Montag, 15. Juni 2026

Marathon zur Himmelscheibe von Nebra

Während ich zwischen den hölzernen Palisaden des Sonnenobservatoriums Goseck hocke, um dort Schutz vor dem heftigen Wind zu suchen, der über das offene Gelände peitscht, kommt Waldemar Cierpinski auf mich zu und spricht mich an. Small Talk zwischen dem Doppel-Olympiasieger im Marathon und dem Marathon-Wiedereinsteiger. Dann ruft uns Waldemar als Organisator des Himmelswegelaufs an den Start.

Der Startschuss erlöst uns vom bibbernden Warten - denke ich. Doch die Startaufstellung im Inneren des Observatoriums dient nur der Show für die Presse. Nach dem Schuss werden wir ein paar Hundert Meter hinaus auf einen Feldweg geführt an eine imaginäre Startlinie. Dort entlässt uns ein zweiter Startschuss auf den Weg nach Nebra zum Fundort der Himmelsscheibe.

Die Kriminalgeschichte um die Raubgrabung der Himmelsscheibe und die Falle, die man den Räubern beim versuchten Verkauf stellte hatte mich vor Jahren schon in das Museum in Nebra gelockt. Es ist faszinierend, was für eine Hochkultur vor 2000 Jahren im heutigen Burgenlandkreis geherrscht haben muss. Heute kann man sogar feststellen, aus welchem österreichischem Stollen das Kupfer der Himmelsscheibe stammt. Dieser Stollen wurde von zwei Seiten vorangetrieben, wobei man nicht weiß, mit welchen Methoden damals sichergestellt wurde, dass die beiden Röhren sich unter der Erde trafen. Kurz, die Gesamtthematik um das jahrtausendealte Artefakt schlug mich in ihren Bann, und ich wollte diese Medaille, die der Himmelsscheibe nachempfunden ist. War es zunächst die umständliche Logistik der An- und Abreise zu diesem Punkt-zu-Punkt-Lauf, die eine Teilnahme am Himmelswegelauf verhinderte, stellte später meine orthopädische Unpässlichkeit in Frage, ob ich jemals wieder (Marathon) laufen können würde.

Die letzten Ultras und Marathons lief ich 2019. Ab 2022 begann der Wiedereinstieg mit einer Strecke von 400 m. Trotz vieler Rückschläge hatte ich Anfang 2025 die Halbmarathonmarke zurückerobert. Als nach weiterem vorsichtigen Aufbau in diesem Januar die 30-km-Grenze geknackt wurde, breitete sich die vorsichtige Hoffnung auf einen Marathon aus. Mit dem orthopädischen Schonprogramm von drei Laufeinheiten pro Woche und nur wenigen Läufen um die 30 km war klar, dass eher Erfahrung als Training die Basis dieses Langstreckenlaufs bilden würde.

Die flache Strecke führt im Unstruttal entlang der Weinberge durch die Felder. Der Wind peitscht uns entgegen, gelegentlich regnet es. Für dieses Wetter darf man dankbar sein, wie uns die sonnigen Momente auf dem weitgehend schattenlosen Kurs lehren. Der Veranstalter hat vorgebaut, aller 3 km gibt es einen VP. Da auch an jedem Abzweig ein Helfer positioniert ist, scheinen mehr Organisatoren als die 75 Teilnehmer auf der Strecke zu sein. Vielfach laufen wir auf der Landstraße, die zumindest in Gegenrichtung auch befahren ist. Ich vertreibe mir die Zeit mit der konsequenten Suche nach der Ideallinie. Besonders auf der Straße macht es einen Unterschied, ob man den Außen- oder Innenradius einer Kurve läuft. (Laut meiner Garmin werde ich 600 m auf der Marathondistanz gespart haben.)

Wir queren ein dunkelrot leuchtendes Feld voller Mohnblumen. Das ist vielleicht der schönste Eindruck, den wir gewinnen bei diesem Landschaftslauf auf flachem Asphalt. Die Unstrut bekommt man meist nur bei den Brückenquerungen zu sehen. Wir laufen durch das alte Freyburg und sehen die eine oder andere Burg auf den Weinbergen thronen.

Für mich steht "Ankommen" auf dem Plan, verbunden mit der Hoffnung, ohne Reue orthopädisch unversehrt heimzukehren. Aber so ganz ohne Zeitziel kann ich nicht. Ich würde schon gerne unter 4 Stunden bleiben. Also habe ich mit einer Pace von 5:36 geplant. Doch der Marathon-Novize, der ich heute wieder bin, läuft zu schnell los. Eine Pace von 5:22 steht auf der Uhr und fühlt sich gut an. "Ich werde heute finishen" wird zu meinem gutgelaunten Mantra. Bei der - nur virtuell vorhandenen - Halbmarathonmarke träume ich sogar vom negativen Split und beschleunige zumindest gefühlt. Denn ich überhole auf der sonst eher leeren Strecke gleich einen ganzen Pulk an Läufern. 

Und so geht es weiter. Immer mal wieder taucht am Horizont ein Läufer auf. Und ich versuche zu schätzen, wie lange es dauern wird, bis ich ihn eingeholt habe. So vertreibe ich mir die Zeit auf der einsamen Strecke. Bis Kilometer 30. Ab da habe ich mit mir selbst genug zu tun. Ab der 33-km-Marke muss ich um das Tempo kämpfen. Nach 35 km verliere ich den Kampf. Die Uhr Zeit jetzt 5:30. Ich erlebe auch noch den "Das machst du nie wieder!"-Moment. 

Erst bei Kilometer 39 wendet sich das Blatt. Schon lange ist ein Herr in Blau in Sichtweite, ohne dass ich ihm nennenswert näher gekommen bin. Doch am letzten VP bleibt er stehen. Kurzerhand lasse ich diese Labestation aus und ihn damit endlich hinter mir. "Bloß noch drei Kilometer! Das ist noch unter 3:50 drin!" Bald sehe ich die Brücke über die Unstrut, die ich von meinem Museumsbesuch kenne. Jetzt weiß ich, dass es "nur noch" den Endgegner auf der Zielgeraden zu bezwingen gilt - den einzigen Berg der Strecke. Alle Kräfte werden mobilisiert. Am Anstieg überhole ich sogar eine Fahrradfahrerin. (Sie schiebt.) Jetzt muss ich mir den Weg durch Menschenmassen bahnen, da die Laufstrecke nicht abgesperrt ist. Finisher der anderen Disziplinen strömen mir entgegen. Immerhin applaudieren viele von ihnen. Spaziergänger trödeln Richtung Ziel. Ich laufe Zick-Zack zwischen Hundeleinen. Wut wird zum Motivator. 

Und dann ist die wunderschöne Medaille endlich verdient! Ich bin fast 10 Minuten schneller als geplant und stoppe eine Zeit von 3:49:50. Nach 7 Jahren verletzungsbedingter Langstreckenpause gelingt mir nicht nur mein Marathon-Comeback, sondern dank des Manövers bei Kilometer 39 auch noch der  Altersklassensieg.


Mittwoch, 10. Juni 2026

Scharfenberger Silberlauf

KI-generiert, so ähnlich war's

Mit hängender Zunge trete ich im kleinsten Gang in die Pedale, während die Autofahrer hinter mir auf ihre Chance zum Überholen lauern. Wenn der Startort Scharfenberg heißt, muss man sich über einen "scharfen Berg" von 8% Steigung bei der Anfahrt nicht wundern. Da wird die Wettkampfstrecke wohl auch nicht flach sein! 

Auf das Warmlaufen kann ich also verzichten und mich direkt an die Startlinie der 11,6 km-Distanz stellen, wo es zu einem Wiedersehen mit dem Pulsmesserchen kommt, die mit ihrem Freund auf den letzten Drücker mit dem Rennrad anreiste. Das Jungvolk entschwindet schnell meinem Blick. Zum einen, weil ich gar nicht mithalten kann, zum anderen, weil ich mir eine gewisse Zurückhaltung auferlegt habe, befinde ich mich doch eigentlich im Tapering für größere Vorhaben. Daher will ich mit einem 5er Schnitt unter einer Stunde zu bleiben. Die ausgeschriebenen 220 Hm gestalten das Vorhaben weniger entspannt, als erhofft.

Schon bald nach Verlassen des Ortes führt die Strecke etwa 2 km lang hinab in eines der "Linkselbischen Täler", die das gleichnamige Landschaftsschutzgebiet bilden. Entsprechend groß ist der Liebreiz, der sich dem Läufer bietet. Das Bätterdach spendet Schatten, das Bächlein murmelt und die Schwerkraft treibt voran. Ungezählte Male ist der Bach auch zu queren. Meist gelingt es trockenen Fußes mit einem beherzten Sprung. Wenn die Schrittlänge gerade nicht passt, renne ich einfach durch. Aufgrund des Regens der Vortage habe ich mich für Trailschuhe entschieden - eine passende Wahl für diese herrlich naturnahe Strecke, die auch mit so manchem schmalem Pfad aufwartet.

Es geht hinaus aufs offene Feld. Die pralle Sonne heizt den steilen Anstieg auf, an dem die Athleten vor  mir ausnahmslos ins Gehen verfallen. Meine große Stunde schlägt! Ich bleibe im Laufschritt und überhole. Plötzlich kommen mir die Führenden entgegen auf dem engen Wiesenweg. Offenbar gibt es bald einen Wendepunkt. Der Freund liegt lachend auf Platz Zwei. Das Pulsmesserchen ist fokussiert und übersieht mich.

Nach der Wende stürze ich mich durchs hohe Gras wieder zu Tal. Ich überhole ein Grünhemd und schließe immer weiter zu einer roten Kappe auf. Gerade als ich das Rotkäppchen eingeholt habe, bemerke ich, dass ich rechts mit offenen Schnürsenkeln laufe. Ich hatte zwar einen Doppelknotens gebunden, aber darauf verzichtet, die Enden unter der Schnürung festzustecken. Damit ich nicht über meine eigenen Senkel falle, bleibt mir keine Wahl. Ich muss am Rand abknien und mir die Schuhe zubinden. Das Grünhemd zieht währenddessen vorbei.

Der Schuh ist geschnürt, nun schnüre ich - und zwar schnurstracks - Grünhemd und Rotkäppchen hinterher. Beide sind noch vor dem nächsten Berg eingesammelt. Fortan geht die Post ab. In Sichtweite läuft nämlich ein Mann im gelben Dress der Deutschen Post. Oder heißt die inzwischen DHL? Egal, wir erkunden noch ein weiteres linkselbisches Tal auf Singletrails, springen über weitere Gräbelein und finden kein einziges Blättelein. Labestationen mit Wasser sind aber reichlich vorhanden. Natürlich müssen wir auf dem Weg zurück zum Start-/Zielbereich wieder hinauf. Jetzt muss auch ich ein paar Gehschritte einschieben. Dem Postboten komme ich keinen Zentimeter näher.

Mit 55:47 bleibe ich im Soll, als ich die silberne Finishermedaille des Silberlaufs verliehen bekomme. An meiner großen Zufriedenheit nagt nur ein wenig der undankbare vierte AK-Platz. Das Pulsmesserchen erläuft "richtiges" Silber und wird mit 9 Sekunden Rückstand Zweite Frau. Der Freund siegt nicht nur, sondern stellt einen neuen Streckenrekord auf. Also überbrücken wir die Zeit bis zur Siegerehrung und genießen eine heiße Dusche sowie ebenso heißen Kaffee, der wie der Kuchen für nur 1€ wohlfeil ist. Mit weiteren Naturalien in Form von Saft und Joghurtdrinks werden die Sieger überhäuft. Ein Bergmann in traditionellem Gewand mit Geleucht und Arschleder übergibt die Präsente. Überraschenderweise erhalten auch die AK-Plätze 4 bis 6 Prämien, so dass ich mit einer Viererpackung Joghurt ausgestattet und versöhnt mit meiner Platzierung die Heimreise von dieser sehr empfehlenswerten Veranstaltung antreten kann.

Mittwoch, 13. Mai 2026

Rennsteiglauf Halbmarathon

Dunkel war’s, der Mond schien helle. Das glaubt jedenfalls die Pulsmesserin, die unseren Familienverband ab 2:45 Uhr in Richtung Rennsteig chauffiert. Tatsächlich leuchtet über der Autobahn nur das Logo einer Shell-Tankstelle. Zweifel an der Nachtsichtfähigkeit der Lenkerin verhindert fortan den Schlaf im Fond, trotz der frühen Stunde. 

Der Nebel hebt sich und lässt die Sonne in den Kessel der Oberhofer Ski-Arena scheinen. Wie die Gladiatoren marschieren wir ein, startbereit und voller Stolz. Obwohl wir uns mit unserem derzeitigen Leistungsniveau - fernab einst erlaufener Bestzeiten - angemeldet haben, dürfen wir uns im ersten von dreizehn Startblöcken, direkt nach der Elite, aufstellen. Während hinter uns noch über 7000 Athleten einströmen, empfinde ich tiefe Dankbarkeit für das auf diese Weise vor Augen geführte Privileg, auf diesem Niveau Sport treiben zu können - sogar gemeinsam mit meinen Kindern.

Während das Pulsmesserchen nach Rennsteiglied und Schneewalzer der Elite hinterherjagt, lassen es der Junior und ich betont ruhig angehen. Denn nach langer Verletzungspause bestand sein "Training" aus fünf Laufkilometern im letzten Monat. Wir werden Teil des riesigen Lindwurms aus Menschen, der sich den Rennsteig entlang windet.

Nach gut vier Kilometern verabschiedet sich der Nachwuchs aus unserem Duo. Ich könne gerne schneller laufen. Er würde jetzt den nächsten Baum ansteuern und dann versuchen, mich wieder einzuholen. Ich glaube nicht so recht an die angekündigte Aufholjagd, und versuche tatsächlich ein wenig zu beschleunigen, was aber an dem nun folgenden langen Anstieg eher moderat ausfällt.

Ich bin überrascht, als plötzlich der Junior wieder an meiner Schulter auftaucht und direkt vorbeizieht. Er ist wie ausgewechselt. Mit fröhlichem Gesicht hat er sich auf die Fährte einer jungen Frau in Weiß gesetzt, die von hinten das Feld aufrollt. Damit schlägt der Charakter des Laufes um. Wir sind jetzt "im Rennen". Unsere Pacemakerin voran, versuchen wir, uns durch Lücken in der dichten Läufermenge zu schlängeln.

So bringt uns der Flow bis zum höchsten Punkt der Strecke, der überraschenderweise mit Schnee bedeckt ist. Offenbar haben den die Veranstalter hier zur allgemeinen Belustigung ausgebracht. Das war mir bei meinen Supermarathon-Teilnahmen gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich war ich so langsam, dass bei meiner Ankunft alles schon weggetaut war. 

Das wilde Schneetreiben bringt alles durcheinander. Der Junior lässt abreißen, und die Weiße Frau wird langsamer, weil sie auf ihrem Handy rumtippt. Ein in ein rotes Dress gewandeter Herr wird kurzerhand von mir zum neuen Leitwolf auserkoren. Unsere Allianz bricht aber schon nach kurzer Zeit, weil auch er nicht schnell genug läuft, für den Sog, den die Startnummer auf meiner Brust nun erzeugt.

Am nächsten Anstieg schwächelt die Startnummer ein wenig. Ihre Wirkung reicht nicht aus, um zu verhindern, dass ein üppiger Triathlet an mir vorüberzieht, dessen hautenges Leibchen Erinnerungen an Presswurst wachruft, die der Vegetarier in mir sonst verdrängt.

Ein weißes Blinken im Augenwinkel! Auf der Kuppe taucht die Pacemakerin wieder auf und stürzt sich in den nächsten Downhill. Mit abenteuerlichen Überholmanövern arbeitet sie sich voran. Mir ist das auf dem unebenen Untergrund in der Enge der Meute etwas zu gefährlich, so dass sich unser Abstand zusehends vergrößert. Meine Getränkeaufnahme am VP in der Talsohle macht die Situation nicht besser. Als dann auch noch der einzige Trailabschnitt der Strecke folgt, und ich auf dieser engen Passage hinter einem anderen Läufer feststecke, kann nicht wieder zu ihr aufschließen. Später ist sie außer Sichtweite.

Trotzdem komme auch ich immer weiter nach vorn in der Schar der verschwitzten Leiber. Das ist keine große Kunst, hatte doch die Zwischenzeit bei der Hälfte noch eine Zielzeit von über 2 Stunden angezeigt Es fühlt sich aber großartig an! Ich zähle nur noch fünf Athleten, die mich bis ins Ziel überholen. Auch auf der Geraden ins "Schönste Ziel der Welt in Schmiedefeld" mache ich noch Plätze gut. 

Nach 1:49:04 drücke ich die Stopp-Taste der Garmin und gerate in den Fokus der Rettungskräfte im Nachzielbereich. Zweimal fange ich den prüfenden Blick je eines Sanitäters auf. Scheinbar bin ich mehr gezeichnet von der Hetzjagd, als mir bewusst ist. Aber ich werde nicht ins Sanizelt verbracht, sondern darf mich auf die Suche nach meinem Kleiderbeutel begeben.

Auch die Familie finde ich wieder. Das gemeinsame Fazit lautet: es war ein schönes Erlebnis, aber der Rennsteiglauffunke ist beim Halben nicht übergesprungen. Vor allem wegen der für uns aufwendigen Logistik werden wir künftig lieber kleinere, lokale Events unterstützen. 

Sonntag, 29. März 2026

Schneeglöckchenlauf 30 km

Nach dem verletzungsbedingten Ende meiner Ultrakarriere erziele ich weiterhin Fortschritte beim Wiederaufbau der läuferischen Möglichkeiten. Nach dem Finish eines Halbmarathons im letzten Mai wage ich mich heute an den Start über 30 km beim Schneeglöckchenlauf.

Mit dem Pulsmesserchen stehe ich gutgelaunt (zu) weit vorn im Startblock. Zusammen preschen wir fröhlich los, einfach weil es uns solchen Spaß macht. Mir ist natürlich klar, dass ich ihr Tempo nicht mitlaufen kann. Ich habe mit einer 5:30er Pace geplant. Also lasse ich sie nach dem in 4:45 min absolvierten ersten Kilometer ziehen, nehme Tempo raus und stelle fest, dass sich eine 5er Pace überraschend gut anfühlt.

Das Feld sortiert sich, und ich werde entsprechend der gewagten Startaufstellung überholt. Unter den Vorbeiziehenden bietet sich das ungewohnte Bild eines Mannes, der zu seinen kurzen Hosen ein dickes Sweatshirt, Wollmütze und einen langen Schal trägt. Die Mütze zieht er sich noch in meiner Sichtweite vom Kopf.

Meine Position in der Läuferschar ist bald gefunden. Ich halte die Pace. Denke ich jedenfalls. Da werden die Schritte des Duos hinter mir immer lauter, bis die beiden plötzlich an meiner Schulter auftauchen. "Breche ich ein oder beschleunigt ihr?", frage ich. Die augenzwinkernde Antwort lautet: "Wir wollen dich mental brechen!" Das soll ihnen nicht gelingen, aber dranbleiben kann ich nicht. Das liegt auch am nun zu bewältigenden Anstieg auf der ansonsten sehr flachen Strecke. Höhenmeter habe ich schon ewig nicht mehr trainiert, obwohl das einst meine Passion war.

Kurz vorm Wendepunkt kommt mir meine freudestrahlende Tochter entgegen. Wir klatschen uns ab. Sie wirkt ganz locker und liegt auf Platz 2 der Damengesamtwertung. Ihr Einbruch soll erst beim rückwärtigen Überqueren des Hügels erfolgen. Dennoch erkämpft sie einen Treppchenplatz und wird Dritte Frau.

Ich bin vollauf damit beschäftig, mein Tempo zu halten. Bis Kilometer 20 gelingt das einigermaßen unangestrengt. Danach gerät das Vorhaben zum Kampf. Die Beine schmerzen bei jedem Schritt. Aber nach so langem Durchhalten will ich die sub 2:30 h jetzt auch ins Ziel bringen.

Ab Rest-Kilometer 5 stöhne ich mich mit einer solchen Geräuschkulisse vorwärts, dass sowohl die Unterdinstanzler als auch die Konkurrenten auf der Strecke bereitwillig ausweichen, um Platz zum Überholen zu machen. Dass noch so viel Wettkampfhärte in mir steckt, mich derartig quälen zu können! 

Nun sehe ich auch den anfänglich warm eingemummelten Herrn wieder. Den Pullover hat er mittlerweile um die Lenden geschlungen. Den Schal trägt er in der Hand und wischt sich damit gelegentlich den Schweiß aus dem Gesicht.

Nach 2:28:31 lasse ich mir die goldene Schneeglocke um den Hals hängen und besteige das virtuelle Podest als Altersklassen-Dritter. Der neue läuferische Meilenstein ist erreicht. 

Gleichsam bin ich nun ich nun an einem Scheideweg angekommen. Orthopädisch habe ich die Belastung ohne spürbare Auswirkungen verkraftet. Büßen muss ich den Erfolg jedoch mit zwei Tagen, in denen ich völlig platt durchhänge. Nachdem ich mich mit viel mentaler Kraft in monatelangem Prozess vom Langstreckenlauf verabschiedet hatte, ringe ich nun mit mir, ob ich wirklich willens bin, künftig wieder dieses aufopferungsvolle Dasein zu führen.