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Mittwoch, 9. Juli 2014

100 km Thüringen Ultra - Mein erster Stern



"So kann ein 100-Kilometer-Lauf im bequemen persönlichen Tempo mit ausreichenden Pausen eine 'bekömmliche Strapaze' sein."
(Dr. med. Ernst van Aaken)


In Fröttstädt, dem Start- und Zielort des „Thüringen Ultra“ über 100 km und 2270 Hm, stehen mehr Zelte als Häuser! Das „Sportpark“ genannte Wiesengelände gleicht einem Campingplatz. Mit Vereinsheim, Imbissverkauf, überdachter Terrasse, Sanitärbereich, Sportplatz und Spielplatz bietet es alles, was Lauf- und Campingfreunde benötigen. Als ich am 4.7. gegen 20:30 Uhr dort eintreffe, finde ich zwischen den ganzen Wohnmobilen, Zelten und Pkws kaum noch einen Stellplatz für mein kleines Iglu-Zelt. Gut, dass einige gleich in den Kofferräumen ihrer Kombis schlafen. Das spart Fläche!

Die Anmeldeformalitäten sind schnell erledigt. Den Chip gibt es jedoch erst am nächsten Morgen. Stattdessen erhalte ich ein Faltblatt mit Informationen, die ich gern in der Ausschreibung gelesen hätte. So bleibt mein Gutschein für die Pasta-Party ungenutzt, da sie schon vorbei ist. Und auf die Möglichkeit, etwas in Drop-Bags deponieren zu lassen, bin ich auch nicht vorbereitet. Stattdessen führe ich meinen Laufrucksack mit, den ich angesichts der Temperaturen von 32 Grad mit Trinkblase und –flaschen aufmunitioniert habe.

Viel kühler wird es in der Nacht auch nicht. Ich wälze mich schwitzend von einer Seite auf die andere, ohne Schlaf zu finden. Gegen 23 Uhr kommt der Platz vorerst zur Ruhe. Doch während der nächsten Stunden reisen weitere Teilnehmer an. Immer wieder wird mein Zelt komplett durchleuchtet, wenn ein Fahrzeug seinen Lichtkegel über den Platz schwenkt. Danach klappen Türen, schwirren Stimmen. Da helfen auch die Ohrstöpsel wenig. Von mir aus könnten wir besser gleich loslaufen. Doch ich muss mich bis 4 Uhr gedulden. Dann startet der Ultra-Lauf, den Werner Sonntag als "anspruchsvoll" klassifiziert und für den "Berglauferfahrung vorhanden sein" sollte. Jeder, der das Ziel erreicht, erhält ein Finisher-Shirt. Die darauf gedruckte Anzahl von Sternen repräsentiert, wie oft man schon den Lauf vollendet hat. Ich will mir heute meinen ersten Stern verdienen.

Im Morgengrauen werden wir auf die bestens markierte Strecke geschickt. Der ausrichtende Verein trägt den Namen „Lauffeuer“ und hat passenderweise die ersten Streckenmeter mit brennenden Holzstämmen beleuchtet. Das Eintauchen in deren Wärmestrahlung gibt einen Vorgeschmack auf die Tagestemperaturen, die heute auf 25 Grad steigen werden. Bis Kilometer Zehn weisen rote Blinklichter den Weg, über dessen flachen Verlauf ich erstaunt bin. „Ist ja ganz einfach hier im Vergleich zum Rennsteig“, denke ich, ohne zu berücksichtigen, dass wir zunächst zu den Höhen des Thüringer Waldes hinlaufen müssen. Das wird mir erst bewusst, als ich den Inselsberg am Horizont aufragen sehe.

Inselsberg im Morgengrauen
Ich unterhalte mich mit einem Griechen, der einen Familienbesuch in Deutschland mit einem Lauf verbindet. Eigentlich redet sein Smartphone am meisten, denn Runtastatic vermeldet bei jedem Kilometer lautstark die Pace. Wir sind mit ca. 6 min/km unterwegs und bremsen uns ein wenig, obwohl hier im Flachen schneller gelaufen werden darf, um die spätere Geherei am Berg zu kompensieren. Mir schwebt eine Durchschnitts-Pace von gut 7 min/km vor, mit der ich etwa 12 h benötigen würde. Ein ganz heimliches Idealziel sind die 11:40 h, die bei einer exakten 7er Pace auf der Uhr stünden. Doch ich halte es mit Werner Sonntag, der gemahnt, auf der langen Strecke demütig zu sein, und besser keine allzu ambitionierten Zeitziele zu definieren. Das scheint angesichts der sommerlichen Witterung heute umso mehr angeraten.

Dann komme ich mit zwei Vertretern der schreibenden Zunft ins Gespräch, das bis Kilometer Sechs bereits ein Themenspektrum von der Besiedelung Amerikas bis zu Florian Silbereisen abdeckt. Was da wohl auf den kommenden 94 Kilometern noch diskutiert werden wird! Wir stellen uns scherzhaft die Aufgabe, bis zum Ziel eine Abhandlung auszuarbeiten, die unsere Laufliebe im Sinne Spinozas erklärt. Der Philosoph hatte definiert: "Liebe ist Freude, begleitet von der Idee der äußeren Ursache".  So viel Spaß hatte ich beim Laufen schon lange nicht mehr. Nachdem ich die beiden am ersten Verpflegungspunkt zurückgelassen habe, denke ich noch mehrfach, wie sich wohl mein heutiger Lauf gestaltet hätte, wäre ich bei den beiden Schöngeistern geblieben. Ob sie die gute Laune und das flüssige Gespräch bis ins Ziel aufrecht halten können?

Mir kommt die gute Laune in den Zwanzigern abhanden, als sich schon zu diesem frühen Zeitpunkt Schmerzen in den Beinen einstellen. Geplant hatte ich das erst ab Kilometer 50. Bis dahin wollte ich locker dahintraben, anschließend die 66 vollenden, um mich dann durchs letzte Drittel zu beißen. Nun kommt es anders. Schon in der letzten - lauffreien - Woche hatten mich Krämpfe und Beinschmerzen geplagt, die ich mir nicht erklären konnte. Die Ursache ist nun auch egal. Jetzt muss ich damit umgehen. Und obwohl mein Tempo passt, muss ich konstatieren, dass heute nicht mein Tag ist. Es fällt mir zu früh zu schwer.

Irgendwann zieht ein älterer Läufer in einem Affenzahn an mir vorbei, so dass ich ihn zunächst für einen Staffelläufer halte. Später treffe ich ihn gehend an. Nach einem Blick zur Uhr rufe ich ihm zu: "Gleich haben wir die Hälfte!" Er läuft weiter: "Jetzt hast du mir wieder Mut gemacht!" Auch für mich ist die 50-km-Marke wichtig für den Kopf. Umso größer ist die Enttäuschung, als das Schild am nächsten Verpflegungspunkt (sonst gibt es keine km-Markierungen) erst 49 km ausweist, obwohl meine Uhr schon bei 52 km steht. Da mein "Forerunner 305", der im Vorjahr noch acht Stunden durchhielt, mittlerweile nur noch vier Stunden schafft, habe ich mir die Aldi-GPS-Uhr meines Sohnes geborgt. Mit deren Meßgenauigkeit ist es wohl nicht so weit her. Dafür hält der Akku 16 Stunden. Ganz ausreizen möchte ich diese Fähigkeit heute aber nicht!

An den Verpflegungsstellen halte ich mich nicht lange auf, greife etwas Nahrung und nehme sie im Weitergehen zu mir. Meist trinke ich Wasser und Iso, später auch Cola und alkoholfreies Bier. Anfangs spreche ich den Käsebroten stark zu, kombiniert mit Banane in Salz oder Äpfeln. Später bekomme ich kaum noch etwas runter und versuche dann die Fruchtriegel. Ich habe jede Menge Gels bei mir. Doch kann ich mich schon nach dem zweiten nicht mehr motivieren, weitere runterzuekeln.

Der Läufer im Roggen
Und dann passiert es: Magenkrämpfe! Das Stechen im Bauch wird immer schlimmer, so dass ich kaum noch gehen kann. Was tun? Plötzlich fällt mir ein, dass ich eine ganze Zeit unterschwelligen Harndrang verspürt hatte. So genau ist das mittlerweile in dem Schmerzgemisch meines Körper nicht mehr auszumachen. Am Baum bin ich erstaunt, wie ergiebig dessen Bewässerung ausfällt. Und siehe da, die Entspannung lässt auch die Magenschmerzen verschwinden!

Beim morgendlichen Anziehen war ein Gummi der Gamaschen gerissen, so dass ich die Gaitors entnervt von den Beinen riss. Zweimal muss ich mich daher unterwegs setzen, um Steine aus den Schuhen zu schütten. Sonst mache ich keine Pausen. Gehpausen erlaube ich mir nur an den Verpflegungsstellen und am Berg, wobei die Definition von "Berg" über die Zeit immer mehr aufgeweicht wird. Beim Gehen stellen sich ungeahnte Motivatoren ein. Bremsen und Fliegen fangen an, mich zu piesacken, so dass ich jedesmal froh bin, wieder loslaufen zu können.


In den 70er Kilometern fragt mich eine Wandererin, wieviel Kilometer ich denn laufen würde. Die Antwort entlockt ihr: "Da braucht man aber viel Enthusiasmus!" "Bei mir lässt der gerade ganz schön zu wünschen übrig.", muss ich ihr entgegnen. Entsprechend gezeichnet scheine ich wohl auch auszusehen. Denn der nächste Passant glaubt, mir mit den Worten: "Halte durch! Du schaffst es bis ins Ziel!" Mut zusprechen zu müssen. Dabei habe ich nie Zweifel, das Ziel zu erreichen, strahle aber offenbar nicht gerade allzuviel Optimismus aus.

Einen mentalen Rückschlag erfahre ich am nächsten Verpflegungspunkt. Mein Uhr steht bei 83 km, doch dort hängt ein Transparent mit der Aufschrift: "Nur noch ein Halbmarathon!". Neuneinhalb Stunden bin ich jetzt auf den Beinen. Und immer noch ein Halber! Wie lange wird das noch dauern? Zweieinhalb Stunden? Drei? Ich weiß es nicht. Ich habe es satt. Ich will ankommen!

Pralle Sonne und 25 Grad auf den letzten Kilometern
Zum ersten und einzigen Mal falle ich auf flacher Strecke ins Gehen. Von hinten nahen schnelle Schritte. Und ein Ruf ertönt: "Komm weiter!" Ich denke: "Der Staffeläufer hat gut Reden." Da geht der Schnelle längsseits und stellt sich als Ultra heraus. "Komm weiter. Das ist alles nur in deinem Kopf. Dir tut gar nichts weh!", redet er mir gut zu. Ich ziere mich nicht länger und laufe mit. Und auf den letzten Kilometern werden Andreas, so stellt er sich vor, und ich zum Dream-Team. Wir lenken uns mit Geschichten aus dem Läuferleben ab oder benutzen einander als Klagemauer. "Du kannst ruhig schreiben: 'Der Typ hat die ganze Zeit nur gejammert!'" Doch Andreas hat für jeden anderen Läufer und jeden Helfer ein frohes Wort, wie auch immer es in seinem Inneren aussehen mag.

Fast stolpern wir über einen Läufer, der sich am Wegesrand selbst in stabiler Seitenlage abgelegt hat. Andreas versorgt ihn mit Gel und Getränk bis ein Helfer angeradelt kommt. Dann ziehen wir weiter. Dem Ziel entgegen. Doch erst erwartet uns der legendäre Kilometer 95, der mit seinen Thüringer Cheerleaders schon einmal Zielatmosphäre aufkommen lässt.

VP bei km 95
Jetzt beginnt eine permanente Rechnerei. Schaffen wir es noch unter 12 Stunden? Das Ergebnis hängt stark davon ab, ob wir die Rest-Kilometer nach meiner Uhr, nach den Markierungen der Verpflegungsstellen oder nach dem nur 99 km langen Track von Andreas' Garmin berechnen. Zumindest zeigt der Garmin eine aktuelle Pace unter 7 Minuten an. Das passt immerhin.

Ultralaufen ist ein Seniorensport. Besonders deutlich wird das heute in der Frauenwertung. Dort läuft die jüngste Teilnehmerin in der W40. Und heute hat sich mehrfach gezeigt, dass Werner Sonntag mit seiner Aussage: "Die Frau ist ein Dauerleister" nicht ganz so falsch liegen kann. Mehrfach zogen Damen flott an mir vorüber. Und nun ist es schon wieder so weit. Das nimmt Andreas zum Anlass, mich voraus zu schicken: "Ich bin fertig, aber du kannst noch. Häng dich dran!" Ich gehorche artig und überhole die Dame sogar. Ein paar Minuten später stoße ich auf eine weitere flotte Frau, die jetzt auf den letzten Kilometern gehen muss. Ein Läufer dreht sich strahlend zu mir um und meint anerkennend: "Das hätte ich jetzt nicht mehr drauf!" Den letzten Verpflegungspunkt einen Kilometer vorm Ziel ignoriere ich. Bald darauf ist der Moderator schon zu hören. Ein Vorzielbogen, ein paar Zuschauer applaudieren, und dann bin ich da. Im Ziel! 100 km gefinisht! Unter 12 Stunden!

Der erste Stern ist verdient!


Dienstag, 31. Dezember 2013

539,4 km

Ich bin kein Statistiker und habe meine Laufuhr noch nie mit einem Computer verbunden. Dennoch habe ich festgestellt, dass ich in keinem Jahr zuvor so viele Kilometer bei Laufveranstaltungen lief wie 2013. Insgesamt waren es 539,4 km. Komma Vier - es scheint doch irgendwo ein Statistiker an mir verloren gegangen zu sein.

Wettkampfkalender 2013

Auf dunklen Autobahnen fuhr ich quer durchs nächtliche Deutschland, um morgens rechtzeitig im Harz sein, damit ich diesen dann ebenfalls queren konnte, aber bei Tageslicht und zu Fuß.

Und ich war nächtens nicht nur auf Straßen unterwegs, sondern auch auf einer Laufstrecke, als ich im Rahmen eines 24-Stunden-Laufes 155 km für einen guten Zweck zusammen brachte.

Mit dem Supermarathon beim Rennsteiglauf nahm ich 2013 die bisher längste ausgeschriebene Wettkampfstrecke unter die Füße.

Meine Familie hat mich auch 2013 bei meinem läuferischen Hobby unterstützt und mir den Freiraum für das nötige Training und die Wettkampf-Fahrten eingeräumt. Zuweilen konvergieren läuferische und familiäre Interessen sogar. Meine bisher weiteste Laufreise führte mich zum Mallorca-Marathon 2013, wo sich auf ideale Weise die Teilnahme an einem Wettkampf mit einem Familienurlaub verbinden ließ.

Die Saison fand ihren krönenden Abschluss mit einer neuen Halbmarathonbestzeit, wobei die Verbesserung um 2:24 min einen unerwarteten Quantensprung darstellte.

Nach soviel Leistungsorientierung erreichte ich zum Jahresausklang doch noch die nächsthöhere Stufe der Erleuchtung. Denn beim Siebengebirgsmarathon ließ die Laufuhr zuhause, gab mich ganz dem Genießen hin und lief meinen bisher langsamsten Marathon.

Als Läufer feierte ich Silvester nicht mit knallenden Korken, sondern mit keuchendem Atem. Ich nutzte eine Ferienreise nach Sachsen zur Teilnahme am Werdauer Silvesterlauf.

Doch die für diese Stelle wichtigste Unternehmung im Jahr 2013 hat nur indirekt mit dem Laufen zu tun. Ich habe angefangen, dieses Blog zu schreiben. Die Planung für 2014 liegt noch ziemlich im Unklaren, und ich weiß noch nicht genau, bei welchen Läufen ich starten werde. Aber ich werde davon berichten!

Donnerstag, 6. Juni 2013

Rennsteiglauf Supermarathon: "Hart, aber schön"



"Hart, aber schön." So lautete der Slogan des Rennsteiglaufes am 25.5.2013. Dass es hart werden würde, war klar. Doch würde es auch schön werden?


Ein Finisher-Shirt gibt es nur für die Läufer, die den Supermarathon über 72,2 km und 1400 Hm beenden. Nachdem ich vor zwei Jahren auf der Marathondistanz, die hier 43,5 km lang ist, unterwegs war, wollte ich mir diesmal das Shirt verdienen.
Für 8 Euro bot das Elisabethgymnasium in Eisenach Übernachtung mit Frühstück an. Dafür bekommt man einen Liegeplatz für Isomatte und Schlafsack und ab 3:30 Uhr zwei Brötchen, Butter, Marmelade, Honig, Käse und Wurst. Solange der Vorrat reichte, gab es noch gratis Äpfel und Schokoriegel dazu. Auch für die Verpflegung am Vorabend ist dort mit Getränken, Obst, Schmalzstulle und Hack-Brötchen gesorgt. Und wer möchte, kann sogar nach dem Lauf noch einmal dort nächtigen. Die Übernachtung selbst war schon ein Erlebnis, teilte ich mir doch u.a. einen Klassenraum mit der Siegerin des Röntgenlaufes 2010 und 2012, Simone Durry, und mit Jürgen Kuhlmey, der als Starter der M75 einiges aus seinem ca. 30-jährigen Läuferleben mit mehr als 300 Marathons auf allen Kontinenten zu berichten hatte.
Um 4 Uhr am nächsten Morgen gab es noch keine Schlangen beim Frühstück und im Sanitärtrakt, obwohl das Objekt ausgebucht war. So konnte ich entspannt den kostenlosen Shuttlebus um 5 Uhr zum Start am Marktplatz erreichen. Dort lief alles sachlich nüchtern ab. Kein Vergleich zu der Party beim Marathonstart in Neuhaus mit Kapelle, Rennsteiglied und Schunkeln zum Schneewalzer! Morgens um 6 Uhr in der Innenstadt ist wohl eher Ruhe geboten. Sehenswert im Startblock waren die Schuhe eines Rennsteigveteranen. Während ein uralter Filzhut mit Rennsteiglauf-Logo seinen Kopf zierte, trug er an den Füßen Tracking-Sandalen. Der Chip war mit Paketschnur angeknotet. So laufe er seit 15 Jahren. Man solle es nur auch einmal probieren. Mancher der Umstehenden witterte hier einen neuen Trend in der Laufszene. Auch unterwegs waren immer wieder alte Rennsteig-Haudegen zu sehen, die die Anzahl ihrer Starts auf ihrem Shirt vermerkt hatten. Einer davon blieb auch am steilen Anstieg zum Inselsberg-Gipfel im Laufschritt und meinte: "Jetzt bin ich hier 38 mal hochgelaufen, da laufe ich auch beim 39. Mal, selbst wenn ich dabei langsamer als mancher Geher bin."
An den Bergen zählte auch ich zu den Gehern. Die Verpflegung nahm ich ebenfalls jeweils im Gehen auf, machte an den Verpflegungsstellen aber keine Pausen. Denn nur eine Minute an jeder Versorgungsstelle bedeutete in Summe den Verlust einer Viertelstunde auf die Gesamtzeit. Zu Zeitverlusten kam es gleich zu Beginn, als das dichte Feld immer wieder zum Stehen und Gehen kam. Weiter vorn wurde die Ursache klar. Die Wege waren teilweise voller Schlamm und Matsch, durch den einige Läufer nicht hindurch wollten. Damit reduzierte sich die genutzte Wegbreite auf ca. ein Drittel, und es kam zum Stau. Aber man konnte prima überholen, wenn man einfach durch die Pfützen und den Matsch durchlief. Da ich bei der Harzquerung in der Beziehung stark abgehärtet wurde, konnte ich mich auf diese Weise etwa ab km 5 freilaufen.
Vielleicht war ich die Vorbereitungsläufe "Kyffhäuser Berglauf" und "Harzquerung" zu schnell gelaufen. Auf jeden Fall taten mir schon bei der Hälfte der Strecke die Beine weh. Damit lagen dann 4 Stunden Zähnezusammenbeißen vor mir. Nach dem Lauf hatte ich regelrecht Zahnschmerzen davon. In den hohen 50er Kilometern waren etwa 6 Stunden vergangen, da stieß ich auf einen Begleiter, der meinte, es seien ja nur noch 2 Stunden. Das war tatsächlich tröstlich. Es ist eben alles relativ.
Irgendwann war der höchste Punkt der Strecke mit 973 m erreicht. Dort lagen noch ein paar Schneereste der letzten Nacht und ich war froh über meine Jacke und zog auch die Handschuhe wieder an. Ab jetzt ging es abwärts, und das von mir am schnellsten gelaufene Teilstück, auch wenn es sich anders anfühlte, sollte folgen. Mein Idealziel, unter 8 Stunden zu bleiben, schien nun realistisch erreichbar. Und das spornte an. Kurz vor der Verpflegungsstelle bei km 64 überholte ich ein Trüppchen. Und einer der Läufer fragte mich mit Angst in der Stimme, ob es denn noch einmal bergauf gehe. Das wusste ich auch nicht, hoffte jedoch inständig, dass es nicht der Fall sein möge. (Inzwischen weiß ich es besser.) Jetzt war jeder km beschildert. Aber es dauerte eine Weile bis meinem blutleeren Hirn dämmerte, dass man hier nicht einfach die letzten 20 km ausgeschildert hatte, sondern dass es sich um die Markierung des Halbmarathons handelte. Es waren also noch 1,1 km mehr bis ins Ziel, und ich hatte meine Zeitrechnung zu korrigieren. Es war Eile geboten! An den letzten Steigungen gönnte ich mir kein Gehen mehr. Auf der gemeinsamen Zielgeraden von Marathon und Supermarathon konnte ich sogar noch ein paar Finisher des Marathons überholen, bevor ich völlig fertig nach knapp 8 Stunden die letzte Matte passierte.
Jetzt wollte ich nur eins: mein Finisher-Shirt. Auf dem Weg zur Ausgabe kam ich an einem Container vorbei, in dem gelangweilte Physiotherapie-Lehrlinge auf Kundschaft warteten. Spontan änderte ich die Richtung und legte mich auf die Pritsche, wobei ich die Suggestiv-Frage, ob ich nicht erst Duschen wolle, einfach verneinte. Und so bekamen meine schlammigen Waden eine Massage mit sehr frischem und ganz natürlichem Peeling. Nach dieser Wohltat war ich so ausgekühlt, dass meine Zähne aufeinanderschlugen. Das Shirt musste also nochmals warten. Ich schleppte mich zähneklappernd zur Gepäckwiese, wo Kleiderbeutel und anderes Gepäck im Gras lagen. In diesem Jahr waren die Behältnisse von oben trocken geblieben. Aber durch den Regen der Vortage liefen schlammige Rinnsale quer über die abschüssige Wiese und mitten durchs Gepäck. Mein Rucksack war zum Glück nur am Boden etwas schmutzig geworden und ich konnte einen wärmenden Pullover hervorzerren. Als ich später geduscht und dick angezogen mein Finisher-Shirt in Empfang nahm, hielt ich es mir prüfend vor den Körper. Daraufhin riet mir eine Läuferin mit Nachdruck, es besser richtig anzuprobieren: “Jetzt hast du dir die Seele aus dem Leib gelaufen. Wenn das Shirt nicht passt, ärgerst du dich dein Leben lang!” Das wollte ich natürlich nicht riskieren. Also entpellte ich mich noch einmal. Das Shirt saß wie angegossen und wurde an dem Tag nicht mehr ausgezogen!

mehr lesen: Rennsteiglaufvorbereitung Teil 1: Kyffhäuser Berglauf