Montag, 17. Juni 2019

Meine Ardennenoffensive - Epic Trail 50

Während sich das Gros der Szene an der Zugspitze drängt, genieße ich Läufer-Wellness in Spa. Aber nicht die Therme, sondern die belgischen Trails locken mich da hin. Beim Epic Trail 50 sind 1700 Höhenmeter auf 50 km ausgeschrieben.

Google übersetzt die Ausschreibung mit: "Die pikanten Strecken in und um Spa sind anspruchsvoll und oft anspruchsvoll ..." Ich stelle mich also wohl besser auf eine anspruchsvolle Strecke ein. Und da es sich um Belgien handelt, habe ich die Schuhe mit den längeren Stollen angezogen. Der Schokoladenfan schwört auf "Belgische Pralinen", während der Schlammfreund "Belgische Trails" genießt.
Leopold II-Galerie
Gut 100 Starter haben sich im Parc des Sept Heures eingefunden, wo das unscheinbare Veranstaltungszelt fast untergeht neben den Konstruktionen aus dem 19. Jahrhundert, die vom damaligen Eklektischen Stil zeugen. In der Leopold II-Galerie aus Eisen und Glas wird gerade ein riesiger Flohmarkt aufgebaut. Das Vordach eines der historischen Pavillons dient uns als Kleiderbeutelaufbewahrung.

Ein Dixi-Besuch ist ohne jedes Schlangestehen möglich. Und die Hände wasche ich mir danach am Brunnen der kohlesäurehaltigen Quelle, die auch die hiesige Therme speist. ("Sie baden gerade Ihre Hände drin!", kommt mir unwillkürlich die legendäre "Tilly" in den Sinn.)

Gelaufen wird dann doch auch noch. Ich halte mich zunächst an die führende Frau, lasse mich aber von einem Überholer mitreißen. Nur um wenig später diesen selbst hinter mir zu lassen. Die Top Ten sind längst entsprungen. So stelle ich mich ab jetzt auf ein einsames Rennen ein. Was für eine Fehleinschätzung!

Ich genieße die "anspruchsvolle Strecke", die hauptsächlich aus Single Trails besteht. Aussichten gibt es nur wenige. Einmal wird der Blick auf eine Burgruine frei, ein paar andere Male sieht man in die Ardennen-Landschaft oder auf einen See. Ansonsten ist hier ganz klar die Strecke selbst der Star. Ich zitiere einfach nochmal Freund Google: 

"Die Läufer werden durch die wunderschönen Berge in und um Spa geführt und stoßen auf unterschiedliche Oberflächen. Schlamm, Felsen, Baumwurzeln, breite Waldwege, einzelne Spuren, ... sind immer miteinander durchsetzt. Dies schließt angepasstes Schuhwerk ein."

Und dann sehe ich zwischen den Stämmen plötzlich einen braunen Rücken hüpfen. Es ist aber kein Reh, sondern ein Läufer vor mir. Der wiederum hat einen weißen Mitstreiter in Reichweite. Ich habe am Berg die beiden fast eingeholt. Doch scheinbar spüren sie meinen heißen Brodem in ihrem Genick, denn im Nu sind sie wieder entfleucht. 

Als ich das nächste Mal der beiden ansichtig werde, liegt nun der Weiße hinten, den ich bald darauf auch überhole. Gefühlte Ewigkeiten später ziehe ich endlich am Braunen vorbei. Es rollt jetzt richtig gut. Eine Zeit unter 5 Stunden scheint trotz der 1700 Hm möglich. Wenn ich nicht gerade völlig überziehe ...

Schienen der Standseilbahn hinten, vorn der Quellbrunnen

Nach dem VP bei km 22 zeigt das Höhenprofil die Zähne, als es neben der Standseilbahn hinauf zur Therme geht, in der ich mich 2015 vom Finish des Crêtes de Spa erholte. Ich bin nun wieder allein unterwegs. Ein mentales und körperliches Tief bemächtigt sich meiner. Die tollen Downhills können nicht mehr so richtig in Speed umgewandelt werden, da die Oberschenkel schon etwas in Mitleidenschaft gezogen sind. Da steckt das Wort "Mitleid" drin. Davon habe ich wohl gerade ein bisschen zu viel mit mir. Jedenfalls naht der Braune wieder heran, und wir laufen gemeinsam in den VP bei km 32 ein. Und auch wieder aus. Man durchläuft hier nämlich eine Halle, in der die Verpflegungstische mit Orangen, Rosinen, Bananen, Melone, Kuchen, Müsli, Gummizeugs und Riegeln aufgereiht sind. Coole Idee!

Nur, wo ist denn jetzt der sehr junge Mann in Braun? Egal, Hauptsache hinter mir! Obwohl es meist bedeckt ist, bin ich froh über die Sportbrille, da mir ständig die Äste ins Gesicht peitschen, wenn ich mir den Weg über den meist matschigen Untergrund bahne. Eine leichte Brise kühlt den erhitzten Leib bei läuferisch angenehmen 15 bis 19 Grad. Außerdem überhole ich noch einen Blauen. Toll, was ein wenig Nahrungsaufnahme doch wieder für eine Energie gibt!


Höhenprofil
"Vor ihm gähnte der Abgrund, hinter ihm der Verfolger", lautet eine bekannte Stilblüte. Ungefähr so stellt sich meine Situation dar, als sich vor mir ein Gewässer erstreckt. Ein Flüsslein von etwa sieben Metern Breite gilt es zu durchqueren. Das munter strömende Nass reicht bis zum Knie und gibt dank des klaren Inhalts den Blick auf den felsigen und steinigen Boden frei. Mein ganzes Trachten richtet sich darauf, nicht zu stürzen. Obwohl ein Bad recht willkommen wäre, möchte ich das Handy im Rucksack nicht wässern. 

Auf der anderen Seite ragt ein steiler Anstieg auf. Den schmalen Pfad kommt gerade ein Pferd herabgeschlittert, auf dessen Rücken eine ältere Dame sitzt und irgendetwas Französisches mit "Passage" ruft. Mir wäre gar nicht in den Sinn gekommen, mich vor das Pferd zu stürzen. Also lasse ich sie passieren und will fotografieren, wie der Gaul durch die Fluten spritzt. Ich drehe mich dazu um, nur um meinen keineswegs gähnenden Verfolgern ins Auge zu blicken! Es bleibt keine Zeit für eine Foto-Session! Blau und Braun hetzen heran, angeführt von einem Roten, der sich offenbar von hinten durch das Feld arbeitet.

Stöckeschwingend zieht der Rote schon bald vorüber. Und auch der junge Braune lässt mich wieder hinter sich. In dieser Reihenfolge laufen wir in den letzten VP bei km 42 ein. Als die beiden Führenden schon weiterrennen, kommt noch Blau hinzu. Ich trabe weiter.

Offenbar hat der Blaue einen enormen Energieschub bekommen. Während ich mich mit meiner abgeschlagenen Platzierung schon zufrieden gegeben habe und gemächlich weiterzuckle, kommt der Blaue von hinten regelrecht angesprintet. "Der nicht auch noch", denke ich mir. Und sprinte mit!

Unglaublich, was sich da gerade in mir entfesselt! Es ist eben doch alles nur Kopfsache. Wir jagen gemeinsam dahin und kommen ins Gespräch. Der Mann ist Holländer, hat bisher zwei Marathons gefinisht und läuft gerade seinen ersten Ultra. Zunächst überholen wir Braun und dann den Roten. Die beiden wirken äußerst überrascht, uns noch einmal zu sehen. Wir laufen schneller als zu Beginn des Rennens, was auch am Höhenprofil liegt, das nun ein Einsehen hat. Irgendwann muss es ja auch mal wieder runter gehen.

Nur kurz vorm Finale hat sich der Veranstalter noch einen "Endgegner" als Schlussgag einfallen lassen. Statt uns geradewegs durch den Park ins Ziel laufen zu lassen, geht es noch einmal über Felsen hoch Richtung Therme und dann weglos steil bergab. Dort im Unterholz verliere ich erst den Halt und dann meinen blauen Begleiter, mit dem ich gemeinsam finishen wollte.

So kommt es, dass ich nach 4:48:45 als Achter einlaufe. Dank der elektronischen Zwischenzeitnahmen mit Live-Updates fieberte die Familie zu Hause mit, wie ich mich vom 12. Platz vorgearbeitet habe, und sendet direkt Glückwünsche. Medaillen oder Urkunden gibt es keine, dafür war die Strecke, die letztlich nur 48 km Länge aufwies, perfekt markiert.

Ich genieße nun, worauf ich mich seit Stunden gefreut habe. Dank neuester Wettkampfausrüstung gibt es ein eiskaltes Zielbier. Meine Frau überreichte mir am Vorabend eine kleine Kühltasche, die genau eine Flasche nebst Kühlakkus fasst. Sehr empfehlenswert!

Mini-Kühltasche

Freitag, 31. Mai 2019

Mein Ultra-Come-Back beim 20. Westerwaldlauf in Rengsdorf

Seit Anfang Oktober bin ich nicht mehr über die Marathondistanz hinausgekommen. Zum Herrentag schenke ich mir meine Rückkehr auf die längeren Strecken. Ein Funlauf ohne Wertung über 50 km scheint dazu perfekt geeignet. Der 20. Westerwaldlauf beim Volkswandertag in Rengsdorf bietet sich geradezu an.

Schon 2014 hatte ich diese familiär organisierte Veranstaltung schätzen gelernt. Start und Ziel befinden sich am wunderschön gelegenen Freibad in Rengsdorf, das nach dem Lauf genutzt werden darf. Im Freibad tummeln sich allerlei bekannte Ultraläufer. So kommt es zu manch herzlicher Begegnung.

Gebadet wird erst nach dem Lauf

Auch die internetbekannte "Wandersmännin" Daniela Mohr hat sich unter die Starter gemischt. Schon lange erheitert mich ihr Blog und ernähren mich ihre Rezepte (letztere allerdings über den Umweg der Kochkünste meiner Frau). Heute ist es an der Zeit, dass ich mich persönlich vorstelle und als Fan bekenne. Ich bekomme zwar kein Autogramm, aber ein Visitenkärtchen, auf dem ich Wanderstempel sammeln kann - quasi als Payback-Punkte aus dem Wald. Paradoxerweise hat sich Daniela nämlich mit ihren flotten Wanderbeinen noch ein zweites Standbein geschaffen und bietet Mikro-Abenteuer wohlfeil.

Ich stürze mich mit dem Startsignal in mein eigenes Abenteuer, das mir ob meiner langen Abstinenz gar nicht so "mikro" vorkommt. Die 1200 Hm tun ihr Übriges. Die menschenleere Westerwaldlandschaft entschädigt aber permanent für jede Anstrengung. Mal rauscht der Wind in den Baumwipfeln, mal die Wied in ihrem Bett. Oft geht es an plätschernden Bächen bergauf oder -ab. Manchmal tut es dies auch ganz ohne Gewässer. Und an einer dieser Abwärts-Passagen passiert es mal wieder. Ein Fuß bleibt irgendwo hängen. Ich gerate ins Straucheln. Und dann kommt dieser Moment, wo du realisierst, dass ein Sturz nicht mehr zu vermeiden ist. Mir gelingt es, noch einen Schritt zwischenzuschieben und meine Fallrichtung zur Böschung zu lenken. So tauche ich mit der rechten Körperhälfte in den Waldboden der Wand, die rechts neben dem Weg emporragt. Glück im Unglück. Ich falle dadurch nicht so tief und lande auch noch weich. Der feine Staub des Waldes und der Schweiß auf meiner Haut bilden fortan eine markante Patina, die mich als Trailrunner ausweist.

Sechs verschiedene Strecken haben die Veranstalter im jährlich wechselnden Programm. Dadurch erlebe ich ein mir völlig neues Stück Westerwald. Immer wieder gibt es eine Aussicht zu genießen. Landschaftliche Ähnlichkeiten zum Rennsteiglauf empfinde ich. Aber die idyllische Lage von VP2 sucht ihresgleichen.

VP2 an kleiner Kapelle

Obwohl es keine offizielle Zeitnahme gibt, habe ich mir eine private Zielvorgabe auferlegt. Ich möchte unter 5 Stunden bleiben. Bei km 42 wird klar, dass ich eine Minute hinter meinem Plan hänge. Und nun zeigt sich, wie wirkungsvoll so ein selbstgestecktes Ziel sein kann. Ich zünde nämlich den Turbo. Vergessen und verflogen ist plötzlich der Schmerz in der linken Leiste, der mich seit dem Herbst auf längeren Strecken begleitet. Auch das Höhenprofil hat nun ein Einsehen und weist tendenziell bergab. Ich "flowe" dem Ziel entgegen, wo nach 4:52:07 die härteste Prüfung des Tages auf mich wartet.

Das Wasser der Dusche ist gerade so warm, dass keine Eiswürfel aus dem Brausekopf fallen. Mannhaft stelle ich mich der Herausforderung. Als ich mich mit blauen Lippen zitternd abtrockne, kommt ein potenzieller Leidensgenosse zur Tür herein. "Ach, da muss man Bescheid sagen", sprach's, verschwindet kurz und genießt anschließend eine heiße Wellness-Anwendung unter meinen neidischen Blicken.

Der Lauf in einem Wort zusammengefasst - bei km 42

Montag, 29. April 2019

Düsseldorf Marathon 2019

Zieleinlauf am Rhein
Der schönste Moment des Düsseldorf Marathons ereignet sich bereits vorm Start. Ein Vereinskamerad meines Sohnes kommt auf uns zu und gibt uns mit auf den Weg: "Egal wie der Lauf für euch ausgeht, er wird ganz großartig. Einfach, weil ihr beide das zusammen macht!"

Dabei wäre das Vater-Sohn-Gespann beinahe nicht gemeinsam angetreten. Wegen seiner langwierigen Waden-Verletzung stand die Entscheidung des Juniors bis zum Vorabend auf der Kippe.

Entsprechend verhalten starten wir, lassen die 3-Stunden-Pacer ziehen. Damit ist für mich das Sub3h-Ziel bereits Geschichte, während der Junge das Potenzial hat, die fehlende Zeit auf der zweiten Hälfte zu kompensieren.


Bis zur Halbmarathonmarke beschleunigen wir stetig, so dass wir in den hohen Zehnern die Ziel-Pace von etwa 4:15 aufgenommen haben. Doch ich muss kämpfen, um diese Geschwindigkeit zu laufen. An den Bauchseiten melden sich seitenstechenartige Beschwerden wie schon in den Vorbereitungswettkämpfen.

Den Halbmarathon erreichen wir nach 1:31:25. Ich lasse den Junior ziehen und wechsele auf Plan B. Wenn ich die erste Hälfte im 3-Stunden-Tempo und die zweite im Tempo für 3:15 laufe, kann ich die alte, seit 2014 nicht mehr angegriffene Bestzeit von 3:12:56 unterbieten.

Zunächst geht es noch mit 4:20, 4:25 dahin. Dann erscheint tatsächlich das 3:15-Tempo mit 4:37 auf der Uhr. Das muss ich nun halten! Was für eine Quälerei. Immerhin bin ich fünf Kilogramm schwerer (und damit eigentlich 10 Minuten langsamer) als 2014. Drei Kilo davon habe ich allein seit dem Beginn meiner Atemtherapie zugelegt. Ob sich die nächtliche Regeneration tatsächlich auf die Hüften legt? Vielleicht sind auch die reduzierten Kilometer-Umfänge der wirkliche Grund. Oder einfach meine Fresslust.

An zehn Stellen werde ich von Bekannten angefeuert. Ungezählt bleiben die vielen Anderen, die meinen auf der Startnummer gedruckten Namen rufen. Nur kann ich die wunderbare Strecken-Atmosphäre und den Zuspruch der Zuschauer nicht genießen. Wenigstens vermag ich mich ab und an aufzuraffen, um ein paar Kinderhände abzuklatschen. Doch die Kleinen, die ihre Jacken-Ärmel über die Finger ziehen, um sich vor unserem Schnodder zu schützen, werden ignoriert. Keine halben Sachen!

"Dieses Gehetze tust du dir nie wieder an!" Einerseits ist es ein Versprechen. Gleichzeitig ist das Wissen darum, dass es mein letzter pB-Versuch sein soll, ein Ansporn. Die immer noch mögliche pB wird mein Rettungsanker. Ohne Ziel, keine Motivation! Die Rechnerei beginnt. Mit ein paar Sekunden Verbesserung will ich mich möglichst nicht trösten müssen. Eine 3:10 soll es schon noch werden!

Doch irgendwann stehen erstmals 5er Paces auf dem Display des Zeitmessers. Langsamer darf ich keinesfalls mehr werden! Und dann kommt der absolute Tiefpunkt des ganzen Laufes. Der Sieger der M65 zieht vorbei!

Erstaunlicherweise überhole ich selbst aber auch immer noch andere Läufer. Und am Streckenrand sieht man Geher, Steher und Dehner, gelegentlich sogar Erbrochenes. "Guck mal, denen geht es noch viel schlechter als dir!", mache ich mir Mut.

Bei km 39 begegnen mir die 3h-Pacemaker. Doch der Junior ist nicht bei ihnen und auch in der langen Reihe dahinter nicht auszumachen. Er wird die Schrittmacher doch nicht überholt haben?

In Wirklichkeit ist auch ihm, trotz der disziplinierten Vorbereitung und der defensiven Rennstrategie, ein Einbruch nicht erspart geblieben. Das ist Marathon! Der Nachwuchs entdeckt mich bei der  Begegnungsstelle auf der Königsallee zwischen km 40 und 41. Da ich nur ein paar 100 Meter hinter ihm bin, erwägt er sogar, auf mich zu warten, um das Hand-in-Hand-Marathon-Finish von Vater und Sohn doch noch Wirklichkeit werden zu lassen. Letztlich hat er sich aber zu sehr für seine Zeit gequält, um sie jetzt zu verschenken. Ich hätte nicht anders gehandelt.


Und so beendet er das Rennen nach 3:08:17, während ich nach 3:10:34 einlaufe. Das Idealziel haben wir zwar verpasst, aber beide eine persönliche Marathonbestzeit in den Büchern! Ich lasse mir sogar erstmalig die Medaille mit der Zeit gravieren, da das ja ab jetzt meine ewige Straßenmarathon-pB sein soll.

Im Ziel berichtet ein Mitstreiter, dass sein 80-jähriger Vater nun nicht mehr läuft. Und dass sie nie gemeinsam laufen konnten, weil jeweils der eine oder der andere zu schnell war. Das geht uns auf dem Heimweg nicht mehr aus dem Kopf. Am Abend beschließen wir, dass wir irgendwann zusammen einen Genußmarathon laufen werden.

Sonntag, 7. April 2019

Auf das Lintorfer Podest

Wie ich trotz verpasster Zeitvorgabe mit dem Gesamtsieger auf das Podest gelangte

Brav hielt ich meinem Schwur die Treue und bewahrte Abstinenz von der Ultra-Distanz. Stattdessen trainierte ich diszipliniert nach dem 2:59er Marathon-Plan meines Sohnes. Das harte Trainingstempo soll heute in Form einer 10-Kilometer-Zeit von sub38 Früchte tragen. Am Mittwoch locker in 3:45 gelaufene 1000er Intervalle stimmen optimistisch.

Nur nicht zu schnell starten! Der erste Kilometer fühlt sich prima an und kann mit 3:47 als Punktlandung durchgehen. Ich halte mich weiter im Windschatten zweier Triathleten. Doch als der zweite Kilometer plötzlich mit 3:52 auf der Uhr steht, ziehe ich allein weiter. Als sich die gefühlte Beschleunigung nach Kilometer Drei mit erneuten 3:52 nicht bestätigt, schleichen sich erste Zweifel ein. Ich schließe die Lücke zum nächsten Vordermann, ohne dass dadurch die Messwerte besser werden. Im Gegenteil! Nach fünf Kilometern steigt mein Tempomacher plötzlich aus dem Rennen aus, und ich vergesse vor Überraschung die Zwischenzeit zu stoppen. Die offizielle Zieluhr zeigt aber bereits Werte über 19 Minuten. Vielleicht kann ich wenigstens eine niedrige 38er Zeit erkämpfen und schneller sein als neulich in Hardt?

Immerhin bleibe ich auf den Beinen. Vor einer guten Woche war mir diese scheinbare Selbstverständlichkeit nicht vergönnt gewesen. Komme ich sonst auf schwierigen Trails ganz gut zurecht, streckte es mich auf topfebenem, asphaltiertem Untergrund nieder. Ich hatte wohl in eine am Boden liegende Schlaufe eingefädelt, so dass ein Fuß urplötzlich arretiert war. Mein Körpergewicht fing ich hauptsächlich mit der rechten Gesichtshälfte ab, was mir eine Woche Zombie-Aussehen bescherte. Wenigstens blieb mir diesmal ein Notarzt-Einsatz erspart.

Möglicherweise ist es mit sonnigen 20 Grad einfach zu schnell zu warm geworden. Andererseits passiert genau das auch schön regelmäßig beim Düsseldorf Marathon. Das sollte ein sub3h-Aspirant also aushalten. Doch ich schleppe mich hier gerade mit 4:10 über Kilometer Sieben. Beim Marathon muss ich eine 4:15 über die ganze Distanz durchhalten! Die schlechten Gedanken übernehmen die Kontrolle: "Selbst bei hartem Training ist bei dir eben einfach nicht mehr drin."

Auch der Junior sah seine Marathonträume bereits platzen. Der Sportarzt diagnostizierte mittels Ultraschall eine Zerrung und verordnete 4 Wochen Laufpause. Also ziemlich genau bis zum Marathon. Zunächst hielt sich der Nachwuchs an die Verordnung, worunter das Familienleben durch wachsende Übellaunigkeit des Jugendlichen erheblich zu leiden hatte. Da die Hoffnung aber zuletzt stirbt, suchte der Junior noch einen Physiotherapeuten auf. Die neue Diagnose lautete viel freundlicher "Muskelverhärtung". Und eine sehr schmerzhafte Massage später gab es eine Lauffreigabe.

Bis eine Minute vorm Start des Zehners war das Motto des Nachwuchsathleten: "Nur Mittraben, um den Marathon nicht zu gefährden". Da das Warmlaufen aber völlig schmerzfrei gelang, änderte der Junge wohl seinen Plan. Hatte er sich auf der ersten der vier Runden noch hinter mir gehalten, zog er bei Kilometer Drei mit einem Lächeln vorbei. Letztlich erkämpfte er sich mit einem spannenden Zweikampf kurz vor der Ziellinie noch den Dritten Platz in der Gesamtwertung.


Ich bin hingegen zu keinem vernünftigen Endspurt fähig und erreiche das Ziel recht deprimiert nach 39:42. Durch das Rasseln meines Atems dringen Wortfetzen. Der Moderator berichtet offenbar gerade von einer Familienfeier, die bei uns heute Abend wegen unserer Platzierungen stattfinden würde. Es zeigt sich, dass ich Dritter in meiner Altersklasse wurde.

Die Modalitäten der Siegerehrung führen zu einem Kuriosum. Als Altersklassensieger im Jugendbereich bekommt mein Sohn zwar einen Pokal. Bei der Gesamtwertung werden aber nur die Siegerin und der Sieger ausgezeichnet. Den dritten Platz auf dem Podest neben dem Gesamtsieger, der eigentlich meinem Nachwuchs gebührt, nehme stattdessen ich ein. Der Gewinner und ich sind nämlich in derselben Altersklasse!

Sonntag, 31. März 2019

Diagnose Herzinfarkt

In Sportlerkreisen wird oft als Motivation für tägliches Training angegeben: "Wenn ich mal alt bin, möchte ich mir noch allein die Schuhe zubinden können!" Mir gelingt das bereits heute Morgen nicht mehr! Ich kann mich einfach nicht zu den Füßen hinunterbeugen.


Ich schlüpfe im Stehen in mein Schuhwerk und bitte die Pulsmesserin, mir die Schnürsenkel zu binden. "Willst du denn überhaupt zur Arbeit gehen?", gibt sie zu bedenken. Im Nachhinein betrachtet, wäre hier ein guter Moment gewesen, um den weiteren Verlauf in andere Bahnen zu lenken. Doch ich setze meinen Weg unbeirrt fort. Nur um an der nächsten Station endgültig zu scheitern.

In der Garage will ich mir aufgrund der Wettersituation noch die Gamaschen anlegen, bevor ich mich auf das Fahrrad schwinge. Beim gleichzeitigen Heben des Beines und Vorbeugen des Oberkörpers schießt mir ein nahezu unerträglicher Schmerz in die Lendenwirbelsäule. Schreiend und heulend kämpfe ich mich über die Terrasse zurück ins Haus. Mit eingeknickten Knien und leicht nach vorn gebeugt stütze ich mein Körpergewicht mit den Händen auf einer Stuhllehne ab. In dieser Position ist die Pein irgendwie auszuhalten. Aber nur in dieser. Jede Veränderung bringt das Schreien und Heulen zurück.

Es ist Glück im Unglück, dass meine Frau heute zufällig noch im Haus ist. Sie ruft eine Ärztin aus dem Familienkreis an. Die diagnostiziert fernmündlich eine Blockade der Lendenwirbelsäule. Wir sollen den Notruf wählen, damit ich umgehend eine Schmerzmittelspritze erhalte, um so aus der Situation herauszukommen.

Ab jetzt bin ich nur noch Objekt. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Mein Frau wählt 112. Nach rund zehn Minuten im Armstütz auf der Stuhllehne verheißt der Klang eines Martinshorns Rettung. Drei junge Männer betreten den Raum. Die Krankentrage haben sie vor der Haustür stehen lassen. Und dorthin soll ich ihrer Meinung nach nun zu Fuß gehen. Mir ist aber nach wie vor keine Positionsveränderung möglich. "Ah, da brauchen wir ein Schmerzmittel! Das können wir aber nicht verabreichen. Das darf nur ein Arzt." Sie telefonieren. Mir schwinden langsam Kräfte.

Meine drei Retter wollen mir inzwischen eine Infusion legen, und zwar über einen  Zugang in der linken Hand. Diese soll ich ihnen reichen. Ich balanciere nun also mein Körpergewicht mit nur noch einer Hand auf der Stuhllehne. Dazu diese wahnsinnigen Schmerzen im Rücken. Meinem Körper wird das jetzt ein bisschen viel. Er fängt an, alle überflüssigen Systeme herunterzufahren. Ich sehe nur noch sehr unscharf. Mir bricht der kalte Schweiß aus. Ich habe plötzlich wahnsinnigen Durst. Mir wird schwummerig. Ich sacke nach hinten und finde mich auf der Fensterbank sitzend wieder. Die Schmerzen haben deutlich nachgelassen.

Währenddessen ist die Notärztin hereinkommen und hat erlebt, wie ich kreidebleich kollabierte. Sie lässt sofort ein EKG anschließen. Die drei Rettungsassistenten drapieren jede Menge Sensoren an meinem Oberkörper und an einem Finger. Irgendwo steckt jetzt auch die Infusion drin. Ständig verfitzen die Jungs die Schläuche und Kabel. Ein Drucker rattert. Das EKG sieht offenbar besorgniserregend aus. Die Ärztin kontrolliert den Sitz der Sensoren und bittet die jungen Männer um Korrektur. Es rattert wieder. Nun sehen die Herzwerte offenbar gleich viel besser aus! Aber ein Parameter scheint die Frau noch immer zu beunruhigen.

Inzwischen kann ich wieder scharf sehen. "Wir freuen uns immer, wenn der Patient die Augen wieder aufmacht.", meint die Ärztin. "Herz sticht Rücken", fügt sie hinzu. Ich werde nicht in die nahe orthopädische Klinik, sondern in die etwas weiter entfernte kardiologische Klinik gebracht. Den Weg zu Bahre kann ich, mit beiden Händen auf die Schultern meiner Frau(!) gestützt, aus eigener Kraft zurücklegen. Meine drei Helden trotten hinterdrein.

In der Notaufnahme bekomme ich dann doch noch ein Schmerzmittel. "Wie stark sind ihre Schmerzen auf einer Skale von 0 bis 10, wenn 10 'Vor Schmerzen aus dem Fenster springen' bedeutet?"
"Jetzt, wenn ich hier so unbewegt liege, 3. Aber heute Morgen waren es 9!"
"Derart starke Schmerzen können auch Ihre Symptome hervorgerufen haben, es muss kein Herzinfarkt sein."

Doch dann werde ich untersucht. "Ihre rechte Herzhälfte schlägt gar nicht richtig mit. Und die Cava ist weit geöffnet! Die muss sich aber bei jedem Atemzug öffnen und schließen. Wir müssen eine gründliche Ultraschalluntersuchung ihres Herzens durchführen. Das kann nicht sofort erfolgen. Sie können so lange ins Wartezimmer der Notfall-Ambulanz. Das ist noch ganz leer."

Gegen 8:30 Uhr schiebt man mich in einem Rollstuhl in das Wartezimmer. Im Laufe der nächsten Stunden füllt es sich immer mehr. Glücklicherweise habe ich gefrühstückt. So ohne Geld und bewegungsunfähig direkt gegenüber der Cafeteria zu sitzen, macht auf  Dauer doch etwas mürbe. Dann kommt eine Schwester auf mich zu. Ich wähne mich schon auf dem Weg zur Untersuchung. Da herrscht sie mich an, dass sie keine Rollstühle mehr haben, und ich mich doch auf einen normalen Stuhl setzen solle.

So einfühlsam motiviert, schaffe ich es tatsächlich, mich ächzend auf einen Stuhl zu manövrieren. Als ein paar Stunden später der Harndrang zu groß wird, erinnere ich mich an diese Leistung und wage den Aufbruch zur Toilette. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein paar schmerzhafte Schritte für mich. Es sieht sicher auch nicht schön aus, wie ich da gekrümmt über den Flur schlurfe. Aber zumindest bekomme ich einen Überblick über die Lage. Ringsum nur geschlossene Türen! Kein Personal, das man ansprechen könnte.

Meine große Stunde schlägt um 13:50 Uhr. Ich werde auf eine Station geschoben, wo man mich auf dem Flur abstellt. Ich richte mich gerade innerlich darauf ein, hier die Nacht zu verbringen, da werde ich zur Untersuchung gebeten. Immerhin schaffe ich es inzwischen bereits aus eigener Kraft auf die Liege. "Bei einem austrainierten Sportler kann das Herz schon so aussehen. Ihr Herz ist völlig gesund." Als ob ich daran gezweifelt hätte! Aber was ist jetzt eigentlich mit meinem Rücken?

Man karrt mich zurück in die Notaufnahme. Der Arzt vom Morgen meint: "Vergessen Sie alles, was ich heute Früh gesagt habe. Sie wurden jetzt von einer sehr erfahrenen Oberärztin untersucht. Ihr Herz ist in Ordnung. 
Da Sie Ihre Beine spüren können, kann ich hier in der Notaufnahme nicht mehr für Sie tun, als Ihnen ein Taxi zu rufen. Suchen Sie bei Gelegenheit einen Orthopäden auf."

Der Besuch dort ist zwar deutlich kürzer, aber kaum ergiebiger. Immerhin erhalte ich eine Diagnose. Blockade des Ischio-Sakral-Gelenks. Ich werde entlassen mit den Worten: "Kann jederzeit wieder auftreten, vielleicht auch nie mehr."



Nachtrag: Fast drei Wochen Abstand haben mich in die Lage versetzt, dem Erlebnis seine komische Seite abzugewinnen. Inzwischen nähert sich der Rücken einem beschwerdefreien Zustand an. Vor allem aber, ich laufe wieder!

Samstag, 9. März 2019

Hart durch Hardt - Karnevalslauf und nächtliche Maskerade

Mit blauer Nase und roten Wangen stehe ich an der Startlinie beim Karnevalslauf in Mönchengladbach-Hardt. Einige der anderen Läufer sind verkleidet und geschminkt. Meine bunten Gesichtsfarben haben andere Ursachen.

Atemtherapie
Die blaue Nase hat nichts mit etwaiger Trunksucht zu tun. Stattdessen ist die Atemtherapie mittlerweile angelaufen. Wer "Pulp Fiction" gesehen hat und sich erinnert, wie Marsellus Wallace im Folterkeller des Waffennarren mit einem Ledergeschirr eine rote Kugel in den Mund geknebelt bekam, hat eine ungefähre Vorstellung von meiner nächtlichen Ausstattung. Die Atemmaske hinterlässt morgens nicht nur deutlich sichtbare Striemen in den Wangen, sondern auch eine blaue Druckstelle auf der Nase.

Die geröteten Wangen haben eine wesentlich erfreulichere Ursache. Am Vortag kam ich aus dem Skiurlaub zurück. Dort brezelte von morgens bis abends die Sonne auf die üppig beschneiten Hänge. Einen leichten Sonnenbrand habe ich gern in Kauf genommen, um mal ordentlich Vitamin D zu tanken.

Aber ob die Doppelbelastung aus ganztägigem Skifahren und abendlichen Laufeinheiten im steilen Gelände die beste Wettkampfvorbereitung darstellte, muss sich gleich erweisen. Von der Skiwoche abgesehen, habe ich das harte Trainingsprogramm des Juniors mit durchgezogen. Die Umfänge wurden zugunsten eines deutlich gesteigerten Tempos reduziert. (Kurzfassung: lange Läufe von max. 35 km im 5er Schnitt, kürzere im 4er Schnitt, dazu knackige Intervalle) Das müsste sich doch heute nun eigentlich in einer gegenüber dem Vorjahr verbesserten Wettkampfleistung niederschlagen. Damals lief ich aus dem reinen Ultratraining heraus eine 10-km-Zeit von 38:06. Somit erwarte ich heute von mir eine sub38.

Langkofel und Plattkofel

Auf dem ersten Kilometer fürchte ich, es wieder zu schnell angegangen zu sein. Zumindest fühlt es sich so an. Dann die Ernüchterung: die Uhr zeigt eher ein paar Sekunden zu viel! Der Kopf schaltet bereits in den Trübsal-Modus. Aber der Körper klingelt auf Kilometer Zwei die passende Pace heraus. Nur kostet das wahnsinnig viel Kraft! Der dritte Kilometer passt zeitlich auch noch einigermaßen. Anschließend bin ich schon froh, die Pace wenigstens unter 4 min/km zu halten. Kopf, Magen und Beine haben sich in ein anderes Körperteil zurückgezogen. Alles im Arsch!

Der Junior will eine pB aufstellen. Dazu ist eine sub36 vonnöten. Wegen einer nicht ganz auskurierten Erkältung fühlt er sich am Start nicht in Bestform. Das hält ihn nicht davon ab, mit einer sub35 zu finishen (34:54), was den klaren AK-Sieg und Gesamtplatz 6 bedeutet. Allerdings wird er mit zwei Tagen Fieber dafür büßen müssen.

Als beim Zieldurchlauf zur letzten Runde direkt hinter mir die führende Frau anmoderiert wird, kann ich mich noch einmal aufraffen. Schließlich hatte ich vorm Start ihr gegenüber noch mit meinem großartigen Zielzeitvorhaben geprahlt und eine Wiederholung unseres gemeinsamen Kopf-an-Kopf-Rennens von 2017 ausgeschlossen. Ich arbeite mich an einen vorherigen Überholer in Rot heran und ziehe wieder vorbei. Ein weiterer Rivale im schwarzen Dress wird ins Visier genommen. Während ich diesem immer näher komme, setzt der Rote zum Endspurt an. Zu zeitig für mich. Er zieht davon. Erst auf der Zielgeraden richtet mich ein Blick zur Uhr wieder auf. Hatte ich mich bisher mit einem "wenigstens sub40" getröstet, indiziert der Zeitmesser, dass eine sub39 noch im Bereich des Möglichen liegt. Wenn ich mich jetzt endlich mal in den Hintern trete!

Ich schalte doch noch in den (Wett-)Kampfmodus und gebe Gas. Der Schwarze ist völlig überrumpelt, als ich kurz vor ihm in die Zielgasse einfädele. Wir beenden das Rennen zwar zeitgleich mit 38:58, doch mein finales Überholmanöver verweist ihn auf dem AK-Podest auf Platz Drei, während es mir Silber beschert. Scheinbar lässt sich auch diesem verkorksten Rennen noch etwas Positives abgewinnen.

Dienstag, 5. Februar 2019

Hivernaltrail 2019

Meinem Sohn entfährt ungläubiges Gekicher, als bei der Anreise zum Hivernaltrail kurz der Blick auf die Treppe frei wird, die wir gleich hochrennen sollen - die längste Treppe Hollands.

Archiv-Bild: Wilhelminaberg 2015

Der Podestplatz beim Coriotrail war für den Junior mit einem Freistart heute dotiert. Für mich ist der geniale Lauf ohnehin Pflicht. Weil sich der Nachwuchs im Hinblick auf seinen ersten Marathon Ende April jetzt langsam den längeren Distanzen zuwenden muss, starten wir beide auf der "+30" genannten Distanz über etwa 32 km.


Da ich bei meinen bisherigen Teilnahmen auf dieser Distanz jeweils Elfter wurde, versuche ich mich unter den Top Ten zu halten. Das ist nicht so einfach, weil sich ein ganzer Männer-Pulk an der führenden Frau festgebissen hat, die ein recht forsches Tempo anschlägt. Nachdem die völlig vereiste Treppe erklommen ist, wechseln sich beim Downhill auf der Haldenrückseite Harsch, Eis und Schlamm ab. Es wimmelt von Richtungspfeilen der Streckenmarkierung. Als gebranntes Kind (ich drehte beim 2018er 50-km-Lauf eine Ehrenrunde) halte ich nach jedem einzelnen Marker gezielt Ausschau, während die Männermeute einfach der Frau nachhetzt – die irgendwann falsch abbiegt. Im letzten Moment bemerke ich den Fehler und kehre um. Beim Zusammenprall mit meinem Verfolger, rufe ich noch: „Falsch!“, was die Holländer offenbar nicht gleich verstehen. Auf einen Schlag liege ich so plötzlich rund sechs Plätze weiter vorn. Der Junior geht es etwas ruhiger an, mangelt es ihm doch sowohl an Erfahrung auf der Langstrecke als auch auf derart steilem und schlüpfrigem Untergrund. Und so kann er sich direkt ohne Umweg hinter mir einfädeln.

Als wir uns in Serpentinen durch schwarze Schlacke die Halde wieder hinaufquälen, wird vor mir ein Kurzbehoster mit rasiertem Schädel sichtbar. Da ich mir diesen Anblick zu erhalten trachte, bin ich wohl leicht zu schnell unterwegs. Trotzdem schnauft es die ganze Zeit direkt hinter mir. Nach sieben Kilometern zieht der blaugekleidete Schnaufer vorbei, nur um sich bei seiner Rast am VP bei km 8 wieder überholen zu lassen. Weder Kurze Hose noch ich legen Verpflegungsstopps ein.

Ich kenne die Strecke. Ich habe den Track auf der Uhr. Ich weiß, dass es nun irgendwann nach links gehen muss. Trotzdem folge ich dem Glatzkopf und verpasse den Abzweig. Der Blaue navigiert besser und ruft uns zurück. Er beweist hier nicht nur sportliche Fairness und Orientierungssinn, sondern auch seinen guten Trainingszustand. Er zieht nämlich davon. Der Rasierte lässt sich auch nicht lumpen und schließt zu mir auf. Während beim Ultra in solchen Situationen oft eine Lauf- und Leidensgemeinschaft entsteht, liefern wir uns das zähe Ringen zweier Konkurrenten. Mal läuft er vorn, mal ich. Mir wird jedoch bewusst, dass er am Anstieg deutlich stärker ist als ich. Diese Stärke spielt er aus, als wir einen steilen Single-Trail erreichen. Kurz vorher legt er einen kurzen Zwischen-Sprint ein, um sich noch einen Platz auf dem Pfad vor einem älteren Ultra-Läufer zu sichern. Dann rennt er die Rinne hoch! Ich muss hinter dem Senior herwandern. Aber gerannt wäre ich hier ohnehin nicht.

Einlauf ins Stadion-Gelände zum Ziel
Ab jetzt bin ich allein im Wald, von einigen versprengten Ultras abgesehen. Die Sonne scheint durch die Buchen. Der Untergrund ist nun erstaunlich trocken. Abgesehen davon, dass ich mich etwas zu warm angezogen habe, ist es ein Genuss. Dieses Jahr umlaufen wir die Steilstufe, die man sich sonst immer hinabstürzen musste. Auch an den anderen Hindernissen ist die Streckenführung leicht geändert. Selbst der Aufstieg über die Sandklippe lässt sich diesmal ohne Zuhilfenahme des bereitliegenden Seils bewerkstelligen.

Irgendwann auf dem Rückweg liegt ein langer Anstieg gut einsehbar vor mir. Und wen sehe ich dort? Den Kurzbehosten, der sich immer wieder ängstlich umdreht. „Ha!“, denke ich mir. Er sich wohl auch. Denn näher komme ich ihm doch nicht mehr. Stattdessen laufe ich jetzt von hinten durch das Feld der Kurzstreckler. Das sind fast ausschließlich junge Frauen. Offenbar ist Traillaufen beim weiblichen Nachwuchs in Holland sehr populär geworden. Auffällig ist auch die Fairness. Da man auf den schmalen Pfaden nicht überholen kann, wird immer wieder freundlich Platz gemacht.

Vor der finalen Haldenüberschreitung ist noch ein Bach zu durchqueren. Dort wartet traditionell ein Fotograf, um spektakuläre Aufnahmen zu machen. Leider springt hier ein 11-km-Läufer zwischen die Linse und mich. Als er es direkt hinter sich im Wasser platschen hört, bleibt er stehen und dreht sich um. Ich sehe uns schon gemeinsam in die Fluten stürzen, kann aber im letzten Moment doch ausweichen.

Am folgenden Steilaufstieg liegt ein weiterer Lichtbildner nicht nur einfach auf der Lauer, sondern tatsächlich bäuchlings im Dreck, um sich die beste Perspektive zu sichern. Die extrem rutschige Passage bewältige ich diesmal erstaunlich gut. Erstmalig trage ich einen „Inov-8 X-Talon“ im Wettkampf, der sich mit seinen langen Stollen im Untergrund regelrecht festbeißt. Festgebissen hat sich, von mir völlig unbemerkt, auch ein Verfolger. Während ich am nächsten flachen Stück versuche, wieder zu Atem zu kommen, enteilt er mit großen Schritten.

Finisher-Medaille Hivernaltrail 2019
Es folgt die „Haldenabfahrt“, bei der man eigentlich nur versuchen kann, sturzfrei von Baum zu Baum zu schlittern. Diesmal gelingt das sogar. Und ich erreiche das Ziel unversehrt nach 2:55:06 auf Platz 7, was meine beste bisherige Hivernaltrail-Platzierung ist. Zufrieden nehme ich erst meine Medaille und eine halbe Stunde später den Junior in Empfang.



Donnerstag, 31. Januar 2019

Atemlos durch die Nacht - Diagnose Schlafapnoe


Eine Bettgeschichte


Früher hat sich die Pulsmesserin Sorgen um mich gemacht. Sie lag nachts im Bett wach neben mir (mein lautes Schnarchen lies sie nicht einschlafen) und lauschte voller Sorge, wenn ich zwischen den einzelnen Trompetenstößen keinerlei Geräusche mehr vernehmen ließ. Aber irgendwann atmete ich dann doch weiter. Und ich bin auch jeden Morgen wieder aufgewacht. Insofern wurde der vage Plan, eines Tages ein Schlaflabor aufzusuchen, immer wieder verschoben. Ständige Müdigkeit blieb mein Begleiter. Ich führte sie erst auf niedrigen Blutdruck, später auf Eisenmangel zurück.

Inzwischen ist meine Frau in ein anderes Zimmer umgezogen. Letzte Nacht war es also nicht meine Liebste, die sich an meine Brust schmiegte, meinen Bauch umfing, meine Beine und meine Leiste, ja sogar die empfindlichsten Stellen an meinem Kopf berührte. Nein, ich schlief mit einer kleinen Weißen. Diese helle Kiste an meinem Hals überwacht mittels der an meinem Körper aufgeklebten Sensoren meinen Schlaf. Eine „Nasenbrille“ analysiert dabei die Atemluft. Mittlerweile kommt das Schlaflabor also nach Hause ins heimische Bett.

Als ich Ende letzten Jahres völlig erschöpft den Arzt aufsuchte, überwies mich der ratlose Allgemeinmediziner zum Pneumologen. Richtig, das ist einer der Lungenärzte, deren Zunft kürzlich von einigen ihrer Mitglieder diskreditiert wurde, weil sie saubere Luft zum Atmen in Innenstädten nicht für notwendig erachteten. Der von mir aufgesuchte Mediziner macht aber einen kompetenten Eindruck und außerdem ein erstauntes Gesicht angesichts meines Schlafanalyse-Ergebnisses. Drei Stunden hatte ich des nachts geschnarcht und dabei 40 Mal aufgehört zu atmen. Wenn die Rachenmuskulatur erschlafft, verschließen sich die Atemwege. Der Sauerstoffgehalt des Blutes sinkt. Dann reagiert das Gehirn. Der Tiefschlaf wird verlassen, um die Muskeln wieder zu straffen und ein Weiteratmen zu ermöglichen. Nach Erreichen der nächsten Tiefschlafphase beginnt das Spiel von vorn und wiederholt sich, bis du am nächsten Morgen gerädert aufwachst. Aber der Doktor präsentiert eine Lösung!

Er dreht mir sein riesigen iMac zu. Darauf ist ein selig schlummernder Mann in seinem Bett zu sehen, an dessen Seite eine schöne Frau liegt und seinen Schlaf bewacht. Ich bin sofort einverstanden: „Wann hat die Dame Zeit?“. Doch der Doc meint, ich solle das Werbefoto nochmal genauer ansehen. Das weibliche Modell sei nur abgebildet, um positive Assoziationen zu erzeugen. Da fällt mir die Atemmaske auf, die der schlafende Herr trägt. Daraus ragt ein Schlauch hervor, der mit einem Kompressor auf dem Nachttisch verbunden ist. Das ist also meine künftige Ausstattung für romantische Nächte: ein Atemgerät! Wenn andere in ihren Pyjama schlüpfen, um sich gemütlich zur Ruhe zu betten, werde ich mich wie ein Kampfpilot ausrüsten, der ins Cockpit seiner MIG steigt.