Sonntag, 7. Oktober 2018

Hollands härtester Halber: Häufig höchste Halde hurtig hinauf - Wilhelminaberg Trappenmarathon

Über überraschten Überraschungssieger, der auf einer Treppe auf's Treppchen läuft

Der Junior gewinnt auch, wenn er nicht startet. Als 400. Voranmelder bekommt er ein Handtuch, bestickt mit dem Logo des Wilhelminaberg Trappenmarathons. Auch bei dieser Veranstaltung hat er mich von der Marathondistanz auf den Halbmarathon heruntergehandelt. Gemeinsam wollten wir Stufe um Stufe 21-mal die Halde erklimmen.

Wegen seiner Verletzung bin ich allein hier und ihm sagenhaft dankbar für die Streckenhalbierung. Denn nicht eine einzige Treppe hatte ich im Vorfeld zumTraining besucht. Und die Oberschenkel brennen noch vom Feiertagssieg. Allein die Begeisterung für den Hivernaltrail und den Coriotrail hat mich hergetrieben. Denn dieser Treppenlauf, ausgeschrieben als "Hollands härtester (Halb-)Marathon", ist der dritte Wettkampf, den der sympathische Organisator auf die Beine stellt.

Treppe von oben

Die Königsdisziplin ist "Last Man Standing". Dabei gilt es, innerhalb von 9 Stunden so oft wie möglich die Treppe zu erklimmen. Mindestens ist jedoch die Marathondistanz zu schaffen. Der Marathon ist noch einmal eigener Bewerb, genauso wie je ein 10-, 5- und 1-km-Lauf.

Hollands längste Treppe mit ihren 508 Stufen ist mir schon vom Hivernaltrail bekannt, wo sie direkt zu Beginn den ersten Anstieg bildet. Mit ihren 80 (je nach Quelle auch 90) Höhenmetern zwingt sie bei diesem Trailrun den unten optimistisch zwei Stufen Nehmenden in der Mitte zu einer Reduktion auf eine Stufe. Spätestens oben gehen dann alle.

Aus dieser Erfahrung heraus will ich von Anfang an aufwärts gehen. Doch zunächst rennen wir bergab, denn Start und Ziel liegen auf dem Gipfel. Auf einem geschwungenen Pflasterweg werden wir talwärts geleitet, bis wir im unteren Haldenbereich auf die Treppe stoßen und diese bis zur Talsohle nehmen müssen. Unten umrunden wir einen kleinen Teich. An dessen Ufer gibt es einen Zuschauerbereich, einen Massage-Punkt und vor allem einen DJ, der einen nach der Wende mit seinen fetten Bässen die ersten Stufen quasi hinaufdrückt. Das macht richtig Laune. Und am oberen Ende empfängt einen der Moderator. Ich verstehe nicht wirklich, was dieser sagt. (Das wird noch Auswirkungen haben.) Aber langweilig wird es hier jedenfalls nicht.

Unterer Wendepunkt
Auffällig ist ein Läufer mit asiatischen Wurzeln wegen des großen Rucksacks, den er mitschleppt. (Es gibt auf der Runde einen VP, also aller 1000 Meter Versorgung.) Auch sein Laufstil ist seltsam, dreht er sich doch ständig um und wirkt gehetzt. Tatsächlich überhole ich ihn stets talwärts, während er treppauf an mir vorbeisprintet. Ich gehe nur zügig, nehme aber zwei Stufen auf einmal.

Auch abwärts überspringe ich jede zweite Stufe. Anfangs hatte ich trippelnd jede Stufe genommen. Das war zwar sicherer, dauerte aber einfach zu lange. Bei meiner "Doppelstufenstrategie" spielen mir die tiefstehende Sonne und mein Gehirn einen Streich. Man weiß ja von Kühen, dass sie diese im Boden eingelassenen Weideroste nicht überqueren können. Mir geht es beinahe so mit den Treppenstufen, die jeweils in einen schattigen und einen sonnigen Bereich geteilt sind. Dadurch erscheinen sie meinem Unterbewusstsein als zwei Stufen. Ich muss hier mit aktivem Nachdenken gegensteuern und strauchele trotzdem gelegentlich.

Haldenspitze

So richtig ins Stolpern bringt mich aber erst ein Mitläufer, der plötzlich die Arme ausbreitet und mich so fast niederstreckt. Ich klammere mich an seiner ausgestreckten Extremität fest, bis meine Füße wieder Halt finden. Nochmal gutgegangen!

Nach der fünften Runde vermisse ich meinen asiatischen Begleiter. Seine Bergsprints bleiben jetzt aus. Ich hingegen komme langsam in einen Rhythmus. Beim Start hatte ich ganz hinten gestanden und war es verhalten angegangen. Somit fiel die erste Runde mit 8 Minuten am langsamsten aus. Zu Hause hatte ich abgeschätzt, dass ich zwischen 2:30 und 3 Stunden für die ausgeschriebenen 1800 Hm benötigen dürfte. Wenn ich weiterhin unter 8 Minuten bleibe, kommt das genau hin.

Die achte Runde wird mit 7:04 meine schnellste. Ich gerate in den Flow. "Gleich hast du die Hälfte und bist 'über den Berg' (haha)!" Und dann renne ich wohl eine Weile in Trance. Wie immer drücke ich auf der Haldenspitze die Rundentaste und erwarte, meine zwölfte Runde abzuschließen. Da sind es schon 14! Überrascht überprüfe ich die Kilometer. Tatsächlich, auch 14! Die positiven Gefühle verstärken sich weiter.

Trappenmarathon

Lustig sind auch die nächsten Begegnungen mit dem berucksackten Läufer. Ich überrunde ihn noch zweimal. Jedesmal guckt er sich hektisch um, wenn ich hinter ihm auftauche, und legt einen kurzen Zwischensprint ein. Ob es was Persönliches zwischen uns beiden ist?

Bergab lasse ich es mitlerweile krachen. Die ursprüngliche Sorge, dass es abwärts besonders schmerzhaft werden könnte, bestätigt sich glücklicherweise nicht. Das bleibt dem Aufstieg vorbehalten. Hier nehme ich inzwischen gelegentlich das Geländer zu Hilfe. Ich habe mir sogar von den Vorjahresbildern einen Profitrick abgeguckt und einen Handschuh dabei. Tatsächlich ist die Metall-Reling erstaunlich kühl, aber bei den heutigen 25 Grad benötige ich den textilen Kälteschutz nicht.

Irgendwie waren meine morgendlichen Bergläufe mit jeweils etwa 1000 Hm im Sommerurlaub nicht völlig sinnlos. Sie sind jedenfalls das Einzige, was ich heute als Training vorzuweisen habe. Und so bin ich selbst erstaunt, dass ich bis zum Schluss meiner "Doppelstufenstrategie" sowohl ab- als auch aufwärts treu bleiben kann.

Unterer Hotspot mit Blick auf die Treppe

Nach 2:37:34 darf ich den roten Teppich betreten, mit dem die zusätzlichen Stufen, die zur Haldenspitze führen, ausgelegt sind. Oben erwarten mich Jubel und eine Pressefotografin. Als ich nach einer Weile den wohlmeinenden Kommentatoren zu bedenken gebe, dass ich des Holländischen nicht mächtig bin, ruft man mir zu: "You are the winner!" Völlig perplex gebe ich ungläubig zurück: "I'm the winner?" Und dann, als ich es realisiere: "I am the winner!" Daraufhin möchte die Pressefrau die Fotos nochmal machen. Eine andere Frau will ein Selfie mit mir! Vermutlich werde ich demnächst im Alkohol- und Drogenrausch mein Hotelzimmer demolieren.

Doch zunächst muss ich mit den zerstörten Beinen erstmal irgendwie diesen Berg wieder runterkommen.

Siegprämien





Freitag, 5. Oktober 2018

Medaillen, Pokale und Krücken - Die "5 - 50 km von Hitdorf"

Es war ein zähes Ringen! Nicht der Wettkampf selbst, sondern die Diskussion mit dem Junior über die zu wählende Streckenlänge. Schließlich stehen in Hitdorf von 5 bis 50 km jede Menge Optionen zur Auswahl. Meine Präferenz liegt ganz klar auf den 50 km. Letztlich lasse ich mich auf 25 km herunterhandeln. Die spätere Startzeit von 12 Uhr überzeugt den Langschläfer in mir. Außerdem kann so die ganze Familie zum Feiertagsausflug an den Hitdorfer See mitkommen. Meine Tochter will sogar beim 5-km-Lauf starten!

Der Erstgeborene hat die Vorjahres-Ergebnislisten sorgfältig analysiert. Es scheint für ihn möglich, den 10-km-Lauf zu gewinnen, ohne ans Limit gehen zu müssen. Selbst für mich müsste ein Treppchenplatz drin sein. Wir wollen also auf Sieg laufen, immerhin sind die ersten drei Plätze jeder Distanz mit Pokalen dotiert. Aber auch jeder Finisher bekommt seine Medaille.

Diszipliniert führt uns der Nachwuchs-Trainer durch das Aufwärmprogramm, das nach dem Warmtraben auch Lauf-ABC und ein paar lockere Steigerungen beinhaltet. Bei der letzten Steigerung, ganz kurz vor dem Start, schießt dem Jungen ein Schmerz in die linke Wade.

Unbesorgt begeben wir uns auf die Strecke. Die 50-km-Läufer sind schon seit 9 Uhr unterwegs. Die Aspiranten der 5-, 10- und 25-km-Distanz starten gemeinsam. Staffelläufer sind wohl auch noch dabei. Es ist aber nicht feststellbar, wer welche Strecke läuft. Ich versuche, mich nicht von den ganz schnellen Kurzdistanzlern mitreißen zu lassen, aber trotzdem den Anschluss an etwaige Konkurrenz nicht zu verlieren. Nur, wer ist das?

Der Nachwuchs, der dem väterlichen Blick bereits entschwunden war, gerät plötzlich wieder in Sicht. Und was ich da sehe, macht einen sehr unrunden, ja ungesunden Eindruck. Mir krampft sich die Seele zusammen angesichts dieses jammervollen Anblicks und der zerstörten Hoffnungen. Als ich ihn einhole, liegt erst ein Kilometer hinter uns. Ich rate ihm, umzukehren und sich im Sani-Zelt behandeln zu lassen. Der sture Hund hört natürlich nicht!

Nach und nach werden die anfänglichen Lossprinter von ihren Kräften verlassen. Übrig bleiben ein Rotgewandeter und ein in schwarze X-Bionics-Kompressionswäsche Gepresster. Bei dieser Bekleidung bin ich mir stets unsicher, ob sie nicht eigentlich als Unterwäsche gedacht ist.  Der Gepresste legt unterwegs einen beachtlichen Zwischenspurt hin und zieht vorbei. Nur um kurz darauf wieder zurückzufallen. Fast ist die erste 5-km-Runde geschafft. Da setzt er zum Endspurt an. Denke ich und feuere ihn bei seinem vermeintlichen 5-km-Finish an. Aber offensichtlich kam es ihm nur auf eine gute Zwischenzeit bei seinem 10-km-Lauf an. Auch der Herr in Rot signalisiert der Moderatorin, dass er noch eine weitere Runde läuft. Ich hebe vier Finger. Das Konkurrenz-Ding wäre damit geklärt. Selbst wenn weit vorn unter den ganz flux Entsprinteten noch ein 25er Kollege steckt, sollte mir zumindest einer der drei Pokale sicher sein.

Als es wieder am Waldrand in die Felder geht, schmilzt plötzlich der Vorsprung des Roten. Er bricht offenbar ein, denn schneller werde ich definitiv nicht. Bei Kilometer Sieben bin ich vorbei. Dann genieße ich das kleine Trailstück, das hinunter zum Ufer leitet, um dort dem Neanderlandsteig zu folgen. Das Segment kommt mir doch bekannt vor!  Kurz vor dem Ende der Runde treffe ich noch einmal auf meinen Sohn. Er schleppt sich hinkend ins Ziel, um sich wenigstens die 5-km-Finisher-Medaille zu verdienen. Im Sani-Zelt wird er massiert. Danach kann er das linke Bein vor lauter Schmerz gar nicht mehr belasten.

Bei meinem dritten Zieldurchlauf wird dort gerade der Sieger der 10 km aufs Podest gerufen. Es ist der Rote! Da habe ich also vorhin unterwegs heimlich den 10er gewonnen. (Anm.: Um mein Geprahle ins rechte Licht zu setzen, sei erwähnt, dass der 50-km-Sieger die 25 km viel schneller als ich absolviert hat.) Außerdem steht meine Tochter strahlend mit einem Pokal an der Strecke. Sie ist dritte „Frau“ über 5 km geworden! Und das nur aus dem Schwimmtraining heraus, ohne spezifische Laufeinheiten zu absolvieren. Umgekehrt funktioniert das bei mir mit dem Schwimmen leider nicht!

Zwei einsame Runden später, nach insgesamt 1:50:47, erhalte ich Gewissheit, als mich die Moderatorin als 25-km-Sieger empfängt. Eine Viertel Stunde später sind alle Treppchenläufer im Ziel, und es erfolgt sofort die Siegerehrung. Überhaupt ist diese liebevoll-handgemachte Veranstaltung hervorragend organisiert. Mein Sohn charakterisiert das Event ziemlich treffend als Kreuzung aus den "24 Stunden von Breitscheid" und dem "Ratinger Seeuferlauf". Das schließt Landschaft und Atmosphäre mit ein. Mir ist unverständlich, warum der Lauf mit nur acht 50-km-Finishern noch immer ein Geheimtipp zu sein scheint. Ich habe den 3. Oktober 2019 bereits vorgemerkt. Der Junior sowieso. Der hat jetzt hier eine offene Rechnung.

Zunächst transportieren wir ihn aber erstmal ins Krankenhaus, das er mit der Diagnose "Zerrung", einem Verband und zwei Krücken wieder verlässt.


Nachtrag 5.10.: Mittlerweile kann der Rekonvaleszent das linke Bein bereits so weit belasten, dass Fortbewegung ohne Krücken wieder möglich ist.

Dienstag, 2. Oktober 2018

Podestplätze beim Seelauf in Essen

Wenn die Anreise beinahe aufregender ist als der Wettkampf 

Einen Tag nach dem Kaiserpark-Ultra zog es mich schon wieder nach Essen. Eigentlich zog es mich nicht, sondern es fuhr mich. Es fuhr mich mein Sohn! Mit seinem frisch erworbenen "Führerschein ab 17 Jahren für begleitetes Fahren".

Möglicherweise bin ich noch der bessere Autofahrer. Auf der kurzen Laufstrecke von 14,2 km habe ich jedoch keine Chance mehr gegen den Junior. Er prescht mit seinem Trainer davon. Und ward nicht mehr gesehen. Auch die führende "Frau" läuft mit ihrem Coach im Spitzenfeld außerhalb jeder Reichweite. Sie ist erst 16 Jahre alt und wirkt durch ihre schlanke Gestalt noch weit jünger.

Startbogen am Baldeneysee

Ich laufe, wie gestern, ein sehr einsames Rennen. Nach dem Gerangel auf den ersten Metern überhole ich nach ca. 3 km einen Mitstreiter. Das war's. Dann nur noch: ein Mann und seine Uhr. Man könnte das herrliche Herbstwetter hier am Baldeneysee preisen. Doch eigentlich nervt das Blenden der tiefstehenden Sonne. Nach der Wende dann endlich Schatten im Gesicht. Dafür habe ich jetzt Gegenwind. Irgendwas ist ja immer.

Kilometer 10 passiere ich exakt nach 39:59. Besser als neulich in Hamminkeln! Das lässt hoffen, will ich doch schneller sein als vor zwei Jahren. Damals verpasste ich mit 0:57:55 knapp das AK-Podest. Heute will ich mit Medaille behangen und Sachpreisen beladen die Rückreise antreten!

Derart motiviert, kitzele ich mir eine Endbeschleunigung heraus und bin nach 0:56:10 zurück am Bootshaus - fünfeinhalb Minuten nach dem Junior, der unterwegs eine neue 10-km-pB aufgestellt hat, die nun auf keiner Urkunde steht. Da muss er demnächst wohl nochmal ran.

Der Preis für's Auslaufen nach dem Wettkampf: Anstehen am Büfett

Doch vorerst dürfen wir uns am Frühstücksbüfett gütlich tun, das im Startpreis von 14 Euro enthalten ist. Gekochte Eier, Currywurst, Aufschnitt, Obst, Kuchen, Brötchen, Kaffee, Bier und vermutlich noch einiges mehr ist aufgetafelt. Kein Wunder, dass morgens nur noch sieben Nachmeldeplätze zu haben waren.

Während wir die frisch geduschten Leiber befüllen, werden wir mit Chansons unterhalten, die eine Sängerin live auf der Sonnenterrasse für uns vorträgt. Passend zum jeweiligen Liederthema wechselt sie ihr Kostüm.

Chansons auf der Seeterrasse

So wird uns die Zeit bis zur Siegerehrung nicht lang. Natürlich hat der Nachwuchs seine Altersklasse gewonnen. Diesmal schaffe auch ich es auf's Treppchen und nehme als AK-Zweiter meine Medaille entgegen. Während sich mein Sohn über Zirkuskarten freuen darf, gewinne ich einen Freistart beim MartinsRun. Ich werde berichten.

Das ersehnte Metall

Montag, 1. Oktober 2018

Des Kaisers neue Runden - mein 2. Kaiserpark-Ultra

Bei meinem 2016er Kaiserpark-Ultra-Debüt hatten 30 Runden nicht genügt, um das zentrale Kunstwerk im Park wahrzunehmen. Insofern muss ich dort dringend noch einmal starten. Schließlich will ich den damals sturmdurchtosten Kaiserpark auch bei Kaiserwetter erleben. Dazu bietet sich heute Gelegenheit.

Läufer auf der Strecke durch den Kaiserpark

Dem wolkenlosen Herbsthimmel zollen wir Läufer morgens zwar noch fröstelnd Tribut, doch schon nach ein paar Runden heizt uns der Sonnenschein ein. Vielleicht liegt es auch an dem Tempo, welches mein Begleiter anschlägt, dass mir warm wird. Er will die Runden in wechselnden Tempi laufen. Als er plötzlich die Pace unter 4 min/km drückt, wird mir klar, dass ich die verbleibenden 25 Runden wohl allein laufen werde.

"Linkin Park"-Gedenkstätte, um Depression zu entstigmatisieren

Es ist ein einsames Geschäft. Etwas Abwechslung bringen die Läuferbegegnungen beim Überrunden. Hin und wieder lässt sich auch ein Gassigänger blicken. Beim Kalorienkonsum kann ich mit den anderen Erholungssuchenden scheinbar nicht mithalten. Während ich mich mit drei Bechern Wasser unterwegs begnüge, gönnt sich ein Raucher auf einer Bank inzwischen drei Dosen Energydrink. Auch ein Eichhörnchen bunkert emsig Eicheln, die es von einer Seite des Weges auf die andere schleppt. Irgendwann hat es sich wohl an die Läufer gewöhnt. Es erwartet mich männchenmachend und präsentiert seinen weißen Bauch.

Kaiserliche Karrosse kaiserlich geparkt am Kaiserpark

Mein eigener weißer Bauch präsentiert sich bald darauf mit lauten Geknurre. Nach der letzten Runde labe ich mich an veganem Möhrenkuchen und ebenso tierfreiem Bananenbrot, das Svenja, die Veranstalterin, gebacken hat. Sie ist etwas unsicher, ob sie mich als Sieger feiern soll. Denn bei meinem anfänglich-schnellen Begleiter gab es Unstimmigkeiten mit der Rundenzählung. Da seine Uhr nur 44, statt der ausgeschriebenen 45 km angezeigt hatte, war er auf eine weitere 1,5-km-Runde geschickt worden. Angesichts der Tatsache, dass ich ihn nicht überholt habe und auch meine Uhr nur 44 km anzeigt, empfangen wir ihn nach seiner „Strafrunde“ mit dem ihm gebührenden Jubel.

Auch ich habe Grund zum Jubeln, denn ich konnte mit 3:43:36 meine "Kaiserpark-pB" um fast achteinhalb Minuten verbessern.

Montag, 17. September 2018

Bergziege Baldeney – Trailrun Urban Challenge


Auf Plüschtier-Jagd am Palmenstrand
 
Die Straßenläufer starten heute beim Halbmarathon am Fühlinger See, und den Ultra-Trail-Freunden werden die Strecken von 9,5 km auf der Sprint- bzw. 19 km auf der Classic-Distanz zu kurz sein. Wer kommt also zu einem Rennen, das sich „Bergziege Baldeney – Trailrun Urban Challenge“ nennt, über 222 Hm (Sprint) oder 444 Hm (Classic) verfügt, ein paar schöne Single-Trails aufweist, aber zu rund 50% auf Asphalt verläuft? Der Junior und ich!

Zieleinlauf am Strand unter Palmen
Außer uns haben sich pro Wettbewerb noch ca. jeweils 100 weitere Starter am Essener Baldeneysee eingefunden. Da es keine Altersklassenwertung gibt, will der Filius eben Gesamtsieger werden. Aufgrund seiner Jugend ist er nur zur Sprint-Strecke zugelassen. Ich laufe die Sprint-Runde zweimal, was sich dann Classic-Trailrun nennt.

Wir Classicer starten zuerst. Wie die Wahnsinnigen prügeln alle los. Ich versuche einigermaßen vorne dabei zu bleiben. Sind die wirklich alle so schnell? Zumindest die ersten Drei sind es. Sie entschwinden bald meinem Blick. Nach einem initialen Anstieg hat sich das Feld einigermaßen sortiert. Ich laufe neben zwei Mitstreitern an bzw. um Rang Vier. Die beiden sind unheimlich stark am Berg, während ich mit den Downhills und auf der Geraden besser klarkomme.

Gelegentlich sieht man Läufer mit Badekappe und Schwimmbrille durch den Wald huschen. Das liegt daran, dass dieser Trailrun nur ein Nebenprodukt des eigentlich stattfindenden Swim&Run-Wettbewerbs ist. Und sobald Wasser ins Spiel kommt, steigen die Startgelder in Richtung Triathlon-Niveau. Überhaupt scheint man mit dem Swim&Run einen neuen Markt erschließen zu wollen. Jedenfalls lag dem Startbeutel ein Rabattcode für Schuhwerk bei, mit dem man sowohl Laufen als auch Schwimmen kann. Vorbei sind die Zatopek’schen Zeiten, in denen man einfach mit Turnhose, Unterhemd und Armeestiefeln trainierte. Einige trauten sich ohne Trinkrucksack gar nicht an den Start der 9-km-Strecke.

Moderator Andi Menz
An diesem Start am palmenbestandenen Strand des "Seaside Beach Baldeney" komme ich nach der ersten Runde wieder vorbei. Nur, keinen interessiert’s! Was treiben die Organisatoren und der Moderator eigentlich inzwischen? Seltsamerweise begegnet mir hier nur ein Läufer der Führungsgruppe. Dann kommt mir schon mein Sohn, der fünf Minuten nach uns gestartet war, entgegen. Ich hebe die Hand, um ihn abzuklatschen. Das bezieht der Läufer vor ihm auf sich und gibt mir High-Five, bevor ich meinen Sohn erwische.

Was ich nicht weiß: der Mann vor meinem Spross ist der Führende über die Sprint-Distanz. Mein Sohn läuft das ganze Rennen direkt hinter ihm, um ihn erst kurz vor dem Ziel zu überholen und sich so den Gesamtsieg zu sichern.

Kalte Freiluftdusche direkt an der Zielgeraden
In der ersten Kehre sehe ich, dass ich gute 50 Meter Vorsprung auf mein Verfolger-Duo herausgelaufen habe. Vor mir ist ohnehin keiner mehr zu sehen. Ich stelle mich auf ein einsames Rennen ein. So viel Überheblichkeit rächt sich. Am nächsten Hügel sprintet einer der beiden vermeintlich weit hinter mir Laufenden in so einem Affenzahn an mir vorbei, dass ich gar nicht erst versuche dranzubleiben. Genau das war sein Plan, wie er mir später im Ziel verrät.

Gerade habe ich mich mit meinem Schicksal arrangiert, da kann ich kaum glauben, dass ich schon wieder Schritte hinter mir höre. Diesmal bergab! Es ist der verbliebene Duo-Teil. Wir laufen eine ganze Weile im Flachen Brust an Brust. Dann erreichen wir den letzten Anstieg. Mit den Worten: „Jetzt müssen wir nochmal die Zähne zusammenbeißen!“ sprintet er nach oben.

Start-/Zielbogen
Ich kann die beiden jungen Männer immer noch vor mir sehen und hoffe auf meinen Endspurt, wenn es vier Kilometer flach am Seeufer ins Ziel geht. Offenbar fighten die beiden dort aber ihrerseits eine Platzierung aus, so dass sie mehr enteilen, als dass ich näher komme. Erst im Zielbereich gerät der Zweikampf-Unterlegene noch in Sichtweite. Es ist übrigens der affenzahnschnelle Bergsprinter.

Im Ziel stellt sich heraus, dass ich Fünfter bin, also die ganze Zeit an dritter Position gelaufen war. Ob ich mich zu mehr Gegenwehr hätte motivieren können, wenn ich gewusst hätte, dass ich einen Treppchenplatz zu verteidigen hatte?

Der Nachwuchs nimmt seinen Platz auf dem Podest ein und bekommt die Siegertrophäe: eine Plüsch-Bergziege! Angesichts des Alters meines Sohnes meint der Moderator bei der Übergabe: „Die kommt dann wohl zu den anderen Kuscheltieren!