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Donnerstag, 20. November 2025

Trail Camara de Lobos 2025

Blick auf die ersten 580 Hm

 1000 Höhenmeter bringt mich der Linienbus hinauf in die Bergwelt Madeiras. Dann starte ich den schweißtreibenden Aufstieg zum Pico Grande. Doch noch bevor meine Augen die schroffe Gipfelwelt erblicken, erspähen sie etwas ungewöhnlich Buntes im Grün des Unterholzes. Bei näheres Betrachtung entpuppt sich das Objekt als eine der Markierungen, die für den Trailrun am nächsten Samstag angebracht werden: den Trail Camaro de Lobos. Da will ich mitmachen!

Die Web-Recherche ergibt drei mögliche Distanzen. Auf der längsten Strecke sind 1720 Hm zu absolvieren. Mit 39 km darf man sich hier bereits Ultra nennen. Dennoch ist das außerhalb meiner derzeitigen Fähigkeiten. Der "Trail Longo" entspricht ungefähr Halbmarathon mit 21,5 km und 1080 Hm. Da diese Tour in weiten Teilen identisch mit der bereits absolvierten Wanderung zum Pico Grande ist, entscheide ich mich für den Short Trail der mit 15 km und 940 Hm ausgeschrieben ist. Diese Strecke startet im Hafen des namensgebenden Fischerorts und führt nicht ganz so weit in die Berge hinauf, was beim angesagten Wetter von Vorteil scheint, da sich die Gipfel in Wolken hüllen.

Meine Entscheidung ist gefallen und der GPX-Track der Strecke auf die Uhr geladen. Da lasse ich mich auch nicht mehr davon abhalten, dass die Anmeldung zum Lauf schon seit Anfang November geschlossen ist. Ich starte einfach auf eigene Faust einen Tag vorm offiziellen Termin!

Der Bus Linie 1 spuckt mich an der Ortsgrenze aus, so dass ich noch einen Zusatz-Kilometer zum Hafen zu laufen habe. Ich habe nicht nur kein Startgeld bezahlt, nein, ich bekomme sogar eine Antrittsprämie - wie die Profis! Denn ich finde schon nach wenigen Schritten 20 € auf dem Fußweg. Seit zwei Tagen peitscht ein böiger Wind über die Insel. Der kann einem wohl einen Geldschein aus der Hand reißen. Ich gebe ihn allerdings nicht mehr her, wird mich die Rückfahrt mit dem Bus aus den Bergen doch satte 2,60 € kosten.

Im Hafen sehe ich die ersten 580 Hm vor mir aufragen. Die steilste Klippe Europas gilt es nun zu erklimmen. Oben hat man eine "Skywalk" genannte Kanzel mit Glasboden angebracht, von der man in die Tiefe unter den Füßen blicken kann. Das Touriprogramm lasse ich heute weg und biege mit komplett nassgeschwitztem Shirt in einen Tunnel ein. Im Dunklen laufe ich neben der Levada do Norte auf die andere Bergseite. Die Querung entpuppt sich als der reinste Windkanal, und mir ist ziemlich kalt, als ich wieder ins Licht trete. Inzwischen bin ich knapp unter der Wolkendecke angekommen. Es geht immer weiter hinauf. Riesige Pfützen und Schlamm kennzeichnen nach den starken Regenfällen der letzten Nächte, das was zuvor die Wege waren. Das Orgateam treffe ich mehrfach unterwegs. Sie bringen immer noch weitere Markierungen an. Noch nie bin ich auf so einer gut ausgewiesenen Wettkampfstrecke unterwegs gewesen. Die Schilder reflektieren sogar im Dunkeln! Die Männer feuern mich an und befreien mit Motorsägen und Macheten den Weg von umgefallenen Bäumen.

Der beginnende Nieselregen bringt mich endlich dazu, die Regenjacke über mein nasses Shirt zu ziehen, unter dem ich im immer stärker werdenen Wind langsam ausgekühlt bin. Kaum, dass ich den Reißverschluss hochgezogen habe, ergießt sich ein inseltypischer Schauer über mich. Der folgende Downhill ist ohnehin schon sehr technisch. Frisch bewässert erweist er sich als so rutschig, dass ich hier auch in meinen besten Zeiten nicht hätte laufen können. Heute taste ich mich unter Zuhilfenahme aller Extremitäten zu Tale und bin froh, mit meinem Geeier keine Wettkämpfer hinter mir aufzuhalten. Der Regen endet bald, doch die Jacke ziehe ich bis ins Ziel nicht mehr aus. In Estreito de Camara de Lobos scheint wieder die Sonne. Die Markierungen enden direkt an der Tür des Wettkampfbüros, die ich nach 2h30min erreiche.

Am nächsten Tag wird die offizielle Veranstaltung abgesagt, so dass ich 2025 wohl der einzige Finisher geblieben bin. Damit wird aus meiner Antrittsprämie sogar noch eine Siegprämie! 


Dienstag, 18. März 2025

6K mit K: Körperertüchtigung, Kemenate, Kunst, Kultur, Kulinarik, Kaputtes

Kunst im Lost Place
K., alias Pulsmesser Jr., hat zu einem  6K-Wochenende geladen. Die Programmpunkte sind Körperertüchtigung, Kemenate, Kunst, Kultur, Kulinarik und Kaputtes.

Direkt nach der Ankunft in der studentischen Kemenate geht es mit der Kulinarik los, als mir ein üppiges Frühstück serviert wird. Derart gestärkt, sind wir bereit für das nächste K, den Kunst-Genuss. Wir besuchen die Fotoausstellung “Die Straße ist mein Atelier” mit Bildern eines Palästinensers, der den DDR-Alltag und auch die Nachwendezeit dokumentierte. Danach wird es abenteuerlich, als wir uns zu zwei Lost Places Zugang verschaffen, wo wir viel Kaputtes sehen, aber auch Graffiti-Kunst. Nach weiterer Kulinarik aus dem Rucksack, eingenommen auf einer sonnigen Parkbank, radeln wir zur Körperertüchtigung in einen Calisthenics-Park. Ich trainiere unter der fachkundigen Anleitung des angehenden Sportlehrers K. Dennoch ist der Besuch für mich ernüchternd, da die meisten Übungen für mich zu anspruchsvoll sind. Noch weiter deprimiert mich der stark an Liam Neeson erinnernde Typ meines Alters, der in den Trainingspausen in seinen ausgebeulten Joggingklamotten gramgebeugt herumschlurft, aber in den Sätzen die unglaublichsten Kunststückchen an den Geräten vollführt. Ich hingegen scheitere an so einfachen Sachen wie Kopfstand, Klimmzug oder Felgaufschwung - alles Dinge, die ich früher beherrscht habe. Zum Trost gibt es in der Kemenate ein kulinarisches 3-Gänge-Menü, das von einem generationenübergreifenden Kultur-Programm begleitet wird. Vorgeführt wird der aktionsgeladene und humorvolle Film “Back in Action” mit Cameron Diaz, deren blaue Augen nach wie vor unwiderstehlich sind.

Calisthenics Park

Der Sonntag steht ganz im Zeichen der Körperertüchtigung. Wir starten zu einem Sightrun über 15 km. Außer dem Völkerschlachtdenkmal sehen wir auch den Standort der ehemaligen Tabaksmühle, von der aus Napoleon die Völkerschlacht befehligte. Wir stoppen kurz an einem der vier Österreicher-Denkmale, die an die Teilnahme österreichischer Truppen an der Völkerschlacht erinnern. Auf dem Weg zum Stadion von Lok Leipzig durchqueren wir den Rundling. Diese im Bauhausstil errichtete Wohnanlage lockt den Läufer mit Strava-Segmenten auf den ringförmig angelegten Straßen. Zum Abschluss passieren wir eine IL-62 der Interflug, auf dessen Tragfläche sich jetzt die Terrasse eines Restaurants befindet. Beim Anblick des Lokals entwickeln wir Appetit auf Frühstücks-Kulinarik, die wir uns ungeduscht in der Kemenate zuteil werden lassen. Denn direkt danach wird die Körperertüchtigung mit einer 53-km-Radtour durch das Leipziger Neuseenland fortgesetzt. Besonders beeindruckend ist das “Kap Zwenkau”, wo sich am Rande eines ehemaligen Braunkohlentagebaus ein exklusives Wohnquartier mit Marina entwickelt hat. Da kann die studentische Kemenate nicht ganz mithalten, bietet aber dem erschöpften väterlichen Leib, der nun ebenfalls der Kategorie "Kaputtes" zuzuordnen ist, die Gelegenheit für eine finale Dusche nach diesen ereignisreichen 6K mit K.

Donnerstag, 27. Februar 2025

Mein erster Orientierungslauf

Mein selbstauferlegtes "wettkampffreies Jahr" (über die Gründe wäre noch ein längerer Blogpost zu verfassen) ging offiziell am Neujahrstag zu Ende, doch eine Jahresplanung für 2025 habe ich nicht erstellt. Dennoch bin ich in meinen ersten Wettkampf zufällig hineingestolpert.

Ich hatte gerade die ersten Kilometer meines langen Wochenendlaufs (nun ja, "lang" ist relativ, ich habe mich bis maximale 23 km hochgearbeitet und will es zunächst nicht weiter steigern) hinter mir, als mir eine einzelne Dame auffiel, die sehr ambitioniert durchs Unterholz preschte. Neugierig geworden, schärfte ich den Blick und sah nun immer mehr Menschen, die in ein Sportdress gewandet und mit einem Zettel in der Hand kreuz und quer durch die Botanik spurteten. Das Rätsel löste sich, als ich auf einen Mann stieß, der im Walde an einem Campingtisch saß und auf seinen Laptop schaute. Er erklärte mir, dass hier gerade ein Orientierungslauf stattfände, und er das Ziel betreue. Wenn ich es einmal ausprobieren wolle, sei hier ein Chip für mich und der Start läge etwa 300 Meter in jene Richtung. Zum Einstieg empfahl er die kurze, einfache Runde. Die würden zum Beispiel die Kinder absolvieren. Immerhin wurde das Wort Bambinilauf vermieden.

Ich ließ mich nicht lumpen und fand tatsächlich den Start - ein quer über den Pfad liegendes Flatterband. Überrascht wurde dort zur Kenntnis genommen, dass ich als völlig Unbeleckter teilnehmen wolle, und das auch noch ohne Kompass! Auch hier wurde befunden, dass ich die Kinderrunde probieren solle. Man händigte mir die Karte für die Runde "Schneemann" aus und gab mir eine Kurzeinweisung in die spezielle Kartensymbolik der Orientierungsläufer.

Meine Aufgabe bestand nun darin, auf einem etwa 2 km langen Kurs 9 Stationen und das Ziel (das ich ja schon kannte) in der richtigen Reihenfolge zu finden. Die Stationen befanden sich irgendwo im Gelände, auf der einfachen Tour in den meisten Fällen jedoch relativ wegnah.

Ich rannte los und hatte sofort meinen Aha-Moment. Solange ich stehend auf die Karte geguckt hatte, schien mir noch alles klar. Aber sobald ich lief, konnte ich nicht mehr auf die Karte schauen. Also blieb ich gleich wieder stehen und suchte mir den Punkt auf der Karte, bis zu dem ich erstmal rennen wollte, um dann von dort wieder neu zu navigieren. Mir erschien es einfacher, den Umweg über die Wege zu laufen. So erreichte ich tatsächlich die Stationen 1 und 2, die beim Orientierungslauf "Posten" genannt werden. Es handelte sich jeweils um einen rostigen Erdspieß, an dessen oberen Ende eine etwa handhohe und beindicke Markierung in Orange einen Empfänger umschließt, in den man seinen Chip steckt, bis ein Piepton das erfolgreiche Einchecken bestätigt.

Der Posten 3 war nur querfeldein zu erreichen. Allerdings war die Stelle zwischen zwei Sandgruben sehr markant und auch für mich als Rookie auszumachen. Dennoch übersah ich im unebenen Gelände die Postenmarkierung und schämte mich nicht, eine Frau um Hilfe zu fragen, die die Runde mit ihren beiden Kleinkindern abwanderte. 

Fortan lief es wieder, und meine Weg-Folgen-Strategie brachte mich von Station zu Station. Zu Posten 8 ging es wieder nur querfeldein. Es war der Canyon des "Verlorenen Wässerchens" zu queren. Hier half mir meine Ortskenntnis. Ansonsten kamen mir meine Erfahrungen im Umgang mit einer Karte aus den vielen Jahren des Geocachings zu Gute. Und meine Teilnahme als Schüler am sogenannten Militärischen Mehrkampf, bei dem u.a. mit Karte und Kompass im Gelände Stationen zu finden waren, erwies sich als  nicht ganz umsonst. Und so konnte ich nach einer knappen halben Stunde meinen Chip zurückgeben und meinen langen Lauf fortsetzen.

Am Abend fand ich im Internet meinen Namen auf Platz 1 der Ergebnisliste. Der Stolz über mein gelungenes Debüt mischte sich mit der Scham darüber, die Kinder um ihre Podestplätze gebracht zu haben.

Mittwoch, 17. Januar 2024

Schon wieder Häme!

Neuerdings muss ich gar nicht erst bei einem Wettkampf starten, um mich mit hämischen Bemerkungen überschütten zu lassen. Es reicht, wenn ich mich zum  Sport in den öffentlichen Raum wage.

Als ich neulich von einem Trab durch den Schnee zurückkehrte, nutzte ich die windgeschützte und sonnenbeschienene Garageneinfahrt für mein Dehnprogramm. Durch die lange Verletzungsphase habe ich meine Lektion gelernt und weiß jetzt, wie wichtig vorheriges Aufwärmen und das Dehnen danach sind. Nur scheinbar hapert es noch ein wenig mit der akkuraten Ausführung der Übungen. Jedenfalls blieb ein altes Mütterchen stehen und meinte: 

"Ist Ihnen nicht gut oder machen Sie Sport?!"

Montag, 26. September 2022

Zugspitze

Gipfelgrat und -kreuz
Neulich wurde das Pulsmesser auf offener Straße von einem weiblichen Fan erkannt und bedrängt! Na gut, die Dame war hier schon Subjekt der Berichterstattung. Insofern war das Erkennen nicht so schwierig. Und in Bedrängnis geriet ich nicht körperlich, sondern weil der Wunsch nach Fortsetzung des Blogs geäußert wurde. Aber worüber berichten, wenn keine extremen Laufabenteuer mehr durchgestanden werden?

Inzwischen habe ich die Besteigung der Zugspitze vorzuweisen. Das könnte eine Nachricht wert sein. Immerhin war ich mir völlig im Unklaren darüber, ob das Vorhaben überhaupt mit meiner aktuellen Verfassung in Einklang zu bringen sei. Im Internet fanden sich Aufstiegszeiten zwischen 8 und 10 Stunden für die Route von Garmisch durch das Reintal. So lange war ich seit dem letzten Ultra nicht mehr draußen unterwegs. Auf der Strecke sind 22 km und 2200 Hm zu absolvieren. Solche Distanzen kann ich inzwischen wieder wandern, doch diese Menge an Höhenmetern hatte ich dabei auf meinen Touren in der Sächsischen Schweiz (die ich ja jetzt vor meiner neuen Haustür habe) bisher nicht erreicht. Gelegentliche Feierabend-Besuche an der Spitzhaustreppe möchte ich noch nicht Training nennen. Aber die bloße Existenz des Bauwerks hält die Sehnsucht nach früheren Zielen aufrecht.

Das jüngste - wenn auch inzwischen volljährige - Pulsmesserchen hat sich zur ausgewachsenen Triathletin auf Landes-Liga-Niveau entwickelt und braucht auch im Urlaub sportliche Herausforderungen. Daher wollen wir uns gemeinsam zu Deutschlands höchstem Gipfel aufmachen. Dabei gilt es, den potentiell zehnstündigen Aufstieg irgendwie mit der Öffnung der Partnachklamm um 8:00 Uhr und der Abfahrt der letzten Seilbahn vom Gipfel um 17:45 Uhr in Einklang zu bringen. (Es gibt quasi einen Startschuss sowie ein Cut-Off im Ziel.) Außerdem sei noch eine weitere Stunde auf dem Gipfel für das Schlangestehen zum Gipfelkreuz einzuplanen, lässt uns Pulsmesser Jr. wissen, der die Tour ein Jahr zuvor in 6:39 h hinter sich brachte.

Wir zerschlagen den Gordischen Knoten, indem wir die Partnachklamm über die Partnachalm umgehen. Das bedeutet zwar noch mehr Höhenmeter, erlaubt uns aber den Aufbruch um 7 Uhr, so dass wir ohne stressigen Blick zur Uhr genussvoll wandern können und die Wege morgens für uns allein haben.

Nachdem wir zwei Stunden unterwegs sind, motiviert uns ein Wegweiser mit der Auskunft "Zugspitze 8h". Nach etwa drei Stunden haben wir das Reintal durchschritten und beginnen den Aufstieg. Das Fiese an der Tour ist, dass die Route immer anspruchsvoller wird, je erschöpfter man bereits ist. Der Anstieg wird stetig steiler. Das Ganze "gipfelt" dann beim Sonnalpin in einem Schotterfeld. Nach zwei mühsam bergauf gekraxelten Schritten rutscht man wieder einen Schritt zurück. Unterwegs hatte meine Tochter die philosophische Frage aufgeworfen, warum man sich solche Quälereien antue. Überrascht gab ich zurück, dass der Tag für mich eher Genuss als Qual bedeute. Doch hier ist für mich klar der Punkt erreicht, an dem es keinen Spaß macht. Letztlich ist diese Passage aber überraschend schnell vorbei und es folgt das seilversicherte Finale zum "Gipfelaufbau", den wir nach 7:40 h erreichen.

Blick zum Eibsee
Dieser Aufbau ist von Menschenhand geschaffen. Man betritt die Plattform über eine Treppe, die mehr oder weniger direkt zum Bratwurststand führt. Immerhin sind Wegweiser zum Gipfel im Dachbereich der Infrastruktur angebracht. Überraschenderweise muss man dahin zunächst eine Treppe nach unten nehmen, die letztlich zum Einstieg in die leichte Kletterei zum Gipfel führt. Ab dort heißt es geduldig Schlange stehen, da der Gegenverkehr vom Gipfel erst abgewartet werden muss. Von der anderen Seite führt aber noch ein Klettersteig zum höchsten Punkt Deutschlands. Dadurch scheint der Strom der Entgegenkommenden niemals zu enden.

Irgendwann bin ich zum Grat vorgedrungen und habe die Nase voll. Hier ist die höchste Stelle. Die weitere Warterei, bis jeder sein persönliches Selfie vorm Gipfelkreuz geschossen hat, wird mir zu viel. Ich breche an dieser Stelle ab. Während der Nachwuchs das Kreuz auf sich nimmt,  weiter zum Kreuz vorzudringen, gönne ich mir ein alkoholfreies Bier im sonnigen Biergarten. Ich hatte mit Gipfel-Nepp gerechnet, nehme aber erstaunt zur Kenntnis, dass die goldene Flüssigkeit einen Euro weniger kostet als auf der Rauensteinhütte in der Sächsischen Schweiz. Die Zeiten, in denen im Osten Deutschlands die Lebenshaltungskosten niedriger waren, sind wohl vorbei.

Dank der langen Trockenheit ist kaum Feuchtigkeit in der Luft. Die Bergsicht ist einfach unübertroffen und atemberaubend. Erst hier am Gipfel kann man sie voll genießen, da man während der Wanderung ständig von den steilen Wänden der umliegenden Bergmassive umgeben ist.

Der Rücktransfer ist anfangs noch ganz spannend, wenn es mit der riesigen Gondel (man stelle sich drei parallele Linienbusse vor), deren Seil unterwegs nur einmal abgestützt wird, zu Tal geht. Unterwegs sieht man die in den Fels geschlagenen Höhlen, in denen die Erbauer der ersten Seilbahn lebten. Mittlerweile gibt es wohl auch eine geführte Klettersteigtour zum Gipfel, die diese Höhlen zeigt. Im Tal zeigt sich jedoch, dass die Zahnradbahn, in die umgestiegen werden muss, nicht in der Lage ist, die per Seilbahn herangeschafften Massen zu transportieren. Wir verlieren hier etwa 45 Minuten, da man uns in den nächsten Zug nicht hineinlässt, der übernächste aber schon voll ankommt. Schließlich ist noch ein Fußmarsch vom Bahnhof zum Auto zu absolvieren, so dass wir letztlich rund 13 Stunden auf den Beinen waren.

Ein grandioses Bergerlebnis geht zu Ende, dass ich nicht missen möchte, wegen der Transfer-Thematik aber so nicht wiederholen würde.

Ein Schild unterwegs


Sonntag, 3. April 2022

Am Boden


Wandern ist wieder möglich
Als ich aufstehe, fängt alles an sich zu drehen. Ich verliere das Gleichgewicht, vielleicht auch kurz das Bewusstsein, und schlage lang auf den Boden. Unfähig aufzustehen, rufe ich um Hilfe. Glücklicherweise ist auch die Pulsmesserin im Home-Office. Nach einer Weile gelingt es ihr, mich aufzusetzen. Später schaffe ich es sogar zurück ins Bett. Die Deckenlampe kommt regelmäßig über mir vorbeigefahren. Mir wird übel. Ich schiebe Panik, bin kreideblich und schweißnass. Die Pulsmesserin ruft den Notarzt. Der ist Minuten später zur Stelle. Nachdem erste Untersuchungen Herzinfarkt und Schlaganfall ausschließen, bleibt als einzige Sorge der niedrige Puls. Der Arzt bestaunt die vielen Medaillen an der Wand, schreibt "Leistungssportler" in den Bericht und erklärt so auch die Herzfrequenz. 

Und das obwohl ich seit fast 2 Jahren keinen richtigen Sport mehr mache. Im Sommer konnte ich schon wieder knappe 20 km mit nur leichten Beschwerden wandern. Zum Jahresende wurde ich mutiger und begann zu laufen. Ich steigerte mich schnell auf vier Kilometer, da ich unterwegs keine Schmerzen spürte. Dann zwickte der Rücken. Und urplötzlich ereilten mich auf der Couch wieder diese extrem schmerzhaften Adduktorenkrämpfe. Diesmal mied ich alle Ärzte. Bewegungsverbot kann ich mir auch selbst auferlegen. Und die Übungen vom Physio kenne ich mittlerweile auswendig. Doch es war ein emotional harter Winter, bis ich so weit schmerzfrei war, diese wieder aufnehmen zu können.

Und jetzt falle ich plötzlich einfach so um?! Die Notärzte vermuten einen Infekt. Da könne der Körper schon einmal so reagieren. Sie fahren mich in die Notaufnahme. Dort werde ich nach 2 Beuteln Infusion mit dem Ratschlag entlassen: "Wenn es Ihnen wieder schwindlig wird, schnell hinlegen, damit Sie sich nicht beim Fallen verletzen!" Ich verschlafe den restlichen Tag.

Mir kommt der Verdacht, dass so ein jahrelang entzündetes Schambein vielleicht so seltsame Reaktionen im Körper hervorrufen könnte. Ich lasse mich eine Woche krankschreiben und durchchecken. Die Blutwerte sind dank der Einnahme von Vitamin D3 und Eisen tiptop. Es finden sich auch keine Entzündungsmarker. Herz, Aorta, Schilddrüse und Blutdruck geben ebenfalls keinen Anlass zur Besorgnis. Und das MRT zeigt, dass die Schambeinentzündung auf etwa 50% abgeklungen ist. Nach fast zwei Jahren. Immerhin, ich bin also auf dem Weg der Genesung.

Nach 10 Tagen fühle ich mich wieder besser. Schwindlig wird mir auch nicht mehr. Dann wird es wohl doch ein Infekt gewesen sein.

Montag, 13. Januar 2020

Zehn 8000er an einem Tag und ein Treppenhalbmarathon

Morgendlicher Schneefall verwandelt das Osterzgebirge in eine würdige 8000er Kulisse. Wir bahnen uns unseren Weg durch Eis und Schnee auf die Gipfel. Für unser Projekt, alle 14 Achttausender des Osterzgebirges zu bezwingen, fehlen noch 10 Gipfel. Sie sollen heute alle fallen!

Großer Lugstein - lt. Schild der Mt. Everest unter den 8000ern

Punkt 9 Uhr schultern meine Schwester und ich die Rucksäcke. Zunächst geht es durch dichten Nebel auf einem Höhenweg entlang. Jeden Moment erwarten wir eine Yeti-Sichtung. Die Fußspuren im Schnee stammen allerdings von Reh, Eichhörnchen und bestenfalls von einem Mini-Yeti. Wahrscheinlich war hier eine Katze oder ein Marder unterwegs. Meine bescheidenen Spurenleser-Kentnisse lassen keine genauere Bestimmung zu.

Gipfel um Gipfel wird erklommen. Wir bleiben nur stehen, um die Gipfelstempel auf die Sammelkarte zu drücken, sonst gönnen wir uns keine Rast. Sogar der Proviant wird im Gehen gegessen. Quasi Wandern im Ultra-Modus.

Unser Einsatz wird belohnt. Die Wolkendecke hebt sich mehr und mehr. Es gibt stellenweise Fernsicht und sogar Sonnenschein. Damit ist das Sprichwort, dass es in dieser Landschaft nur zwei Jahreszeiten gäbe, nämlich Herbst und Winter, widerlegt. Im letzten Tageslicht steigen wir nach fast 8 Stunden vom finalen Berg herab.

Auch wenn wir auf Fuchshübel und Stephanshöhe keine Stempelstelle vorfanden, hoffen wir, demnächst unser Sammelkärtchen in ein Finisher-Shirt umtauschen zu können.

Derart aufgewärmt, begebe ich mich tags darauf an den Fuß der Spitzhaustreppe. Zwanzig Mal will ich sie heute bezwingen. Vier Stunden habe ich dafür veranschlagt. Die Sonne knallt in den Weinberg. Ich bin viel zu dick angezogen! Aber es läuft! Das Trio aus Ferse, Leiste und Knie, das beim gestrigen Wandern noch heftig protestierte, verhält sich heute zahm. Meine Rundenzeiten liegen zwischen 8 und 9 Minuten! Ich bin begeistert, hatte ich bei meinen bisherigen Trainings immer über 10 Minuten benötigt und mich gefragt, wie ich mit dem Limit von 15 min pro Aufstieg über 24 Stunden auskommen soll. So etwas wie Hoffnung kommt auf! Nachdem meine Schwester und ihre Freundin Verpflegung und Motivation an die Treppe gebracht haben, beschließe ich spontan, auf 25 Runden zu erhöhen.

Nach 20 Treppenbesteigungen wird es allerdings hart. Mein bisheriges Maximum liegt bei 13. Nach 3:51:42 habe ich dennoch die 25 im Trainingstagebuch (und in den Beinen). Damit bin ich genau einen Halbmarathon, 9927 Stufen und 2279 Höhenmeter gelaufen - also ein Viertel der Wettkampfdistanz.

Sonntag, 22. Dezember 2019

Pieschener Allee parkrun Dresden

Bisher erlebte ich meinen neuen Zweitwohnort fast nur im Dunkeln bei der täglichen Pendelei zwischen Arbeit, Fitness-Studio und Schlafstatt. Der kürzlich absolvierte Umzug in eine größere Wohnung gibt Gelegenheit, auch mal ein Wochenende an der Elbe zu verbringen, so dass ich heute die Stadt im Hellen erkunden kann - natürlich läuferisch.

Die Sonne geht mit spektakulärer Farbenpracht auf. Schon morgens herrschen windstille sechs Grad. Es ist ein Traum. Auch die Ferse bleibt mir einigermaßen gewogen, als ich die gut 5 km zur Pieschener Allee trabe, wo der "parkrun" über weitere 5 km ausgetragen werden soll. Auf das "parkrun"-Konzept wurde ich durch Olivers Blog aufmerksam. Nach einmaliger Registrierung im Internet erhält man einen Barcode, der nach dem Lauf gescannt wird, um die Zielzeit zuzuordnen. Mehr Regeln gibt es eigentlich nicht. Man muss sich weder einschreiben, noch eine Startgebühr entrichten.

Die Dresdner Truppe scheint eine eingeschworene Mannschaft zu sein. Ich bin der einzige Neue. Ein Starter feiert heute seine 50. Teilnahme. Es sind viele Nationen vertreten, aber interessanterweise sprechen alle Deutsch.


Der Däne, dessen Mutter bereits auf 400 "parkrun"-Läufe zurückblicken kann, setzt sich gleich am Start nach vorne ab. Ich will eigentlich der Ferse zuliebe nur mittraben. Aber das Wettkampffieber entfaltet doch einen gewissen Schub - im Rahmen meiner derzeitigen Möglichkeiten. Seit Oktober bin ich praktisch nicht gelaufen. Mit Stepperin, Rudergerät und Kieser-Training habe ich versucht, mich halbwegs fit zu halten.

Nach ein paar Metern finde ich mich auf dem zweiten Rang wieder. Während der anfänglich gepflasterte Untergrund dem nassen Gras der Elbwiesen weicht, baut der junge Mann aus Dänemark seinen Vorsprung weiter aus. Nach dem Passieren der Wendemarke kommt er mir freundlich grüßend entgegen. Als ich selbst umkehre, begegnet nun mir das Feld. Die meisten scheinen mit sportlichem Ehrgeiz an die Sache heranzugehen. Nur die fröhliche Engländerin klatscht mich lachend ab.

Schon die Zwischenzeiten lassen erkennen, dass es nicht für "unter 20 min" reichen wird. Aber ich muss heute froh sein, dass mich "Ferse, rechts" und "Leiste, links" überhaupt mitlaufen lassen. So nehme ich die 20:32 gelassen in die Bücher, während der dänische Sieger mit seiner 19:03 hadert.


Alle weiteren Finisher werden mit Applaus empfangen. Die Frau aus England verteilt Apfelschnitze. Und danach wollen viele noch im Sportpark Ostra gemeinsam Kaffee trinken gehen. Dass es noch ein derlei ausuferndes Kulturprogramm geben würde, ahnte ich nicht. Daher stehe ich ohne Geld (vielleicht sollte ich Google Pay doch eine Chance geben) und ohne Wechselsachen einige Zeit unschlüssig herum. Dann wird mir so kalt, dass ich die Anwendung abbrechen muss. Ich starte den Heimtrott. Als ich am gegenüberliegenden Ufer etwa die Höhe des Zielgebiets erreiche, ist von dort noch immer Applaus zu hören. Beim nächsten Mal werde ich mich wohl auch besser für die Finisher-Party ausrüsten!

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Neue Freundin, Fersenschmerz und Sprengstoffalarm

Mit dem Titel dürfte ich mir die Neugier zumindest der Pulsmesserin gesichert haben. Und auch mancher Leser wird denken: "Kaum schläft der Kerl nicht mehr jede Nacht zu Hause, schon geht er fremd!" Und tatsächlich habe ich meine neue Freundin im Hotel kennengelernt.

Meine Dienstreisen führen mich gelegentlich in einen Übernachtungsbetrieb, dessen hauseigenes Fitness-Studio unter anderem über eine Stepper-Maschine, auch bekannt als Cross-Trainer, verfügt. Als Läufer ließ ich derlei Schönheiten bisher unbeachtet links liegen. Doch die kaputte Ferse öffnet den Blick für Alternativen. So gab ich der Stepperin eine Chance - und habe mich sofort verliebt! Die rhythmischen Bewegungen auf ihr sind äußerst fordernd und doch fersenschonend, da der Fuß auf der Bodenplatte stehen bleibt. Außerdem ist auch Arm-Einsatz nötig, so dass die Übung sehr schweißtreibend ist. Ich empfinde ähnliche Lust wie beim Laufen, habe aber den Eindruck, viel härter zu Werke gehen zu müssen. Nach einem langen Arbeitstag zieht es mich aktuell nicht hinaus in die Natur, sondern zu meiner neuen Freundin ins Hotel.

Es ist die Stepperin rechts im Bild

Am Wochenende steht mir die Geliebte nicht zu Diensten, so dass ich nach altbewährter Bedürfnis-Befriedigung trachte. Sechs Wochen hatte ich die Ferse geschont. Ein Lauf-Versuch soll gewagt werden. Doch schon nach wenigen Hundert Metern macht sich Achilles bemerkbar. Und viel schlimmer, die linke Leiste meldet ihren Widerwillen bei jedem Schritt. Vermutlich nehme ich irgendeine Schonhaltung ein, um die rechte Ferse zu entlasten, was wiederum zu Auswirkungen auf der linken Körperseite führt. Wie soll ich aus diesem Teufelskreis jemals herauskommen?

Es zieht mich also zurück zur neuen Liebe. Doch dazu muss ich erst einmal die Sicherheitskontrolle am Flughafen passieren. Dort schrillt ein Alarm. Und zwei bewaffnete Beamte mit kugelsicheren Westen eilen herbei und flankieren mich zu beiden Seiten.
"Der Sprengstoff-Test war positiv, sowohl an Ihrem Koffer als auch an Ihrem Laptop! Fahren Sie mal den Laptop hoch!"
Ich gehorche artig mit leicht erhöhtem Puls. Als nach dem Booten das Firmen-Logo auf dem Bildschirm erscheint, entfährt es einem der Beamten voller Begeisterung: "Ah, Bosch! Da habe ich mir gerade erst eine Bohrmaschine gekauft! Ich wünsche Ihnen einen gute Reise!"

Montag, 25. November 2019

Vier Achttausender, ein Furz und bald der Mt. Everest

Eine entzündete Ferse verhindert derzeit längere Laufeinheiten. Und die Blog-Aktivitäten werden durch Veränderungen im persönlichen Umfeld ausgebremst. Nach 22 Jahren in derselben Firma habe ich mich beruflich neu orientiert und dabei die Weichen für eine Rückkehr in die sächsische Heimat gestellt. Ich arbeite noch immer in der Landeshauptstadt, nur nicht mehr in der nordrheinwestfälischen, sondern in der von Sachsen.
Blick aus der Straßenbahn auf dem Arbeitsweg
Montagmorgen (4.11.2019, 7:18 Uhr)
Für eine gewisse Übergangszeit werde ich noch pendeln, so dass sportliche Wochenendaktivitäten in Ost und West möglich sind. Derzeit liegt der Fokus jedoch auf dem Erkunden des Dresdner Umlands. Also habe ich den zusätzlichen sächsischen Feiertag, eigentlich ein Buß- und Bettag, zum Start eines Projektes im Osterzgebirge genutzt. Es gibt nämlich ein Finisher-Shirt, wenn man die 14 dortigen Achttausender besteigt. Da habe ich gleich mal vier auf einen Streich erklommen. Die Besteigung sämtlicher Achttausender wäre sogar an einem Tag denkbar. Denn mit rund 60 km und 3500 Hm ist die Tour vergleichsweise harmlos, da die Höhe der Berge in Dezimeter angegeben ist!

Schrammsteinaussicht

Kleines Prebischtor

Landschaftlich deutlich reizvoller ist allerdings die Sächsische Schweiz. Hier ließ die Ferse am letzten Wochenende immerhin einen gewanderten Halbmarathon mit 850 Hm zu. Wobei Gipfelnamen wie Furz und Hohe Liebe zur Belustigung beitrugen und so die Strapazen auf den Stiegen (Heilige Stieg, Rotkehlchenstiege) erträglich machten. Zur Abrundung wurde am zweiten Tag das Elbufer gewechselt, um Gohrischstein und Pabststein zu ersteigen.

Rotkehlchenstiege


Damit das Laufen nicht völlig aus dem Blick gerät, habe ich mir vorsorglich einen Startplatz für den Mt. Everest-Treppenmarathon am 17./18.4.2020 in Radebeul gesichert. Dort gilt es, die Spitzhaustreppe innerhalb von 24 Stunden mindestens 100 Mal zu bezwingen, und so die Höhenmeter des Mt. Everest zu sammeln - ganz ohne Dezimeter-Trick!

Sonntag, 31. März 2019

Diagnose Herzinfarkt

In Sportlerkreisen wird oft als Motivation für tägliches Training angegeben: "Wenn ich mal alt bin, möchte ich mir noch allein die Schuhe zubinden können!" Mir gelingt das bereits heute Morgen nicht mehr! Ich kann mich einfach nicht zu den Füßen hinunterbeugen.


Ich schlüpfe im Stehen in mein Schuhwerk und bitte die Pulsmesserin, mir die Schnürsenkel zu binden. "Willst du denn überhaupt zur Arbeit gehen?", gibt sie zu bedenken. Im Nachhinein betrachtet, wäre hier ein guter Moment gewesen, um den weiteren Verlauf in andere Bahnen zu lenken. Doch ich setze meinen Weg unbeirrt fort. Nur um an der nächsten Station endgültig zu scheitern.

In der Garage will ich mir aufgrund der Wettersituation noch die Gamaschen anlegen, bevor ich mich auf das Fahrrad schwinge. Beim gleichzeitigen Heben des Beines und Vorbeugen des Oberkörpers schießt mir ein nahezu unerträglicher Schmerz in die Lendenwirbelsäule. Schreiend und heulend kämpfe ich mich über die Terrasse zurück ins Haus. Mit eingeknickten Knien und leicht nach vorn gebeugt stütze ich mein Körpergewicht mit den Händen auf einer Stuhllehne ab. In dieser Position ist die Pein irgendwie auszuhalten. Aber nur in dieser. Jede Veränderung bringt das Schreien und Heulen zurück.

Es ist Glück im Unglück, dass meine Frau heute zufällig noch im Haus ist. Sie ruft eine Ärztin aus dem Familienkreis an. Die diagnostiziert fernmündlich eine Blockade der Lendenwirbelsäule. Wir sollen den Notruf wählen, damit ich umgehend eine Schmerzmittelspritze erhalte, um so aus der Situation herauszukommen.

Ab jetzt bin ich nur noch Objekt. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Mein Frau wählt 112. Nach rund zehn Minuten im Armstütz auf der Stuhllehne verheißt der Klang eines Martinshorns Rettung. Drei junge Männer betreten den Raum. Die Krankentrage haben sie vor der Haustür stehen lassen. Und dorthin soll ich ihrer Meinung nach nun zu Fuß gehen. Mir ist aber nach wie vor keine Positionsveränderung möglich. "Ah, da brauchen wir ein Schmerzmittel! Das können wir aber nicht verabreichen. Das darf nur ein Arzt." Sie telefonieren. Mir schwinden langsam Kräfte.

Meine drei Retter wollen mir inzwischen eine Infusion legen, und zwar über einen  Zugang in der linken Hand. Diese soll ich ihnen reichen. Ich balanciere nun also mein Körpergewicht mit nur noch einer Hand auf der Stuhllehne. Dazu diese wahnsinnigen Schmerzen im Rücken. Meinem Körper wird das jetzt ein bisschen viel. Er fängt an, alle überflüssigen Systeme herunterzufahren. Ich sehe nur noch sehr unscharf. Mir bricht der kalte Schweiß aus. Ich habe plötzlich wahnsinnigen Durst. Mir wird schwummerig. Ich sacke nach hinten und finde mich auf der Fensterbank sitzend wieder. Die Schmerzen haben deutlich nachgelassen.

Währenddessen ist die Notärztin hereinkommen und hat erlebt, wie ich kreidebleich kollabierte. Sie lässt sofort ein EKG anschließen. Die drei Rettungsassistenten drapieren jede Menge Sensoren an meinem Oberkörper und an einem Finger. Irgendwo steckt jetzt auch die Infusion drin. Ständig verfitzen die Jungs die Schläuche und Kabel. Ein Drucker rattert. Das EKG sieht offenbar besorgniserregend aus. Die Ärztin kontrolliert den Sitz der Sensoren und bittet die jungen Männer um Korrektur. Es rattert wieder. Nun sehen die Herzwerte offenbar gleich viel besser aus! Aber ein Parameter scheint die Frau noch immer zu beunruhigen.

Inzwischen kann ich wieder scharf sehen. "Wir freuen uns immer, wenn der Patient die Augen wieder aufmacht.", meint die Ärztin. "Herz sticht Rücken", fügt sie hinzu. Ich werde nicht in die nahe orthopädische Klinik, sondern in die etwas weiter entfernte kardiologische Klinik gebracht. Den Weg zu Bahre kann ich, mit beiden Händen auf die Schultern meiner Frau(!) gestützt, aus eigener Kraft zurücklegen. Meine drei Helden trotten hinterdrein.

In der Notaufnahme bekomme ich dann doch noch ein Schmerzmittel. "Wie stark sind ihre Schmerzen auf einer Skale von 0 bis 10, wenn 10 'Vor Schmerzen aus dem Fenster springen' bedeutet?"
"Jetzt, wenn ich hier so unbewegt liege, 3. Aber heute Morgen waren es 9!"
"Derart starke Schmerzen können auch Ihre Symptome hervorgerufen haben, es muss kein Herzinfarkt sein."

Doch dann werde ich untersucht. "Ihre rechte Herzhälfte schlägt gar nicht richtig mit. Und die Cava ist weit geöffnet! Die muss sich aber bei jedem Atemzug öffnen und schließen. Wir müssen eine gründliche Ultraschalluntersuchung ihres Herzens durchführen. Das kann nicht sofort erfolgen. Sie können so lange ins Wartezimmer der Notfall-Ambulanz. Das ist noch ganz leer."

Gegen 8:30 Uhr schiebt man mich in einem Rollstuhl in das Wartezimmer. Im Laufe der nächsten Stunden füllt es sich immer mehr. Glücklicherweise habe ich gefrühstückt. So ohne Geld und bewegungsunfähig direkt gegenüber der Cafeteria zu sitzen, macht auf  Dauer doch etwas mürbe. Dann kommt eine Schwester auf mich zu. Ich wähne mich schon auf dem Weg zur Untersuchung. Da herrscht sie mich an, dass sie keine Rollstühle mehr haben, und ich mich doch auf einen normalen Stuhl setzen solle.

So einfühlsam motiviert, schaffe ich es tatsächlich, mich ächzend auf einen Stuhl zu manövrieren. Als ein paar Stunden später der Harndrang zu groß wird, erinnere ich mich an diese Leistung und wage den Aufbruch zur Toilette. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein paar schmerzhafte Schritte für mich. Es sieht sicher auch nicht schön aus, wie ich da gekrümmt über den Flur schlurfe. Aber zumindest bekomme ich einen Überblick über die Lage. Ringsum nur geschlossene Türen! Kein Personal, das man ansprechen könnte.

Meine große Stunde schlägt um 13:50 Uhr. Ich werde auf eine Station geschoben, wo man mich auf dem Flur abstellt. Ich richte mich gerade innerlich darauf ein, hier die Nacht zu verbringen, da werde ich zur Untersuchung gebeten. Immerhin schaffe ich es inzwischen bereits aus eigener Kraft auf die Liege. "Bei einem austrainierten Sportler kann das Herz schon so aussehen. Ihr Herz ist völlig gesund." Als ob ich daran gezweifelt hätte! Aber was ist jetzt eigentlich mit meinem Rücken?

Man karrt mich zurück in die Notaufnahme. Der Arzt vom Morgen meint: "Vergessen Sie alles, was ich heute Früh gesagt habe. Sie wurden jetzt von einer sehr erfahrenen Oberärztin untersucht. Ihr Herz ist in Ordnung. 
Da Sie Ihre Beine spüren können, kann ich hier in der Notaufnahme nicht mehr für Sie tun, als Ihnen ein Taxi zu rufen. Suchen Sie bei Gelegenheit einen Orthopäden auf."

Der Besuch dort ist zwar deutlich kürzer, aber kaum ergiebiger. Immerhin erhalte ich eine Diagnose. Blockade des Ischio-Sakral-Gelenks. Ich werde entlassen mit den Worten: "Kann jederzeit wieder auftreten, vielleicht auch nie mehr."



Nachtrag: Fast drei Wochen Abstand haben mich in die Lage versetzt, dem Erlebnis seine komische Seite abzugewinnen. Inzwischen nähert sich der Rücken einem beschwerdefreien Zustand an. Vor allem aber, ich laufe wieder!

Donnerstag, 31. Januar 2019

Atemlos durch die Nacht - Diagnose Schlafapnoe


Eine Bettgeschichte


Früher hat sich die Pulsmesserin Sorgen um mich gemacht. Sie lag nachts im Bett wach neben mir (mein lautes Schnarchen lies sie nicht einschlafen) und lauschte voller Sorge, wenn ich zwischen den einzelnen Trompetenstößen keinerlei Geräusche mehr vernehmen ließ. Aber irgendwann atmete ich dann doch weiter. Und ich bin auch jeden Morgen wieder aufgewacht. Insofern wurde der vage Plan, eines Tages ein Schlaflabor aufzusuchen, immer wieder verschoben. Ständige Müdigkeit blieb mein Begleiter. Ich führte sie erst auf niedrigen Blutdruck, später auf Eisenmangel zurück.

Inzwischen ist meine Frau in ein anderes Zimmer umgezogen. Letzte Nacht war es also nicht meine Liebste, die sich an meine Brust schmiegte, meinen Bauch umfing, meine Beine und meine Leiste, ja sogar die empfindlichsten Stellen an meinem Kopf berührte. Nein, ich schlief mit einer kleinen Weißen. Diese helle Kiste an meinem Hals überwacht mittels der an meinem Körper aufgeklebten Sensoren meinen Schlaf. Eine „Nasenbrille“ analysiert dabei die Atemluft. Mittlerweile kommt das Schlaflabor also nach Hause ins heimische Bett.

Als ich Ende letzten Jahres völlig erschöpft den Arzt aufsuchte, überwies mich der ratlose Allgemeinmediziner zum Pneumologen. Richtig, das ist einer der Lungenärzte, deren Zunft kürzlich von einigen ihrer Mitglieder diskreditiert wurde, weil sie saubere Luft zum Atmen in Innenstädten nicht für notwendig erachteten. Der von mir aufgesuchte Mediziner macht aber einen kompetenten Eindruck und außerdem ein erstauntes Gesicht angesichts meines Schlafanalyse-Ergebnisses. Drei Stunden hatte ich des nachts geschnarcht und dabei 40 Mal aufgehört zu atmen. Wenn die Rachenmuskulatur erschlafft, verschließen sich die Atemwege. Der Sauerstoffgehalt des Blutes sinkt. Dann reagiert das Gehirn. Der Tiefschlaf wird verlassen, um die Muskeln wieder zu straffen und ein Weiteratmen zu ermöglichen. Nach Erreichen der nächsten Tiefschlafphase beginnt das Spiel von vorn und wiederholt sich, bis du am nächsten Morgen gerädert aufwachst. Aber der Doktor präsentiert eine Lösung!

Er dreht mir sein riesigen iMac zu. Darauf ist ein selig schlummernder Mann in seinem Bett zu sehen, an dessen Seite eine schöne Frau liegt und seinen Schlaf bewacht. Ich bin sofort einverstanden: „Wann hat die Dame Zeit?“. Doch der Doc meint, ich solle das Werbefoto nochmal genauer ansehen. Das weibliche Modell sei nur abgebildet, um positive Assoziationen zu erzeugen. Da fällt mir die Atemmaske auf, die der schlafende Herr trägt. Daraus ragt ein Schlauch hervor, der mit einem Kompressor auf dem Nachttisch verbunden ist. Das ist also meine künftige Ausstattung für romantische Nächte: ein Atemgerät! Wenn andere in ihren Pyjama schlüpfen, um sich gemütlich zur Ruhe zu betten, werde ich mich wie ein Kampfpilot ausrüsten, der ins Cockpit seiner MIG steigt.


Montag, 7. Januar 2019

Mein Ultra-Abschied, 2. Bach-Tal-Ultra und Ratinger Neujahrslauf

Abschied vom Ultralaufen


Ich habe meinen Abschied vom Ultralaufen beschlossen und mit diesen Worten nun vermutlich eure Aufmerksamkeit gewonnen.
Mitten in der Vorbereitung für den Röntgenlauf brachte mich ein Schmerz in der Leiste um den Schlaf. Seltsamerweise tat es nur im Liegen weh. Angeblich kann man 14 Tage ohne Nahrung überstehen, aber nur 11 Tage ohne Schlaf. Also blieb mir nur eine konsequente Laufpause, um wenigstens am Leben zu bleiben.
Und es fiel mir überhaupt nicht schwer, auf das Laufen zu verzichten. Ich hatte gar keine Lust! Keine Lust auf nichts. Ständige Müdigkeit und Antriebslosigkeit waren meine Begleiter. Das ganze gipfelte in einer ordentlichen Männergrippe, die mich dann zu einem ratlosen Arzt trieb. Die Blutwerte waren so weit in Ordnung, nur das Eisen lag am unteren Ende des grünen Bereichs. Eine Schlafuntersuchung steht noch aus. Am plausibelsten erscheint mir die Selbstdiagnose "Übertraining" nach einem Blick in meine Statistik, die eine Spitze in den Umfängen im September und (zu) viele Wettkämpfe im Oktober zeigt. 
Seit ich eine orthomolekulare Therapie begonnen habe, fühle ich mich besser. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass die Tage wieder länger werden.

Mein derzeitiges Frühstück



2. Bach-Tal-Ultra


Also bin ich vom Läufer zum Laufveranstalter geworden und habe mich auf die Ausrichtung der zweiten Auflage des voriges Jahr ins Leben gerufenen Bach-Tal-Ultras, kurz BaTalU, konzentriert. Und es purzelten die Rekorde! 36 Starter bedeuten Teilnehmerrekord. Die Gesamt-Sieger Christoph Janthur und Michael Schmidt stellten mit 6:45:00 einen neuen Streckenrekord über 62 km auf. Die Siegerin auf der Ultrastrecke, Sandra Sons, verbesserte ihre Vorjahresleistung trotz widriger Wetterverhältnisse um 1 Stunde und 25 Minuten!
Andreas Hintemann meldete nach der ersten Runde über 26 km spontan auf die Kurzdistanz herunter und gewann so die 26-km-Wertung mit einem Streckenrekord von 2:44:00. Erste Frau wurde Britta Ludwig vom TuS Breitscheid, die nach 3:13:00 das Ziel erreichte. Sie hatte dabei das Feld der Kurzstreckler angeführt, das aus organisatorischen Gründen eine Stunde nach den Ultras gestartet war.
Unser Familien-Orga-Team hat den Tag in Gesellschaft der fröhlichen Starter und die vielen guten VP- und Zielgespräche sehr genossen und freut sich schon auf die nächste Austragung, bei der eine Anregung der Starter umgesetzt wird. Dann geht es zuerst auf die längere Schleife in die südlichen Bach-Täler über 36 km, bevor die Ratinger Bach-Täler auf den verbleibenden 26 km erlaufen werden.
Originalabfüllung: Echtes Ratinger Bach-Tal-Wasser

Ratinger Neujahrslauf


Mein erster Tempolauf seit Herbst stand beim Neujahrslauf über 10 km auf dem Programm. Offenbar hat mich das reine Veranstalten des Ultras mehr geschwächt, als wenn ich selbst mitgelaufen wäre. Denn ich war über eine halbe Minute langsamer als voriges Jahr, in dem ich am Vortag die 62 km absolviert hatte. Außerdem habe ich das Sub40-Ziel mit glatten 40:00 denkbar knapp verpasst. Rausgerissen haben es mal wieder die Kinder. Meine Tochter wird AK-Zweite über 5 km und mein Sohn gewinnt die neue AK im 10-km-Lauf.

Wenigstens eine Finisher-Medaille gab es


Der Traum vom gemeinsamen Vater-Sohn-Marathon-Finish


Als ich den Junior mehr und mehr an die längeren Strecken heranführte, hatte ich immer das Bild im Hinterkopf, wie wir eines Tages Hand in Hand ins Ziel eines Marathons laufen würden. Der Traum ist geplatzt! Da ist der Bengel endlich alt genug, um offiziell starten zu dürfen - und schon ist er zu schnell!
Trotzdem möchte ich mit ihm zusammen die Vorbereitung absolvieren - und es noch einmal wissen. Ich werde beim Düsseldorf Marathon Ende April einen letzten Bestzeiten-Versuch starten. Danach hat mich hoffentlich die Ultra-Szene als Läufer wieder!

Da ich dieses Zeug nehmen muss, behalte ich mir vor, mich jederzeit von diesem Schriftstück zu distanzieren!