Samstag, 20. Juni 2026

REWE Team Challenge Dresden

Es heißt ja, man könne nach einem Marathon Bestzeiten auf Unterdistanzen laufen. Mit solchen Argumenten versuche ich, mir den ungünstig nur 4 Tage nach der Langstrecke terminierten Firmenlauf schönzureden. 

Aus dem Flugzeug haste ich zum Taxi, das mich nur für einen Klamottenwechsel nach Hause bringt, wo ich danach sofort auf's Fahrrad steige, um zum Rudolf-Harbig-Stadion zu fahren. Dort gebe ich meine Radtasche ab und trabe zum Start ins Dresdner Zentrum, das von den ersten der 30000 Starter geflutet ist. Darum spricht man wohl auch von Startwellen! 

Trotz meines engen Zeitplanes bin ich zeitig genug da, um noch zu sehen, wie lange es dauert, bis die erste Startwelle "abgeflossen" ist. In der Beziehung erschien mir die alte Streckenführung günstiger. Ich lerne aus meiner Beobachtung und suche mir rechtzeitig einen Platz im vorderen Bereich der Aufstellung zur zweiten Welle.

Die Garmin-App prognostiziert eine 5-km-Zeit von 20:13. Ich weiß nicht, woher sie diesen Optimismus nimmt, und will froh sein, wenn eine 21 vor dem Doppelpunkt zu stehen kommt. Dementsprechend steuere ich meine Pace. Viel Spielraum zur Beschleunigung spüre ich nicht, bis es hinab in den Tunnel unterm Hauptbahnhof geht. Da überholt mich ein Mann im roten Leibchen mit der Aufschrift "Roter Flitzer". Aus irgendeinem Grund triggert mich das dermaßen, dass er für mich zum "Roten Wichser" wird. Immerhin bin ich so reflektiert, zu erkennen, dass die Namenswahl unfair und völlig daneben ist, und dass ich sie in meinem Blog nicht werde erwähnen können. Was für ein Bild von mir würde ich da ab- und preisgeben! Kurzerhand nenne ich den Kerl um. Er wird zur "Roten Gefahr". Und die muss ich bannen!

Der Tunnel stinkt zwar nach Abgasen, aber man hat ihn mit Licht- und Soundeffekten sowie einem DJ zu einem echten Highlight der Strecke aufgewertet, die in ihrer neuen Führung nicht mehr mit Sehenswürdigkeiten wie dem Terrassenufer aufwartet. Das übliche Firmenlaufszenario mit nebeneinander laufenden Teams, die Überholen kaum zulassen, wird diesmal noch getoppt von Wanderinnen, die Bollerwagen ziehen!

Ich steigere mich in Frust und Wut hinein und wandele die Energie in Vortrieb. Es bleibt nicht aus, dass ich Körperkontakt riskiere, um irgendwo einen Weg nach vorn zu finden, nachdem ich auf das Ende der ersten Welle aufgelaufen bin. Da ist es mir dann gar nicht mehr so wichtig, als ich im allgemeinen Trubel auch den Roten hinter mir lasse.

Vorm Stadion geht es dann wieder auf diesen elenden Zick-Zack-Kurs, bevor wir auf die letzte Gerade kommen. Dort kann ich mir diesmal tatsächlich nicht nur einen Endspurt abverlangen, sondern auch einigermaßen umsetzen, da ein junger Läufer ehrfürchtig zur Seite springt, als er meine Geräuschkulisse hinter sich wahrnimmt. 

Im Ziel gelingt es mir noch, meine Medaille und ein alkoholfreies Bier zu ergattern. Dann will ich einfach nur aus diesem Gedränge raus. Menschenmengen ertrage ich immer weniger. Mit 21:30 ist meine Nettozeit 2 Sekunden kürzer, als die von mir selbst gestoppte Laufdauer. Als wäre das noch nicht erfreulich genug, stelle ich beim Abgleich mit meinem historischen Laufbericht äußerst zufrieden fest, dass ich 22 Sekunden schneller als vor drei Jahren war, was die eingangs postulierte Bestzeitentheorie unterstützt.

Montag, 15. Juni 2026

Marathon zur Himmelscheibe von Nebra

Während ich zwischen den hölzernen Palisaden des Sonnenobservatoriums Goseck hocke, um dort Schutz vor dem heftigen Wind zu suchen, der über das offene Gelände peitscht, kommt Waldemar Cierpinski auf mich zu und spricht mich an. Small Talk zwischen dem Doppel-Olympiasieger im Marathon und dem Marathon-Wiedereinsteiger. Dann ruft uns Waldemar als Organisator des Himmelswegelaufs an den Start.

Der Startschuss erlöst uns vom bibbernden Warten - denke ich. Doch die Startaufstellung im Inneren des Observatoriums dient nur der Show für die Presse. Nach dem Schuss werden wir ein paar Hundert Meter hinaus auf einen Feldweg geführt an eine imaginäre Startlinie. Dort entlässt uns ein zweiter Startschuss auf den Weg nach Nebra zum Fundort der Himmelsscheibe.

Die Kriminalgeschichte um die Raubgrabung der Himmelsscheibe und die Falle, die man den Räubern beim versuchten Verkauf stellte hatte mich vor Jahren schon in das Museum in Nebra gelockt. Es ist faszinierend, was für eine Hochkultur vor 2000 Jahren im heutigen Burgenlandkreis geherrscht haben muss. Heute kann man sogar feststellen, aus welchem österreichischem Stollen das Kupfer der Himmelsscheibe stammt. Dieser Stollen wurde von zwei Seiten vorangetrieben, wobei man nicht weiß, mit welchen Methoden damals sichergestellt wurde, dass die beiden Röhren sich unter der Erde trafen. Kurz, die Gesamtthematik um das jahrtausendealte Artefakt schlug mich in ihren Bann, und ich wollte diese Medaille, die der Himmelsscheibe nachempfunden ist. War es zunächst die umständliche Logistik der An- und Abreise zu diesem Punkt-zu-Punkt-Lauf, die eine Teilnahme am Himmelswegelauf verhinderte, stellte später meine orthopädische Unpässlichkeit in Frage, ob ich jemals wieder (Marathon) laufen können würde.

Die letzten Ultras und Marathons lief ich 2019. Ab 2022 begann der Wiedereinstieg mit einer Strecke von 400 m. Trotz vieler Rückschläge hatte ich Anfang 2025 die Halbmarathonmarke zurückerobert. Als nach weiterem vorsichtigen Aufbau in diesem Januar die 30-km-Grenze geknackt wurde, breitete sich die vorsichtige Hoffnung auf einen Marathon aus. Mit dem orthopädischen Schonprogramm von drei Laufeinheiten pro Woche und nur wenigen Läufen um die 30 km war klar, dass eher Erfahrung als Training die Basis dieses Langstreckenlaufs bilden würde.

Die flache Strecke führt im Unstruttal entlang der Weinberge durch die Felder. Der Wind peitscht uns entgegen, gelegentlich regnet es. Für dieses Wetter darf man dankbar sein, wie uns die sonnigen Momente auf dem weitgehend schattenlosen Kurs lehren. Der Veranstalter hat vorgebaut, aller 3 km gibt es einen VP. Da auch an jedem Abzweig ein Helfer positioniert ist, scheinen mehr Organisatoren als die 75 Teilnehmer auf der Strecke zu sein. Vielfach laufen wir auf der Landstraße, die zumindest in Gegenrichtung auch befahren ist. Ich vertreibe mir die Zeit mit der konsequenten Suche nach der Ideallinie. Besonders auf der Straße macht es einen Unterschied, ob man den Außen- oder Innenradius einer Kurve läuft. (Laut meiner Garmin werde ich 600 m auf der Marathondistanz gespart haben.)

Wir queren ein dunkelrot leuchtendes Feld voller Mohnblumen. Das ist vielleicht der schönste Eindruck, den wir gewinnen bei diesem Landschaftslauf auf flachem Asphalt. Die Unstrut bekommt man meist nur bei den Brückenquerungen zu sehen. Wir laufen durch das alte Freyburg und sehen die eine oder andere Burg auf den Weinbergen thronen.

Für mich steht "Ankommen" auf dem Plan, verbunden mit der Hoffnung, ohne Reue orthopädisch unversehrt heimzukehren. Aber so ganz ohne Zeitziel kann ich nicht. Ich würde schon gerne unter 4 Stunden bleiben. Also habe ich mit einer Pace von 5:36 geplant. Doch der Marathon-Novize, der ich heute wieder bin, läuft zu schnell los. Eine Pace von 5:22 steht auf der Uhr und fühlt sich gut an. "Ich werde heute finishen" wird zu meinem gutgelaunten Mantra. Bei der - nur virtuell vorhandenen - Halbmarathonmarke träume ich sogar vom negativen Split und beschleunige zumindest gefühlt. Denn ich überhole auf der sonst eher leeren Strecke gleich einen ganzen Pulk an Läufern. 

Und so geht es weiter. Immer mal wieder taucht am Horizont ein Läufer auf. Und ich versuche zu schätzen, wie lange es dauern wird, bis ich ihn eingeholt habe. So vertreibe ich mir die Zeit auf der einsamen Strecke. Bis Kilometer 30. Ab da habe ich mit mir selbst genug zu tun. Ab der 33-km-Marke muss ich um das Tempo kämpfen. Nach 35 km verliere ich den Kampf. Die Uhr Zeit jetzt 5:30. Ich erlebe auch noch den "Das machst du nie wieder!"-Moment. 

Erst bei Kilometer 39 wendet sich das Blatt. Schon lange ist ein Herr in Blau in Sichtweite, ohne dass ich ihm nennenswert näher gekommen bin. Doch am letzten VP bleibt er stehen. Kurzerhand lasse ich diese Labestation aus und ihn damit endlich hinter mir. "Bloß noch drei Kilometer! Das ist noch unter 3:50 drin!" Bald sehe ich die Brücke über die Unstrut, die ich von meinem Museumsbesuch kenne. Jetzt weiß ich, dass es "nur noch" den Endgegner auf der Zielgeraden zu bezwingen gilt - den einzigen Berg der Strecke. Alle Kräfte werden mobilisiert. Am Anstieg überhole ich sogar eine Fahrradfahrerin. (Sie schiebt.) Jetzt muss ich mir den Weg durch Menschenmassen bahnen, da die Laufstrecke nicht abgesperrt ist. Finisher der anderen Disziplinen strömen mir entgegen. Immerhin applaudieren viele von ihnen. Spaziergänger trödeln Richtung Ziel. Ich laufe Zick-Zack zwischen Hundeleinen. Wut wird zum Motivator. 

Und dann ist die wunderschöne Medaille endlich verdient! Ich bin fast 10 Minuten schneller als geplant und stoppe eine Zeit von 3:49:50. Nach 7 Jahren verletzungsbedingter Langstreckenpause gelingt mir nicht nur mein Marathon-Comeback, sondern dank des Manövers bei Kilometer 39 auch noch der  Altersklassensieg.


Mittwoch, 10. Juni 2026

Scharfenberger Silberlauf

KI-generiert, so ähnlich war's

Mit hängender Zunge trete ich im kleinsten Gang in die Pedale, während die Autofahrer hinter mir auf ihre Chance zum Überholen lauern. Wenn der Startort Scharfenberg heißt, muss man sich über einen "scharfen Berg" von 8% Steigung bei der Anfahrt nicht wundern. Da wird die Wettkampfstrecke wohl auch nicht flach sein! 

Auf das Warmlaufen kann ich also verzichten und mich direkt an die Startlinie der 11,6 km-Distanz stellen, wo es zu einem Wiedersehen mit dem Pulsmesserchen kommt, die mit ihrem Freund auf den letzten Drücker mit dem Rennrad anreiste. Das Jungvolk entschwindet schnell meinem Blick. Zum einen, weil ich gar nicht mithalten kann, zum anderen, weil ich mir eine gewisse Zurückhaltung auferlegt habe, befinde ich mich doch eigentlich im Tapering für größere Vorhaben. Daher will ich mit einem 5er Schnitt unter einer Stunde zu bleiben. Die ausgeschriebenen 220 Hm gestalten das Vorhaben weniger entspannt, als erhofft.

Schon bald nach Verlassen des Ortes führt die Strecke etwa 2 km lang hinab in eines der "Linkselbischen Täler", die das gleichnamige Landschaftsschutzgebiet bilden. Entsprechend groß ist der Liebreiz, der sich dem Läufer bietet. Das Bätterdach spendet Schatten, das Bächlein murmelt und die Schwerkraft treibt voran. Ungezählte Male ist der Bach auch zu queren. Meist gelingt es trockenen Fußes mit einem beherzten Sprung. Wenn die Schrittlänge gerade nicht passt, renne ich einfach durch. Aufgrund des Regens der Vortage habe ich mich für Trailschuhe entschieden - eine passende Wahl für diese herrlich naturnahe Strecke, die auch mit so manchem schmalem Pfad aufwartet.

Es geht hinaus aufs offene Feld. Die pralle Sonne heizt den steilen Anstieg auf, an dem die Athleten vor  mir ausnahmslos ins Gehen verfallen. Meine große Stunde schlägt! Ich bleibe im Laufschritt und überhole. Plötzlich kommen mir die Führenden entgegen auf dem engen Wiesenweg. Offenbar gibt es bald einen Wendepunkt. Der Freund liegt lachend auf Platz Zwei. Das Pulsmesserchen ist fokussiert und übersieht mich.

Nach der Wende stürze ich mich durchs hohe Gras wieder zu Tal. Ich überhole ein Grünhemd und schließe immer weiter zu einer roten Kappe auf. Gerade als ich das Rotkäppchen eingeholt habe, bemerke ich, dass ich rechts mit offenen Schnürsenkeln laufe. Ich hatte zwar einen Doppelknotens gebunden, aber darauf verzichtet, die Enden unter der Schnürung festzustecken. Damit ich nicht über meine eigenen Senkel falle, bleibt mir keine Wahl. Ich muss am Rand abknien und mir die Schuhe zubinden. Das Grünhemd zieht währenddessen vorbei.

Der Schuh ist geschnürt, nun schnüre ich - und zwar schnurstracks - Grünhemd und Rotkäppchen hinterher. Beide sind noch vor dem nächsten Berg eingesammelt. Fortan geht die Post ab. In Sichtweite läuft nämlich ein Mann im gelben Dress der Deutschen Post. Oder heißt die inzwischen DHL? Egal, wir erkunden noch ein weiteres linkselbisches Tal auf Singletrails, springen über weitere Gräbelein und finden kein einziges Blättelein. Labestationen mit Wasser sind aber reichlich vorhanden. Natürlich müssen wir auf dem Weg zurück zum Start-/Zielbereich wieder hinauf. Jetzt muss auch ich ein paar Gehschritte einschieben. Dem Postboten komme ich keinen Zentimeter näher.

Mit 55:47 bleibe ich im Soll, als ich die silberne Finishermedaille des Silberlaufs verliehen bekomme. An meiner großen Zufriedenheit nagt nur ein wenig der undankbare vierte AK-Platz. Das Pulsmesserchen erläuft "richtiges" Silber und wird mit 9 Sekunden Rückstand Zweite Frau. Der Freund siegt nicht nur, sondern stellt einen neuen Streckenrekord auf. Also überbrücken wir die Zeit bis zur Siegerehrung und genießen eine heiße Dusche sowie ebenso heißen Kaffee, der wie der Kuchen für nur 1€ wohlfeil ist. Mit weiteren Naturalien in Form von Saft und Joghurtdrinks werden die Sieger überhäuft. Ein Bergmann in traditionellem Gewand mit Geleucht und Arschleder übergibt die Präsente. Überraschenderweise erhalten auch die AK-Plätze 4 bis 6 Prämien, so dass ich mit einer Viererpackung Joghurt ausgestattet und versöhnt mit meiner Platzierung die Heimreise von dieser sehr empfehlenswerten Veranstaltung antreten kann.

Mittwoch, 13. Mai 2026

Rennsteiglauf Halbmarathon

Dunkel war’s, der Mond schien helle. Das glaubt jedenfalls die Pulsmesserin, die unseren Familienverband ab 2:45 Uhr in Richtung Rennsteig chauffiert. Tatsächlich leuchtet über der Autobahn nur das Logo einer Shell-Tankstelle. Zweifel an der Nachtsichtfähigkeit der Lenkerin verhindert fortan den Schlaf im Fond, trotz der frühen Stunde. 

Der Nebel hebt sich und lässt die Sonne in den Kessel der Oberhofer Ski-Arena scheinen. Wie die Gladiatoren marschieren wir ein, startbereit und voller Stolz. Obwohl wir uns mit unserem derzeitigen Leistungsniveau - fernab einst erlaufener Bestzeiten - angemeldet haben, dürfen wir uns im ersten von dreizehn Startblöcken, direkt nach der Elite, aufstellen. Während hinter uns noch über 7000 Athleten einströmen, empfinde ich tiefe Dankbarkeit für das auf diese Weise vor Augen geführte Privileg, auf diesem Niveau Sport treiben zu können - sogar gemeinsam mit meinen Kindern.

Während das Pulsmesserchen nach Rennsteiglied und Schneewalzer der Elite hinterherjagt, lassen es der Junior und ich betont ruhig angehen. Denn nach langer Verletzungspause bestand sein "Training" aus fünf Laufkilometern im letzten Monat. Wir werden Teil des riesigen Lindwurms aus Menschen, der sich den Rennsteig entlang windet.

Nach gut vier Kilometern verabschiedet sich der Nachwuchs aus unserem Duo. Ich könne gerne schneller laufen. Er würde jetzt den nächsten Baum ansteuern und dann versuchen, mich wieder einzuholen. Ich glaube nicht so recht an die angekündigte Aufholjagd, und versuche tatsächlich ein wenig zu beschleunigen, was aber an dem nun folgenden langen Anstieg eher moderat ausfällt.

Ich bin überrascht, als plötzlich der Junior wieder an meiner Schulter auftaucht und direkt vorbeizieht. Er ist wie ausgewechselt. Mit fröhlichem Gesicht hat er sich auf die Fährte einer jungen Frau in Weiß gesetzt, die von hinten das Feld aufrollt. Damit schlägt der Charakter des Laufes um. Wir sind jetzt "im Rennen". Unsere Pacemakerin voran, versuchen wir, uns durch Lücken in der dichten Läufermenge zu schlängeln.

So bringt uns der Flow bis zum höchsten Punkt der Strecke, der überraschenderweise mit Schnee bedeckt ist. Offenbar haben den die Veranstalter hier zur allgemeinen Belustigung ausgebracht. Das war mir bei meinen Supermarathon-Teilnahmen gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich war ich so langsam, dass bei meiner Ankunft alles schon weggetaut war. 

Das wilde Schneetreiben bringt alles durcheinander. Der Junior lässt abreißen, und die Weiße Frau wird langsamer, weil sie auf ihrem Handy rumtippt. Ein in ein rotes Dress gewandeter Herr wird kurzerhand von mir zum neuen Leitwolf auserkoren. Unsere Allianz bricht aber schon nach kurzer Zeit, weil auch er nicht schnell genug läuft, für den Sog, den die Startnummer auf meiner Brust nun erzeugt.

Am nächsten Anstieg schwächelt die Startnummer ein wenig. Ihre Wirkung reicht nicht aus, um zu verhindern, dass ein üppiger Triathlet an mir vorüberzieht, dessen hautenges Leibchen Erinnerungen an Presswurst wachruft, die der Vegetarier in mir sonst verdrängt.

Ein weißes Blinken im Augenwinkel! Auf der Kuppe taucht die Pacemakerin wieder auf und stürzt sich in den nächsten Downhill. Mit abenteuerlichen Überholmanövern arbeitet sie sich voran. Mir ist das auf dem unebenen Untergrund in der Enge der Meute etwas zu gefährlich, so dass sich unser Abstand zusehends vergrößert. Meine Getränkeaufnahme am VP in der Talsohle macht die Situation nicht besser. Als dann auch noch der einzige Trailabschnitt der Strecke folgt, und ich auf dieser engen Passage hinter einem anderen Läufer feststecke, kann nicht wieder zu ihr aufschließen. Später ist sie außer Sichtweite.

Trotzdem komme auch ich immer weiter nach vorn in der Schar der verschwitzten Leiber. Das ist keine große Kunst, hatte doch die Zwischenzeit bei der Hälfte noch eine Zielzeit von über 2 Stunden angezeigt Es fühlt sich aber großartig an! Ich zähle nur noch fünf Athleten, die mich bis ins Ziel überholen. Auch auf der Geraden ins "Schönste Ziel der Welt in Schmiedefeld" mache ich noch Plätze gut. 

Nach 1:49:04 drücke ich die Stopp-Taste der Garmin und gerate in den Fokus der Rettungskräfte im Nachzielbereich. Zweimal fange ich den prüfenden Blick je eines Sanitäters auf. Scheinbar bin ich mehr gezeichnet von der Hetzjagd, als mir bewusst ist. Aber ich werde nicht ins Sanizelt verbracht, sondern darf mich auf die Suche nach meinem Kleiderbeutel begeben.

Auch die Familie finde ich wieder. Das gemeinsame Fazit lautet: es war ein schönes Erlebnis, aber der Rennsteiglauffunke ist beim Halben nicht übergesprungen. Vor allem wegen der für uns aufwendigen Logistik werden wir künftig lieber kleinere, lokale Events unterstützen. 

Sonntag, 29. März 2026

Schneeglöckchenlauf 30 km

Nach dem verletzungsbedingten Ende meiner Ultrakarriere erziele ich weiterhin Fortschritte beim Wiederaufbau der läuferischen Möglichkeiten. Nach dem Finish eines Halbmarathons im letzten Mai wage ich mich heute an den Start über 30 km beim Schneeglöckchenlauf.

Mit dem Pulsmesserchen stehe ich gutgelaunt (zu) weit vorn im Startblock. Zusammen preschen wir fröhlich los, einfach weil es uns solchen Spaß macht. Mir ist natürlich klar, dass ich ihr Tempo nicht mitlaufen kann. Ich habe mit einer 5:30er Pace geplant. Also lasse ich sie nach dem in 4:45 min absolvierten ersten Kilometer ziehen, nehme Tempo raus und stelle fest, dass sich eine 5er Pace überraschend gut anfühlt.

Das Feld sortiert sich, und ich werde entsprechend der gewagten Startaufstellung überholt. Unter den Vorbeiziehenden bietet sich das ungewohnte Bild eines Mannes, der zu seinen kurzen Hosen ein dickes Sweatshirt, Wollmütze und einen langen Schal trägt. Die Mütze zieht er sich noch in meiner Sichtweite vom Kopf.

Meine Position in der Läuferschar ist bald gefunden. Ich halte die Pace. Denke ich jedenfalls. Da werden die Schritte des Duos hinter mir immer lauter, bis die beiden plötzlich an meiner Schulter auftauchen. "Breche ich ein oder beschleunigt ihr?", frage ich. Die augenzwinkernde Antwort lautet: "Wir wollen dich mental brechen!" Das soll ihnen nicht gelingen, aber dranbleiben kann ich nicht. Das liegt auch am nun zu bewältigenden Anstieg auf der ansonsten sehr flachen Strecke. Höhenmeter habe ich schon ewig nicht mehr trainiert, obwohl das einst meine Passion war.

Kurz vorm Wendepunkt kommt mir meine freudestrahlende Tochter entgegen. Wir klatschen uns ab. Sie wirkt ganz locker und liegt auf Platz 2 der Damengesamtwertung. Ihr Einbruch soll erst beim rückwärtigen Überqueren des Hügels erfolgen. Dennoch erkämpft sie einen Treppchenplatz und wird Dritte Frau.

Ich bin vollauf damit beschäftig, mein Tempo zu halten. Bis Kilometer 20 gelingt das einigermaßen unangestrengt. Danach gerät das Vorhaben zum Kampf. Die Beine schmerzen bei jedem Schritt. Aber nach so langem Durchhalten will ich die sub 2:30 h jetzt auch ins Ziel bringen.

Ab Rest-Kilometer 5 stöhne ich mich mit einer solchen Geräuschkulisse vorwärts, dass sowohl die Unterdinstanzler als auch die Konkurrenten auf der Strecke bereitwillig ausweichen, um Platz zum Überholen zu machen. Dass noch so viel Wettkampfhärte in mir steckt, mich derartig quälen zu können! 

Nun sehe ich auch den anfänglich warm eingemummelten Herrn wieder. Den Pullover hat er mittlerweile um die Lenden geschlungen. Den Schal trägt er in der Hand und wischt sich damit gelegentlich den Schweiß aus dem Gesicht.

Nach 2:28:31 lasse ich mir die goldene Schneeglocke um den Hals hängen und besteige das virtuelle Podest als Altersklassen-Dritter. Der neue läuferische Meilenstein ist erreicht. 

Gleichsam bin ich nun ich nun an einem Scheideweg angekommen. Orthopädisch habe ich die Belastung ohne spürbare Auswirkungen verkraftet. Büßen muss ich den Erfolg jedoch mit zwei Tagen, in denen ich völlig platt durchhänge. Nachdem ich mich mit viel mentaler Kraft in monatelangem Prozess vom Langstreckenlauf verabschiedet hatte, ringe ich nun mit mir, ob ich wirklich willens bin, künftig wieder dieses aufopferungsvolle Dasein zu führen.

Donnerstag, 11. Dezember 2025

Das Orakel des Pechkekses - Adventslauf Dohna

In der Vorweihnachtszeit macht man sich kleine Geschenke. Ich bekomme einen Pechkeks überreicht. Das Gegenstück zum Glückskeks fällt wohl eher in die Kategorie "Schrottwichteln". Sein Inhalt erweist sich als wenig erbauliche Wettkampfvorhersage: "Letzter. Gewöhn dich dran!"

Derart motiviert, lasse ich mich vom Pulsmesserchen zur Teilnahme am Adventslauf in Dohna überreden. Start und Ziel befinden sich im Gut Gamig. Allein dieses ehemalige Rittergut ist die Reise Wert. Die Erbengemeinschaft verzichtete nach der Wiedervereinigung auf ihre Rückübertragungsansprüche, so dass hier eine Rehabilitationsstätte für psychisch Kranke und seelisch Behinderte entstehen konnte, die heute warme Duschen und eine geheizte Cafeteria für die Läufer bereithält. Passenderweise findet zunächst ein Inklusionslauf statt, bei dem man sich prima warm- und einlaufen kann.

Um 13 Uhr erfolgt der gleichzeitige Start der Wettkämpfe über 4,3 und 9,6 km. Wir haben uns für die Langversion entschieden und haben zwei Runden zu absolvieren. Jede davon wartet mit gut 100 Höhenmetern auf. Zunächst herrscht das übliche Gedränge eines Laufes mit Bruttozeitmessung, bei dem jeder möglichst nahe der Startlinie losrennen will. Vor mir teilt sich das Feld, und ein Kind wird sichtbar. Aber es läuft nicht, es geht! Im letzten Moment kann ich ausweichen. Dann schneidet eine Läuferin urplötzlich die Kurve und macht damit für mich die Strecke zu.

Nach den beiden Schreckmomenten ist es geschafft, wir verlassen den Gutshof und stürzen uns einen schlammigen Wirtschaftsweg in ein Tal hinunter. Ich habe mich bei der Schuhwahl vertan und muss mit Straßenschuhen auf dem Untergrund zurecht kommen. Jenseits der Senke steigt der Kurs wieder an und gibt auf der Höhe den Blick in die wunderbare Umgebung frei. Die offene Landschaft hat ihren Preis. Eisiger Wind umpfeift meinen Leib. Das dürfte der erste Wettkampf sein, bei dem ich nicht schwitze!

Gut Gamig
Auf der zweiten Rundenhälfte kehren wir auf Schotterwegen zurück in das Tal, von wo aus der Matschberg zurück ins Gut führt. Zwei Kinder endspurten am Anstieg ihrem Ein-Runden-Ziel entgegen. Dann geht beiden die Puste aus, und sie müssen gehen. Trotzdem sind sie viel schneller als ich. Schneller sind auch meine Tochter und zwei Läufer hinter ihr, die ich der Optik wegen als Konkurrenten ums M55-Podest einschätze. Alle drei verteilen sich ziemlich konstant auf die direkt vor mir liegenden Hundert Meter. Mein Plan ist, auf der zweiten Runde diese Verteilung neu zu mischen.

Die Mischung verändert sich auch. Allerdings ohne mein Zutun. Am Anstieg aus dem Tal hinaus ziehen die beiden vermeintlichen Altersgenossen am Pulsmesser-Nachwuchs vorbei und mir davon. Wenn ich wenigstens meine Tochter einholen will, muss ich jetzt ihren leichten Einbruch am Berg nutzen und darf nicht nachlassen. Meter um Meter mache ich ganz langsam Boden gut. Die Zunge hängt mir in den Kniekehlen, aber auf der Anhöhe kann ich endlich zu ihr aufschließen. Die Übereinkunft, von nun an gemeinsam ins Ziel zu laufen, bedarf keiner Worte. Stattdessen sagt mein Pulsmesserchen: "WmfV - Wettkampf mit fittem Vater!" Damit macht sie wieder gut, dass sie unser gemeinsames Training der letzten Woche "ImaV" genannt hatte: "Intervalle mit alten Vater!"

Am Endgegner-Berg muss ich kämpfen, um Schritt halten zu können. Die schmale Zielgasse vereinzelt uns dann doch noch, da man nacheinander seinen Handgelenk-Transmitter an den Sensor für die Zeiterfassung halten muss. Aus der Moderation geht hervor, dass ich gerade mit der Gesamtsiegerin der Frauen gefinisht habe! Stolz mischt sich in meine Erschöpfung - Stolz auf meine Tochter, Stolz auf mich, der ich mithalten konnte.

Wir werden umfangreich belohnt. Direkt im Ziel bekommen wir eine im Gut Gamig handgetöpferte Medaille. Bei der Siegerehrung erhält die Juniorin vom Hauptsponsor, einem Dresdner Bäcker, einen 1,5 kg schweren Stollen und eine Flasche Sekt für den Gesamtsieg, und für den AK-Sieg gibt es noch Pulsnitzer Lebkuchen. Glücklicherweise war meine Wahrnehmung der vermeintlichen AK-Konkurrenz nicht ganz korrekt. Direkt vor uns lief der M55-Sieger ins Ziel und direkt nach mir der Drittplatzierte. Somit bin ich AK-Zweiter geworden und habe das Orakel des Pechkekses Lügen gestraft! Während der Sieger Lebkuchen essen muss, darf ich ein Sixpack gesunder Äpfel in Empfang nehmen!

Donnerstag, 20. November 2025

Trail Camara de Lobos 2025

Blick auf die ersten 580 Hm

 1000 Höhenmeter bringt mich der Linienbus hinauf in die Bergwelt Madeiras. Dann starte ich den schweißtreibenden Aufstieg zum Pico Grande. Doch noch bevor meine Augen die schroffe Gipfelwelt erblicken, erspähen sie etwas ungewöhnlich Buntes im Grün des Unterholzes. Bei näheres Betrachtung entpuppt sich das Objekt als eine der Markierungen, die für den Trailrun am nächsten Samstag angebracht werden: den Trail Camaro de Lobos. Da will ich mitmachen!

Die Web-Recherche ergibt drei mögliche Distanzen. Auf der längsten Strecke sind 1720 Hm zu absolvieren. Mit 39 km darf man sich hier bereits Ultra nennen. Dennoch ist das außerhalb meiner derzeitigen Fähigkeiten. Der "Trail Longo" entspricht ungefähr Halbmarathon mit 21,5 km und 1080 Hm. Da diese Tour in weiten Teilen identisch mit der bereits absolvierten Wanderung zum Pico Grande ist, entscheide ich mich für den Short Trail der mit 15 km und 940 Hm ausgeschrieben ist. Diese Strecke startet im Hafen des namensgebenden Fischerorts und führt nicht ganz so weit in die Berge hinauf, was beim angesagten Wetter von Vorteil scheint, da sich die Gipfel in Wolken hüllen.

Meine Entscheidung ist gefallen und der GPX-Track der Strecke auf die Uhr geladen. Da lasse ich mich auch nicht mehr davon abhalten, dass die Anmeldung zum Lauf schon seit Anfang November geschlossen ist. Ich starte einfach auf eigene Faust einen Tag vorm offiziellen Termin!

Der Bus Linie 1 spuckt mich an der Ortsgrenze aus, so dass ich noch einen Zusatz-Kilometer zum Hafen zu laufen habe. Ich habe nicht nur kein Startgeld bezahlt, nein, ich bekomme sogar eine Antrittsprämie - wie die Profis! Denn ich finde schon nach wenigen Schritten 20 € auf dem Fußweg. Seit zwei Tagen peitscht ein böiger Wind über die Insel. Der kann einem wohl einen Geldschein aus der Hand reißen. Ich gebe ihn allerdings nicht mehr her, wird mich die Rückfahrt mit dem Bus aus den Bergen doch satte 2,60 € kosten.

Im Hafen sehe ich die ersten 580 Hm vor mir aufragen. Die steilste Klippe Europas gilt es nun zu erklimmen. Oben hat man eine "Skywalk" genannte Kanzel mit Glasboden angebracht, von der man in die Tiefe unter den Füßen blicken kann. Das Touriprogramm lasse ich heute weg und biege mit komplett nassgeschwitztem Shirt in einen Tunnel ein. Im Dunklen laufe ich neben der Levada do Norte auf die andere Bergseite. Die Querung entpuppt sich als der reinste Windkanal, und mir ist ziemlich kalt, als ich wieder ins Licht trete. Inzwischen bin ich knapp unter der Wolkendecke angekommen. Es geht immer weiter hinauf. Riesige Pfützen und Schlamm kennzeichnen nach den starken Regenfällen der letzten Nächte, das was zuvor die Wege waren. Das Orgateam treffe ich mehrfach unterwegs. Sie bringen immer noch weitere Markierungen an. Noch nie bin ich auf so einer gut ausgewiesenen Wettkampfstrecke unterwegs gewesen. Die Schilder reflektieren sogar im Dunkeln! Die Männer feuern mich an und befreien mit Motorsägen und Macheten den Weg von umgefallenen Bäumen.

Der beginnende Nieselregen bringt mich endlich dazu, die Regenjacke über mein nasses Shirt zu ziehen, unter dem ich im immer stärker werdenen Wind langsam ausgekühlt bin. Kaum, dass ich den Reißverschluss hochgezogen habe, ergießt sich ein inseltypischer Schauer über mich. Der folgende Downhill ist ohnehin schon sehr technisch. Frisch bewässert erweist er sich als so rutschig, dass ich hier auch in meinen besten Zeiten nicht hätte laufen können. Heute taste ich mich unter Zuhilfenahme aller Extremitäten zu Tale und bin froh, mit meinem Geeier keine Wettkämpfer hinter mir aufzuhalten. Der Regen endet bald, doch die Jacke ziehe ich bis ins Ziel nicht mehr aus. In Estreito de Camara de Lobos scheint wieder die Sonne. Die Markierungen enden direkt an der Tür des Wettkampfbüros, die ich nach 2h30min erreiche.

Am nächsten Tag wird die offizielle Veranstaltung abgesagt, so dass ich 2025 wohl der einzige Finisher geblieben bin. Damit wird aus meiner Antrittsprämie sogar noch eine Siegprämie! 


Freitag, 15. August 2025

Sturm auf die Festung - Festungslauf Königstein

 Warum soll ich mich überhaupt noch an eine Startlinie stellen, wenn Bestzeiten nicht mehr zu erreichen sind? Es muss schon eine besondere Medaille winken, oder die Strecke muss ein spezielles Erlebnis bieten. Letztes ist beim Festungslauf auf jeden Fall gegeben!

Es gilt, sich vom Königsteiner Marktplatz auf die Höhe der Festung Königstein emporzuarbeiten. Dabei sind laut Ausschreibung 545 Höhenmeter, auf 8,8 km verteilt, zu überwinden. Das Motto für heute lautet daher: erst die Nahrungsergänzungsmittel und dann die Festung einnehmen!

Festung Königstein von der Elbe aus gesehen

Obwohl ich mich recht weit vorn aufgestellt habe, herrscht großes Gedränge auf den anfänglichen Segmenten. Die schmalen Wege bieten wenig Raum zum Überholen, insbesondere als drei Geher nebeneinander die Strecke dichtmachen. Ich nehme es relativ gelassen, hatte man mich doch vor einem zweiten fordernden Anstieg gewarnt, der ganz am Ende noch auf den Bezwinger der Verteidungsanlage warte. Somit versuche ich, ein paar Körner übrig zu behalten.

Andere sind nicht ganz so geduldig. Ein Duo zieht hintereinander an mir vorbei, als ich am Hang schon ins "strategische Gehen" gewechselt bin. Plötzlich kann auch der Führende der beiden nicht mehr im Laufschritt bleiben. Sein Hintermann, der nun feststeckt, schreit ihn an: "Jetzt lauf auch weiter, wenn du schon überholst!"

Endlich ist das Plateau erreicht! Der Kurs führt nun einmal um den Fuß der Festungsmauer herum. Es geht zwar einigermaßen flach voran, doch jeder Schritt auf diesem trailigen Pfad erfordert Aufmerksamkeit. Ich muss einen Konkurrenten vorbeilassen und bewundere die Eleganz, mit der der junge Orientierungsläufer über die Hindernisse federt. Ich hingegen lasse Federn!

Nun bäumt sich nämlich vor mir auf, wovor die Streckenerfahrenen warnten: der steile Weg in die Festungsanlage hinein! Auch die Dame, die sich an mir vorbeischiebt, kann keinen Sog entfalten. Wieder muss ich gehen! Die Verteidiger der Anlage könnten nun in Seelenruhe ihr heißes Pech von den seitlichen Mauern über mich ergießen. Wenigstens das bleibt mir erspart.

Letztes Drittel des finalen Anstiegs;
Quelle: Facebook, Festungslauf (nachbearbeitet)

Irgendwann ist es geschafft, und ich dringe in die Festung ein. Der hier aufgestellte Bogen dient offenbar nur der Verwirrung. Wir müssen noch entlang der Festungsmauer die ganze Anlage einmal umrunden. Die Länge der Runde von 1,3 km macht die gewaltigen Ausmaße der Verteidigungsanlage deutlich. Freud und Leid liegen hier eng bei einander. Der Ausblick in die Sächsische Schweiz ist traumhaft, aber noch eine Frau lässt mich hinter sich. Immerhin kann ich einen Vertreter der männlichen Konkurrenz einsammeln. Und dann ist urplötzlich und unerwartet (die Uhr hat erst 8,1 km gemessen) hinter einer Ecke der finale Zielbogen erreicht.

Na, da hätte ich ja auch noch ein bisschen mehr Gas geben können! Aber warum eigentlich (siehe oben)? Unter 50 Minuten wollte ich bleiben und bin mit meiner 48er Zeit, die für die Top Ten der Altersklasse gereicht hat, überaus zufrieden. 

Beim Aufbruch reicht der Blick bis nach Dresden, als die untergehende Sonne den Horizont rot erstrahlen lässt. Diesen Ausblick will ich mir in einem der Folgejahre nochmal verdienen! Vielleicht bringe ich dann sogar noch die Muße für eine Besichtigung der gestürmten Festung auf.

Mittwoch, 7. Mai 2025

Beim Spreewaldmarathon rumgegurkt

Heute geht es mal nicht um die Wurscht, sondern um die Gurke! Das Hauptziel ist der Erwerb der speziellen Medaille in Gurkenform, die beim Spreewaldmarathon in verschiedenen Farben angeboten wird. Gold gibt es für den Marathon. Wir wollen uns Silber verdienen beim Halben.

Wir, das sind das Pulsmesserchen und ich. Pulsmesser Junior hat seine Gurke schon, sogar die goldene. Außerdem erwarb er als AK-Sieger beim Marathon noch einen Gurkenpokal. Auf solche Ehren brauchen wir nicht zu spekulieren, denn auf den anderen Distanzen werden die Altersklassen nicht geehrt. Trotzdem gehen wir motiviert zu Werke. Das Pulsmesserchen stürmt über den Fußweg von hinnen und ward nicht mehr gesehen.

Auch ich versuche der völlig überfüllten Strecke über den Fußweg zu entkommen. Marathon, der Halbe, der 10er sowie Walker werden alle gleichzeitig gestartet. Der Aufstellbereich ist dafür aber viel zu klein, so dass das Feld noch in die Seitengassen quillt. Entsprechend wild geht es auf dem ersten Kilometer zu.

Ich versuche der Enge die positiven Seiten abzugewinnen und genieße das Laufen in einem großen Marathonfeld. Es ist  ja ein paar Jahre her, dass ich das zuletzt erleben durfte! Meine bescheidenen Zeitziele dürften dadurch kaum gefährdet sein, jetzt, wo ich zu den Langsameren gehöre. Garmin hatte mir eine Zielzeit von 1:43 prognostiziert. Die liegt etwa in der Mitte meines selbstgesteckten Zielbandes. Mit einer 5er Pace läge ich knapp über 1:45. Und mit 4:50er Pace käme ich bei 1:41:30 raus. Eine sub 1:45 soll es also heute für mich auf jeden Fall werden.

Nach 6 km verlassen wir die Straße und biegen in einen Fahrweg ein, wo wir auf die Run&Bike-Starter auflaufen, so dass es wieder eng zu geht. Ausgerechnet hier werde ich von einer kleinen Dame im pinken Dress überholt, deren armwerfender Laufstil als Symbol für die Ellenbogengesellschaft herhalten könnte. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um die Unversehrtheit meiner Leistengegend. Da sie nur unwesentlich schneller läuft, bin ich länger in der Gefahrenzone, als ich aushalte. Der einzige Ausweg: Flucht nach vorn. Das hilft zunächst. Später findet sie ihren Weg an mir vorbei, ohne dass ich nochmal in ihren Schwenkbereich gerate. Aber mein Zorn ist entfacht und will in positive Energie zum Vortrieb umgewandelt werden!

Das scheint zu funktionieren, denn ein Blick auf die 7-km-Zwischenzeit ergibt gute 33 min. Grob hochgerechnet wäre das eine 1:39er Zeit! Derlei Phantasien erlaube ich mir aber nicht. Stattdessen freue ich mich, ohne größere Quälerei im Soll zu liegen und träume vom negativen Split. Und tatsächlich drücke ich ab km 11 ein wenig auf die Tube, so dass ich langsam aber sicher ein paar Begleiter abschütteln kann, darunter ein schweratmender Langhaariger. Bei seinem Lungengerassel stelle ich sein Finish heimlich in Frage.

Dann kommt mein großer Moment! Ich überhole die pinke Ellenbogenschwingerin, die nichts davon ahnt, dass mein Vorüberziehen für mich auch ein innerlicher Vorbeimarsch ist. Aufgrund der unkoordinierten Startaufstellung kommt immer mal wieder jemand von hinten in deutlich schnellerem Tempo vorbeigerannt. Als aber plötzlich der markante Pferdeschwanz des Langhaarigen wieder vor mir baumelt, wird mir klar, dass meine Anstrengung zur gefühlten Beschleunigung nur dazu reicht, das Tempo zu halten. Ich kann den Haarigen wieder abschütteln. Doch nach der letzten der beiden Holzbrücken auf der ansonsten topfebene Strecke zieht es mir urplötzlich mental den Stecker. Seit geraumer Zeit hält sich ein junger Mann im brauen Hemd tapfer an meiner Seite, nachdem ich ihn eingeholt hatte. Mit einem Mal verlässt mich  der Kampfeswille. "Nun überhol' doch endlich!", denke ich und gebe mich innerlich geschlagen. 

Währenddessen bekommt das Pulsmesserchen auf der Bühne einen Blumenstrauß gereicht. Es gibt zwar keine Ehrung für die gewonnene Altersklasse. Stattdessen werden die ersten sechs Damen im Gesamteinlauf ausgezeichnet, zu denen sie als fünfte Frau zählt.

Mein Blick zur Uhr bei Kilometer 20 baut mich noch einmal auf. 1:37 zeigt sie an! Damit es ist nun zu spät, um für eine sub 1:40 zu kämpfen, aber eine 1:40er Zeit ist noch realisierbar. Ich lege den schnellsten Kilometer des Rennens hin und bekomme nach 1:40:27 die ersehnte Gurke von einer Frau in historischer Spreewald-Tracht um den verschwitzen Hals gehängt.

Dass ich mit dieser Zielzeit sogar meine optimistischste Prognose deutlich unterbiete, ist das Eine. Noch viel dankbarer bin ich aber dafür, seit dem verletzungsbedingten Ende meiner Ultrakarriere im Herbst 2019 heute meine längste Wettkampfdistanz  gelaufen zu sein - ganz ohne orthopädische Beschwerden!

Montag, 31. März 2025

Schneeglöckchenlauf

Bekannt ist der Schneeglöckchenlauf in Ortrand für seine besonders schönen Medaillen in Glockenform. Das Pulsmesserchen, trotz des niedlichen Namens inzwischen ins studentische Alter vorgerückt, hat einen Startplatz dafür geschenkt bekommen. Obwohl keine Ummeldung auf ihren Namen mehr möglich ist, will sie sich die Chance nicht entgehen lassen, erstmals 30 km am Stück zu laufen. Da wir eine gemeinsame Aktivität für das Wochenende geplant haben, komme auch ich  unverhofft an eine Wettkampfstartlinie.

Zum Glück sind auch kürzere Strecken wohlfeil. Ich werde für die 10 km nachgemeldet. Meine Startunterlagen werden mir ins Haus gebracht. Ich muss also nur noch hinfahren und loslaufen!

Geparkt wird auf einer großen Wiese (direkt am Ortsrand von Ortrand, aua!) unmittelbar am Start-/Zielgebiet. Den Autos entsteigen Sportler mit Stöcken. Erwarten uns alpine Anstige, die wir nun mangelhaft ausgerüstet zu bewältigen haben werden? Meine Geografie-Kenntnisse und ein Blick auf die nicht ganz so stark ausgemergelten Stockträger rufen die Ausschreibung in Erinnerung: es sind auch Walker zugelassen! Eine nahe Sporthalle bietet Umkleiden, Duschen und Toiletten (Pro-Tipp: WC's ohne Anstehen gibt es versteckt auf der Galerie). Und direkt vor der Halle laufe ich mich auf der Aschenbahn warm, nachdem die Tochter auf ihre Langstrecke verabschiedet ist.

Gleich nebenan steht der Start- und Zielbogen. Dort wird es recht eng, denn 10 und 15 km werden gemeinsam gestartet. Außer den Läufern stellen sich auch  noch die Wanderer mit auf. Ich möchte mich doch gern vor den Gehern im Feld platzieren und finde überraschend einen Bypass zu denen Absperrungen, der mich bis ganz nach vorn an die Startlinie bringt. Dort erhalte ich einen ordentlichen Rüffel von einer Ordnerin. Ich hatte versehentlich die Zieleinlaufgasse für den 5-km-Wettbewerb in Gegenrichtung benutzt!

Nun stehe ich gleich ein wenig zu weit vorn, habe ich mir doch nur eine Pace von 4:50 min/km vorgenommen. Mein Ruhejahr hat ganz schön an der Form genagt, so dass ich mit einer Zielzeit von sub 48 min zufrieden sein will. Doch das Feld sortiert sich schnell. Anfangs sind noch ein paar Sportler um mich herum, die ich vermutlich mit meiner Suche nach der Ideallinie verrückt mache. Dann verlassen uns die 15-km-Aspiranten, und ich bin recht einsam unterwegs.

Den Charakter des Laufes kann ich schwer einschätzen. Ich trage Trailschuhe, weil ich in Laufberichten von Schlamm und "schwieriger Strecke" gelesen hatte. Straßenschuhe wären aber auch ausreichend gewesen. An Untergründen wird vieles geboten: Asphalt, gepflasterter Wirtschaftsweg, Waldautobahn, Sand und sogar ein gewundener Pfad entlang eines baumbestandenen Bachlaufes. Vielleicht ist "Landschaftslauf" die passende Überschrift.

Unterwegs passiert nicht viel. Ich überhole eine kleine Gruppe nach etwa 3 km. Dann erschrecke ich, als furchtbar spät ein "4 km"-Schild auftaucht. Erleichtert lese ich beim Näherkommen den kleingedruckten Zusatz "Nur noch". Die 4- und 5-km-Marken habe ich also verpasst.

Ausgerechnet auf dem engen Pfad am Bach laufe ich noch einmal auf zwei Mitstreiter auf und stecke eine Weile fest. Ganz reicht es aber nicht zur Bezeichnung "Single Trail", so dass ich doch eine Möglichkeit zum Überholen finde.

Brav prüfe ich meine Zwischenzeiten und bin immer im Soll oder leicht darunter. Erst bei Kilometer 8 gucke ich auch mal auf die Gesamtzeit. Was?! Meine Hochrechnung ergibt ein mögliches Finish unter 46 Minuten! Nun kitzelt mich doch der Ehrgeiz. Ich beschleunige. So weit mir das möglich ist. Die Wettkampfhärte ist mir abhanden gekommen. Also Tunnelblick und speicheltriefende Lefzen braucht der Leser sich jetzt nicht vor's innere Auge zu rufen. Dennoch wird es immer besser! Ein letzter Blick zur Uhr 200 m vorm Ziel signalisiert: sub45 sind auch noch drin!

Hurtig nehme ich den Abzweig in die Zielgeraden, und höre aus dem Lautsprecher: "... legt sich in die Kurve und jetzt reißt er die Faust hoch!" Grund für den Jubel sind die Zielzeit von 44:33 min und der zweite Platz in der neuen Altersklasse M55.

Später stößt der Nachwuchs genauso glücklich dazu, hat sie doch die bisherige Schallmauer von 27 km durchbrochen und nebenbei Platz 2 ihrer AK, nein der W45 belegt.

Stolz lassen wir uns die wirklich schönen "Medaillen" umhängen. Das Gebimmel nervt zwar auf dem Weg zum Auto, aber wir beschließen, dass wir uns vom selben Veranstalter auch noch die Spreewaldgurke und die Schneeflocke verdienen wollen.

Dienstag, 18. März 2025

6K mit K: Körperertüchtigung, Kemenate, Kunst, Kultur, Kulinarik, Kaputtes

Kunst im Lost Place
K., alias Pulsmesser Jr., hat zu einem  6K-Wochenende geladen. Die Programmpunkte sind Körperertüchtigung, Kemenate, Kunst, Kultur, Kulinarik und Kaputtes.

Direkt nach der Ankunft in der studentischen Kemenate geht es mit der Kulinarik los, als mir ein üppiges Frühstück serviert wird. Derart gestärkt, sind wir bereit für das nächste K, den Kunst-Genuss. Wir besuchen die Fotoausstellung “Die Straße ist mein Atelier” mit Bildern eines Palästinensers, der den DDR-Alltag und auch die Nachwendezeit dokumentierte. Danach wird es abenteuerlich, als wir uns zu zwei Lost Places Zugang verschaffen, wo wir viel Kaputtes sehen, aber auch Graffiti-Kunst. Nach weiterer Kulinarik aus dem Rucksack, eingenommen auf einer sonnigen Parkbank, radeln wir zur Körperertüchtigung in einen Calisthenics-Park. Ich trainiere unter der fachkundigen Anleitung des angehenden Sportlehrers K. Dennoch ist der Besuch für mich ernüchternd, da die meisten Übungen für mich zu anspruchsvoll sind. Noch weiter deprimiert mich der stark an Liam Neeson erinnernde Typ meines Alters, der in den Trainingspausen in seinen ausgebeulten Joggingklamotten gramgebeugt herumschlurft, aber in den Sätzen die unglaublichsten Kunststückchen an den Geräten vollführt. Ich hingegen scheitere an so einfachen Sachen wie Kopfstand, Klimmzug oder Felgaufschwung - alles Dinge, die ich früher beherrscht habe. Zum Trost gibt es in der Kemenate ein kulinarisches 3-Gänge-Menü, das von einem generationenübergreifenden Kultur-Programm begleitet wird. Vorgeführt wird der aktionsgeladene und humorvolle Film “Back in Action” mit Cameron Diaz, deren blaue Augen nach wie vor unwiderstehlich sind.

Calisthenics Park

Der Sonntag steht ganz im Zeichen der Körperertüchtigung. Wir starten zu einem Sightrun über 15 km. Außer dem Völkerschlachtdenkmal sehen wir auch den Standort der ehemaligen Tabaksmühle, von der aus Napoleon die Völkerschlacht befehligte. Wir stoppen kurz an einem der vier Österreicher-Denkmale, die an die Teilnahme österreichischer Truppen an der Völkerschlacht erinnern. Auf dem Weg zum Stadion von Lok Leipzig durchqueren wir den Rundling. Diese im Bauhausstil errichtete Wohnanlage lockt den Läufer mit Strava-Segmenten auf den ringförmig angelegten Straßen. Zum Abschluss passieren wir eine IL-62 der Interflug, auf dessen Tragfläche sich jetzt die Terrasse eines Restaurants befindet. Beim Anblick des Lokals entwickeln wir Appetit auf Frühstücks-Kulinarik, die wir uns ungeduscht in der Kemenate zuteil werden lassen. Denn direkt danach wird die Körperertüchtigung mit einer 53-km-Radtour durch das Leipziger Neuseenland fortgesetzt. Besonders beeindruckend ist das “Kap Zwenkau”, wo sich am Rande eines ehemaligen Braunkohlentagebaus ein exklusives Wohnquartier mit Marina entwickelt hat. Da kann die studentische Kemenate nicht ganz mithalten, bietet aber dem erschöpften väterlichen Leib, der nun ebenfalls der Kategorie "Kaputtes" zuzuordnen ist, die Gelegenheit für eine finale Dusche nach diesen ereignisreichen 6K mit K.

Donnerstag, 27. Februar 2025

Mein erster Orientierungslauf

Mein selbstauferlegtes "wettkampffreies Jahr" (über die Gründe wäre noch ein längerer Blogpost zu verfassen) ging offiziell am Neujahrstag zu Ende, doch eine Jahresplanung für 2025 habe ich nicht erstellt. Dennoch bin ich in meinen ersten Wettkampf zufällig hineingestolpert.

Ich hatte gerade die ersten Kilometer meines langen Wochenendlaufs (nun ja, "lang" ist relativ, ich habe mich bis maximale 23 km hochgearbeitet und will es zunächst nicht weiter steigern) hinter mir, als mir eine einzelne Dame auffiel, die sehr ambitioniert durchs Unterholz preschte. Neugierig geworden, schärfte ich den Blick und sah nun immer mehr Menschen, die in ein Sportdress gewandet und mit einem Zettel in der Hand kreuz und quer durch die Botanik spurteten. Das Rätsel löste sich, als ich auf einen Mann stieß, der im Walde an einem Campingtisch saß und auf seinen Laptop schaute. Er erklärte mir, dass hier gerade ein Orientierungslauf stattfände, und er das Ziel betreue. Wenn ich es einmal ausprobieren wolle, sei hier ein Chip für mich und der Start läge etwa 300 Meter in jene Richtung. Zum Einstieg empfahl er die kurze, einfache Runde. Die würden zum Beispiel die Kinder absolvieren. Immerhin wurde das Wort Bambinilauf vermieden.

Ich ließ mich nicht lumpen und fand tatsächlich den Start - ein quer über den Pfad liegendes Flatterband. Überrascht wurde dort zur Kenntnis genommen, dass ich als völlig Unbeleckter teilnehmen wolle, und das auch noch ohne Kompass! Auch hier wurde befunden, dass ich die Kinderrunde probieren solle. Man händigte mir die Karte für die Runde "Schneemann" aus und gab mir eine Kurzeinweisung in die spezielle Kartensymbolik der Orientierungsläufer.

Meine Aufgabe bestand nun darin, auf einem etwa 2 km langen Kurs 9 Stationen und das Ziel (das ich ja schon kannte) in der richtigen Reihenfolge zu finden. Die Stationen befanden sich irgendwo im Gelände, auf der einfachen Tour in den meisten Fällen jedoch relativ wegnah.

Ich rannte los und hatte sofort meinen Aha-Moment. Solange ich stehend auf die Karte geguckt hatte, schien mir noch alles klar. Aber sobald ich lief, konnte ich nicht mehr auf die Karte schauen. Also blieb ich gleich wieder stehen und suchte mir den Punkt auf der Karte, bis zu dem ich erstmal rennen wollte, um dann von dort wieder neu zu navigieren. Mir erschien es einfacher, den Umweg über die Wege zu laufen. So erreichte ich tatsächlich die Stationen 1 und 2, die beim Orientierungslauf "Posten" genannt werden. Es handelte sich jeweils um einen rostigen Erdspieß, an dessen oberen Ende eine etwa handhohe und beindicke Markierung in Orange einen Empfänger umschließt, in den man seinen Chip steckt, bis ein Piepton das erfolgreiche Einchecken bestätigt.

Der Posten 3 war nur querfeldein zu erreichen. Allerdings war die Stelle zwischen zwei Sandgruben sehr markant und auch für mich als Rookie auszumachen. Dennoch übersah ich im unebenen Gelände die Postenmarkierung und schämte mich nicht, eine Frau um Hilfe zu fragen, die die Runde mit ihren beiden Kleinkindern abwanderte. 

Fortan lief es wieder, und meine Weg-Folgen-Strategie brachte mich von Station zu Station. Zu Posten 8 ging es wieder nur querfeldein. Es war der Canyon des "Verlorenen Wässerchens" zu queren. Hier half mir meine Ortskenntnis. Ansonsten kamen mir meine Erfahrungen im Umgang mit einer Karte aus den vielen Jahren des Geocachings zu Gute. Und meine Teilnahme als Schüler am sogenannten Militärischen Mehrkampf, bei dem u.a. mit Karte und Kompass im Gelände Stationen zu finden waren, erwies sich als  nicht ganz umsonst. Und so konnte ich nach einer knappen halben Stunde meinen Chip zurückgeben und meinen langen Lauf fortsetzen.

Am Abend fand ich im Internet meinen Namen auf Platz 1 der Ergebnisliste. Der Stolz über mein gelungenes Debüt mischte sich mit der Scham darüber, die Kinder um ihre Podestplätze gebracht zu haben.

Mittwoch, 17. Januar 2024

Schon wieder Häme!

Neuerdings muss ich gar nicht erst bei einem Wettkampf starten, um mich mit hämischen Bemerkungen überschütten zu lassen. Es reicht, wenn ich mich zum  Sport in den öffentlichen Raum wage.

Als ich neulich von einem Trab durch den Schnee zurückkehrte, nutzte ich die windgeschützte und sonnenbeschienene Garageneinfahrt für mein Dehnprogramm. Durch die lange Verletzungsphase habe ich meine Lektion gelernt und weiß jetzt, wie wichtig vorheriges Aufwärmen und das Dehnen danach sind. Nur scheinbar hapert es noch ein wenig mit der akkuraten Ausführung der Übungen. Jedenfalls blieb ein altes Mütterchen stehen und meinte: 

"Ist Ihnen nicht gut oder machen Sie Sport?!"

Dienstag, 2. Januar 2024

Hofewiese-Trail

Hofewiese
 Mit dem Herbstwaldlauf von der Hofewiese durch die Dresdner Heide setzt sich die letztens beim "Kleinen Sachsenlauf" begonnene Serie der Läufe fort, bei denen ich unterwegs von anderen Läufern mit Schmähungen bedacht werde.

Die Hofewiese liegt inmitten der Dresdner Heide, wo nur wenige Pkw abgestellt werden können. Somit schwinge ich mich auf's Rad und pedaliere bei Sonnenschein durch den bunten Herbstwald zum Startort. In der Nachbetrachtung wird das der genussvollste Teil des Tages bleiben.

Ich habe mich auf eine Schlammschlacht eingestellt, verursacht durch die ergiebige Streckenbewässerung  in der letzten Nacht. Der sandige Boden der Heide hat aber gutmütig die meiste Flüssigkeit bereits abgeleitet, so dass ich auf der dreimal zu absolvierenden 4,5-km-Runde nahezu sauber bleibe. 

Die Runde führt zunächst abwärts, wo ich mir wieder mit langen Schritten einen Vorteil zu verschaffen trachte. Am nächsten Anstieg muss ich dann nicht nur Federn, sondern auch einige eben Überholte wieder vorbei lassen. Einer davon wendet sich mir zu mit den Worten: "Bist wohl Bergabläufer, was?!"

Streckenabschnitt Hofewiese
Immerhin gibt mir die über mich ausgeschüttete Häme die Kraft, dem Schmäher auf den Fersen zu bleiben. Natürlich mit dem Plan, ihn kurz vor dem Ziel meinerseits im Endspurt auf die Plätze zu verweisen. Als der hämische Schmäher selbst zu einer beschleunigten letzten Runde ansetzt, muss ich "mein Ziel dynamisch anpassen". Immerhin kann ich noch ein paar Plätze in der Rangliste gutmachen und später in den Ergebnissen beruhigt lesen, dass der Schmäher in einer jüngeren AK unterwegs war.

Überhaupt darf ich eine ganz positive Jahresrückschau halten. Mein Wiedereinstieg ins Laufgeschehen scheint nachhaltig geglückt. Ich bin sogar bei neun Wettkämpfen gestartet und konnte dabei die Distanz von 5,8 km auf die heutigen 13,5 km verlängern.

Nachtrag: Der Hofewiese-Trail alias Herbstwaldlauf fand bereits am 12.11.2023 statt. Auf meine Teilnahme folgte eine längere, läuferische Unpässlichkeit, die auch die Priorität der Bloggerei beeinflusste. Aber im neuen Jahr wird alles besser!

Donnerstag, 9. November 2023

Kleiner Sachsenlauf

Meine erste Teilnahme am Kleinen Sachsenlauf in Coswig wird keine Wiederholung erfahren, denn es handelt sich um die letzte Austragung der Veranstaltung. Das kleine Orga-Team wird sich auf den Fortbestand des Sachsenlaufs fokussieren. Der große Bruder des kleinen Laufs hat es sogar geschafft, dass die Start-/-Zielstraße in "Sachsenlaufweg" umbenannt wurde.

Und dort finden sich die 333 Starter der 3 Distanzen der 33. Austragung gemeinsam ein, von wo sie zusammen auf die welligen Kurse durch den Herbstwald geschickt werden. Nach ein paar Hundert Metern biegen wir in die Straße "Am Ameisenhügel" ein. Der Name erweist sich als starke Untertreibung, denn dieser erste Anstieg scheint der steilste und längste der ganzen Runde  zu sein. Mir zieht er körperlich und mental direkt den Stecker. Hatte ich mich ohnehin schon weit hinten im Starterfeld befunden, so werde ich jetzt noch weiter ans Ende durchgereicht.

Seit der Männergrippe neulich bin ich nicht wieder richtig auf die Beine gekommen. Die Uhr berichtet seit Wochen eine geringe Herzfrequenzvariabilität und leitet daraus den Trainingszustand "Ermüdung" ab. Das deckt sich mit meinem Gefühl. Es haben sich auch wieder orthopädische Symptome eingestellt. Neuerdings habe ich "Knie" und den Verdacht, es könnte an den neuen Schuhen liegen. Trotz allem scheint mir ein Start die bestmögliche Nutzung meines Sonntags zu sein. 

Ich versuche also dem Lauf über 11,4 km die positiven Seiten abzugewinnen und mache mir den blauen Himmel und das bunt gefärbte Laub bewusst. Nach 2 km erleben wir das Highlight der Strecke, als wir den Seerosenteich passieren. 

Der Seerosenteich im Frühjahr

Geschichte wiederholt sich. Wie in Einsiedel überhole ich abwärts und werde aufwärts wieder überholt. (Auch wenn es hier deutlich flacher zugeht.)  Dennoch kann ich nach und nach auch ein paar Plätze gutmachen. Insgesamt tröste ich mich damit, dass die am anfänglichen Ameisenhügel gewonnene Höhe Richtung Ziel ja wieder verloren werden muss. Nur verwirklicht sich das nicht so wie erwartet.

Nach Kilometer 9 gilt es, noch einen markanten Anstieg zu bewältigen. Dort zieht der Mann, der mir die letzten acht Kilometer an den Fersen klebte, gleichauf und gibt mir mit: "Was ist los mit dir? Du bist doch mein Pacemaker!", bevor er von hinnen zieht. 

Auch sonst lässt sich diesmal nichts schönrechnen. Als ich nach 0:54:42 im Ziel ankomme, ist der ganze Kuchen schon alle!


Montag, 23. Oktober 2023

Einsiedler Herbstcrosslauf

Startklappe
 Die Fahrt nach Einsiedel, einem Vorort von Chemnitz, ist für die Pulsmesserei eine Zeitreise. In Chemnitz haben wir einst studiert und die hügelige Landschaft des Umlands ausgiebig genossen. Im Starterfeld stelle ich fest, dass der hier gesprochene, lokale Dialekt heimatliche Gefühle in mir auslöst. Eine Kostprobe der hiesigen Version der sächsischen Mundart liefert die spätere Siegerin, als sie streckenbezogene Informationen preisgibt: "Dor Bauer hadde Guhscheiße ni weggemocht. Da müss mor glei durchrammeln!" (Der Landwirt habe den Kuhdung nicht beseitigt, so dass wir da in Bälde hindurchzurennen haben werden.)

Bevor es jedoch so weit ist, warten wir auf das Startsignal. Das gibt der Verantwortliche des ausrichtenden Klubs "Skiverein Einsiedel" passenderweise, indem er als Startklappe die Laufsohlen von ein paar Ski zusammenknallen lässt. Damit werden wir auf den 6-km-Kurs entlassen, den es zweimal zu passieren gilt, um auf die ausgeschriebenen 12 km mit 500 Höhenmeter zu kommen.

Die ganze Nacht hat es geregnet. Und entgegen aller Prognosen regnet es noch immer. Entsprechend aufgeweicht empfängt der Boden unsere Laufschuhe. Erstmals bin ich froh darüber, dass bei meinem spontanen Trailschuh-Notkauf neulich nur ein Goretex-Exemplar vorrätig war. Wir queren den besagten Bauernhof, der vom Niederschlag anscheinend ganz gut gereinigt wurde. Dahinter geht es steil über die Weide in den Wald hinein und immer weiter bergauf. Ich werde reihenweise überholt. Nur die drittplatzierte Dame kann ich meinerseits überholen.

Wo es hinauf geht, muss es auf einer Runde auch wieder hinunter führen. Und dann schlägt jeweils meine Stunde. Mein Vertrauen in den Grip des Brooks Cascadia wird nicht enttäuscht, so dass ich mit schnellen Schritten die Piste runter pesen kann und etliche Plätze gutmache. Nur um sie am nächsten Berg wieder einzubüßen.

So wogt das Geschehen hin und her, als überraschenderweise schon die erste Runde absolviert ist. Dabei zeigt die Uhr erst 5,5 km. Und gute 30 min. Die Zeit passt zu meiner vorher abgegebenen Ziel-Prognose von etwa einer Stunde, die einer 5er Pace entspricht. Optimismus breitet sich in mir aus. Verstärkt wird das Gefühl dadurch, dass der ob seines grauen Bartes als AK-Konkurrent wahrgenommene Sportler bei einem Blick zu Tale inzwischen weit unter mir zu sehen ist. So setze ich das Hin-und-her-Gewoge auf Runde 2 mit dem verbliebenen "Jungvolk" fort. 

Ich bin jetzt genau dort, wo ich sein will: im Gewoge, unter Gleichgesinnten, im Matsch, in der hügeligen Natur der sächsischen Heimat - einfach im Flow. Gut, auf den Regen und das Gefühl sich anbahnenden Seitenstechens könnte ich verzichten.

Der Vorteil zweier Runden besteht darin, ganz gut abschätzen zu können, wann mit dem Endspurt zu beginnen ist. Ich warte noch das extrem rutschige Gefälle ab, an dem ein extra abgestellter Streckenposten Warnhinweise ruft. Trotzdem kommt ein Athlet vor mir zu Fall. Auch mir fehlt inzwischen die Kraft in den Oberschenkeln, um mit hoher Geschwindigkeit sicher zu Tale zu fegen. Aber unten gebe ich mir die Sporen. Jetzt bloß nicht mehr überholen lassen!



Und so gelingt mir ein negativer Split mit deutlich schneller gelaufener zweiter Runde, als ich nach 58:46 min ins Ziel laufe. Damit darf ich als AK-Dritter aufs Podest. Auch hier hat sich der Veranstalter etwas Besonderes ausgedacht. Die aus Holzpaletten errichtete Sieger-Tribüne wurde mit Herbstlaub geschmückt. Sogar die Sieger-Pokale stellen ein Laubblatt dar. Ich bekomme nur eine Urkunde, aber auch diese ist mit dem Blatt bedruckt. Während die Gesamtsieger einen 150-Euro-Gutschein erhalten, stellt sich bei den Preisen der AK-Gewinner die Frage, ob es sich nicht eher um eine Strafe handelt. Sie gewinnen einen Aufenthalt am "Kältesten Ort in Chemnitz" - einer Kältekammer mit Minus 85 Grad Celcius.

Ganz so exklusiv ist mein Podestplatz dann doch nicht, wie es sich anfühlt, wenn man da oben steht. Von 67 gemeldeten Sportlern, laufen 59 ins Ziel. Die Altersklassen werden hier nicht in 5-Jahresschritten, sondern aller 10 Jahre zusammengefasst. Trotzdem bleiben damit - von W20 bis M60 - zehn Altersklassen, deren drei Sieger jeweils aufs Podest dürfen. Jeder Zweite wird hier im Schnitt geehrt!

Das ist nicht der alleinige Grund dafür, dass so viele bis zum Schluss der Veranstaltung warten. Das üppige Buffett, das mit veganem Kuchen, Kürbissuppe und Gegrilltem Feta im Tomatenbett auch Ernährungswünsche abseits des Mainstreams bedient, dürfte auch dazu beitragen (Steak und Wurst vom Grill sind ebenfalls wohlfeil). Zusätzlich wird ganz am Ende ein Wochenende in einem Wohnmobil unter allen anwesenden, erwachsenen Startern verlost. (Der Besitz eines Führerscheins ist seltsamerweise keine Bedingung.) Bei der Lotterie kommt es zu einem besonderen Vorfall. Der erste Griff des Moderators, der während seiner eigenen Teilnahme am 12-km-Rennen von einem Ersatzmann vertreten worden war, zieht die Startnummer eines nicht Anwesenden. Er greift noch einmal in die Lostrommel - und zieht seine eigene Startnummer!



 

Freitag, 6. Oktober 2023

Reise zum Mittelpunkt Sachsens - Tharandter Waldlauf

Blick von der Waldbühne
Da Sachsen der Nabel der Welt ist, gerät eine Reise zum Mittelpunkt Sachsens fast zur Reise zum Mittelpunkt der Erde. Auf jeden Fall ist es ein kleines Abenteuer, beim Tharandter Waldlauf zu starten, in dessen Nähe sich der besagte Mittelpunkt befindet.

Die größte Herausforderung besteht darin, den Start zu finden. Wir folgen dazu den sportlich gekleideten Menschen, die am Ende einer Sackgasse einen Pfad steil bergauf ins Dickicht nehmen und dort verschwinden. Glücklicherweise sind die längeren Distanzen schon unterwegs, so dass man sich akustisch an der Moderation orientieren kann. Letztlich finden wir ein Freilichttheater mitten im Wald, das als Start- und Zielgelände dient.

Das jüngste (wenn auch inzwischen erwachsene) Pulsmesserchen und ich wollen uns der 10-km-Distanz stellen, die auf 4 Runden durch den Wald zu bewältigen ist. Waldwege, Asphalt und ein Stück Single-Trail bilden den Untergrund des welligen Kurses. An den Abwärtspassagen spiele ich meine langbeinige Statur aus und ziehe mit großen Schritten zu Tal. Ansonsten ist es ein Kampf. Nur einen positiven Moment kann ich verbuchen. An einer Stelle verjüngt sich die Laufstrecke zwischen schlammigen Pfützen.zu einem schmalen Pfad. Dort gerät das Feld ins Stocken. Ich fräse mit meinen Goretex-Trailschuhen durch die Brühe und überhole die wasserscheue Konkurrenz, darunter auch meine Tochter. Sie ist die einzige, die sich nach dem Lauf bei mir über das Vollspritzen beschweren kann.

Der letzte Anstieg führt direkt zur Zielgasse. Vor mir am "Berg" erspähe ich angegrautes Haar und wittere AK-Konkurrenz, so dass ich mir zum Überholen einen echten Endspurt rausklingele. Denn hier werden die drei AK-Besten auf der Waldbühne geehrt. Der Ergraute gehörte wohl nicht dazu. Ich muss mich mit AK-Platz 4 begnügen. Der ist aber nicht undankbar, sondern zu Recht zugewiesen. Die ersten Drei waren so weit vor mir, dass ich sie nicht einmal gesehen habe.

Ganz anders ergeht es meiner Tochter. Als erste Frau läuft sie in die Zielgasse - und verliert die Platzierung auf der Ziellinie, die ihre Konkurrentin mit einem langen Schritt zuerst passiert. Klingt dramatisch, aber der Siegerin wird ein schlimmeres Schicksal beschieden sein. Während das Pulsmesserchen immerhin als AK-Siegerin geehrt wird, geht die eigentliche weibliche Siegerin komplett leer aus. Da die Gesamtsieger nur im Rahmen der AK-Ehrung ausgezeichnet werden, die Siegerin aber zu jung für die ausgeschriebenen Altersklassen ist, wird sie überhaupt nicht auf die Bühne geholt.

Von diesem Lapsus abgesehen, handelt es sich um eine dieser kleinen, handgemachten Veranstaltungen, wie ich sie mag. Es fehlen hier nur die Vereinsmütter, die selbstgebackenen Kuchen zu fairen Preisen feilbieten. Wahrscheinlich ist es zu beschwerlich, diesen in den Wald zu karren. Die Lücke schließt ein professioneller Holzofenbäcker, bei dem es allerdings mit den fairen Preisen etwas hapert. Bananen und Äpfel gibt es dafür kostenlos im Ziel.

Für mich ist dieser Ausflug wieder ein kleiner Meilenstein, denn wie früher haben sich die Pulsmesser gemeinsam auf Wettkampfreise begeben und bringen sogar eine Medaille mit nach Hause.

Verschiedene Medaillen für AK- und Gesamtsieger


Montag, 25. September 2023

BobRun Altenberg

 Der Aufstieg vom Parkplatz zum Beginn der Bobbahn gibt schon einen kleinen Vorgeschmack auf die finale Steigung des Wettkampfs, dessen Start und Ziel sich am Beginn des Altenberger Eiskanals befinden. In der Ausschreibung ist von bis zu 15% die Rede. Oben pfeift ein eisiger Wind bei einstelligen Temperaturen. Mein mitgebrachtes ärmelloses Wettkampfhemd bleibt in der Tasche. Stattdessen setze ich lieber noch eine Mütze auf. Die Moderatorin preist unser Wetterglück, im Vorjahr habe es geschneit. Die Organisatoren haben entsprechend vorgesorgt und schenken heißen Tee aus. Überhaupt ist auf dem Gipfel alles Nötige vorhanden: WC, Umkleide (wenn auch unisex), Kleiderbeutelabgabe. Nur eine Dusche gibt es nicht. Scheinbar kommt die bobfahrende Zielgruppe dieser Infrastruktur bei ihrem eisigen Tun nicht ins Schwitzen.

Ich hingegen fühle mich nach dem Einlaufen runter zum Parkplatz und wieder hinauf anständig beheizt. Mit den gut 100 anderen Startern stürme ich nach dem Startsignal neben dem Eiskanal zu Tale. Ich hatte Höhenmeter mit Trail gleichgesetzt und entsprechend profiliertes Schuhwerk gewählt. Das stellt sich als unnötig heraus, da der Kurs hier auf Asphalt geführt ist und später in gut befestigte Waldwege übergeht, bevor die finale Betonröhre des Eiskanals erreicht wird.

Wellig geht es auf und ab durch den Wald. An den abwärts führenden Passagen lasse ich die Schritte lang werden und ziehe an etlichen BobRunnern vorbei, nur um mich an den folgenden Anstiegen wieder überholen zu lassen. So wogt das Geschehen hin und her. Soweit ich es überblicken kann, bin ich der einzige, der die Strecke durch konsequentes Idealliniesuchen zu optimieren trachtet. Die Ultra-Strategie dürfte mir auch auf diesem 8-Komma-Irgendwas langen Kurs ein paar Meter ersparen. Eine letzte Kampfreserve spare ich mir für die Eisröhre auf. Nicht dass ich mir für die spezielle Bergwertung zur Kür des schnellsten Eiskanalsprinters irgendwelche Chancen erhoffe. Ich will auf diesen letzten 1200 Metern aber keinesfalls gehen müssen.

Die beiden Kilometer 6 und 7 führen gefühlt nur talwärts. Mental ist klar: das müssen wir alles wieder hoch! Nach einer 90-Grad-Kehre geht es auch schon los. Zunächst auf Asphaltstraße hinauf zum Ende der Bobbahn, dann im spitzen Winkel rein in die Röhre! 

Ich war der Ansicht, dass im Kanal kein Überholen möglich sein würde und hatte mir Sorgen gemacht, ein Hindernis für die besseren Läufer darstellen zu können. Dass die Sorge unberechtigt war, macht mir ein muskelbepackter Konkurrent klar, den ich bergab überholt hatte. Er flutscht einfach vorbei. Ich hechele aufwärts und nehme nach ein paar Kurven erstaunt zur Kenntnis, dass es temporär wieder abwärts geht - ein Gegenanstieg für die Bobfahrer also. Ich bin ganz dankbar dafür und mache ein paar Meter gut, nur um kurz darauf von einem Jungspund aufs Altenteil verwiesen zu werden. Er gehört zum "Landeskader Sachsen", wenn man seiner Rückenaufschrift glauben darf. Die Sportart wird nicht verraten. Ein Lauftalent hat er jedenfalls, ist er doch deutlich schneller, obwohl er immer wieder zwischendurch geht! Ich kann wie geplant im Laufschritt bleiben. Am "Noch 400 m"-Schild beschließe ich, die Reste der Kampfreserve zu mobilisieren und setze zum Endspurt an. Der überholte Mitstreiter wirkt völlig überrascht. Das Erfolgserlebnis will ich mir 100 m vorm Ziel noch einmal gönnen. Doch der Konkurrent hört mein Keuchen, dreht sich erschrocken um - und sprintet wie von einer Feder gezogen davon. Da brauche ich mich gar nicht mehr zu bemühen, so chancenlos lässt er mich zurück. Eine Sekunde nach ihm erreiche ich das Ziel, wo wir beide erstaunt feststellen, dass wir gerade den Kampf um den AK-Sieg ausgetragen haben. Ich muss mich also mit dem zweiten Platz AK begnügen, bekomme aber trotzdem eine schöne Finisher-Medaille. Auch unter die Top Ten habe ich es als 16. nicht geschafft. Bei 116 Finishern reicht es auch nicht für die ersten 10 Prozent. Dafür bin ich "zweite Frau" geworden. Und als die Bergwertung online geht, sehe ich, dass ich zumindest dort der Schnellste in meiner AK gewesen bin. 

Auch abgesehen von derlei herbeigerechneten "Erfolgen" kann ich die effizient organisierte Veranstaltung rundherum empfehlen. Mit dem Eiskanalfinish kann sie zudem gegenüber dem gewöhnlichen Waldlauf mit einer kaum vergleichbaren Attraktion punkten.

Mittwoch, 23. August 2023

Dresdner Nachtlauf

Zieleinlauf bei Nacht und (Bühnen-)Nebel
Dieser Lauf ist für mich ein weiterer Meilenstein, denn er führt mit 11,5 km über die längste Wettkampfdistanz seit meiner Verletzung!

Zur Startzeit um 20 Uhr herrschen schwüle 26 Grad, so dass ich bereits nach dem Einlaufen durchgeschwitzt bin und nass im Starterfeld stehe. Dort fällt mir auf, dass die Läufer um mich herum alle ein durchsichtiges Plastikarmband tragen, in dem auch ein Batterie zu sehen ist. Mist, habe ich vergessen den Zeitnahme-Chip aus dem Startbeutel anzulegen? Ein kurzer Check der Startnummer zeigt aber, dass der Chip dort integriert ist. Dann ertönt auch schon das Startsignal. Und es passiert: nichts!

Nach vielen Minuten dringe ich doch noch zum Startbogen vor und sehe, dass dessen Öffnung mit Absperrgittern künstlich auf ca. 2 m Breite verjüngt wurde. Vermutlich soll das dazu dienen, dass nicht zu viele Läufer zugleich auf den Elberadweg entlassen werden, der ebenfalls nicht breiter ist.

Wie sich herausstellt, gelingt das nur mäßig. Demütig, wie ich inzwischen geworden bin, hatte ich mich etwas zu defensiv im Starterfeld platziert. Das hat nun zur Folge, dass ich permament überhole. Zum einen ist das natürlich ein geiles Gefühl. Zum anderen ist es aber nur möglich, wenn ich neben der Strecke durch die Wiese renne. Als alter Trailrunner stelle ich mich dieser Herausforderung. Ein paar Meter vor mir tut es mir ein junger Mann in Schwarz gleich. Außerdem läuft er mit ähnlicher Geschwindigkeit und gerät mir so zum Zugpferd.

Ich hatte kein gezieltes Tempotraining betrieben. Die späte Startzeit und die hohe Temperatur bei gleichfalls hoher Luftfeuchte schienen mir ebenfalls nicht vernachlässigbar. Also lautet der Plan, eine Pace zwischen 4:30 und 5:00 zu erreichen. Somit bin ich hochzufrieden, als sich die Pace konstant bei 4:34 einpegelt. Ich bin zuversichtlich, das so ins Ziel zu bringen und laufe durchweg im Flow und überhole und überhole. Dabei beherzige ich eine DLV-Regel, die ich vormals dem Trainer meines Sohnes abgelauschte: was nicht abgesperrt ist, gehört zur Strecke. Also folge ich möglichst der Ideallinie.

Nur mein Rappe (das "schwarze Zugpferd") kommt trotzdem nicht näher. Doch was macht er, als wir uns dem Wendepunkt am Blauen Wunder nähern? Er scheut! Bleibt einfach stehen und trinkt! Muss ich mir eben ein neues Pferd oder einen Hasen suchen. Und so scanne ich die diversen Rückansichten der entsprechenden Aspiranten. Ich finde kein neues Leittier, stattdessen werde ich auf eine Reise durch die Stationen meines bisherigen Lebens mitgenommen. Da läuft einer im Shirt eines Vereins aus Chemnitz, wo ich einst studierte. Ein anderer weist sich als Kanupolo-Spieler in Glauchau aus. Dort paddelte ich als Kind auf dem Stausee, wo ich Kanurennsport trainierte. Nur hieß der Verein damals noch "BSG Chemie Glauchau", wobei BSG für Betriebssportgruppe stand. Kanupolo wurde erst nach der Wende ins Vereinsprogramm aufgenommen. Vorher lag der Fokus auf der Nachwuchsbildung neuer Olympiakader, was mich beinahe auf eine Sportschule gebracht hätte, wenn meine Eltern nicht zu Gunsten einer eher wissensbasierten Bildung interveniert hätten. Einer läuft sogar im Finisher-Shirt vom Venloop, dessen einzigartige Stimmung ich innerhalb meiner 23 Jahre dauernden Zeit im Düsseldorfer Exil genießen durfte.

Die ungünstig beleuchtete Damenumkleide
Während meiner Retrospektive ist die Dunkelheit hereingebrochen, was hier etwa eine Stunde früher passiert als im kürzlich verlassenen oben genannten Exil. Und damit klärt sich die Funktion der durchsichtigen, batteriebetriebenen Armbänder. Sie leuchten im Dunkeln! Nach dem Überqueren der Waldschlösschenbrücke, deren Bau dem Dresdner Elbtal seinen Status als UNESCO-Weltkulturerbe gekostet hat, steigt die Stimmung an der Strecke. Der Weg ist nun mit lauter brennenden Feuertöpfchen markiert. Zusätzlich sind die Kronen der Allee-Bäume entlang des Rosengartens bunt illuminiert. Und extra aufgebaute Lichttunnel werden durchquert. Woanders trommeln Sambabands. Die Zuschauer, die bisher nur auf "ihren" Läufer gewartet hatten, feuern jetzt alle an, so dass mir nicht nur eine Laola zuteil wird, sondern auch noch mein Nachname erklingt. Ich muss wohl das Meldeformular falsch befüllt haben. Jedenfalls bin ich der einzige, der statt des Vornamens seinen Nachnamen auf der Startnummer ins Ziel trägt.

Diesmal gelingt mir sogar ein Endspurt. Rundherum zufrieden empfange ich die Medaille und genieße in einem Liegestuhl das gekühlte Finisher-Bier. Dass ich früher in der Pace von 4:34 einen ganzen Marathon laufen konnte, blende ich aus und erfreue mich am 166. Gesamtplatz von 1240 Startern und dem 14. Platz innerhalb der 148 Läufer der M50.

Nachzielbereich