Samstag, 20. Juni 2026

REWE Team Challenge Dresden

Es heißt ja, man könne nach einem Marathon Bestzeiten auf Unterdistanzen laufen. Mit solchen Argumenten versuche ich, mir den ungünstig nur 4 Tage nach der Langstrecke terminierten Firmenlauf schönzureden. 

Aus dem Flugzeug haste ich zum Taxi, das mich nur für einen Klamottenwechsel nach Hause bringt, wo ich danach sofort auf's Fahrrad steige, um zum Rudolf-Harbig-Stadion zu fahren. Dort gebe ich meine Radtasche ab und trabe zum Start ins Dresdner Zentrum, das von den ersten der 30000 Starter geflutet ist. Darum spricht man wohl auch von Startwellen! 

Trotz meines engen Zeitplanes bin ich zeitig genug da, um noch zu sehen, wie lange es dauert, bis die erste Startwelle "abgeflossen" ist. In der Beziehung erschien mir die alte Streckenführung günstiger. Ich lerne aus meiner Beobachtung und suche mir rechtzeitig einen Platz im vorderen Bereich der Aufstellung zur zweiten Welle.

Die Garmin-App prognostiziert eine 5-km-Zeit von 20:13. Ich weiß nicht, woher sie diesen Optimismus nimmt, und will froh sein, wenn eine 21 vor dem Doppelpunkt zu stehen kommt. Dementsprechend steuere ich meine Pace. Viel Spielraum zur Beschleunigung spüre ich nicht, bis es hinab in den Tunnel unterm Hauptbahnhof geht. Da überholt mich ein Mann im roten Leibchen mit der Aufschrift "Roter Flitzer". Aus irgendeinem Grund triggert mich das dermaßen, dass er für mich zum "Roten Wichser" wird. Immerhin bin ich so reflektiert, zu erkennen, dass die Namenswahl unfair und völlig daneben ist, und dass ich sie in meinem Blog nicht werde erwähnen können. Was für ein Bild von mir würde ich da ab- und preisgeben! Kurzerhand nenne ich den Kerl um. Er wird zur "Roten Gefahr". Und die muss ich bannen!

Der Tunnel stinkt zwar nach Abgasen, aber man hat ihn mit Licht- und Soundeffekten sowie einem DJ zu einem echten Highlight der Strecke aufgewertet, die in ihrer neuen Führung nicht mehr mit Sehenswürdigkeiten wie dem Terrassenufer aufwartet. Das übliche Firmenlaufszenario mit nebeneinander laufenden Teams, die Überholen kaum zulassen, wird diesmal noch getoppt von Wanderinnen, die Bollerwagen ziehen!

Ich steigere mich in Frust und Wut hinein und wandele die Energie in Vortrieb. Es bleibt nicht aus, dass ich Körperkontakt riskiere, um irgendwo einen Weg nach vorn zu finden, nachdem ich auf das Ende der ersten Welle aufgelaufen bin. Da ist es mir dann gar nicht mehr so wichtig, als ich im allgemeinen Trubel auch den Roten hinter mir lasse.

Vorm Stadion geht es dann wieder auf diesen elenden Zick-Zack-Kurs, bevor wir auf die letzte Gerade kommen. Dort kann ich mir diesmal tatsächlich nicht nur einen Endspurt abverlangen, sondern auch einigermaßen umsetzen, da ein junger Läufer ehrfürchtig zur Seite springt, als er meine Geräuschkulisse hinter sich wahrnimmt. 

Im Ziel gelingt es mir noch, meine Medaille und ein alkoholfreies Bier zu ergattern. Dann will ich einfach nur aus diesem Gedränge raus. Menschenmengen ertrage ich immer weniger. Mit 21:30 ist meine Nettozeit 2 Sekunden kürzer, als die von mir selbst gestoppte Laufdauer. Als wäre das noch nicht erfreulich genug, stelle ich beim Abgleich mit meinem historischen Laufbericht äußerst zufrieden fest, dass ich 22 Sekunden schneller als vor drei Jahren war, was die eingangs postulierte Bestzeitentheorie unterstützt.

Montag, 15. Juni 2026

Marathon zur Himmelscheibe von Nebra

Während ich zwischen den hölzernen Palisaden des Sonnenobservatoriums Goseck hocke, um dort Schutz vor dem heftigen Wind zu suchen, der über das offene Gelände peitscht, kommt Waldemar Cierpinski auf mich zu und spricht mich an. Small Talk zwischen dem Doppel-Olympiasieger im Marathon und dem Marathon-Wiedereinsteiger. Dann ruft uns Waldemar als Organisator des Himmelswegelaufs an den Start.

Der Startschuss erlöst uns vom bibbernden Warten - denke ich. Doch die Startaufstellung im Inneren des Observatoriums dient nur der Show für die Presse. Nach dem Schuss werden wir ein paar Hundert Meter hinaus auf einen Feldweg geführt an eine imaginäre Startlinie. Dort entlässt uns ein zweiter Startschuss auf den Weg nach Nebra zum Fundort der Himmelsscheibe.

Die Kriminalgeschichte um die Raubgrabung der Himmelsscheibe und die Falle, die man den Räubern beim versuchten Verkauf stellte hatte mich vor Jahren schon in das Museum in Nebra gelockt. Es ist faszinierend, was für eine Hochkultur vor 2000 Jahren im heutigen Burgenlandkreis geherrscht haben muss. Heute kann man sogar feststellen, aus welchem österreichischem Stollen das Kupfer der Himmelsscheibe stammt. Dieser Stollen wurde von zwei Seiten vorangetrieben, wobei man nicht weiß, mit welchen Methoden damals sichergestellt wurde, dass die beiden Röhren sich unter der Erde trafen. Kurz, die Gesamtthematik um das jahrtausendealte Artefakt schlug mich in ihren Bann, und ich wollte diese Medaille, die der Himmelsscheibe nachempfunden ist. War es zunächst die umständliche Logistik der An- und Abreise zu diesem Punkt-zu-Punkt-Lauf, die eine Teilnahme am Himmelswegelauf verhinderte, stellte später meine orthopädische Unpässlichkeit in Frage, ob ich jemals wieder (Marathon) laufen können würde.

Die letzten Ultras und Marathons lief ich 2019. Ab 2022 begann der Wiedereinstieg mit einer Strecke von 400 m. Trotz vieler Rückschläge hatte ich Anfang 2025 die Halbmarathonmarke zurückerobert. Als nach weiterem vorsichtigen Aufbau in diesem Januar die 30-km-Grenze geknackt wurde, breitete sich die vorsichtige Hoffnung auf einen Marathon aus. Mit dem orthopädischen Schonprogramm von drei Laufeinheiten pro Woche und nur wenigen Läufen um die 30 km war klar, dass eher Erfahrung als Training die Basis dieses Langstreckenlaufs bilden würde.

Die flache Strecke führt im Unstruttal entlang der Weinberge durch die Felder. Der Wind peitscht uns entgegen, gelegentlich regnet es. Für dieses Wetter darf man dankbar sein, wie uns die sonnigen Momente auf dem weitgehend schattenlosen Kurs lehren. Der Veranstalter hat vorgebaut, aller 3 km gibt es einen VP. Da auch an jedem Abzweig ein Helfer positioniert ist, scheinen mehr Organisatoren als die 75 Teilnehmer auf der Strecke zu sein. Vielfach laufen wir auf der Landstraße, die zumindest in Gegenrichtung auch befahren ist. Ich vertreibe mir die Zeit mit der konsequenten Suche nach der Ideallinie. Besonders auf der Straße macht es einen Unterschied, ob man den Außen- oder Innenradius einer Kurve läuft. (Laut meiner Garmin werde ich 600 m auf der Marathondistanz gespart haben.)

Wir queren ein dunkelrot leuchtendes Feld voller Mohnblumen. Das ist vielleicht der schönste Eindruck, den wir gewinnen bei diesem Landschaftslauf auf flachem Asphalt. Die Unstrut bekommt man meist nur bei den Brückenquerungen zu sehen. Wir laufen durch das alte Freyburg und sehen die eine oder andere Burg auf den Weinbergen thronen.

Für mich steht "Ankommen" auf dem Plan, verbunden mit der Hoffnung, ohne Reue orthopädisch unversehrt heimzukehren. Aber so ganz ohne Zeitziel kann ich nicht. Ich würde schon gerne unter 4 Stunden bleiben. Also habe ich mit einer Pace von 5:36 geplant. Doch der Marathon-Novize, der ich heute wieder bin, läuft zu schnell los. Eine Pace von 5:22 steht auf der Uhr und fühlt sich gut an. "Ich werde heute finishen" wird zu meinem gutgelaunten Mantra. Bei der - nur virtuell vorhandenen - Halbmarathonmarke träume ich sogar vom negativen Split und beschleunige zumindest gefühlt. Denn ich überhole auf der sonst eher leeren Strecke gleich einen ganzen Pulk an Läufern. 

Und so geht es weiter. Immer mal wieder taucht am Horizont ein Läufer auf. Und ich versuche zu schätzen, wie lange es dauern wird, bis ich ihn eingeholt habe. So vertreibe ich mir die Zeit auf der einsamen Strecke. Bis Kilometer 30. Ab da habe ich mit mir selbst genug zu tun. Ab der 33-km-Marke muss ich um das Tempo kämpfen. Nach 35 km verliere ich den Kampf. Die Uhr Zeit jetzt 5:30. Ich erlebe auch noch den "Das machst du nie wieder!"-Moment. 

Erst bei Kilometer 39 wendet sich das Blatt. Schon lange ist ein Herr in Blau in Sichtweite, ohne dass ich ihm nennenswert näher gekommen bin. Doch am letzten VP bleibt er stehen. Kurzerhand lasse ich diese Labestation aus und ihn damit endlich hinter mir. "Bloß noch drei Kilometer! Das ist noch unter 3:50 drin!" Bald sehe ich die Brücke über die Unstrut, die ich von meinem Museumsbesuch kenne. Jetzt weiß ich, dass es "nur noch" den Endgegner auf der Zielgeraden zu bezwingen gilt - den einzigen Berg der Strecke. Alle Kräfte werden mobilisiert. Am Anstieg überhole ich sogar eine Fahrradfahrerin. (Sie schiebt.) Jetzt muss ich mir den Weg durch Menschenmassen bahnen, da die Laufstrecke nicht abgesperrt ist. Finisher der anderen Disziplinen strömen mir entgegen. Immerhin applaudieren viele von ihnen. Spaziergänger trödeln Richtung Ziel. Ich laufe Zick-Zack zwischen Hundeleinen. Wut wird zum Motivator. 

Und dann ist die wunderschöne Medaille endlich verdient! Ich bin fast 10 Minuten schneller als geplant und stoppe eine Zeit von 3:49:50. Nach 7 Jahren verletzungsbedingter Langstreckenpause gelingt mir nicht nur mein Marathon-Comeback, sondern dank des Manövers bei Kilometer 39 auch noch der  Altersklassensieg.


Mittwoch, 10. Juni 2026

Scharfenberger Silberlauf

KI-generiert, so ähnlich war's

Mit hängender Zunge trete ich im kleinsten Gang in die Pedale, während die Autofahrer hinter mir auf ihre Chance zum Überholen lauern. Wenn der Startort Scharfenberg heißt, muss man sich über einen "scharfen Berg" von 8% Steigung bei der Anfahrt nicht wundern. Da wird die Wettkampfstrecke wohl auch nicht flach sein! 

Auf das Warmlaufen kann ich also verzichten und mich direkt an die Startlinie der 11,6 km-Distanz stellen, wo es zu einem Wiedersehen mit dem Pulsmesserchen kommt, die mit ihrem Freund auf den letzten Drücker mit dem Rennrad anreiste. Das Jungvolk entschwindet schnell meinem Blick. Zum einen, weil ich gar nicht mithalten kann, zum anderen, weil ich mir eine gewisse Zurückhaltung auferlegt habe, befinde ich mich doch eigentlich im Tapering für größere Vorhaben. Daher will ich mit einem 5er Schnitt unter einer Stunde zu bleiben. Die ausgeschriebenen 220 Hm gestalten das Vorhaben weniger entspannt, als erhofft.

Schon bald nach Verlassen des Ortes führt die Strecke etwa 2 km lang hinab in eines der "Linkselbischen Täler", die das gleichnamige Landschaftsschutzgebiet bilden. Entsprechend groß ist der Liebreiz, der sich dem Läufer bietet. Das Bätterdach spendet Schatten, das Bächlein murmelt und die Schwerkraft treibt voran. Ungezählte Male ist der Bach auch zu queren. Meist gelingt es trockenen Fußes mit einem beherzten Sprung. Wenn die Schrittlänge gerade nicht passt, renne ich einfach durch. Aufgrund des Regens der Vortage habe ich mich für Trailschuhe entschieden - eine passende Wahl für diese herrlich naturnahe Strecke, die auch mit so manchem schmalem Pfad aufwartet.

Es geht hinaus aufs offene Feld. Die pralle Sonne heizt den steilen Anstieg auf, an dem die Athleten vor  mir ausnahmslos ins Gehen verfallen. Meine große Stunde schlägt! Ich bleibe im Laufschritt und überhole. Plötzlich kommen mir die Führenden entgegen auf dem engen Wiesenweg. Offenbar gibt es bald einen Wendepunkt. Der Freund liegt lachend auf Platz Zwei. Das Pulsmesserchen ist fokussiert und übersieht mich.

Nach der Wende stürze ich mich durchs hohe Gras wieder zu Tal. Ich überhole ein Grünhemd und schließe immer weiter zu einer roten Kappe auf. Gerade als ich das Rotkäppchen eingeholt habe, bemerke ich, dass ich rechts mit offenen Schnürsenkeln laufe. Ich hatte zwar einen Doppelknotens gebunden, aber darauf verzichtet, die Enden unter der Schnürung festzustecken. Damit ich nicht über meine eigenen Senkel falle, bleibt mir keine Wahl. Ich muss am Rand abknien und mir die Schuhe zubinden. Das Grünhemd zieht währenddessen vorbei.

Der Schuh ist geschnürt, nun schnüre ich - und zwar schnurstracks - Grünhemd und Rotkäppchen hinterher. Beide sind noch vor dem nächsten Berg eingesammelt. Fortan geht die Post ab. In Sichtweite läuft nämlich ein Mann im gelben Dress der Deutschen Post. Oder heißt die inzwischen DHL? Egal, wir erkunden noch ein weiteres linkselbisches Tal auf Singletrails, springen über weitere Gräbelein und finden kein einziges Blättelein. Labestationen mit Wasser sind aber reichlich vorhanden. Natürlich müssen wir auf dem Weg zurück zum Start-/Zielbereich wieder hinauf. Jetzt muss auch ich ein paar Gehschritte einschieben. Dem Postboten komme ich keinen Zentimeter näher.

Mit 55:47 bleibe ich im Soll, als ich die silberne Finishermedaille des Silberlaufs verliehen bekomme. An meiner großen Zufriedenheit nagt nur ein wenig der undankbare vierte AK-Platz. Das Pulsmesserchen erläuft "richtiges" Silber und wird mit 9 Sekunden Rückstand Zweite Frau. Der Freund siegt nicht nur, sondern stellt einen neuen Streckenrekord auf. Also überbrücken wir die Zeit bis zur Siegerehrung und genießen eine heiße Dusche sowie ebenso heißen Kaffee, der wie der Kuchen für nur 1€ wohlfeil ist. Mit weiteren Naturalien in Form von Saft und Joghurtdrinks werden die Sieger überhäuft. Ein Bergmann in traditionellem Gewand mit Geleucht und Arschleder übergibt die Präsente. Überraschenderweise erhalten auch die AK-Plätze 4 bis 6 Prämien, so dass ich mit einer Viererpackung Joghurt ausgestattet und versöhnt mit meiner Platzierung die Heimreise von dieser sehr empfehlenswerten Veranstaltung antreten kann.