Während ich zwischen den hölzernen Palisaden des Sonnenobservatoriums Goseck hocke, um dort Schutz vor dem heftigen Wind zu suchen, der über das offene Gelände peitscht, kommt Waldemar Cierpinski auf mich zu und spricht mich an. Small Talk zwischen dem Doppel-Olympiasieger im Marathon und dem Marathon-Wiedereinsteiger. Dann ruft uns Waldemar als Organisator des Himmelswegelaufs an den Start.
Der Startschuss erlöst uns vom bibbernden Warten - denke ich. Doch die Startaufstellung im Inneren des Observatoriums dient nur der Show für die Presse. Nach dem Schuss werden wir ein paar Hundert Meter hinaus auf einen Feldweg geführt an eine imaginäre Startlinie. Dort entlässt uns ein zweiter Startschuss auf den Weg nach Nebra zum Fundort der Himmelsscheibe.
Die Kriminalgeschichte um die Raubgrabung der Himmelsscheibe und die Falle, die man den Räubern beim versuchten Verkauf stellte hatte mich vor Jahren schon in das Museum in Nebra gelockt. Es ist faszinierend, was für eine Hochkultur vor 2000 Jahren im heutigen Burgenlandkreis geherrscht haben muss. Heute kann man sogar feststellen, aus welchem österreichischem Stollen das Kupfer der Himmelsscheibe stammt. Dieser Stollen wurde von zwei Seiten vorangetrieben, wobei man nicht weiß, mit welchen Methoden damals sichergestellt wurde, dass die beiden Röhren sich unter der Erde trafen. Kurz, die Gesamtthematik um das jahrtausendealte Artefakt schlug mich in ihren Bann, und ich wollte diese Medaille, die der Himmelsscheibe nachempfunden ist. War es zunächst die umständliche Logistik der An- und Abreise zu diesem Punkt-zu-Punkt-Lauf, die eine Teilnahme am Himmelswegelauf verhinderte, stellte später meine orthopädische Unpässlichkeit in Frage, ob ich jemals wieder (Marathon) laufen können würde.
Die letzten Ultras und Marathons lief ich 2019. Ab 2022 begann der Wiedereinstieg mit einer Strecke von 400 m. Trotz vieler Rückschläge hatte ich Anfang 2025 die Halbmarathonmarke zurückerobert. Als nach weiterem vorsichtigen Aufbau in diesem Januar die 30-km-Grenze geknackt wurde, breitete sich die vorsichtige Hoffnung auf einen Marathon aus. Mit dem orthopädischen Schonprogramm von drei Laufeinheiten pro Woche und nur wenigen Läufen um die 30 km war klar, dass eher Erfahrung als Training die Basis dieses Langstreckenlaufs bilden würde.
Die flache Strecke führt im Unstruttal entlang der Weinberge durch die Felder. Der Wind peitscht uns entgegen, gelegentlich regnet es. Für dieses Wetter darf man dankbar sein, wie uns die sonnigen Momente auf dem weitgehend schattenlosen Kurs lehren. Der Veranstalter hat vorgebaut, aller 3 km gibt es einen VP. Da auch an jedem Abzweig ein Helfer positioniert ist, scheinen mehr Organisatoren als die 75 Teilnehmer auf der Strecke zu sein. Vielfach laufen wir auf der Landstraße, die zumindest in Gegenrichtung auch befahren ist. Ich vertreibe mir die Zeit mit der konsequenten Suche nach der Ideallinie. Besonders auf der Straße macht es einen Unterschied, ob man den Außen- oder Innenradius einer Kurve läuft. (Laut meiner Garmin werde ich 600 m auf der Marathondistanz gespart haben.)
Wir queren ein dunkelrot leuchtendes Feld voller Mohnblumen. Das ist vielleicht der schönste Eindruck, den wir gewinnen bei diesem Landschaftslauf auf flachem Asphalt. Die Unstrut bekommt man meist nur bei den Brückenquerungen zu sehen. Wir laufen durch das alte Freyburg und sehen die eine oder andere Burg auf den Weinbergen thronen.
Für mich steht "Ankommen" auf dem Plan, verbunden mit der Hoffnung, ohne Reue orthopädisch unversehrt heimzukehren. Aber so ganz ohne Zeitziel kann ich nicht. Ich würde schon gerne unter 4 Stunden bleiben. Also habe ich mit einer Pace von 5:36 geplant. Doch der Marathon-Novize, der ich heute wieder bin, läuft zu schnell los. Eine Pace von 5:22 steht auf der Uhr und fühlt sich gut an. "Ich werde heute finishen" wird zu meinem gutgelaunten Mantra. Bei der - nur virtuell vorhandenen - Halbmarathonmarke träume ich sogar vom negativen Split und beschleunige zumindest gefühlt. Denn ich überhole auf der sonst eher leeren Strecke gleich einen ganzen Pulk an Läufern.
Und so geht es weiter. Immer mal wieder taucht am Horizont ein Läufer auf. Und ich versuche zu schätzen, wie lange es dauern wird, bis ich ihn eingeholt habe. So vertreibe ich mir die Zeit auf der einsamen Strecke. Bis Kilometer 30. Ab da habe ich mit mir selbst genug zu tun. Ab der 33-km-Marke muss ich um das Tempo kämpfen. Nach 35 km verliere ich den Kampf. Die Uhr Zeit jetzt 5:30. Ich erlebe auch noch den "Das machst du nie wieder!"-Moment.
Erst bei Kilometer 39 wendet sich das Blatt. Schon lange ist ein Herr in Blau in Sichtweite, ohne dass ich ihm nennenswert näher gekommen bin. Doch am letzten VP bleibt er stehen. Kurzerhand lasse ich diese Labestation aus und ihn damit endlich hinter mir. "Bloß noch drei Kilometer! Das ist noch unter 3:50 drin!" Bald sehe ich die Brücke über die Unstrut, die ich von meinem Museumsbesuch kenne. Jetzt weiß ich, dass es "nur noch" den Endgegner auf der Zielgeraden zu bezwingen gilt - den einzigen Berg der Strecke. Alle Kräfte werden mobilisiert. Am Anstieg überhole ich sogar eine Fahrradfahrerin. (Sie schiebt.) Jetzt muss ich mir den Weg durch Menschenmassen bahnen, da die Laufstrecke nicht abgesperrt ist. Finisher der anderen Disziplinen strömen mir entgegen. Immerhin applaudieren viele von ihnen. Spaziergänger trödeln Richtung Ziel. Ich laufe Zick-Zack zwischen Hundeleinen. Wut wird zum Motivator.
Und dann ist die wunderschöne Medaille endlich verdient! Ich bin fast 10 Minuten schneller als geplant und stoppe eine Zeit von 3:49:50. Nach 7 Jahren verletzungsbedingter Langstreckenpause gelingt mir nicht nur mein Marathon-Comeback, sondern dank des Manövers bei Kilometer 39 auch noch der Altersklassensieg.







