt zum Startort Bad Frankenhausen.

Am Start gibt es nur kurze Wege. Parken kann man im Busbahnhof ca. 100 m entfernt von der Startlinie. Zur Gepäckaufbewahrung und zum Umkleiden dient ein Zelt. Kleiderbeutel werden nicht verteilt, man kann seine privaten Taschen dort abgeben.

Das Läuferfeld ist mit gut 250 Startern recht überschaubar. Daher geht es bei der Startaufstellung sehr gelassen zu. Bei Temperaturen um die fünf Grad und kaltem Wind schickt uns der Startschuss auf eine durchweichte Strecke. Vor einer Woche lag noch Schnee im Kyffhäuser. Inzwischen haben sich die Wege in Schlamm verwandelt. Der Veranstalter hebt die aktuellen Streckenbedingungen als schwierig hervor und wird sie als Begründung nehmen, um später das Zeitlimit für die MTB-Fahrer zu verlängern. (Diese bedauernswerten Gestalten werden im Ziel aussehen, als ob sie von Kopf bis Fuß mit einer Spritzpistole mit Schlamm besprüht worden wären.)

Doch zunächst verläuft der Weg auf Asphalt und auch erst einmal flach bis zur Barbarossa-Höhle, wo sich die erste Getränkestation befindet. Der Sage nach schläft Kaiser Friedrich I. in der Höhle, und sein roter Bart ist in den steinernen Tisch eingewachsen, an dem er sitzt. Dieses abschreckende Beispiel für die Folgen von zu wenig Bewegung läßt mich schnell weiterziehen. Bald folgt der erste Anstieg der insgesamt etwa 700 Höhenmeter hinauf zu km 12, wo es endlich auf Forstwegen in den Wald geht. Ich folge konsequent meiner Strategie, den Puls unter 80% zu halten. Dadurch muss ich am Berg die Geschwindigkeit reduzieren und verliere den Anschluss an die Truppe, in der ich bisher lief. Auch die beiden führenden Frauen ziehen vorbei. Ich werde sie in den hohen Zwanzigern wiedersehen und überholen. Bis dahin staune ich über die Länge der Anstiege. Die Gefälle in meinem Trainingsgebiet sind in etwa vergleichbar, jedoch sind die Berge hier wesentlich länger. Doch es ist niemals so steil, dass man gehen müsste. Ich genieße die Natur, durch die uns die Waldwege führen. Immer wieder ist mit schlammigen Passagen und Pfützen zu kämpfen. Besonders reizvoll ist das Wegstück, das als Single-Trail in Richtung Rothenburg leitet. Deren Gelände wurde im Dritten Reich von der SS benutzt, und in der DDR erholten sich dort Stasi-Mitarbeiter von ihren Missetaten. Beim Erreichen der Kontrollstelle am Kyffhäuserdenkmal wird mir ein Stempel auf die Startnummer gedrückt, den später im Ziel niemand sehen will. Normalerweise fängt es in den 30er Kilometern an weh zu tun, doch hier rollt es besser als je zuvor auf der Strecke! Für mich überraschend - hätte ich doch vorher das Höhenprofil besser studiert - fällt der Weg bis km 35 kontinuierlich ab.
Höhenprofil (Quelle: http://www.kyffhaeuser-berglauf.de)

Kann das bis ins Ziel so weitergehen? Natürlich nicht. Die größte Herausforderung des Laufes wartet ab km 36 auf mich. Der Weg führt parallel zu einem Segelflugplatz über freies Feld in sehr starkem Gegenwind leicht bergan. Ich überhole zwar etliche Geher, aber der Wind bläst mir den Willen aus dem Kopf. Und ich bin sogar froh, als ich überholt werde. So kann ich mich in den Windschatten des Anderen hängen und mich die zwei km bis zum rettenden Waldrand ziehen lassen. Kaum ist dieser erreicht, verschwindet der Wind und mein Kopf kommt wieder in Ordnung. Nach einem Blick zur Uhr rufe ich meinem "Windschatten" zu: "Wenn wir uns beeilen, ist eine Zeit unter 3:30 noch drin!" Darauf antwortet dieser: "Die Zeit ist mir eigentlich egal, ich habe gar keine Uhr dabei." Das nenne ich wahre Gelassenheit! Werde ich diese Stufe der Erleuchtung je erreichen?

Ich lasse den Windschattenmann zurück und stürme dem Ziel entgegen. Leider ist der aufgeweichte Waldweg durch Holzarbeiten so zerwühlt, dass er unpassierbar ist. Man muss sich neben dem Weg durchs Unterholz schlagen. Auf dem schmalen Pfad sind schon einige Halbmarathonis unterwegs, die aber respektvoll zur Seite treten und mich passieren lassen. Teilweise klatschen sie sogar und feuern mich an. Das ist Sportsgeist, danke!
Beifall gibt es dann auch nochmal auf der Zielgeraden, wo meine Familie mich erwartet. Und schon ist das kleinste Mittelgebirge Deutschlands einmal komplett von mir durchlaufen worden!

Als Zielverpflegung bekommt jeder Läufer wahlweise eine Erbsensuppe mit Bockwurst oder zwei Thüringer Rostwürste. Ich nehme natürlich die Würste, wenn ich schonmal in Thüringen bin. Doch unmittelbar nach einem Marathon ist das nicht ganz das Richtige für meinen Magen. Ich genieße eher die Brötchen und scheitere an Wurst Nummer Zwei.

Die Duschen befinden sich wenige Schritte neben dem Ziel in der Kyffhäuser-Therme. Die Läufer, die nicht nur Schweiß und Schlamm abspülen wollen, bekommen Ermäßigung auf den  Eintritt in das Bad. Diese Möglichkeit nutzen wir. Während die Kinder durchs Wasser tollen, lasse ich mir im lauwarmen Wasser auf der Sprudelliege die Beine  genüsslich durchblubbern. Diese Wohltat habe ich mir jetzt verdient!


Donnerstag, 6. Juni 2013

Rennsteiglauf Supermarathon: "Hart, aber schön"



"Hart, aber schön." So lautete der Slogan des Rennsteiglaufes am 25.5.2013. Dass es hart werden würde, war klar. Doch würde es auch schön werden?


Ein Finisher-Shirt gibt es nur für die Läufer, die den Supermarathon über 72,2 km und 1400 Hm beenden. Nachdem ich vor zwei Jahren auf der Marathondistanz, die hier 43,5 km lang ist, unterwegs war, wollte ich mir diesmal das Shirt verdienen.
Für 8 Euro bot das Elisabethgymnasium in Eisenach Übernachtung mit Frühstück an. Dafür bekommt man einen Liegeplatz für Isomatte und Schlafsack und ab 3:30 Uhr zwei Brötchen, Butter, Marmelade, Honig, Käse und Wurst. Solange der Vorrat reichte, gab es noch gratis Äpfel und Schokoriegel dazu. Auch für die Verpflegung am Vorabend ist dort mit Getränken, Obst, Schmalzstulle und Hack-Brötchen gesorgt. Und wer möchte, kann sogar nach dem Lauf noch einmal dort nächtigen. Die Übernachtung selbst war schon ein Erlebnis, teilte ich mir doch u.a. einen Klassenraum mit der Siegerin des Röntgenlaufes 2010 und 2012, Simone Durry, und mit Jürgen Kuhlmey, der als Starter der M75 einiges aus seinem ca. 30-jährigen Läuferleben mit mehr als 300 Marathons auf allen Kontinenten zu berichten hatte.
Um 4 Uhr am nächsten Morgen gab es noch keine Schlangen beim Frühstück und im Sanitärtrakt, obwohl das Objekt ausgebucht war. So konnte ich entspannt den kostenlosen Shuttlebus um 5 Uhr zum Start am Marktplatz erreichen. Dort lief alles sachlich nüchtern ab. Kein Vergleich zu der Party beim Marathonstart in Neuhaus mit Kapelle, Rennsteiglied und Schunkeln zum Schneewalzer! Morgens um 6 Uhr in der Innenstadt ist wohl eher Ruhe geboten. Sehenswert im Startblock waren die Schuhe eines Rennsteigveteranen. Während ein uralter Filzhut mit Rennsteiglauf-Logo seinen Kopf zierte, trug er an den Füßen Tracking-Sandalen. Der Chip war mit Paketschnur angeknotet. So laufe er seit 15 Jahren. Man solle es nur auch einmal probieren. Mancher der Umstehenden witterte hier einen neuen Trend in der Laufszene. Auch unterwegs waren immer wieder alte Rennsteig-Haudegen zu sehen, die die Anzahl ihrer Starts auf ihrem Shirt vermerkt hatten. Einer davon blieb auch am steilen Anstieg zum Inselsberg-Gipfel im Laufschritt und meinte: "Jetzt bin ich hier 38 mal hochgelaufen, da laufe ich auch beim 39. Mal, selbst wenn ich dabei langsamer als mancher Geher bin."
An den Bergen zählte auch ich zu den Gehern. Die Verpflegung nahm ich ebenfalls jeweils im Gehen auf, machte an den Verpflegungsstellen aber keine Pausen. Denn nur eine Minute an jeder Versorgungsstelle bedeutete in Summe den Verlust einer Viertelstunde auf die Gesamtzeit. Zu Zeitverlusten kam es gleich zu Beginn, als das dichte Feld immer wieder zum Stehen und Gehen kam. Weiter vorn wurde die Ursache klar. Die Wege waren teilweise voller Schlamm und Matsch, durch den einige Läufer nicht hindurch wollten. Damit reduzierte sich die genutzte Wegbreite auf ca. ein Drittel, und es kam zum Stau. Aber man konnte prima überholen, wenn man einfach durch die Pfützen und den Matsch durchlief. Da ich bei der Harzquerung in der Beziehung stark abgehärtet wurde, konnte ich mich auf diese Weise etwa ab km 5 freilaufen.
Vielleicht war ich die Vorbereitungsläufe "Kyffhäuser Berglauf" und "Harzquerung" zu schnell gelaufen. Auf jeden Fall taten mir schon bei der Hälfte der Strecke die Beine weh. Damit lagen dann 4 Stunden Zähnezusammenbeißen vor mir. Nach dem Lauf hatte ich regelrecht Zahnschmerzen davon. In den hohen 50er Kilometern waren etwa 6 Stunden vergangen, da stieß ich auf einen Begleiter, der meinte, es seien ja nur noch 2 Stunden. Das war tatsächlich tröstlich. Es ist eben alles relativ.
Irgendwann war der höchste Punkt der Strecke mit 973 m erreicht. Dort lagen noch ein paar Schneereste der letzten Nacht und ich war froh über meine Jacke und zog auch die Handschuhe wieder an. Ab jetzt ging es abwärts, und das von mir am schnellsten gelaufene Teilstück, auch wenn es sich anders anfühlte, sollte folgen. Mein Idealziel, unter 8 Stunden zu bleiben, schien nun realistisch erreichbar. Und das spornte an. Kurz vor der Verpflegungsstelle bei km 64 überholte ich ein Trüppchen. Und einer der Läufer fragte mich mit Angst in der Stimme, ob es denn noch einmal bergauf gehe. Das wusste ich auch nicht, hoffte jedoch inständig, dass es nicht der Fall sein möge. (Inzwischen weiß ich es besser.) Jetzt war jeder km beschildert. Aber es dauerte eine Weile bis meinem blutleeren Hirn dämmerte, dass man hier nicht einfach die letzten 20 km ausgeschildert hatte, sondern dass es sich um die Markierung des Halbmarathons handelte. Es waren also noch 1,1 km mehr bis ins Ziel, und ich hatte meine Zeitrechnung zu korrigieren. Es war Eile geboten! An den letzten Steigungen gönnte ich mir kein Gehen mehr. Auf der gemeinsamen Zielgeraden von Marathon und Supermarathon konnte ich sogar noch ein paar Finisher des Marathons überholen, bevor ich völlig fertig nach knapp 8 Stunden die letzte Matte passierte.
Jetzt wollte ich nur eins: mein Finisher-Shirt. Auf dem Weg zur Ausgabe kam ich an einem Container vorbei, in dem gelangweilte Physiotherapie-Lehrlinge auf Kundschaft warteten. Spontan änderte ich die Richtung und legte mich auf die Pritsche, wobei ich die Suggestiv-Frage, ob ich nicht erst Duschen wolle, einfach verneinte. Und so bekamen meine schlammigen Waden eine Massage mit sehr frischem und ganz natürlichem Peeling. Nach dieser Wohltat war ich so ausgekühlt, dass meine Zähne aufeinanderschlugen. Das Shirt musste also nochmals warten. Ich schleppte mich zähneklappernd zur Gepäckwiese, wo Kleiderbeutel und anderes Gepäck im Gras lagen. In diesem Jahr waren die Behältnisse von oben trocken geblieben. Aber durch den Regen der Vortage liefen schlammige Rinnsale quer über die abschüssige Wiese und mitten durchs Gepäck. Mein Rucksack war zum Glück nur am Boden etwas schmutzig geworden und ich konnte einen wärmenden Pullover hervorzerren. Als ich später geduscht und dick angezogen mein Finisher-Shirt in Empfang nahm, hielt ich es mir prüfend vor den Körper. Daraufhin riet mir eine Läuferin mit Nachdruck, es besser richtig anzuprobieren: “Jetzt hast du dir die Seele aus dem Leib gelaufen. Wenn das Shirt nicht passt, ärgerst du dich dein Leben lang!” Das wollte ich natürlich nicht riskieren. Also entpellte ich mich noch einmal. Das Shirt saß wie angegossen und wurde an dem Tag nicht mehr ausgezogen!

mehr lesen: Rennsteiglaufvorbereitung Teil 1: Kyffhäuser Berglauf