Nach dem verletzungsbedingten Ende meiner Ultrakarriere erziele ich weiterhin Fortschritte beim Wiederaufbau der läuferischen Möglichkeiten. Nach dem Finish eines Halbmarathons im letzten Mai wage ich mich heute an den Start über 30 km beim Schneeglöckchenlauf.
Mit dem Pulsmesserchen stehe ich gutgelaunt (zu) weit vorn im Startblock. Zusammen preschen wir fröhlich los, einfach weil es uns solchen Spaß macht. Mir ist natürlich klar, dass ich ihr Tempo nicht mitlaufen kann. Ich habe mit einer 5:30er Pace geplant. Also lasse ich sie nach dem in 4:45 min absolvierten ersten Kilometer ziehen, nehme Tempo raus und stelle fest, dass sich eine 5er Pace überraschend gut anfühlt.
Das Feld sortiert sich, und ich werde entsprechend der gewagten Startaufstellung überholt. Unter den Vorbeiziehenden bietet sich das ungewohnte Bild eines Mannes, der zu seinen kurzen Hosen ein dickes Sweatshirt, Wollmütze und einen langen Schal trägt. Die Mütze zieht er sich noch in meiner Sichtweite vom Kopf.
Meine Position in der Läuferschar ist bald gefunden. Ich halte die Pace. Denke ich jedenfalls. Da werden die Schritte des Duos hinter mir immer lauter, bis die beiden plötzlich an meiner Schulter auftauchen. "Breche ich ein oder beschleunigt ihr?", frage ich. Die augenzwinkernde Antwort lautet: "Wir wollen dich mental brechen!" Das soll ihnen nicht gelingen, aber dranbleiben kann ich nicht. Das liegt auch am nun zu bewältigenden Anstieg auf der ansonsten sehr flachen Strecke. Höhenmeter habe ich schon ewig nicht mehr trainiert, obwohl das einst meine Passion war.
Kurz vorm Wendepunkt kommt mir meine freudestrahlende Tochter entgegen. Wir klatschen uns ab. Sie wirkt ganz locker und liegt auf Platz 2 der Damengesamtwertung. Ihr Einbruch soll erst beim rückwärtigen Überqueren des Hügels erfolgen. Dennoch erkämpft sie einen Treppchenplatz und wird Dritte Frau.
Ich bin vollauf damit beschäftig, mein Tempo zu halten. Bis Kilometer 20 gelingt das einigermaßen unangestrengt. Danach gerät das Vorhaben zum Kampf. Die Beine schmerzen bei jedem Schritt. Aber nach so langem Durchhalten will ich die sub 2:30 h jetzt auch ins Ziel bringen.
Ab Rest-Kilometer 5 stöhne ich mich mit einer solchen Geräuschkulisse vorwärts, dass sowohl die Unterdinstanzler als auch die Konkurrenten auf der Strecke bereitwillig ausweichen, um Platz zum Überholen zu machen. Dass noch so viel Wettkampfhärte in mir steckt, mich derartig quälen zu können!
Nun sehe ich auch den anfänglich warm eingemummelten Herrn wieder. Den Pullover hat er mittlerweile um die Lenden geschlungen. Den Schal trägt er in der Hand und wischt sich damit gelegentlich den Schweiß aus dem Gesicht.
Nach 2:28:31 lasse ich mir die goldene Schneeglocke um den Hals hängen und besteige das virtuelle Podest als Altersklassen-Dritter. Der neue läuferische Meilenstein ist erreicht.
Gleichsam bin ich nun ich nun an einem Scheideweg angekommen. Orthopädisch habe ich die Belastung ohne spürbare Auswirkungen verkraftet. Büßen muss ich den Erfolg jedoch mit zwei Tagen, in denen ich völlig platt durchhänge. Nachdem ich mich mit viel mentaler Kraft in monatelangem Prozess vom Langstreckenlauf verabschiedet hatte, ringe ich nun mit mir, ob ich wirklich willens bin, künftig wieder dieses aufopferungsvolle Dasein zu führen.
