Aus dem Flugzeug haste ich zum Taxi, das mich nur für einen Klamottenwechsel nach Hause bringt, wo ich danach sofort auf's Fahrrad steige, um zum Rudolf-Harbig-Stadion zu fahren. Dort gebe ich meine Radtasche ab und trabe zum Start ins Dresdner Zentrum, das von den ersten der 30000 Starter geflutet ist. Darum spricht man wohl auch von Startwellen!
Trotz meines engen Zeitplanes bin ich zeitig genug da, um noch zu sehen, wie lange es dauert, bis die erste Startwelle "abgeflossen" ist. In der Beziehung erschien mir die alte Streckenführung günstiger. Ich lerne aus meiner Beobachtung und suche mir rechtzeitig einen Platz im vorderen Bereich der Aufstellung zur zweiten Welle.
Die Garmin-App prognostiziert eine 5-km-Zeit von 20:13. Ich weiß nicht, woher sie diesen Optimismus nimmt, und will froh sein, wenn eine 21 vor dem Doppelpunkt zu stehen kommt. Dementsprechend steuere ich meine Pace. Viel Spielraum zur Beschleunigung spüre ich nicht, bis es hinab in den Tunnel unterm Hauptbahnhof geht. Da überholt mich ein Mann im roten Leibchen mit der Aufschrift "Roter Flitzer". Aus irgendeinem Grund triggert mich das dermaßen, dass er für mich zum "Roten Wichser" wird. Immerhin bin ich so reflektiert, zu erkennen, dass die Namenswahl unfair und völlig daneben ist, und dass ich sie in meinem Blog nicht werde erwähnen können. Was für ein Bild von mir würde ich da ab- und preisgeben! Kurzerhand nenne ich den Kerl um. Er wird zur "Roten Gefahr". Und die muss ich bannen!
Der Tunnel stinkt zwar nach Abgasen, aber man hat ihn mit Licht- und Soundeffekten sowie einem DJ zu einem echten Highlight der Strecke aufgewertet, die in ihrer neuen Führung nicht mehr mit Sehenswürdigkeiten wie dem Terrassenufer aufwartet. Das übliche Firmenlaufszenario mit nebeneinander laufenden Teams, die Überholen kaum zulassen, wird diesmal noch getoppt von Wanderinnen, die Bollerwagen ziehen!
Ich steigere mich in Frust und Wut hinein und wandele die Energie in Vortrieb. Es bleibt nicht aus, dass ich Körperkontakt riskiere, um irgendwo einen Weg nach vorn zu finden, nachdem ich auf das Ende der ersten Welle aufgelaufen bin. Da ist es mir dann gar nicht mehr so wichtig, als ich im allgemeinen Trubel auch den Roten hinter mir lasse.
Vorm Stadion geht es dann wieder auf diesen elenden Zick-Zack-Kurs, bevor wir auf die letzte Gerade kommen. Dort kann ich mir diesmal tatsächlich nicht nur einen Endspurt abverlangen, sondern auch einigermaßen umsetzen, da ein junger Läufer ehrfürchtig zur Seite springt, als er meine Geräuschkulisse hinter sich wahrnimmt.
Im Ziel gelingt es mir noch, meine Medaille und ein alkoholfreies Bier zu ergattern. Dann will ich einfach nur aus diesem Gedränge raus. Menschenmengen ertrage ich immer weniger. Mit 21:30 ist meine Nettozeit 2 Sekunden kürzer, als die von mir selbst gestoppte Laufdauer. Als wäre das noch nicht erfreulich genug, stelle ich beim Abgleich mit meinem historischen Laufbericht äußerst zufrieden fest, dass ich 22 Sekunden schneller als vor drei Jahren war, was die eingangs postulierte Bestzeitentheorie unterstützt.






