Montag, 24. Juli 2017

"Auf der Leibzucht" - Deutschlandlauf 2017

Immer wieder die Frage von passierenden Rad- oder Autofahrern: "Was issen das für'n Marathon?" "Das ist der Deutschlandlauf von Sylt auf die Zugspitze über 19 Etappen und 1300 km." Und jedesmal muss ich kleinlaut anfügen: "Ich laufe nur die heutige, achte Etappe über 83 km von Werne nach Solingen mit."

Startnummer

Am Vorabend hatte ich das Leben "in vollen Zügen" genossen, denn ich war mit der Bahn zum Ziel der siebten und längsten Etappe (90 km) nach Werne an der Lippe gereist. Der Weg vom Bahnhof zur Turnhalle ist gut markiert, denn zufällig führt auch die Laufstrecke durch die Bahnhofsunterführung.

Am Ziel bin ich erstaunt über die Größe des Trosses, der die Läufer begleitet. Zwei Miet-Lkw und zahlreiche Campingfahrzeuge bilden vor der Turnhalle eine Wagenburg. Einer der Helfer betreibt aus seinem Campinganhänger heraus einen kleinen Kiosk, an dem die Läufer Snacks und gekühltes Bier erwerben können.

Wagenburg

Ich habe "mit Halbpension" gebucht. Mein Turnhallenschlafplatz beinhaltet Abendessen und Frühstück. Leider ist meine Pflichtausrüstung unvollständig. Ich habe kein Geschirr dabei. Aber für ein Stück Pizza auf die Hand reicht es, als der italienische Lieferdienst einen Kleinwagen voller Familienpizzen, Pasta und Salaten bringt. Er muss zweimal fahren!

Für die Veganer gibt es einen Spezialservice. Eine Triathletin begleitet die Läufer auf der Tour mit dem Fahrrad. Morgens zieht sie einen Hänger, aus dem heraus sie den ersten VP betreibt. Dann fährt sie weiter ins Ziel und kocht das vegane Dinner.

"Kiosk"-Angebot - auf das Wesentliche beschränkt

Gestartet sind auf Sylt 61 Sololäufer, ein 75-jähriger Tretrollerfahrer und zwei 2er-Teams, deren Starter jeweils einen Tag ruhen können, wenn der Partner läuft. Dazu kommen noch Leute wie ich – Sensationstouristen als Tagesbesucher.

Ich erlebe mit, wie am Abend zwei Solo-Läufer das Rennen abbrechen müssen, womit sich die Zahl der Solisten auf 52 verringert. Feuerrote, heiße Flecken auf den Beinen signalisieren akute Sehnenentzündung. Man sieht straff in Frischhaltefolie gewickelte Waden, geschwollene Gelenke, Eisbeutel auf Schienbeinen und Füße voller Blasen. Unter der Dusche komme ich nicht umhin zu bemerken, dass bei Manchem auch die empfindlichsten Teile wundgescheuert sind. Den Abbrechern werden ihre restlichen Blasenpflaster und Kanülen zum Aufstechen von Blasen regelrecht aus den Händen gerissen. Ein Läufer hat eitrige, offene Fußsohlen. Trotzdem wird er die nächste Etappe antreten.

Mir wird klar, diese Ausnahmesportler sind mental so stark und körperlich so gut trainiert, dass nur mangelnde orthopädische Robustheit ein Ankommen auf der Zugspitze verhindern kann.

Kühlen der Fußgelenke

Wie auf einem U-Boot, einer Forschungsstation in der Arktis oder eben bei "Big Brother" ergeben sich innerhalb der Läufer-Zwangsgemeinschaft auch Spannungen. Heutiger Streitpunkt: die ausgegebenen Eiswürfel zum Behandeln von Entzündungen wurden zum Kühlen von Getränken zweckentfremdet. Aber der eigentliche Dauerbrenner scheint die Aufteilung der Starter auf zwei Gruppen zu sein. Das werde ich noch selbst zu spüren bekommen! Die langsameren Starter sollen eine Stunde vor den anderen loslaufen. Scheinbar mischen sich auch etwas Flinkere in diese erste Gruppe, so dass sie vor dem eigentlichen Tagessieger im Ziel sind.

Während um 21 Uhr die offizielle Nachtruhe beginnt, kommen jetzt die Letzten, nach 16 Stunden Laufzeit, im Etappenziel an. Sie müssen noch essen, duschen und ihre Wunden versorgen, bevor auch sie sich endlich hinlegen können.

In den Schlaf wird heute jedoch kaum jemand finden. Das Licht in der Turnhalle lässt sich nicht abschalten. Trotz herausgedrehter Hauptsicherung sorgt ein zweiter Stromkreis für "Notbeleuchtung", die jedoch reichlich überdimensioniert scheint. Ohrstöpsel habe ich dabei, aber die Schlafmaske nicht. Notgedrungen ziehe ich mir die Schlafsackhülle über den Kopf. Besonders gut atmet es sich darunter in der aufgeheizten Halle nicht. Insbesondere, da die Halsschmerzen, die mich seit ein paar Tagen plagen, jetzt in einen rauhen Husten übergehen.

Nun ja, lange dauert das Martyrium ohnehin nicht, denn um 3:40 Uhr wird geweckt, damit um vier Uhr gefrühstückt werden kann. Die Helfer dürften schon deutlich eher aufgestanden sein, um die riesige Kaffeemaschine auf Temperatur zu bringen. In Ermangelung eines Tellers esse ich statt Müsli Käsebrote und Obst und sauge dabei die Stimmung auf. Die meisten scherzen ausgelassen und malen sich aus, wie sie sich auf der Zugspitze betrinken werden. ("Viel Alkohol wird dazu nicht nötig sein!") Ein anderer will heute unterwegs unbedingt irgendwo vier Kugeln Eis mit Sahne essen. Der Franzose neben mir schwärmt davon, wie schön es sei durch den Regen zu laufen. Er wird heute tanzend an den VP's gesehen werden. Ganz selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass ich eine 100-km-Bestzeit habe. Enttäuschung kommt erst auf, als ich sie nenne. Und was antwortet man diesen Langstreckenspezialisten auf die Frage: "Läufst du viele Ultras?"

Füße hochlegen im Etappenziel

Um 5 Uhr wird die große, erste Gruppe gestartet. Zehn Solo-Läufer, ein Team-Läufer und ich starten eine Stunde später. Inzwischen hat es so stark angefangen zu regnen, dass ich meine Regenjacke aus meinem eigentlich bereits abgegebenen Gepäck heraushole. Der Starter hat keine Lust nass zu werden, so dass wir direkt aus der Halle heraus loslaufen.

Der Wind ist genauso heftig wie der Regen. Ich spüre, wie sich mein Infekt in eine ausgewachsene Erkältung verwandelt. Permanent trieft mir der Schnodder von der Nase. Ich hoffe, dass ich wenigstens an den VP's mit einermaßen rotzfreiem Gesicht erscheine. Doch was jammere ich über meinen Zustand! Mein Befinden ist so unbedeutend angesichts der Leiden, die die anderen klaglos, meist sogar fröhlich, durchstehen. Hier kann man eine Lektion in Sachen mentaler Härte lernen!

Die biologisch abbaubare Sprühkreide hat im Regen, besonders auf saugfähigem Untergrund, schon recht erfolgreich mit dem Auflösungsprozess begonnen. Nach 35 Minuten hört der Guss ganz plötzlich auf. Ab jetzt sind die aufgesprühten Markierungen viel besser zu sehen. Ich frage mich, wer die Pfeile so gewissenhaft anbringt. Und wann? Dieses Rätsel wird sich heute noch lösen.

Aller 10 Kilometer gibt es Versorgung. Teilweise werden diese VP's von den mitreisenden Helfern betreut. Örtliche Vereine betreiben die zusätzlichen. Was für eine Leistung, all das punktgenau zu koordinieren! Es ist eine Herausforderung, sich so einem Lauf zu stellen. In meinen Augen ist es eine mindestens ebenso große Leistung, eine derartige Veranstaltung zu organisieren.

Mir war klar, dass sich eine Route dieser Länge am einfachsten entlang von Landstraßen planen lässt. Insofern bin ich überrascht, dass wir ein ganzes Stück einem Kanal folgen, und dort einen See und eine Marina passieren. Der Hafenkiosk hat am sehr frühen Sonntagmorgen sogar schon geöffnet, was einige der Läufer nutzen, um sich einen Coffee-to-Run mitzunehmen. Ab jetzt treffe ich immer wieder auf einzelne Frühstarter. Darunter ist auch ein fröhlicher Franzose, der in Crogs läuft!

Alle fünf Kilometer sind markiert, sogar die Halbmarathonmarke. Dann die Aufschrift: "Noch 50 km". Während ich noch grübele, ob diese Information nun motivierend ist, passiere ich ein Straßenschild: "Auf der Leibzucht". Wie passend! Hier werden Leiber gezüchtigt. Mögen sie dem Willen ihrer Inhaber gehorchen und sie alle zur Zugspitze bringen!

Auf der Leibzucht

Der Weg von Nord nach Süd durch Dortmund zieht sich, besonders da die Stadt direkt in den Ort Witten überzugehen scheint. Immerhin, es fließt kaum Verkehr, und jede Menge Bäcker bieten zusätzliche Labemöglichkeiten. Nach dem üppigen "Watt läuft"-VP mit sensationeller Stimmung geht es stetig hinauf ins Bergische Land, und das Auge wird mit Grün verwöhnt. Je näher wir der Heimatregion des Veranstalters Oliver Witzke kommen (Solingen, das heutige Etappenziel, ist sein Heimatort), desto schmaler werden die Pfade. Man spürt, dass er sich hier auskennt. Die Markierung "Zur Zugspitze" (der Kreidesprüher hat offenbar Humor) führt jetzt auf einen Radweg, der auf einer ehemaligen Kohlebahntrasse verläuft. Diese geht bald in die Bahntrasse auf bekannter WHEW-Streckenführung über. Folgerichtig wird der dortige VP von Guido Gallenkamp, dem WHEW-Organisator, betreut.

Dort, bei km 60, erfahre ich, dass bisher nur der Tretrollerfahrer gesehen wurde. Sollte ich etwa gleich an zwei Wochenenden in Folge als Erster durch ein Ziel laufen? Doch jetzt erwarten mich die Anstiege des Bergischen Landes. 1266 Höhenmeter weist die Strecke laut Track auf. An der 65-Km-Marke lege ich hangaufwärts die erste Gehpause ein. Da kommt von hinten Henry und zieht grußlos vorbei. "Das kann doch nicht sein, dass ich nicht so schnell laufen kann wie jemand, der schon seit Sylt unterwegs ist!" Der Gedanke reicht mir offenbar, um meine mentalen Kräfte wieder zu bündeln. Ich hänge mich hinten dran und versuche etwas Smalltalk, was nicht so gut gelingt. Stattdessen wird mir vorgeworfen, dass ich als schneller Läufer mit den 5-Uhr-Startern losgelaufen sei. Ich nehme das nicht übel angesichts der Strapazen, denen sich diese außergewöhnlichen Menschen unterziehen. Wer weiß schon, welche Gedanken sie in den vielen einsamen Stunden vorantreiben oder bremsen. Aber die Chemie scheint nicht für viele gemeinsame Kilometer zu passen. Am VP bei km 67 setze ich mich nach vorn ab.

Was ich nicht weiß und erst später ergoogle: der in Norwegen lebende Sachse Henry Wehder ist schon seit 12.6. als Etappenläufer unterwegs. Er ist am Nordkap gestartet und integriert den Deutschlandlauf in seinen privaten Transeuropalauf bis nach Gibraltar. Anschließend will er noch den Spartathlon in Griechenland anhängen und somit insgesamt 10.200 km in 111 Tagen laufen.

So langsam beginne ich, die herbeigesehnte 80-km-Marke zu vermissen. Da spricht mich eine Radfahrerin an. Sie habe nicht damit gerechnet, dass jetzt schon ein Läufer kommt, und sei mit dem Markieren der Strecke noch nicht fertig. Kein Problem, ich habe ja den GPS-Track auf meiner Uhr!

Wenig später kommt mir Oli entgegen geradelt. Er teilt mir mit, dass er den Läufern heute den besonders schwierigen Aufstieg auf dem Serpentinen-Trail zum Schloß Burg (die Wupperbergemarathon-Finisher unter den Lesern schmunzeln hier wissend) ersparen und die Strecke um einen Kilometer verkürzen will. Ich finde seine Wegbeschreibung in der Realität nicht wieder und folge dem Originaltrack ins Ziel, das ich nach 8:39:29 durchlaufe. Dort sitzt zu meiner Enttäuschung schon Klemens, der Zweier-Team-Läufer, der die Abkürzung offenbar besser gefunden hat. Kurz danach erreicht auch Henry als führender Solo-Läufer die Jugendherberge.

Zwei Solo-Etappenläufer beenden Etappe 7

Es verdient den höchsten Respekt, sich dieser Strecke überhaupt zu stellen und einige Etappen zu meistern. Wie viele die Zugspitze erreichen werden, ist schwer zu prognostizieren. Die heutige Etappe hat die Zahl der Solo-Läufer auf 46 dezimiert. Aber, dass es Menschen gibt, die bei einem Etappenlauf so schnell sein können und diesen sogar noch um ein Vielfaches verlängern, liegt noch immer außerhalb meiner Vorstellungskraft, obwohl ich selbst (ein bisschen) dabei war.


Sonntag, 16. Juli 2017

Mit dem Fahrrad zum 1. Dickelsbachmarathon


Waren die lokalen Laufjunkies vor einer Woche in ein tiefes, mentales Loch gefallen und hatten Hilfeschreie bei Facebook versandt, weil keine Wettkämpfe stattfanden, so muss man an diesem Wochenende fast schon von einem Überangebot sprechen. Ich erhielt Einladungen zu zwei Veranstaltungen.

Die Firma Mammut wollte mich mit einer Journalisten-Akkreditierung zum eigentlich ausverkauften Eiger-Ultra schicken. Leider war es bei dem kurzfristigen Angebot zu spät zum Höhenmeter-Trainieren.

Gina Pflug hat eine flache Alternative parat. Sie veranstaltet zusammen mit Partner Sven den 1. Dickelsbachmarathon. Auch hier konnte ich mich nicht zu einer spontanen Zusage durchringen, erhielt ich die mündliche Einladung doch gegen Ende des "Bergischen 6h Laufs". Da reichten mir die Kilometer, die ich gerade noch vor der Brust hatte.

Start-/Zielbereich

Aber der Mensch tendiert dazu, Schmerzen ganz schnell zu verdrängen. Also schwinge ich mich heute um 6:30 Uhr auf mein Rad und fahre zum Start nach Ratingen-Lintorf. Achtmal wollen wir am Dickelsbach hin- und durch den Hinkesforst wieder zurückrennen, um auf 43,5 km zu kommen. Wer möchte und kann, darf die sieben Stunden bis zum Zielschluss auch für weitere Kilometer nutzen.

Thorsten Stelter will das tun, um sich auf seinen Spendenlauf von Düsseldorf nach Leipzig vorzubereiten, wo ihn nach 450 km Harald Schmidt in Empfang nehmen soll.

Sven hat die Strecke mit Kreide ausgezeichnet ausgezeichnet. Zwei Wurzeln machen sogar in Neongrün "hervorragend" auf sich aufmerksam. Nur der Pfeil, der den Baum hinauf zeigt, verwirrt mich auf der ersten Runde. Ich sehe von einer Kletterpartie ab, schließlich kenne ich die Strecke durch dieses Flurstück.

Ein Lauf mit Kinderbetreuung - Hengst am Dickelsbach

Der Name "Hinkesforst" bietet sich scheinbar für Kalauer an, als nach ein paar Runden die Sauberkeit des Laufstils nachlässt. In Wirklichkeit hat die Bezeichnung nichts mit einem schleppenden Gang zu tun. Ganz in der Nähe der Laufstrecke steht die Napoleoneiche im Wald und erinnert an die Zeit, als sich der Feldherr hier mit frischen Pferden versorgte. Damals lebten in diesem Gehölz Wildpferde. Deshalb wurde der Wald Hinkesforst genannt, was Hengstwald bedeutet. So jedenfalls berichtete es mir der alte Waldschrat, mit dem ich hier einst durch das Unterholz streifte, während wir uns von frischem Buchenlaub, Brennnesseln und den jungen Trieben der Lärche ernährten.

Heute esse ich nichts davon. Auch das üppige Angebot in Ginas Garage muss bis nach dem Finish warten, denn ich will den Lauf als Nüchternlauf gestalten. Das ist kein großes Problem, habe ich doch am Vorabend reichlich getafelt. Die Kinder wollten den ersten Ferientag mit Lagerfeuer und Stockbrot begehen. Da noch gegrillter Käse vom Freitag übrig war, hatte ich "Mit Grillkäse gefülltes Stockbrot" erfunden - eine sehr sättigende Kreation!

3:51:33 dauert es, bis ich über das üppige Büfett herfallen darf. Zum Nachtisch erfüllt sich ein alter Läufertraum. Ich bekomme eine Urkunde, auf der "Marathon-Gesamt-Sieger" steht!

Mittwoch, 12. Juli 2017

Raubtierangriff und anderes Ungemach

Die große, digitale Temperatur-Anzeige im Ratinger Freibad zeigt 33 Grad Luft- und 28 Grad Wassertemperatur, als ich zu einem speziellen Intervalltraining ausrücke. Zwischen den einzelnen Starts meiner Tochter beim Schwimmwettkampf streife ich durch Ratinger Gehölz.

Für das initiale Intervall stehen die 2,5 Stunden zwischen Einschwimmen und erstem Start zur Verfügung. Der im Bad bewässerte Haarschopf ist schon nach ein paar Hundert Metern wieder getrocknet. Da knallt mir plötzlich von hinten etwas gegen den aufgeheizten Schädel! Es fühlt sich an, als ob mir jemand ein fußballgroßes Stoffknäuel an den Kopf geworfen hätte. Bevor ich noch weiteres Rätselraten anstellen kann, segelt direkt über meinem Scheitel ein Raubvogel mit einer Flügelspannweite von etwa 1,20 m davon, dreht rechts in den Wald ab und verschwindet mit zwei, drei Flügelschlägen. Es dürfte ein Bussard gewesen sein. Ich vermute, der wollte nur spielen! Jedenfalls habe ich keinen Schnabel- oder Krallenkontakt gespürt.


Nach 13 Kilometern erreiche ich unbeschadet, aber doch recht erhitzt, die Gestade der Duisburger Sechs-Seen-Platte. Ich bewässere mich noch einmal gründlich, bevor ich auf gleichem Weg zurückkehre.

An der Sechs-Seen-Platte
Nach wohlwollend-väterlicher Betrachtung des sportlichen Geschehens im Schwimmbecken benetze ich Kopf und Kehle erneut und trete mit frisch gefüllten Wasserflaschen zum nächsten Intervall vor die Tore der Schwimmstätte. Diesmal meide ich das raubtierverseuchte Gebiet und durchkreuze den Ratinger "Oberbusch". Doch auch in diesem, eigentlich idylischen Waldstück, droht Ungemach aus der Luft. Aller 1,5 Minuten überquert ein Flugzeug den Forst im Landeanflug auf Düsseldorf. Das beginnt morgens um 6 Uhr und soll um 23 Uhr mit dem Nachtflugverbot enden. Jedoch gelten etliche Ausnahmeregelungen. Aber so lange will ich ja gar nicht laufen. Mir bleibt nur eine Stunde bis zum zweiten töchterlichen Start. Bei den insgesamt 36,5 erlaufenen Kilometern will ich es dann auch bewenden lassen. Um mich wieder herunterzukühlen, plantsche ich noch etwas im Freibad und überbrücke so die Wartezeiten zwischen den restlichen Schwimmwettkämpfen.

Nachdem ich mich heute so oft und gründlich nass gemacht habe, soll auch die Ausrüstung gewaschen werden. Offenbar hat die Hitze meinem Oberstübchen arg mitgespielt. Als ich später einen Blick auf mein Smartphone werfen will, fällt mir ein, dass es noch in meinem Rucksack steckt. Und der dreht sich munter in der Miele-Trommel! So schnell war ich noch nie im Keller. Während ich ratlos durch das Bullauge in die schäumende Gischt starre, meldet sich der Garmin am Handgelenk. Er hat sich gerade mit dem badenden Handy synchronisiert. Das Smartphone lebt also noch und sendet SOS! Nun ist schnelles Handeln gefragt. Aber wie stoppt man so eine Waschmaschine? Kurzerhand drücke ich den "Tür auf"-Knopf. Überraschenderweise springt tatsächlich die Luke auf und entlässt einen Schwall Seifenschaum. Ich entreiße die Laufweste den Fluten. Das Smartphone steckt, in eine kaputte Zip-Lock-Tüte gehüllt, in der Außentasche. Die Tüte hat ein Loch und der Zipper schließt auch nicht mehr. Dennoch hat die Technik den Kurzwaschgang unbeschadet überlebt.

Ein Wochenende ohne offizielle Laufveranstaltung kann auch ganz erlebnisreich sein.

Montag, 3. Juli 2017

Bergischer 6h Lauf 2017

Bei einem n-Stunden-Lauf gibt es nach der ersten Runde keine großen Überraschungen mehr. Irgendwann schwinden die Kräfte. Und vielleicht ändert sich das Wetter. Ansonsten lebt so ein Wettbewerb von den Begegnungen unterwegs.

Marcel stellt mir Harald vor. Der sei ein ganz krasser Typ.

Marcel: "Harald, wieviel Jahreskilometer hast du so?"
Harald: "Um die 4000."
Ich (vorlaut): "4000 laufe ich auch im Jahr!"
Harald: "Ich meinte, bis jetzt."

Nachdem sich das Gelächter gelegt hat, schildert Harald seinen Tagesablauf. Der sieht in etwa so aus. Nach dem Aufstehen um 2 Uhr läuft er 30 bis 45 km, bevor er zur Arbeit geht. Nach Feierabend kümmert er sich um Haus, Hof und Kinder. Abends radelt er noch 60 km. Sein Trick: "Ich brauche nur 4 Stunden Schlaf."

Das Wetter hat sich übrigens tatsächlich geändert. Der Starkregen hörte schon nach der ersten Runde auf und ging in normalen Dauerregen über. Somit lief manche Dame mit Regenschirm. Es hatten sich dieses Jahr mehr Frauen als Männer angemeldet. Mir schien, eine war sogar geschminkt unterwegs. Ich dusche noch nicht mal vor einem Lauf.

Auch die Kräfte schwanden erwartungsgemäß. Da der Organisator Oliver Witzke wegen akuten Helfermangels um einen Verzicht auf Restmetervermessung bat, ersparte ich mir die letzten 12 Minuten und startete diesmal nicht in eine unvollständige 22. Runde. Mein 60-km-Ziel war mit 60,9 km ohnehin erfüllt.

Zum Abschluss vergnügte ich mich mit zwei nackten Frauen in einem Hotelzimmer. Als diese ihr Bedürfnis gestillt hatten, wurden sie von einem gutaussehenden, jungen Mann abgelöst, der sich sofort stöhnend die schlammigen Kleider vom Leib riss. Der Renndirektor hatte für uns 3 Zimmer im nahen Hotel gemietet. Damit wir dort duschen konnten.

Unten ohne ins Hotel

Dienstag, 27. Juni 2017

Biggesee-Marathon 2017

Die Pulsmesserin hat einen samstäglichen Baumarktbesuch für mich vorgesehen. Beim Frühstück weise ich auf die Vergänglichkeit im Allgemeinen und die Kürze der mir verbleibenden Jahre im Besonderen hin. Da wäre es doch schade, eines der wenigen Wochenenden mit dem Herbeikarren unnützen Tands zu verschwenden, argumentiere ich. Anhäufen würde ich viel lieber noch ein paar Erlebnisse. Zum Beispiel beim Biggesee-Marathon. Der startet erst um 14 Uhr. Und wenn ich jetzt gleich losführe ...

Start-/Zielgelände

Zwei Stunden später stehe ich im Strandbad "Waldenburger Bucht" im Starterfeld und habe ein Mikrofon im Gesicht. Was denn meine Erwartungen seien. Hatte ich eben meiner Frau noch lange, philosophische Vorträge gehalten, stammele ich jetzt – völlig überrumpelt – etwas von "Spaß haben in schöner Natur".

Der Teil mit der "schönen Natur" klappt auch. Immer wieder bieten sich weite Ausblicke in üppig grünüberzogenes Land, das am Horizont von Hügeln gesäumt ist. "Gesäumt" ist nicht ganz richtig. Die Strecke ist mit solchen Hügeln "unterlegt" und bringt es so auf 930 Höhenmeter.

Warum es mit dem "Spaß" plötzlich vorbei ist, kann ich nicht sagen. Eben hatte ich noch entspannt mit dem Hundeführer geplaudert, dessen vorauseilendes Tier erstaunlicherweise jedes Mal den richtigen Abzweig genommen hatte. Und nun bin ich irgendwie in den Wettkampfmodus geraten.

Bei 140 Startern könnte man einen einsamen Waldlauf erwarten. Stattdessen sehe ich nach einer Weile des alleinigen Dahintrabens immer wieder den bunten Fetzen eines Shirts zwischen den Bäumen aufblitzen. Es folgt eine lange Zeit, die das Bunt ganz allmählich größer werden lässt. Bis ich schließlich den Shirt-Träger überholt habe. Dann beginnt das Spiel von vorn. Nur die Farben wechseln. Bei km 25 ändert sich auch das Geschlecht, als ich die erste Frau samt Führungsfahrrad einhole.

Zwischen km 29 und 30 wird endgültig klar, dass von "Spaß" keine Rede mehr sein kann. Hier versucht ein sehr langer Anstieg, mir den Stecker zu ziehen. Er zerrt gewaltig an der Schnur. Doch noch bleibt der Stecker drin, auch wenn der Kontakt ab jetzt ein wenig wackelig wird.

Kostenloses Teilnehmer-Shirt

Das nächste Hemd ist blau. Und es dauert ewig, bis ich endlich an einem der im 5-km-Abstand platzierten VP's zu ihm aufschließe. Mit strategisch verkürzter Nahrungsaufnahme gelingt mir das Überholen. Nun habe ich einen Verfolger im Nacken. Dafür ist vor mir niemand mehr in Sicht.

Lautes Jubeln erschallt über mir am Hang. Da scheint ja doch noch einer dicht vor mir zu sein und gerade den nächsten VP zu erreichen. Etliche Höhenmeter trennen mich noch von diesem Versorgungspunkt. Die letzten davon muss ich gehen. Der Stecker, der Stecker!

An der Versorgungsstelle bei km 37 erhalte ich nicht nur Wasser, sondern auch einige Informationen. Ich liege auf Platz 7, heißt es. "Aber die anderen sehen nicht so entspannt aus wie du!" Im Weiterlaufen höre ich die Kinder rufen: "Da kommt der nächste Läufer!" So dicht? "Und ein Fahrrad!" Die führende Frau holt auf!

Ich versuche irgendwie Abstand zu gewinnen. Und siehe da, ein junger Mann in Schwarz wird vor mir sichtbar. Am letzten Verpflegungspunkt bei km 39 kann ich ihn mit der bewährten Technik überholen. Als ich mich beschleunigten Schrittes aus dem Staub machen will, spüre ich plötzlich Schwindel in den Kopf steigen. Laufen am Limit. Ich fürchte, dass die nächste Stufe "Ohnmächtig umfallen" ist und reduziere mal lieber das Tempo.

Der folgende Anstieg tut sein Übriges in Sachen Geschwindigkeit. Alles, was nicht völlig topfeben oder abschüssig ist, muss ich jetzt gehen. Die Oberschenkel sind hinten nur noch Schmerz. Eindeutig zu wenig Hügeltraining! Der schwarze Mann überholt. Aber ich kann im Flachen und vor allem bergab schneller! Und so wogt das Geschehen hin und her. Mal ist er vorn, mal ich.

Dann kommt die Staumauer, die den Namensgebers des Laufes entstehen ließ, in Sicht. Da müssen wir hoch! Es dürfte sich ja wohl um die letzte Anhöhe handeln. Insofern kann ich mich doch zum Laufschritt durchringen. Von der Mauerkrone aus sehe ich auf der anderen Seeseite das Ziel, während Blau und Frau direkt hinter mir das Stauwerk erklimmen.

Schwarz hat rund 30 m Vorsprung. Ich gehe nochmal bis an die Schwindelgrenze, um ihn einzuholen. Endlich neben ihm, lässt er ein "Ich bin fertig!" hören und fällt ins Gehen. Es können nur noch ein paar Hundert Meter sein. Etliche medaillendekorierte Finisher der Unterdistanzen kommen uns entgegen. Hatten die wenigen Passanten unterwegs noch in der einen oder anderen Form Anteil genommen, überwiegt bei den Medaillenträgern völliges Desinteresse am dramatischen Geschehen auf diesen letzten Metern.

Start und Ziel im Strandbad "Waldenburger Bucht"

Ein Schild verheißt: "Noch 250 Meter, dann gibt es Krombacher". Ich wähne mich des sechsten Platzes sicher. Da taucht an meiner Linken eine völlig neue Farbe auf. Der Mann muss sich von ganz hinten durchgearbeitet haben, denn ich sehe ihn zum ersten Mal. Kalt erwischt entfährt mir ein: "Das kann doch jetzt nicht wahr sein!" Ein letztes inneres Aufbäumen ist nötig, um den sechsten Platz ins Ziel zu bringen. Die Zeit von 3:47:18 reicht für den Sieg der Altersklasse.

Das am Morgen gewünschte "Anhäufen von Erlebnissen" muss mir wohl ziemlich wichtig sein. Anders ist die heutige Schinderei nicht zu erklären.

Montag, 26. Juni 2017

Generationenwechsel beim b2run 2017

"Diesmal laufe ich vor dir ins Ziel! Ich bleib' einfach an dir dran. Und zum Schluss überhole ich dich!" So spricht der Junior und eröffnet damit das psychologische Gefecht schon im Vorfeld des Düsseldorfer Firmenlaufes b2run.


Die Rahmenbedingungen sind für uns beide und die anderen 12000 Starter immerhin gleich. 35 Grad misst das Auto bei der Anfahrt und 27 Grad bei der Rückfahrt. Wenigstens bewölkt es sich kurz vor dem Start um 19 Uhr.

So moderat bin ich noch bei keinem b2run losgelaufen. Denn wir belauern uns gegenseitig und sparen Kräfte für den unausweichlichen Zweikampf. Mal liege ich vorn, mal der Junior. Sein Laufstil strahlt eine einschüchternde Leichtigkeit aus. Er lässt keinerlei Atemgeräusch vernehmen, während ich schon deutlich hörbar Luft ziehe. Mir ist klar, dass ich es nicht auf einen Endspurt ankommen lassen darf. Gemeinsame Steigerungsläufe haben mich schmerzlich gelehrt, dass explosive Spurtkraft der Jugend vorbehalten bleibt.

Also lautet der Plan, ab Kilometer Vier das Tempo zu verschärfen. Der Junge hat offenbar dieselbe Idee. Als von hinten zwei schnelle Läufer vorbeiziehen, hängt er sich dran. Ich auch. Für ein paar Meter. Dann entsteht ein Lücke. Die Lücke wird größer. Irgendwann sehe ich ein, dass ich diesen Abstand nicht mehr verringern können werde. Der Nachwuchs federt leichtfüßig und locker von hinnen. Jetzt überholt er auch noch die beiden Schnellen!

"Wird der Junior im nächsten Jahr vor seinem Erzeuger ins Ziel laufen?", endete mein Blogeintrag aus dem Vorjahr. Nun habe ich Gewissheit. Meine Motivation ist weg. Ich tröste mich mit dem Überholen der zweiten Frau und trotte einsam Richtung Ziel. Gerade als ich für den Fotografen so tue, als ob es Spaß macht, erscheint ein Konkurrent an meiner Schulter. Da flackert der Wille doch noch mal kurz auf, um das im Endspurt zu korrigieren.

Mein Sohn wartet schon seit einer halben Minute im Ziel. Neben dem väterlichen Stolz bleibt mir der Trost, mit 25:01 meine bisher schnellste Zeit auf der 6,2-km-b2run-Strecke gelaufen zu sein.

Dienstag, 6. Juni 2017

Mönchengladbach Marathon 2017

Laufen bildet. In Mönchengladbach lerne ich am Pfingstsamstag beim Santander-Marathon, dass der Name des Sponsors nicht auf dem zweiten A, sondern auf dem letzten E betont wird. Der Kopf verlangt an diesem heißen Nachmittag jedoch nach ganz anderem Input: "Wasser!"

An einem schwülheißen Frühsommer-Wochenende erscheint eine nachmittägliche Startzeit von 16:30 Uhr wenig geschickt gewählt. Nicht nur, weil sich bis dahin die Tagestemperaturen auf ihr Maximum gesteigert haben, sondern vor allem, weil die Gewittergefahr im Tagesverlauf zunimmt. So musste die Lauf-Premiere im letzten Jahr wegen eines Unwetters abgesagt werden. Und auch heute sind Gewitter, Starkregen und Hagel gemeldet. Aus meiner Sicht ist es einfach Glück, dass die Stadt diesmal nicht betroffen ist.

Ursprünglich wollte ich mir ein hagelsicheres Parkhaus suchen. Im Anreise-Stau reduziere ich meine Ansprüche auf das Erreichen des offiziellen Parkplatzes. Mein Navi will geradeaus, wo die Streckensperrung nur rechts oder links erlaubt. Die Ordner wissen nichts von einem Parkplatz für die Teilnehmer. Die Uhr tickt. Als ich eine Lücke am Straßenrand entdecke, entledige ich mich des mittlerweile lästig gewordenen Gefährts und finde mich mitten im Rotlichtviertel wieder. Schnellen Schrittes und etwas besorgt bringe ich die zwei Kilometer zum Start hinter mich.

Schaufenster-Deko am Parkplatz


Die Kleiderbeutel-Abgabe in Mönchengladbach überrascht. Ein winziges Zettelchen im Eintrittskartenformat des letzten Jahrhunderts (die zum Abreißen von einer Rolle, falls sich noch jemand erinnert), handbeschriftet mit einer Zahl (nicht der Startnummer!), wird vom Personal liebevoll mit einer Sicherheitsnadel an den Kleidersack geheftet. Anschließend landet der Sack auf dem großen, ungeordneten Haufen der anderen Kleiderbeutel. Daraufhin erhalte ich ein Duplikat der Eintrittskarte. Wohin nun mit diesem Papierschnipsel? Wird er unterwegs durchweichen? Oder wird die Schrift verlaufen? Warum hat man überhaupt die Kleiderbeutel-Abgabe neu erfunden? Na, ich bin schon auf das Mönchengladbacher Rad gespannt!

Trubel vorm Start

Noch rechtzeitig, aber mittlerweile ein wenig "negativ vorgespannt" brate ich bei 28 Grad im Startblock in der prallen Sonne, wo sich der 4-Stunden-Hase vor dem für 3:30 eingereiht hat. "Vier Runden durch Mönchengladbach. Der Marathon, den niemand braucht", entwerfe ich bereits die ersten Zeilen eines Blogeintrags, ganz im Stile eines frühen Stuckrad-Barre. Das Pulsmesser - der unfehlbare Marathonkritiker, vor dem die Laufveranstalter zittern!

Der erlösende Startschuss und das folgende meditative Tapp-Tapp der Schritte lassen mein Mütchen langsam abkühlen. Oder ist es das Wasser, das ich mir an den VP's über den Kopf schütte? 50000 Liter hält der Veranstalter davon bereit. Bei 1600 Halbmarathonis und 600 Marathonläufern bleiben, grob überschlagen, fast 25 Liter für jeden. Das sollte reichen.

Die gute Laune setzt sich endgültig durch, als Dennis zu mir aufschließt. Kennengelernt hatten wir uns im vorigen Jahr auf der Strecke des Düsseldorf Marathons. Und auch heute plaudern wir uns durch die Stadt. Dennis punktet mit der Anekdote von einem 10-km-Wettkampf, bei dem er dicht hinter dem Drittplatzierten läuft und diesen immer wieder angreift. Jedes Mal kann der Attackierte den Zwischenspurt parieren und seinen Verfolger in die Schranken weisen. Erst im Endspurt setzt sich Dennis durch und wird im Ziel von der wütenden Ehefrau des nun Viertplatzierten mit den Worten empfangen: "Sich die ganze Zeit ziehen lassen und dann kurz vor Schluss überholen! Das kannst du mit meinem Mann nicht machen. Der ist IronMan!"

Nachzielbereich

Das I-Tüpfelchen setzt diesem Lauf das Publikum auf. Für die Zuschauer wird durch das viermalige Vorbeirennen einiges zum Gucken geboten. Und sie revanchieren sich mit echter Anteilnahme, die ganz persönlich gemeint ist, da man vereinzelt defiliert, anstatt inmitten der anonymen Läufermasse eines großen Straßenmarathons. Da sind die Mädels, die auf jeder Runde für uns "La Ola" initiieren. Oder die ältere Dame, die barfuß auf der Straße tanzt und dabei einen bunten Wimpel schwenkt. Eine andere Frau verteilt feuchte Reinigungstücher. Als sie ihr ausgehen, stellt sie auf Wischlappen um. Nicht nur Kinder lassen sich abklatschen, auch der Rollstuhlfahrer mit den Atemschläuchen in der Nase ist begeistert bei der Sache. Überall sind Gartenduschen und Rasensprenger aufgebaut. Alternativ wird aus Spritzpistolen kühlendes Nass versprüht.

Erst als dieses kühlende Nass in Form eines kräftigen Schauers von oben kommt, ändert sich in der dritten Runde recht plötzlich der Charakter der Veranstaltung. Das Publikum verschwindet. Wolken verdecken die Sonne. Es weht bei 20 Grad ein leichter Wind. Und dann überholt uns auch noch der 3:30-Hase!

Der Gewinner der AK M80 im Halbmarathon

Das kann ich nicht zulassen, wähnte ich uns doch die ganze Zeit auf 3:30-Kurs. Den hatte ich allerdings nur anhand der GPS-Pace bestimmt. Dennis sieht es nicht ganz so eng und schickt mich allein dem Hasen hinterher. Gerade als ich nach einem kurzen Zwischensprint den BuZler und seinen einzigen Mitläufer einhole, schnallt der Pacer sein mächtiges Tragestell mit der Zeitfahne vom Rücken und geht erstmal aufs Klo.

Ich renne also allein weiter. Diese endbeschleunigte, letzte Runde tut erstaunlich weh. Abends über heißen Asphalt zu rennen ist wohl nicht ganz meine Lieblingsdisziplin. Nach 3:28:19 habe ich es zu Ende gebracht und nehme die Medaille nebst einem Stoffbeutel mit zwei Äpfeln und einem halben Liter Wasser in Empfang.

Und auch meinen Kleiderbeutel bekomme ich wieder. Ich hatte zu Hause vorsorglich meine Startnummer mit Edding draufgeschrieben.

Dienstag, 23. Mai 2017

Rennsteiglauf Supermarathon 2017

Viele Gründe sprechen dagegen, zwei Wochen nach einem 100er gleich nochmal 73,5 km zu laufen. Als sich spontan eine Mitfahrgelegenheit zum Rennsteiglauf bietet, will mir ganz plötzlich kein solcher Grund mehr einfallen.

Man kennt den Effekt noch aus dem Physik-Unterricht: Ausdehnung bei Erwärmung. Unter dem Einfluss des Treibhauseffekts scheint nun sogar der Rennsteig länger geworden zu sein. Wurden bisher 72,7 km für den Supermarathon veranschlagt, so werden in diesem Jahr 800 m mehr ausgeschrieben. So richtig traut man der ganzen Messerei wohl nicht mehr. Jedenfalls verzichtet der Veranstalter neuerdings darauf, die Distanz auf das Finisher-Shirt zu drucken. Trotzdem will ich es haben!

Ein Supermarathonfinisher oder ein super Marathon-Finisher?

Nach dem am Anschlag gelaufenen 100er verbieten sich allzu hoch gesteckte Ziele, was den Druck auf angenehme​ Weise reduziert. Das Tief zwischen km 60 und 80 vor zwei Wochen war eine üble Erfahrung, so dass ich heute als oberstes Gebot "mit gutem Kopf" unterwegs sein möchte. Ich will ohne Leiden ins Ziel kommen - und vielleicht trotzdem etwas schneller sein als bei meinem ersten Supermarathon vor vier Jahren? Es heißt doch immer, dass man nach einem Langstreckenrennen Bestzeiten auf den Unterdistanzen laufen könne ...

Vorm Start auf dem Eisenacher Markt
Dazu habe ich mir eine Strategie ausgedacht. Ich muss mich bloß auch mal dran halten! Der Trick beim Rennsteig besteht darin, während des langen Anstiegs vom Start bis zum Gipfel des Großen Inselsbergs mit den Kräften zu haushalten. Dieses erste Segment darf ich mit einer 7er Pace zuckeln. Wenn ich danach mit einer 6er Pace ins Ziel laufe, werde ich nach 7:46 Stunden im Ziel sein - elf Minuten schneller als beim ersten Versuch.

Zum Inselsberg


Ich lasse mir Zeit, gehe die steilen Segmente, zum Beispiel vorm Dreiherrnstein und vorm Inselsberg-Gipfel. Das Tempo fühlt sich entspannt an, obwohl die Uhr eine Pace von 6:23 zeigt. Gerne würde ich schneller laufen, denn mir wird immer kälter, je höher wir kommen. Immer wieder sage ich mir "Das Rennen wird nicht auf den ersten 25 km entschieden, sondern auf den letzten 25!"  Es kostet einiges an Disziplin, sich fast drei Stunden lang zu bremsen. Aber es gibt genügend abschreckende Beispiele in der Läuferschar um mich herum, denen die Belastung schon jetzt anzusehen ist.

Bei 100-km-Läufen in Deutschland finden sich meist weniger als 300 Starter. Der Rennsteig-Supermarathon mit seinen 1800 Höhenmetern dürfte kaum wesentlich weniger anstrengend sein, lockt aber rund 2500 Läufer an den Start. Da hat vermutlich nicht jeder ein adäquates Training absolviert.

Auf dem Gipfel bricht endlich die wärmende Sonne durch den Nebel. Eigentlich wollte ich mich von Wasser und Bananen ernähren. Aber wegen der niedrigen Temperaturen greife ich unterwegs dankbar zum heißen Tee. Und zum Schleim! Ich hatte ja völlig vergessen, dass es hier den legendären Haferschleim gibt. Köstlich! Von den ebenfalls feilgebotenen Wiener Würstchen lasse ich aber die Finger.
Tee-Ausschank vor der Kleiderbeutelabgabe

Vom Inselsberg führt ein langer, steiler Abhang zum Kleinen Inselsberg hinunter. Ich lasse es richtig krachen und donnere lustvoll die Piste runter. "Denk an deine Knie.", raunt mir ein erfahrener Läufer zu, der sich vorsichtig zu Tale tastet. Nein, den Spaß gönne ich mir! Schließlich habe ich erst kürzlich auf ganz anderem Untergrund geübt.


Die Hälfte ist geschafft!


Bei der Ebertswiese fingen  bei meinem Debüt die schlechten Gedanken an. Auch heute spüre ich die Beine deutlich. Die Wahrnehmung ist aber positiv. Freudig wird das Schild "Die Hälfte ist geschafft!" registriert. Mein Mantra lautet heute: "Du hast bis jetzt alles richtig gemacht."

Kilometer 50 passiere ich fast exakt nach fünf Stunden. Nur noch ein Drittel! Am Start meinte jemand, wenn man am Grenzadler sei, habe man es praktisch geschafft. Nun ja, damals hatte ich dort bei km 54 eine ganze Weile mit mir gerungen, ob ich nicht die Möglichkeit zum Ausstieg mit offizieller Wertung nutzen sollte. Heute sagt der Moderator beim Durchlauf gerade die 15. Frau an. Den Dreiherrenstein hatte ich noch mit der Frau auf Platz 34 überschritten. Es läuft! Und es fühlt sich gut an, permanent zu überholen, auch wenn das mit der Relativgeschwindigkeit geschieht, die ein Lkw in der linken Autobahnspur gegenüber dem Truck in der rechten aufweist. Natürlich schießt auch hin und wieder mal ein Porsche vorbei. Aber je weiter ich komme, um so mehr havarierte Sportwagen stehen am Rand. "Du hast bis jetzt alles richtig gemacht."

Der ist fertig!


Mittlerweile muss ich etwas fokussierter laufen. Der Blick ist einwärts gerichtet. Vermutlich habe ich gerade mal etwas tiefer durchgeatmet, oder vielleicht galt es auch gar nicht wirklich mir. Jedenfalls schnappe ich die Bemerkung vom Rand auf: "Der ist fertig!" An mir gleitet das ab, weil es einfach nicht stimmt. Aber wie muss sich so ein Kommentar in den Ohren derjenigen anhören, die sich wirklich auf dem Zahnfleisch ins Ziel schleppen?!

Es zieht sich aufwärts. Nicht steil, vor allem nicht steil genug zum Gehen. Aber lang. Ich weiß, dass der höchste Punkt der Strecke markiert ist. Und ganz oben sehe ich ein Schild. "Lass es den höchsten Punkt sein!", denke ich bei jedem Schritt. "Lass es den höchsten Punkt sein!" Und tatsächlich, er ist es! Ab jetzt geht es tendenziell bergab. Die steile Wiese runter zum Schmücke-VP sorgt nochmal für richtigen Lauf-Spaß. Ich mache hier gleich zwei Plätze in der Damenwertung gut.


Retardierendes Moment


Ein Porsche-Läufer, schon in Finisher-Stimmung, versucht einen Geher zu motivieren. Doch der gibt mit gebrochener Stimme zurück: "Bergab geht gar nicht mehr." Gerade bedauere ich den armen Kerl, müssen wir doch jetzt eigentlich nur noch runter ins "schönste Ziel der Welt - in Schmiedefeld", da gibt es einen weiteren, langen Gegenanstieg. Ich gehe ein paar Schritte. Dummerweise schmerzt seit geraumer Zeit beim Gehen mein rechter, hinterer Oberschenkel mehr als beim Laufen. Also laufe ich wieder an. Genau in dem Moment schießt mir ein Krampf in die Innenseite des Oberschenkels. "Was? Jetzt, so kurz vor dem Finale dieses flüssigen Rennens, soll plötzlich alles vorbei sein?!" Krämpfe hatte ich unterwegs noch nie. Was macht man da? Ich laufe weiter. Der Schmerz ist gerade noch so auszuhalten. Nur ein µ mehr und ich stünde auch am Rand. Die Therapie schlägt an. Der Krampf verschwindet so plötzlich, wie er gekommen war.

"Das schönste Ziel der Welt - in Schmiedefeld"
Durch die Menge der ausnahmslos applaudierenden 17-km-Wanderer renne ich Richtung Ziel, das schon seit Langem zu hören ist. Das "Du siehst ja noch ganz entspannt aus!" vom Streckenrand klingt fast ein bisschen enttäuscht. Dann sieht man einen Zielbogen, von dem sich der erfahrene Rennsteigläufer jedoch nicht verwirren lässt. Erst der dritte Bogen ist der wahre. Hier darf endlich gejubelt und geweint werden.

Mittlerweile bin ich geneigt, das Gelingen eines Ultras weniger nach der erreichten Zielzeit als nach dem Befinden unterwegs zu beurteilen. In dieser Wertung liege ich heute ganz weit vorne. Trotzdem muss die Zielzeit von 7:18:22 nicht verschwiegen werden, bedeutet sie doch eine Verbesserung von 39 Minuten. Und ich finde, 13. Frau klingt irgendwie viel besser als 206. Mann.

Montag, 8. Mai 2017

WHEW100 2017

Werner Sonntag postulierte 1978 "Irgendwann musst du nach Biel". Damals mag das richtig gewesen sein. Mittlerweile gibt es aber den WHEW100 praktisch vor meiner Haustür. Also spare ich mir die Reise in die Schweiz und starte in Wuppertal beim 100-km-Lauf.

Morgensonne am Start

Es verspricht ein sommerlicher Tag zu werden. Die Sonne bescheint den Start-/Zielbogen, dessen Rot sich kontrastreich vom wolkenlos-blauen Himmel abhebt. Noch ist es mit 5 Grad recht frisch. Soll man die morgendliche Kühle für ein paar schnelle Kilometer nutzen? Übermotiviert starte ich den Lauf inmitten der Staffelläufer und Run&Bike-Teams, die kaum von den 100-km-Aspiranten zu unterscheiden sind. Ich lassen mich anfangs mitreißen. Das zunächst ansteigende Profil sorgt aber bald für gedrosseltes Tempo.

Soundbikes


Die Strecke verläuft vielfach auf ehemaligen Bahntrassen, die mittlerweile zu Radwegen umgewidmet wurden. Nicht dass ich besonders viele 100er zum Vergleich heranziehen könnte, aber mir scheint, dass das einen eigenen Charakter dieser Veranstaltung schafft. Denn wie bei einem Straßenlauf ist man fast nur auf Asphalt unterwegs. Andererseits führt die Route meistens durchs Grüne. Und so hat sich das Veranstalterteam um Guido Gallenkamp eine Besonderheit zur Streckenbelebung ausgedacht. Es gibt sogenannte Soundbikes. Das sind Lastenräder mit mobilen Lautsprechern, die einen beachtlichen Klang erzeugen. Sie patroullieren auf der Strecke und dienen gleichzeitig als Anprechpartner, Ersthelfer und Streckenposten. Ich finde das Klasse und bin jedes Mal enttäuscht, dass die Räder so schnell vorbeirauschen.

Höhenprofil, 25-km-Zeiten, Platzierung*

Das Höhenprofil kippt. Es geht rund 17 km hinunter ins Ruhrtal. Bei den bisherigen Austragungen bildete dieses Gefälle den finalen Anstieg, da in Gegenrichtung gelaufen wurde. Mehrfach war ich hierher gekommen, um diese fiesen End-Kilometer zu trainieren. Und dann wird kurz vorm Lauf die Richtung geändert!

Der Staffelläufer


Nach 25 km steigen frische Staffelläufer ein. Einer hängt sich an meine Fersen. Als Duo donnern wir zu Tale. Die Pace sinkt unter 5 min. Ich fühle mich großartig. Obwohl mir im Unterbewusstsein klar ist, was das hier gerade für eine Dummheit ist, setze ich die Hatz auch an der Ruhr fort. Der Staffelläufer kann das Tempo irgendwann nicht mehr halten. Ich komme mir ganz toll vor. Es steht allerdings zu befürchten, dass ich in Wirklichkeit leider ein Idiot bin.

Die Hälfte


Von all dem ahnen die Zuschauer bei km 50 nichts. Sie rufen: "Der sieht aus, als wäre er eben erst losgelaufen!" Die Zwischenzeituhr zeigt jedoch, dass der Start vor 4:16 Stunden war.

Hier am Baldeneysee ist läuferisch die Hölle los. Sämtliche Essener Lauftreffs scheinen unterwegs zu sein. Immer wieder begegnen mir große Gruppen, die mit Beifall nicht geizen. Schön!

Archivbild: Die Laufstrecke am Baldeneysee

Dann hole ich die führende Frau ein. Ihr Shirt weist sie als Bezwingerin der Radebeuler Spitzhaustreppe aus, wo erst vor zwei Wochen der Mount-Everest-Treppenmarathon stattfand. Unglaublich, dass sie heute gleich wieder 100 km abspult!

Leinpfad - Leidenspfad


Der Ruhrtalradweg führt über den historischen Leinpfad. Hier wurden früher die Schiffe von den Treidlern gezogen. Stellenweise ist sogar noch das historische Pflaster erhalten - Kopfsteinpflaster! Und "Pfad" trifft es auch. Der Radweg ist so schmal, dass der Schönwetter-Radler-Betrieb langsam nervt, obwohl immer wieder anerkennende Worte von den Pedalisten gerufen werden. Der wahre Grund für meine negative Wahrnehmung liegt in mir selbst. Ab km 60 schwinden mir die Kräfte. Am schlimmsten ist, dass ich mir die ganze Zeit vorwerfen muss, mit meinem verschärften Anfangstempo selbst schuld zu sein. Hinzu kommen Schmerzen im rechten Hüftgelenk, die bis hinunter zum Knie strahlen. Aus meinem Laufen wird zeitweise ein hinkendes Gehoppel, das immer mal wieder kurz in Gehschritten endet. Schmach, Schande! Hatte ich mir doch angesichts des eher flachen Streckenprofils vorgenommen durchzulaufen.

Die führende Frau überholt nun mich. Einziger Trost: auch sie macht Gehpausen! Wenig später zieht Simone Durry geschmeidig vorbei. Sie hat sich das Rennen offenbar besser eingeteilt und wird heute mit neuem Streckenrekord gewinnen.

Ich schaffe es nicht, mich aus meinem mentalen Loch zu ziehen, will nur noch weg aus diesem Ruhrtal und bin froh, als ich endlich abbiegen darf. Auch wenn das nun den Beginn des langen Anstiegs bedeutet.

Rettender Engel


Ich sehne mich dem VP bei km 79 entgegen, heilfroh den Rucksack nebst Trinkflasche mitgenommen zu haben, um solche "Durststrecken" zu überbrücken. Da erscheint mir ein rettender Engel! Sigrid, die dritte Frau, läuft von hinten auf.

"Gleich haben wir 80, und ab da kommen wir durch!", lautet ihre frohe Botschaft. Sigrid überträgt ihre positive Energie auf mich und zieht mich mit. Das ist Ultra!

In welche Liga mich mein morgendlicher Spurt versehentlich katapultiert hat, zeigt sich im Gespräch.

"Ich bereite mich auf die Meisterschaften im 24h-Lauf vor."
"Ach, du willst zu den Deutschen Meisterschaften nach Gotha!"
"Nein, nach Belfast. Zu den Weltmeisterschaften."

Sigrid erzählt, dass sie Mitglied im 24h-Nationalteam ist. Und sie ist sich sicher, die Qualfikationsnorm von 205 km ein weiteres Mal zu erfüllen. Ein Paradoxon: während ich vor Ehrfurcht erstarre, werde ich gleichzeitig mitgerissen. Meine Krise ist vorbei!

Du sollst laufen, nicht gehen!


Am VP versorgt sich meine Begleiterin etwas ausführlicher und delegiert mich schon mal voraus. Als ich mich anschicke,  meinen Becher (an feste Nahrung ist schon länger nicht mehr zu denken) im Gehen zu leeren, ereilt mich ein Ruf im Kasernenhofton: "Du sollst laufen, nicht gehen!" Ich gehorche brav. Sobald wir wieder ein Duo sind, kann ich die weltmeisterschaftliche Pace seltsamerweise mitlaufen.

1000 Meter Klimaanlage


Ich hatte die ganze Zeit geglaubt, dass es eigentlich gar nicht so heiß ist. Wie sehr ich unter der Temperatur gelitten habe, wird mir erst bewusst, als wir den bisher längsten Eisenbahntunnel durchqueren. Seine 1000 Meter wirken wie eine Klimaanlage. Die körperliche Erholung ist regelrecht greifbar. Sigrid spürt die Wirkung offenbar auch. Sie stimmt ein Lied an!

Die letzten vier Kilometer sind einzeln markiert. Uns gelingen nochmal Paces im Bereich zwischen fünf und sechs Minuten. Als ich gerade die achttausendste Kilokalorie verbrenne, wird Sigrid dritte Frau. Wir sind im Ziel!

Auf der vergleichsweise flachen Strecke habe ich meine bisherige 100-km-Zeit ziemlich genau um 50 Minuten verbessert und die neue Marke auf 9:37:28 gelegt. Das bedeutet heute den 14. Platz der Männer und den vierten in der Altersklasse.

Nachzielbereich

Epilog


Im Verpflegungszelt, wo sich die 100-km-Finisher sogar an den aufpreispflichtigen Gourmet-Speisen kostenlos laben dürfen, entspinnt sich folgender Dialog.

"Jetzt laufe ich mal eine ganze Woche überhaupt nicht!"
"Ob du das aushältst?"



* Quelle Höhenprofil: whew100.de

Dienstag, 2. Mai 2017

Düsseldorf Marathon 2017 - (Bei) Sturm ins Ziel


Genau vor zehn Jahren lief ich hier in Düsseldorf meinen ersten Marathon. Zum heutigen Jubiläum habe ich etwas Besonderes vor. Pacer, Hase, Pacemaker, BuZler - offiziell werden sie Brems- und Zugläufer genannt. Ich bin erstmals einer von ihnen und will/darf/muss den Düsseldorf Marathon in 3:30 laufen.

Kleiderbeutelabgabe im Morgenlicht
Egal wie oft man schon an einer Startlinie gestanden hat, der Atmosphäre eines großen Städtemarathons kann man sich nicht völlig entziehen. Obwohl die gasgefüllten Luftballons mit der "3:30"-Aufschrift meine Schultern nach oben ziehen, lastet das Gewicht der damit verbundenen Verantwortung auf ihnen. Es gilt, punktgenau die Erwartungen der Läufer zu erfüllen, die unter dreieinhalb Stunden finishen wollen. Denn inoffiziell wird die am Rücken aufgedruckte "3:30" wohl als 3:29 interpretiert.

Wir starten als Trupp von fünf Gelbballonten bei angenehmer Kühle, blauem Himmel und herrlicher Morgensonne. Es verspricht perfektes Laufwetter zu werden. Nur die für den Nachmittag angekündigten heftigen Winde könnten eventuell das Läuferglück trüben.

Mein Ballons (rechts)
Man hatte uns gebeten, nicht als eine Ballon-Gruppe zu laufen, sondern das Feld vorn zu bremsen und hinten zu ziehen. Der Auftrag bedeutet auch, die ganze Zeit im dichten Läufermeer zu laufen. Der Pulk ist so groß, dass ich es nicht rechtzeitig schaffe, an die erste Verpflegungsstelle hinüber zu wechseln. Das ist in Düsseldorf aber kein Problem. Es kommen noch genug. Ich will heute ohnehin nichts außer Wasser zu mir nehmen.

Gerieten die ersten Kilometer in der Enge des Feldes noch zu langsam, beschleunigen wir leicht, so dass die 10-km-Marke punktgenau erreicht wird. Doch das forcierte Tempo wird beibehalten. Ich lasse mich zwar immer mehr von den vorderen Ballons zurückfallen, passiere den Halbmarathon dennoch eine Minute zu früh. Und dann geschieht es. In einer Kurve wickeln sich meine Ballonleinen um ein Verkehrsschild und reißen ab. Lustigerweise bedeutet das sofortigen Autoritätsverlust. Obwohl ich immer noch ein Rückenschild mit der Zeitvorgabe trage, verlässt mich der Läufer, der mir die ganze Zeit nicht von der linken Seite gewichen war, und schließt sich den Ballonträgern vor mir an.

Dann zieht die Startnummer mit dem Namensaufdruck "Paula" vorüber. Aus dem knappen rosa Höschen ragen überraschend krumme Beine. Spätestens der struppige Vollbart macht klar, dass hier jemand mit einem übernommenen Startpass unterwegs zu sein scheint.

Nachzielbereich am Burgplatz

Unsere Ballontruppe hat sich mittlerweile in alle Winde verstreut. Und das im Wortsinne. Auf dem Weg zu Kilometer 28 muss man zum ersten Mal lange gegen den inzwischen sehr starken Nord-Ost ankämpfen. So mancher Bestzeitentraum dürfte hier weggeblasen werden.

Ich bin ab jetzt ziemlich konstant mit passender Pace unterwegs. Aber es sind scheinbar nicht die Marathonneulinge, die sich mir anschließen. Ein Ultraläufer, der hier Kilometer als Biel-Vorbereitung sammelt, hat unterwegs versehentlich seine Uhr gestoppt und nutzt mich als Ersatz.

Als wir durch die Rethelstraße laufen, weist ein Banner am Haus darauf hin, dass das dortige Bordell im Rahmen einer "Haushaltauflösung" sein Inventar verkauft. Kopfkino auf dem nächsten Kilometer.

Völlig windstille Abschnitte wechseln mit sturmdurchtosten Straßen. Erstmalig höre ich das seltsame Geräusch, das entsteht, wenn eine Bö Hunderte Pappbecher über den Asphalt treibt. Der Wind wirbelt nicht nur Trinkgefäße und Absperrgitter durch die Luft, sondern auch Staub und Pollen auf. Ich habe die Augen davon voll. Und offenbar auch die Schnauze, denn es kratzt sogar im Rachen.

Wenn ich in den Vorjahren auf der Düsseldorfer Strecke unterwegs war, habe ich mir - auch ohne besonderes Zeitziel - einen Endspurt nicht nehmen lassen. Das verbietet sich heute. Dadurch registriere ich zum ersten Mal, wie schön das Panorama des Zieleinlaufs unter einem liegt, wenn man zum Rhein einbiegt. Rheinufer, Schloßturm, Brücke und dahinter das Riesenrad der Kirmes werden vom sonnenbeschienenen Oberkasseler Ufer auf der anderen Rheinseite flankiert.


Freibier im Biergarten im Nachzielbereich
Nach 3:29:05 wird mir Zugang zum Biergarten am Rhein mit Erdinger-Freibier-Ausschank gewährt. Das habe ich so in noch keinem anderen Marathon-Nachzielbereich gesehen. Nach dem ganzen Unterwegs-Gewässer gönne ich mir ein paar alkoholfreie Hefeweizen in der Sonne und hänge meinen Gedanken nach. War das heute wirklich die richtige Belastung so kurz vor dem 100er am nächsten Samstag?

Dienstag, 4. April 2017

Batman beim Lintorfer Citylauf 2017

Ermutigt vom überraschend hurtig beendeten Venloop gehe ich diesmal auf's Ganze und will die 2014er Bestmarke von 37:59 über 10 km nochmal angreifen.

Siggi der Bergische Löwe auf der 5-km-Strecke
Bei der Startaufstellung annonciert ein Starter vor mir ein Sub38-Ziel. Wie praktisch, da hänge ich mich dran! Es gibt Tage, an denen läuft es von alleine. So wie letzten Sonntag. Und es gibt Tage wie heute. Nach der ersten von vier Runden muss ich die Hoffung fahren und meinen "Hasen" ziehen lassen.

Seltsamerweise werde ich nur sehr wenig überholt, obwohl die Zeit in Richtung 40 min abdriftet. Die öffentliche Schmach hält sich also in Grenzen. Dennoch würde ich am liebsten einfach nach Hause gehen. Doch was soll der Junior denken, der hinter mir um eine Bestzeit kämpft? Wie nahe er mir auf den Fersen ist, ahne ich in diesen bitteren Momenten gar nicht.

5-km-Läufer
Schlechte Laune breitet sich aus. Sonst ereignet sich auf den nächsten Runden nicht viel. Erst in der letzten Umdrehung kommt wieder Würze ins Geschehen. Die zweitplatzierte Frau naht von hinten! (Mittlerweile muss ich bei Wettkämpfen starten, damit mir Frauen nachlaufen.) Mehrfach schließt sie bis auf Schulterhöhe auf. Auch sie hat zu kämpfen. Jedenfalls entwickelt sie eine beachtliche Geräuschkulisse, anhand derer ich nicht nur den Abstand zu ihr bestimmen, sondern sie auch auf solchen halten kann. Wie die Fledermäuse! Na gut, die Fledermaus erzeugt den Schall zur Distanzmessung selbst. Also lasse ich mich in akustischer Hinsicht auf den letzten beiden Kilometern auch nicht mehr lumpen. Ein schnaufender Batman setzt zum Endspurt an.

Finisher-Medaille
Im Abstand von nur einer Sekunde röcheln wir über die Zielinie. Mit einer Nettozeit von 39:19 verpasse ich erstmalig das Lintorfer AK-Treppchen. Eine Medaille gibt es trotzdem. "Schaffst du es noch, dir die umhängen zu lassen?", werde ich gefragt. Bevor ich mir noch Gedanken um den erbarmungswürdigen Zustand machen kann, den ich offenbar gerade abgebe, rennt schon der Junior ins Ziel, holt sich mit neuer pB den Altersklassenpokal und rettet den Tag.

Dienstag, 28. März 2017

Hardlopen bij Venloop

Niederländisch ist eine Sprache für Läufer. In "Hardlopen" steckt doch eine ganz andere Ausdruckskraft als im deutschen "Langstreckenlauf". Da spürt man beim Lesen schon die Anstrengung, die Hingabe, den Schweiß. Vielleicht ist das der Grund, dass eine Veranstaltung wie der Venloop Tausende Holländer zum Jubeln an die Strecke lockt.

Mythos Venloop


Die gigantische Stimmung kenne ich bisher nur aus begeisterten Berichten von diesem stets Monate im Voraus ausgebuchten Lauf. Als sich wenige Tage vor der 2017er Austragung die Gelegenheit zur Startnummer-Übernahme ergibt, schlage ich kurzerhand zu, um den Mythos Venloop zu verifizieren.

Professionelle Logistik


Angeblich sind fast 10.000 Läufer allein für den Halbmarathon dieses mehrtägigen Lauf-Fests gemeldet. Die Logistik beeindruckt. Schon auf der deutschen Autobahn beginnt das Parkleitsystem. Der Shuttle-Bus bringt uns ohne jede Wartezeit zum Start, in dessen unmittelbarer Nähe die Kleiderbeutel abgegeben werden können. Der Geruch der Büsche im Park kündet von zu geringer Zahl der Toiletten für die Menge der Läufer. Die Startgasse dürfte mindestens 500 m lang sein.

Startgassen-Teilstück

Ich bin nicht Svenja


Die Eingänge zu den Startblöcken sind gut bewacht, die Zäune mit einer Höhe von 2,50 m kaum zu überklettern. Es kostet mich eine kurze Diskussion mit dem Ordner, um Eingang in den Block für "1:30 - 1:45" zu finden, obwohl meine Startnummer für ">1:45" gilt. Dass ich unmöglich "Svenja" sein kann, für die mich meine Nummer trotz ordnungsgemäßer Ummeldung ausweist, überzeugt letztlich.

Spontaner Entschluss


Nach dem 70-km-Abenteuer des Vortages habe ich geplant, den Lauf gemütlich trottend zu absolvieren, unterwegs die gigantische Stimmung aufzusaugen und mit dem Handy fotografisch zu dokumentieren. Bei der Kleiderbeutelabgabe überkommt es mich spontan. Ich lege das Smartphone zu den Wechselsachen und entscheide mich für einen Tempo-Trainingslauf. Wenn ich schon mal hier bei einem Wettkampf bin! Trotzdem bleibe ich Realist und wage mich nicht vor das "<1:30"-Schild.

Partnersuche
Der Lauf ist noch nicht gestartet, da vermisse ich schon den Fotoapparat. Halbnackte Tänzerinnen mit riesigem Kopf-Federschmuck tanzen auf erhöhten Bühnen über unseren Köpfen zu dem, was ich für Samba-Klänge halte.

Dann rückt das ganze Feld Richtung Startlinie vor. Die Blöcke für "Elite" und "Lizenznehmer" geraten in den Blick. Und die 1:30er Hasen reihen sich ein. Hinter mir! Ist das ein Omen für den Verlauf des Rennens?

Blanke Wut


Nach dem Startschuss stecke ich im dichten Feld fest. Kilometer Eins schlägt mit 4:25 zu Buche, während für ein Finish in 1:30 nur 4:16 verbraten werden dürften. Da mich das ärgert, habe ich also offenbar sogar ein Zeitziel. Die ersten Kilometer sind die blanke Wut. Teams, die in breiter Front die Strecke blockieren. Die Frau, die mir urplötzlich seitwärts vor die Beine springt. Die Zuschauer, die mir den stinkenden Qualm ihres selbsgedrehten Knasters ins Gesicht blasen. Die viel zu laute Musik am Rand, die mich immer wieder die Ohren zuhalten lässt. Aber ich habe meinen Steffny gelesen! Der Meister empfiehlt, den Ärger in Motivation zu verwandeln.

Endlich frei!


Nach vier Kilometern habe ich mich endlich freigelaufen. Ein Schalter wird umgelegt. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Die Zuschauer jubeln mir zu. Ich muss ein paar Meter mit geschlossenen Augen laufen, um das Glück den Rücken runterrieseln zu lassen.

Die Konkurrenz
Die Stimmungspunkte liegen so dicht anneinander, dass das Blasorchester vom benachbarten DJ übertönt wird. Trotzdem betreibt ein Rentnerpaar zwei riesige Lautsprecher vor seinem Haus. Während er rauchend auf einer Bank sitzt, rockt Oma direkt an der Strecke voll ab. Eine andere Familie hat die gesamte Leder-Couch-Garnitur zum Feiern auf die Straße gerückt. Und das sind nur zwei Beispiele für die Party, die hier im Gange ist. Wenn man sich sämtliche Zuschauer und Hotspots des Düsseldorf-Marathons an einer Halbmarathonstrecke verdichtet aufgestellt denkt, erhält man eine ungefähre Vorstellung vom Venloop.

Mittlerweile habe ich eine 4er Pace aufgenommen und alle Systeme melden, dass ich die ins Ziel bringen kann. Die grafische Auswertung des Veranstalters zeigt später, was ich jetzt zu spüren glaube. Trotz des Gegenwindes auf der zweiten Hälfte und der einsamen Deich-Passage werde ich immer schneller, je näher ich dem Ziel komme. Ich überhole permanent, ohne überholt zu werden.

Geschwindigkeit
Um Kilometer 15 herum gerät das System in die Sättigung. Das Überholen wird zunehmend schwieriger. Die Sonne scheint nun von hinten. Immer wieder schiebt sich ein Schatten neben meinen. Scheinbar bin ich heute mental gut drauf, denn ich freue mich über die Angriffe. Helfen sie mir doch, das Gaspedal immer wieder ans Bodenblech zu drücken. Der Schattenwerfer bleibt hinten!

Gestank  


Düsseldorf, Köln, Berlin - nirgends sah ich bisher solche jubelnden Massen auf dem letzten Kilometer! Man könnte sich daran ergötzen. Ich muss allerdings aufpassen, dass mir der bestialische Gestank nach frittiertem Fisch nicht den Magen umdreht. Den Rest der Kraft verwende ich darauf, die Überholerei bis zur Ziellinie fortzusetzen, die ich nach 1:26:21 äußerst zufrieden überkeuche. Wer hätte vor zwei Stunden auf eine Zielzeit nur 16 Sekunden über pB gewettet?!

Abschluss-Polonaise


Wieder nimmt uns der Shuttle-Bus ohne jede Wartezeit an Bord. Kaum haben sich die Türen geschlossen, wurzelt der Fahrer das Soundsystem bis zum Anschlag auf. Holländische Stimmungsmusik animiert die Finisher auf den Stehplätzen zu einer Polonaise durch den Bus. Größer könnte der Gegensatz zum gestrigen Landschafts-Ultra kaum sein. 

Montag, 27. März 2017

Die letzten Vasallen von Graf Engelbert

Ein offener Brief wendet sich via Facebook an die "Freunde des gepflegten Langstreckenlaufs". Seltsam, irgendwie fühle ich mich angesprochen. Das Versprechen "keiner stirbt unbeaufsichtigt" überzeugt dann endgültig, mich dem Trupp anzuschließen, der 90 km lang den Spuren von Graf Engelbert folgen will.

Engelberts Spur
Dem Namensgeber zu Ehren führt der Graf-Engelbert-Weg als Nord-Süd-Verbindung durchs Bergische Land, wo Engelbert seinerzeit als Reichsverweser (Muss jemand nicht googeln?) aktiv war, bevor er nahe dem heutigen Wanderweg überfallen und dahingemeuchelt wurde.

Ich hoffe auf etwas mehr Glück, als ich morgens in Engelskirchen zu den anderen Engelbert-Vasallen stoße. Sie wollen 83 km lang der gräflichen X-28-Markierung bis zu deren Ende in Hattingen folgen, um dann einen finalen Home-Run über 7 km nach Bochum anzuhängen.

Nachdem ich vor zwei Tagen spontan eine Startnummer für den morgigen, seit Monaten ausgebuchten Venloop ergatterte, reduziere ich mein Ziel auf 70 km, um die restlichen 20 dann am nächsten Tag in Venlo zu absolvieren.

Als Training für den anstehenden 100-km-Lauf beim WHEW scheinen mir 70 km auch ausreichend. Damit bin ich offenbar der Kurzstreckler in der Gruppe. Jedenfalls fällt der Satz: "Du trainierst doch auch - selbst für 100 km."

Und dass sich meine Bitte "Kannst du mir mal die Banane hinten reinstecken?" offensichtlich auf meinen Laufrucksack bezieht, wird bewusst missverstanden. Die Stimmung ist also gut.

Tischlein Deck-Dich
Auch Wetter und Landschaft könnten kaum schöner sein. Es gibt sogar Bachdurchquerungen und Gipfelkreuze. Höhepunkt ist jedoch eine prächtig gedeckte Tafel mitten im Wald! Oliver Witzke hatte von unserer Aktion via Facebook Wind bekommen und spontan einen VP errichtet - eine gelungene Überraschung!

Glückliche Läufer bei "Zorniger Ameise"
Sie hindert uns jedoch nicht daran, auch im weiteren Verlauf immer wieder einzukehren. Im Biergarten der "Zornigen Ameise" gibt es ein bleifreies Weizenbier. Später in Schwelm setzen wir uns auf die Sonnenterrasse der "Bäckerei Öbel" und bei Jet wird ebenfalls nochmal "nachgetankt". Da hätte ich gar nicht so viel mitschleppen müssen!

Während ich Anfänger meinen ganzen Rucksack mit diesen widerlichen Energieriegeln vollgestopft habe, muss ich neidvoll zusehen, wie die gestandenen Ultras unterwegs belegte Brote, Käsebrötchen und Cashew-Kerne auspacken.

Buchenlaub im Abendlicht
Das rote Leuchten des Sonnenuntergangs flutet den Wald. Fast zehn Stunden war ich heute draußen und habe die frühlingserwachende Natur in angenehmer Gesellschaft genossen. Im letzten Tageslicht nimmt mich meine Frau am vereinbarten Treffpunkt in die Arme Empfang. Für eine Umarmung stinke ich zu sehr. Ich sage nur: Reichsverweser!





Montag, 13. März 2017

Mallorca Trails

Technisch schwierige, schmale Wege, Steine, jede Menge Steine, Höhenmeter und Meer - das ist Trailrunning auf Mallorca.


"Einfach nur Laufen" - dieser Slogan spricht mich sofort an. Und dann noch auf meiner Lieblingsinsel! Und so wird eine Woche "Mallorca Trails" gebucht.


Fünf geführte Touren durch das Tramuntana-Gebirge inklusive Shuttle-Bus und Verpflegungsstationen sind im Angebot. Meist folgt die Strecke dem GR221. Auf lange Aufstiege folgen halsbrecherische Downhills. Und umgekehrt.

Die erstaunlich homogen leistungsstarke Gruppe treibt die Guides vor sich her. Und abends werden vorm Kaminfeuer oder auf der Strandterrasse die Wunden geleckt und die Erlebnisse zu Heldengeschichten stilisiert. Wetter und Trails sind so genial, dass auch der Ruhetag zum Laufen genutzt wird, wenn auch in regenerativem Tempo. Aus Trailrunning wird Speedhiking. Apropos Wandern, unbezahlbar sind die Blicke der Wanderer, wenn wir an ihnen vorbeirennen. Sind die Wanderer darüber hinaus auch noch unfreiwillig unterwegs, wie der in unserem Hotel abgestiegene Taz-Reporter, dann bleibt es nicht bei Blicken.


Die Veranstaltung kommt meiner Idealvorstellung von Urlaub schon sehr nahe: nach ein paar Stunden der Anstrengung in herrlicher Natur guten Gewissens am Pool liegen - in einer Hand einen frisch gepressten Orangensaft, in der anderen ein gutes Buch und die Sonne im Gesicht.


Fotos: Roland Degenhard, Till Schneemann