Montag, 15. Juni 2026

Marathon zur Himmelscheibe von Nebra

Während ich zwischen den hölzernen Palisaden des Sonnenobservatoriums Goseck hocke, um dort Schutz vor dem heftigen Wind zu suchen, der über das offene Gelände peitscht, kommt Waldemar Cierpinski auf mich zu und spricht mich an. Small Talk zwischen dem Doppel-Olympiasieger im Marathon und dem Marathon-Wiedereinsteiger. Dann ruft uns Waldemar als Organisator des Himmelswegelaufs an den Start.

Der Startschuss erlöst uns vom bibbernden Warten - denke ich. Doch die Startaufstellung im Inneren des Observatoriums dient nur der Show für die Presse. Nach dem Schuss werden wir ein paar Hundert Meter hinaus auf einen Feldweg geführt an eine imaginäre Startlinie. Dort entlässt uns ein zweiter Startschuss auf den Weg nach Nebra zum Fundort der Himmelsscheibe.

Die Kriminalgeschichte um die Raubgrabung der Himmelsscheibe und die Falle, die man den Räubern beim versuchten Verkauf stellte hatte mich vor Jahren schon in das Museum in Nebra gelockt. Es ist faszinierend, was für eine Hochkultur vor 2000 Jahren im heutigen Burgenlandkreis geherrscht haben muss. Heute kann man sogar feststellen, aus welchem österreichischem Stollen das Kupfer der Himmelsscheibe stammt. Dieser Stollen wurde von zwei Seiten vorangetrieben, wobei man nicht weiß, mit welchen Methoden damals sichergestellt wurde, dass die beiden Röhren sich unter der Erde trafen. Kurz, die Gesamtthematik um das jahrtausendealte Artefakt schlug mich in ihren Bann, und ich wollte diese Medaille, die der Himmelsscheibe nachempfunden ist. War es zunächst die umständliche Logistik der An- und Abreise zu diesem Punkt-zu-Punkt-Lauf, die eine Teilnahme am Himmelswegelauf verhinderte, stellte später meine orthopädische Unpässlichkeit in Frage, ob ich jemals wieder (Marathon) laufen können würde.

Die letzten Ultras und Marathons lief ich 2019. Ab 2022 begann der Wiedereinstieg mit einer Strecke von 400 m. Trotz vieler Rückschläge hatte ich Anfang 2025 die Halbmarathonmarke zurückerobert. Als nach weiterem vorsichtigen Aufbau in diesem Januar die 30-km-Grenze geknackt wurde, breitete sich die vorsichtige Hoffnung auf einen Marathon aus. Mit dem orthopädischen Schonprogramm von drei Laufeinheiten pro Woche und nur wenigen Läufen um die 30 km war klar, dass eher Erfahrung als Training die Basis dieses Langstreckenlaufs bilden würde.

Die flache Strecke führt im Unstruttal entlang der Weinberge durch die Felder. Der Wind peitscht uns entgegen, gelegentlich regnet es. Für dieses Wetter darf man dankbar sein, wie uns die sonnigen Momente auf dem weitgehend schattenlosen Kurs lehren. Der Veranstalter hat vorgebaut, aller 3 km gibt es einen VP. Da auch an jedem Abzweig ein Helfer positioniert ist, scheinen mehr Organisatoren als die 75 Teilnehmer auf der Strecke zu sein. Vielfach laufen wir auf der Landstraße, die zumindest in Gegenrichtung auch befahren ist. Ich vertreibe mir die Zeit mit der konsequenten Suche nach der Ideallinie. Besonders auf der Straße macht es einen Unterschied, ob man den Außen- oder Innenradius einer Kurve läuft. (Laut meiner Garmin werde ich 600 m auf der Marathondistanz gespart haben.)

Wir queren ein dunkelrot leuchtendes Feld voller Mohnblumen. Das ist vielleicht der schönste Eindruck, den wir gewinnen bei diesem Landschaftslauf auf flachem Asphalt. Die Unstrut bekommt man meist nur bei den Brückenquerungen zu sehen. Wir laufen durch das alte Freyburg und sehen die eine oder andere Burg auf den Weinbergen thronen.

Für mich steht "Ankommen" auf dem Plan, verbunden mit der Hoffnung, ohne Reue orthopädisch unversehrt heimzukehren. Aber so ganz ohne Zeitziel kann ich nicht. Ich würde schon gerne unter 4 Stunden bleiben. Also habe ich mit einer Pace von 5:36 geplant. Doch der Marathon-Novize, der ich heute wieder bin, läuft zu schnell los. Eine Pace von 5:22 steht auf der Uhr und fühlt sich gut an. "Ich werde heute finishen" wird zu meinem gutgelaunten Mantra. Bei der - nur virtuell vorhandenen - Halbmarathonmarke träume ich sogar vom negativen Split und beschleunige zumindest gefühlt. Denn ich überhole auf der sonst eher leeren Strecke gleich einen ganzen Pulk an Läufern. 

Und so geht es weiter. Immer mal wieder taucht am Horizont ein Läufer auf. Und ich versuche zu schätzen, wie lange es dauern wird, bis ich ihn eingeholt habe. So vertreibe ich mir die Zeit auf der einsamen Strecke. Bis Kilometer 30. Ab da habe ich mit mir selbst genug zu tun. Ab der 33-km-Marke muss ich um das Tempo kämpfen. Nach 35 km verliere ich den Kampf. Die Uhr Zeit jetzt 5:30. Ich erlebe auch noch den "Das machst du nie wieder!"-Moment. 

Erst bei Kilometer 39 wendet sich das Blatt. Schon lange ist ein Herr in Blau in Sichtweite, ohne dass ich ihm nennenswert näher gekommen bin. Doch am letzten VP bleibt er stehen. Kurzerhand lasse ich diese Labestation aus und ihn damit endlich hinter mir. "Bloß noch drei Kilometer! Das ist noch unter 3:50 drin!" Bald sehe ich die Brücke über die Unstrut, die ich von meinem Museumsbesuch kenne. Jetzt weiß ich, dass es "nur noch" den Endgegner auf der Zielgeraden zu bezwingen gilt - den einzigen Berg der Strecke. Alle Kräfte werden mobilisiert. Am Anstieg überhole ich sogar eine Fahrradfahrerin. (Sie schiebt.) Jetzt muss ich mir den Weg durch Menschenmassen bahnen, da die Laufstrecke nicht abgesperrt ist. Finisher der anderen Disziplinen strömen mir entgegen. Immerhin applaudieren viele von ihnen. Spaziergänger trödeln Richtung Ziel. Ich laufe Zick-Zack zwischen Hundeleinen. Wut wird zum Motivator. 

Und dann ist die wunderschöne Medaille endlich verdient! Ich bin fast 10 Minuten schneller als geplant und stoppe eine Zeit von 3:49:50. Nach 7 Jahren verletzungsbedingter Langstreckenpause gelingt mir nicht nur mein Marathon-Comeback, sondern dank des Manövers bei Kilometer 39 auch noch der  Altersklassensieg.


Mittwoch, 10. Juni 2026

Scharfenberger Silberlauf

KI-generiert, so ähnlich war's

Mit hängender Zunge trete ich im kleinsten Gang in die Pedale, während die Autofahrer hinter mir auf ihre Chance zum Überholen lauern. Wenn der Startort Scharfenberg heißt, muss man sich über einen "scharfen Berg" von 8% Steigung bei der Anfahrt nicht wundern. Da wird die Wettkampfstrecke wohl auch nicht flach sein! 

Auf das Warmlaufen kann ich also verzichten und mich direkt an die Startlinie der 11,6 km-Distanz stellen, wo es zu einem Wiedersehen mit dem Pulsmesserchen kommt, die mit ihrem Freund auf den letzten Drücker mit dem Rennrad anreiste. Das Jungvolk entschwindet schnell meinem Blick. Zum einen, weil ich gar nicht mithalten kann, zum anderen, weil ich mir eine gewisse Zurückhaltung auferlegt habe, befinde ich mich doch eigentlich im Tapering für größere Vorhaben. Daher will ich mit einem 5er Schnitt unter einer Stunde zu bleiben. Die ausgeschriebenen 220 Hm gestalten das Vorhaben weniger entspannt, als erhofft.

Schon bald nach Verlassen des Ortes führt die Strecke etwa 2 km lang hinab in eines der "Linkselbischen Täler", die das gleichnamige Landschaftsschutzgebiet bilden. Entsprechend groß ist der Liebreiz, der sich dem Läufer bietet. Das Bätterdach spendet Schatten, das Bächlein murmelt und die Schwerkraft treibt voran. Ungezählte Male ist der Bach auch zu queren. Meist gelingt es trockenen Fußes mit einem beherzten Sprung. Wenn die Schrittlänge gerade nicht passt, renne ich einfach durch. Aufgrund des Regens der Vortage habe ich mich für Trailschuhe entschieden - eine passende Wahl für diese herrlich naturnahe Strecke, die auch mit so manchem schmalem Pfad aufwartet.

Es geht hinaus aufs offene Feld. Die pralle Sonne heizt den steilen Anstieg auf, an dem die Athleten vor  mir ausnahmslos ins Gehen verfallen. Meine große Stunde schlägt! Ich bleibe im Laufschritt und überhole. Plötzlich kommen mir die Führenden entgegen auf dem engen Wiesenweg. Offenbar gibt es bald einen Wendepunkt. Der Freund liegt lachend auf Platz Zwei. Das Pulsmesserchen ist fokussiert und übersieht mich.

Nach der Wende stürze ich mich durchs hohe Gras wieder zu Tal. Ich überhole ein Grünhemd und schließe immer weiter zu einer roten Kappe auf. Gerade als ich das Rotkäppchen eingeholt habe, bemerke ich, dass ich rechts mit offenen Schnürsenkeln laufe. Ich hatte zwar einen Doppelknotens gebunden, aber darauf verzichtet, die Enden unter der Schnürung festzustecken. Damit ich nicht über meine eigenen Senkel falle, bleibt mir keine Wahl. Ich muss am Rand abknien und mir die Schuhe zubinden. Das Grünhemd zieht währenddessen vorbei.

Der Schuh ist geschnürt, nun schnüre ich - und zwar schnurstracks - Grünhemd und Rotkäppchen hinterher. Beide sind noch vor dem nächsten Berg eingesammelt. Fortan geht die Post ab. In Sichtweite läuft nämlich ein Mann im gelben Dress der Deutschen Post. Oder heißt die inzwischen DHL? Egal, wir erkunden noch ein weiteres linkselbisches Tal auf Singletrails, springen über weitere Gräbelein und finden kein einziges Blättelein. Labestationen mit Wasser sind aber reichlich vorhanden. Natürlich müssen wir auf dem Weg zurück zum Start-/Zielbereich wieder hinauf. Jetzt muss auch ich ein paar Gehschritte einschieben. Dem Postboten komme ich keinen Zentimeter näher.

Mit 55:47 bleibe ich im Soll, als ich die silberne Finishermedaille des Silberlaufs verliehen bekomme. An meiner großen Zufriedenheit nagt nur ein wenig der undankbare vierte AK-Platz. Das Pulsmesserchen erläuft "richtiges" Silber und wird mit 9 Sekunden Rückstand Zweite Frau. Der Freund siegt nicht nur, sondern stellt einen neuen Streckenrekord auf. Also überbrücken wir die Zeit bis zur Siegerehrung und genießen eine heiße Dusche sowie ebenso heißen Kaffee, der wie der Kuchen für nur 1€ wohlfeil ist. Mit weiteren Naturalien in Form von Saft und Joghurtdrinks werden die Sieger überhäuft. Ein Bergmann in traditionellem Gewand mit Geleucht und Arschleder übergibt die Präsente. Überraschenderweise erhalten auch die AK-Plätze 4 bis 6 Prämien, so dass ich mit einer Viererpackung Joghurt ausgestattet und versöhnt mit meiner Platzierung die Heimreise von dieser sehr empfehlenswerten Veranstaltung antreten kann.

Mittwoch, 13. Mai 2026

Rennsteiglauf Halbmarathon

Dunkel war’s, der Mond schien helle. Das glaubt jedenfalls die Pulsmesserin, die unseren Familienverband ab 2:45 Uhr in Richtung Rennsteig chauffiert. Tatsächlich leuchtet über der Autobahn nur das Logo einer Shell-Tankstelle. Zweifel an der Nachtsichtfähigkeit der Lenkerin verhindert fortan den Schlaf im Fond, trotz der frühen Stunde. 

Der Nebel hebt sich und lässt die Sonne in den Kessel der Oberhofer Ski-Arena scheinen. Wie die Gladiatoren marschieren wir ein, startbereit und voller Stolz. Obwohl wir uns mit unserem derzeitigen Leistungsniveau - fernab einst erlaufener Bestzeiten - angemeldet haben, dürfen wir uns im ersten von dreizehn Startblöcken, direkt nach der Elite, aufstellen. Während hinter uns noch über 7000 Athleten einströmen, empfinde ich tiefe Dankbarkeit für das auf diese Weise vor Augen geführte Privileg, auf diesem Niveau Sport treiben zu können - sogar gemeinsam mit meinen Kindern.

Während das Pulsmesserchen nach Rennsteiglied und Schneewalzer der Elite hinterherjagt, lassen es der Junior und ich betont ruhig angehen. Denn nach langer Verletzungspause bestand sein "Training" aus fünf Laufkilometern im letzten Monat. Wir werden Teil des riesigen Lindwurms aus Menschen, der sich den Rennsteig entlang windet.

Nach gut vier Kilometern verabschiedet sich der Nachwuchs aus unserem Duo. Ich könne gerne schneller laufen. Er würde jetzt den nächsten Baum ansteuern und dann versuchen, mich wieder einzuholen. Ich glaube nicht so recht an die angekündigte Aufholjagd, und versuche tatsächlich ein wenig zu beschleunigen, was aber an dem nun folgenden langen Anstieg eher moderat ausfällt.

Ich bin überrascht, als plötzlich der Junior wieder an meiner Schulter auftaucht und direkt vorbeizieht. Er ist wie ausgewechselt. Mit fröhlichem Gesicht hat er sich auf die Fährte einer jungen Frau in Weiß gesetzt, die von hinten das Feld aufrollt. Damit schlägt der Charakter des Laufes um. Wir sind jetzt "im Rennen". Unsere Pacemakerin voran, versuchen wir, uns durch Lücken in der dichten Läufermenge zu schlängeln.

So bringt uns der Flow bis zum höchsten Punkt der Strecke, der überraschenderweise mit Schnee bedeckt ist. Offenbar haben den die Veranstalter hier zur allgemeinen Belustigung ausgebracht. Das war mir bei meinen Supermarathon-Teilnahmen gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich war ich so langsam, dass bei meiner Ankunft alles schon weggetaut war. 

Das wilde Schneetreiben bringt alles durcheinander. Der Junior lässt abreißen, und die Weiße Frau wird langsamer, weil sie auf ihrem Handy rumtippt. Ein in ein rotes Dress gewandeter Herr wird kurzerhand von mir zum neuen Leitwolf auserkoren. Unsere Allianz bricht aber schon nach kurzer Zeit, weil auch er nicht schnell genug läuft, für den Sog, den die Startnummer auf meiner Brust nun erzeugt.

Am nächsten Anstieg schwächelt die Startnummer ein wenig. Ihre Wirkung reicht nicht aus, um zu verhindern, dass ein üppiger Triathlet an mir vorüberzieht, dessen hautenges Leibchen Erinnerungen an Presswurst wachruft, die der Vegetarier in mir sonst verdrängt.

Ein weißes Blinken im Augenwinkel! Auf der Kuppe taucht die Pacemakerin wieder auf und stürzt sich in den nächsten Downhill. Mit abenteuerlichen Überholmanövern arbeitet sie sich voran. Mir ist das auf dem unebenen Untergrund in der Enge der Meute etwas zu gefährlich, so dass sich unser Abstand zusehends vergrößert. Meine Getränkeaufnahme am VP in der Talsohle macht die Situation nicht besser. Als dann auch noch der einzige Trailabschnitt der Strecke folgt, und ich auf dieser engen Passage hinter einem anderen Läufer feststecke, kann nicht wieder zu ihr aufschließen. Später ist sie außer Sichtweite.

Trotzdem komme auch ich immer weiter nach vorn in der Schar der verschwitzten Leiber. Das ist keine große Kunst, hatte doch die Zwischenzeit bei der Hälfte noch eine Zielzeit von über 2 Stunden angezeigt Es fühlt sich aber großartig an! Ich zähle nur noch fünf Athleten, die mich bis ins Ziel überholen. Auch auf der Geraden ins "Schönste Ziel der Welt in Schmiedefeld" mache ich noch Plätze gut. 

Nach 1:49:04 drücke ich die Stopp-Taste der Garmin und gerate in den Fokus der Rettungskräfte im Nachzielbereich. Zweimal fange ich den prüfenden Blick je eines Sanitäters auf. Scheinbar bin ich mehr gezeichnet von der Hetzjagd, als mir bewusst ist. Aber ich werde nicht ins Sanizelt verbracht, sondern darf mich auf die Suche nach meinem Kleiderbeutel begeben.

Auch die Familie finde ich wieder. Das gemeinsame Fazit lautet: es war ein schönes Erlebnis, aber der Rennsteiglauffunke ist beim Halben nicht übergesprungen. Vor allem wegen der für uns aufwendigen Logistik werden wir künftig lieber kleinere, lokale Events unterstützen. 

Sonntag, 29. März 2026

Schneeglöckchenlauf 30 km

Nach dem verletzungsbedingten Ende meiner Ultrakarriere erziele ich weiterhin Fortschritte beim Wiederaufbau der läuferischen Möglichkeiten. Nach dem Finish eines Halbmarathons im letzten Mai wage ich mich heute an den Start über 30 km beim Schneeglöckchenlauf.

Mit dem Pulsmesserchen stehe ich gutgelaunt (zu) weit vorn im Startblock. Zusammen preschen wir fröhlich los, einfach weil es uns solchen Spaß macht. Mir ist natürlich klar, dass ich ihr Tempo nicht mitlaufen kann. Ich habe mit einer 5:30er Pace geplant. Also lasse ich sie nach dem in 4:45 min absolvierten ersten Kilometer ziehen, nehme Tempo raus und stelle fest, dass sich eine 5er Pace überraschend gut anfühlt.

Das Feld sortiert sich, und ich werde entsprechend der gewagten Startaufstellung überholt. Unter den Vorbeiziehenden bietet sich das ungewohnte Bild eines Mannes, der zu seinen kurzen Hosen ein dickes Sweatshirt, Wollmütze und einen langen Schal trägt. Die Mütze zieht er sich noch in meiner Sichtweite vom Kopf.

Meine Position in der Läuferschar ist bald gefunden. Ich halte die Pace. Denke ich jedenfalls. Da werden die Schritte des Duos hinter mir immer lauter, bis die beiden plötzlich an meiner Schulter auftauchen. "Breche ich ein oder beschleunigt ihr?", frage ich. Die augenzwinkernde Antwort lautet: "Wir wollen dich mental brechen!" Das soll ihnen nicht gelingen, aber dranbleiben kann ich nicht. Das liegt auch am nun zu bewältigenden Anstieg auf der ansonsten sehr flachen Strecke. Höhenmeter habe ich schon ewig nicht mehr trainiert, obwohl das einst meine Passion war.

Kurz vorm Wendepunkt kommt mir meine freudestrahlende Tochter entgegen. Wir klatschen uns ab. Sie wirkt ganz locker und liegt auf Platz 2 der Damengesamtwertung. Ihr Einbruch soll erst beim rückwärtigen Überqueren des Hügels erfolgen. Dennoch erkämpft sie einen Treppchenplatz und wird Dritte Frau.

Ich bin vollauf damit beschäftig, mein Tempo zu halten. Bis Kilometer 20 gelingt das einigermaßen unangestrengt. Danach gerät das Vorhaben zum Kampf. Die Beine schmerzen bei jedem Schritt. Aber nach so langem Durchhalten will ich die sub 2:30 h jetzt auch ins Ziel bringen.

Ab Rest-Kilometer 5 stöhne ich mich mit einer solchen Geräuschkulisse vorwärts, dass sowohl die Unterdinstanzler als auch die Konkurrenten auf der Strecke bereitwillig ausweichen, um Platz zum Überholen zu machen. Dass noch so viel Wettkampfhärte in mir steckt, mich derartig quälen zu können! 

Nun sehe ich auch den anfänglich warm eingemummelten Herrn wieder. Den Pullover hat er mittlerweile um die Lenden geschlungen. Den Schal trägt er in der Hand und wischt sich damit gelegentlich den Schweiß aus dem Gesicht.

Nach 2:28:31 lasse ich mir die goldene Schneeglocke um den Hals hängen und besteige das virtuelle Podest als Altersklassen-Dritter. Der neue läuferische Meilenstein ist erreicht. 

Gleichsam bin ich nun ich nun an einem Scheideweg angekommen. Orthopädisch habe ich die Belastung ohne spürbare Auswirkungen verkraftet. Büßen muss ich den Erfolg jedoch mit zwei Tagen, in denen ich völlig platt durchhänge. Nachdem ich mich mit viel mentaler Kraft in monatelangem Prozess vom Langstreckenlauf verabschiedet hatte, ringe ich nun mit mir, ob ich wirklich willens bin, künftig wieder dieses aufopferungsvolle Dasein zu führen.

Donnerstag, 11. Dezember 2025

Das Orakel des Pechkekses - Adventslauf Dohna

In der Vorweihnachtszeit macht man sich kleine Geschenke. Ich bekomme einen Pechkeks überreicht. Das Gegenstück zum Glückskeks fällt wohl eher in die Kategorie "Schrottwichteln". Sein Inhalt erweist sich als wenig erbauliche Wettkampfvorhersage: "Letzter. Gewöhn dich dran!"

Derart motiviert, lasse ich mich vom Pulsmesserchen zur Teilnahme am Adventslauf in Dohna überreden. Start und Ziel befinden sich im Gut Gamig. Allein dieses ehemalige Rittergut ist die Reise Wert. Die Erbengemeinschaft verzichtete nach der Wiedervereinigung auf ihre Rückübertragungsansprüche, so dass hier eine Rehabilitationsstätte für psychisch Kranke und seelisch Behinderte entstehen konnte, die heute warme Duschen und eine geheizte Cafeteria für die Läufer bereithält. Passenderweise findet zunächst ein Inklusionslauf statt, bei dem man sich prima warm- und einlaufen kann.

Um 13 Uhr erfolgt der gleichzeitige Start der Wettkämpfe über 4,3 und 9,6 km. Wir haben uns für die Langversion entschieden und haben zwei Runden zu absolvieren. Jede davon wartet mit gut 100 Höhenmetern auf. Zunächst herrscht das übliche Gedränge eines Laufes mit Bruttozeitmessung, bei dem jeder möglichst nahe der Startlinie losrennen will. Vor mir teilt sich das Feld, und ein Kind wird sichtbar. Aber es läuft nicht, es geht! Im letzten Moment kann ich ausweichen. Dann schneidet eine Läuferin urplötzlich die Kurve und macht damit für mich die Strecke zu.

Nach den beiden Schreckmomenten ist es geschafft, wir verlassen den Gutshof und stürzen uns einen schlammigen Wirtschaftsweg in ein Tal hinunter. Ich habe mich bei der Schuhwahl vertan und muss mit Straßenschuhen auf dem Untergrund zurecht kommen. Jenseits der Senke steigt der Kurs wieder an und gibt auf der Höhe den Blick in die wunderbare Umgebung frei. Die offene Landschaft hat ihren Preis. Eisiger Wind umpfeift meinen Leib. Das dürfte der erste Wettkampf sein, bei dem ich nicht schwitze!

Gut Gamig
Auf der zweiten Rundenhälfte kehren wir auf Schotterwegen zurück in das Tal, von wo aus der Matschberg zurück ins Gut führt. Zwei Kinder endspurten am Anstieg ihrem Ein-Runden-Ziel entgegen. Dann geht beiden die Puste aus, und sie müssen gehen. Trotzdem sind sie viel schneller als ich. Schneller sind auch meine Tochter und zwei Läufer hinter ihr, die ich der Optik wegen als Konkurrenten ums M55-Podest einschätze. Alle drei verteilen sich ziemlich konstant auf die direkt vor mir liegenden Hundert Meter. Mein Plan ist, auf der zweiten Runde diese Verteilung neu zu mischen.

Die Mischung verändert sich auch. Allerdings ohne mein Zutun. Am Anstieg aus dem Tal hinaus ziehen die beiden vermeintlichen Altersgenossen am Pulsmesser-Nachwuchs vorbei und mir davon. Wenn ich wenigstens meine Tochter einholen will, muss ich jetzt ihren leichten Einbruch am Berg nutzen und darf nicht nachlassen. Meter um Meter mache ich ganz langsam Boden gut. Die Zunge hängt mir in den Kniekehlen, aber auf der Anhöhe kann ich endlich zu ihr aufschließen. Die Übereinkunft, von nun an gemeinsam ins Ziel zu laufen, bedarf keiner Worte. Stattdessen sagt mein Pulsmesserchen: "WmfV - Wettkampf mit fittem Vater!" Damit macht sie wieder gut, dass sie unser gemeinsames Training der letzten Woche "ImaV" genannt hatte: "Intervalle mit alten Vater!"

Am Endgegner-Berg muss ich kämpfen, um Schritt halten zu können. Die schmale Zielgasse vereinzelt uns dann doch noch, da man nacheinander seinen Handgelenk-Transmitter an den Sensor für die Zeiterfassung halten muss. Aus der Moderation geht hervor, dass ich gerade mit der Gesamtsiegerin der Frauen gefinisht habe! Stolz mischt sich in meine Erschöpfung - Stolz auf meine Tochter, Stolz auf mich, der ich mithalten konnte.

Wir werden umfangreich belohnt. Direkt im Ziel bekommen wir eine im Gut Gamig handgetöpferte Medaille. Bei der Siegerehrung erhält die Juniorin vom Hauptsponsor, einem Dresdner Bäcker, einen 1,5 kg schweren Stollen und eine Flasche Sekt für den Gesamtsieg, und für den AK-Sieg gibt es noch Pulsnitzer Lebkuchen. Glücklicherweise war meine Wahrnehmung der vermeintlichen AK-Konkurrenz nicht ganz korrekt. Direkt vor uns lief der M55-Sieger ins Ziel und direkt nach mir der Drittplatzierte. Somit bin ich AK-Zweiter geworden und habe das Orakel des Pechkekses Lügen gestraft! Während der Sieger Lebkuchen essen muss, darf ich ein Sixpack gesunder Äpfel in Empfang nehmen!

Donnerstag, 20. November 2025

Trail Camara de Lobos 2025

Blick auf die ersten 580 Hm

 1000 Höhenmeter bringt mich der Linienbus hinauf in die Bergwelt Madeiras. Dann starte ich den schweißtreibenden Aufstieg zum Pico Grande. Doch noch bevor meine Augen die schroffe Gipfelwelt erblicken, erspähen sie etwas ungewöhnlich Buntes im Grün des Unterholzes. Bei näheres Betrachtung entpuppt sich das Objekt als eine der Markierungen, die für den Trailrun am nächsten Samstag angebracht werden: den Trail Camaro de Lobos. Da will ich mitmachen!

Die Web-Recherche ergibt drei mögliche Distanzen. Auf der längsten Strecke sind 1720 Hm zu absolvieren. Mit 39 km darf man sich hier bereits Ultra nennen. Dennoch ist das außerhalb meiner derzeitigen Fähigkeiten. Der "Trail Longo" entspricht ungefähr Halbmarathon mit 21,5 km und 1080 Hm. Da diese Tour in weiten Teilen identisch mit der bereits absolvierten Wanderung zum Pico Grande ist, entscheide ich mich für den Short Trail der mit 15 km und 940 Hm ausgeschrieben ist. Diese Strecke startet im Hafen des namensgebenden Fischerorts und führt nicht ganz so weit in die Berge hinauf, was beim angesagten Wetter von Vorteil scheint, da sich die Gipfel in Wolken hüllen.

Meine Entscheidung ist gefallen und der GPX-Track der Strecke auf die Uhr geladen. Da lasse ich mich auch nicht mehr davon abhalten, dass die Anmeldung zum Lauf schon seit Anfang November geschlossen ist. Ich starte einfach auf eigene Faust einen Tag vorm offiziellen Termin!

Der Bus Linie 1 spuckt mich an der Ortsgrenze aus, so dass ich noch einen Zusatz-Kilometer zum Hafen zu laufen habe. Ich habe nicht nur kein Startgeld bezahlt, nein, ich bekomme sogar eine Antrittsprämie - wie die Profis! Denn ich finde schon nach wenigen Schritten 20 € auf dem Fußweg. Seit zwei Tagen peitscht ein böiger Wind über die Insel. Der kann einem wohl einen Geldschein aus der Hand reißen. Ich gebe ihn allerdings nicht mehr her, wird mich die Rückfahrt mit dem Bus aus den Bergen doch satte 2,60 € kosten.

Im Hafen sehe ich die ersten 580 Hm vor mir aufragen. Die steilste Klippe Europas gilt es nun zu erklimmen. Oben hat man eine "Skywalk" genannte Kanzel mit Glasboden angebracht, von der man in die Tiefe unter den Füßen blicken kann. Das Touriprogramm lasse ich heute weg und biege mit komplett nassgeschwitztem Shirt in einen Tunnel ein. Im Dunklen laufe ich neben der Levada do Norte auf die andere Bergseite. Die Querung entpuppt sich als der reinste Windkanal, und mir ist ziemlich kalt, als ich wieder ins Licht trete. Inzwischen bin ich knapp unter der Wolkendecke angekommen. Es geht immer weiter hinauf. Riesige Pfützen und Schlamm kennzeichnen nach den starken Regenfällen der letzten Nächte, das was zuvor die Wege waren. Das Orgateam treffe ich mehrfach unterwegs. Sie bringen immer noch weitere Markierungen an. Noch nie bin ich auf so einer gut ausgewiesenen Wettkampfstrecke unterwegs gewesen. Die Schilder reflektieren sogar im Dunkeln! Die Männer feuern mich an und befreien mit Motorsägen und Macheten den Weg von umgefallenen Bäumen.

Der beginnende Nieselregen bringt mich endlich dazu, die Regenjacke über mein nasses Shirt zu ziehen, unter dem ich im immer stärker werdenen Wind langsam ausgekühlt bin. Kaum, dass ich den Reißverschluss hochgezogen habe, ergießt sich ein inseltypischer Schauer über mich. Der folgende Downhill ist ohnehin schon sehr technisch. Frisch bewässert erweist er sich als so rutschig, dass ich hier auch in meinen besten Zeiten nicht hätte laufen können. Heute taste ich mich unter Zuhilfenahme aller Extremitäten zu Tale und bin froh, mit meinem Geeier keine Wettkämpfer hinter mir aufzuhalten. Der Regen endet bald, doch die Jacke ziehe ich bis ins Ziel nicht mehr aus. In Estreito de Camara de Lobos scheint wieder die Sonne. Die Markierungen enden direkt an der Tür des Wettkampfbüros, die ich nach 2h30min erreiche.

Am nächsten Tag wird die offizielle Veranstaltung abgesagt, so dass ich 2025 wohl der einzige Finisher geblieben bin. Damit wird aus meiner Antrittsprämie sogar noch eine Siegprämie! 


Freitag, 15. August 2025

Sturm auf die Festung - Festungslauf Königstein

 Warum soll ich mich überhaupt noch an eine Startlinie stellen, wenn Bestzeiten nicht mehr zu erreichen sind? Es muss schon eine besondere Medaille winken, oder die Strecke muss ein spezielles Erlebnis bieten. Letztes ist beim Festungslauf auf jeden Fall gegeben!

Es gilt, sich vom Königsteiner Marktplatz auf die Höhe der Festung Königstein emporzuarbeiten. Dabei sind laut Ausschreibung 545 Höhenmeter, auf 8,8 km verteilt, zu überwinden. Das Motto für heute lautet daher: erst die Nahrungsergänzungsmittel und dann die Festung einnehmen!

Festung Königstein von der Elbe aus gesehen

Obwohl ich mich recht weit vorn aufgestellt habe, herrscht großes Gedränge auf den anfänglichen Segmenten. Die schmalen Wege bieten wenig Raum zum Überholen, insbesondere als drei Geher nebeneinander die Strecke dichtmachen. Ich nehme es relativ gelassen, hatte man mich doch vor einem zweiten fordernden Anstieg gewarnt, der ganz am Ende noch auf den Bezwinger der Verteidungsanlage warte. Somit versuche ich, ein paar Körner übrig zu behalten.

Andere sind nicht ganz so geduldig. Ein Duo zieht hintereinander an mir vorbei, als ich am Hang schon ins "strategische Gehen" gewechselt bin. Plötzlich kann auch der Führende der beiden nicht mehr im Laufschritt bleiben. Sein Hintermann, der nun feststeckt, schreit ihn an: "Jetzt lauf auch weiter, wenn du schon überholst!"

Endlich ist das Plateau erreicht! Der Kurs führt nun einmal um den Fuß der Festungsmauer herum. Es geht zwar einigermaßen flach voran, doch jeder Schritt auf diesem trailigen Pfad erfordert Aufmerksamkeit. Ich muss einen Konkurrenten vorbeilassen und bewundere die Eleganz, mit der der junge Orientierungsläufer über die Hindernisse federt. Ich hingegen lasse Federn!

Nun bäumt sich nämlich vor mir auf, wovor die Streckenerfahrenen warnten: der steile Weg in die Festungsanlage hinein! Auch die Dame, die sich an mir vorbeischiebt, kann keinen Sog entfalten. Wieder muss ich gehen! Die Verteidiger der Anlage könnten nun in Seelenruhe ihr heißes Pech von den seitlichen Mauern über mich ergießen. Wenigstens das bleibt mir erspart.

Letztes Drittel des finalen Anstiegs;
Quelle: Facebook, Festungslauf (nachbearbeitet)

Irgendwann ist es geschafft, und ich dringe in die Festung ein. Der hier aufgestellte Bogen dient offenbar nur der Verwirrung. Wir müssen noch entlang der Festungsmauer die ganze Anlage einmal umrunden. Die Länge der Runde von 1,3 km macht die gewaltigen Ausmaße der Verteidigungsanlage deutlich. Freud und Leid liegen hier eng bei einander. Der Ausblick in die Sächsische Schweiz ist traumhaft, aber noch eine Frau lässt mich hinter sich. Immerhin kann ich einen Vertreter der männlichen Konkurrenz einsammeln. Und dann ist urplötzlich und unerwartet (die Uhr hat erst 8,1 km gemessen) hinter einer Ecke der finale Zielbogen erreicht.

Na, da hätte ich ja auch noch ein bisschen mehr Gas geben können! Aber warum eigentlich (siehe oben)? Unter 50 Minuten wollte ich bleiben und bin mit meiner 48er Zeit, die für die Top Ten der Altersklasse gereicht hat, überaus zufrieden. 

Beim Aufbruch reicht der Blick bis nach Dresden, als die untergehende Sonne den Horizont rot erstrahlen lässt. Diesen Ausblick will ich mir in einem der Folgejahre nochmal verdienen! Vielleicht bringe ich dann sogar noch die Muße für eine Besichtigung der gestürmten Festung auf.