Dienstag, 27. Juni 2017

Biggesee-Marathon 2017

Die Pulsmesserin hat einen samstäglichen Baumarktbesuch für mich vorgesehen. Beim Frühstück weise ich auf die Vergänglichkeit im Allgemeinen und die Kürze der mir verbleibenden Jahre im Besonderen hin. Da wäre es doch schade, eines der wenigen Wochenenden mit dem Herbeikarren unnützen Tands zu verschwenden, argumentiere ich. Anhäufen würde ich viel lieber noch ein paar Erlebnisse. Zum Beispiel beim Biggesee-Marathon. Der startet erst um 14 Uhr. Und wenn ich jetzt gleich losführe ...

Start-/Zielgelände

Zwei Stunden später stehe ich im Strandbad "Waldenburger Bucht" im Starterfeld und habe ein Mikrofon im Gesicht. Was denn meine Erwartungen seien. Hatte ich eben meiner Frau noch lange, philosophische Vorträge gehalten, stammele ich jetzt – völlig überrumpelt – etwas von "Spaß haben in schöner Natur".

Der Teil mit der "schönen Natur" klappt auch. Immer wieder bieten sich weite Ausblicke in üppig grünüberzogenes Land, das am Horizont von Hügeln gesäumt ist. "Gesäumt" ist nicht ganz richtig. Die Strecke ist mit solchen Hügeln "unterlegt" und bringt es so auf 930 Höhenmeter.

Warum es mit dem "Spaß" plötzlich vorbei ist, kann ich nicht sagen. Eben hatte ich noch entspannt mit dem Hundeführer geplaudert, dessen vorauseilendes Tier erstaunlicherweise jedes Mal den richtigen Abzweig genommen hatte. Und nun bin ich irgendwie in den Wettkampfmodus geraten.

Bei 140 Startern könnte man einen einsamen Waldlauf erwarten. Stattdessen sehe ich nach einer Weile des alleinigen Dahintrabens immer wieder den bunten Fetzen eines Shirts zwischen den Bäumen aufblitzen. Es folgt eine lange Zeit, die das Bunt ganz allmählich größer werden lässt. Bis ich schließlich den Shirt-Träger überholt habe. Dann beginnt das Spiel von vorn. Nur die Farben wechseln. Bei km 25 ändert sich auch das Geschlecht, als ich die erste Frau samt Führungsfahrrad einhole.

Zwischen km 29 und 30 wird endgültig klar, dass von "Spaß" keine Rede mehr sein kann. Hier versucht ein sehr langer Anstieg, mir den Stecker zu ziehen. Er zerrt gewaltig an der Schnur. Doch noch bleibt der Stecker drin, auch wenn der Kontakt ab jetzt ein wenig wackelig wird.

Kostenloses Teilnehmer-Shirt

Das nächste Hemd ist blau. Und es dauert ewig, bis ich endlich an einem der im 5-km-Abstand platzierten VP's zu ihm aufschließe. Mit strategisch verkürzter Nahrungsaufnahme gelingt mir das Überholen. Nun habe ich einen Verfolger im Nacken. Dafür ist vor mir niemand mehr in Sicht.

Lautes Jubeln erschallt über mir am Hang. Da scheint ja doch noch einer dicht vor mir zu sein und gerade den nächsten VP zu erreichen. Etliche Höhenmeter trennen mich noch von diesem Versorgungspunkt. Die letzten davon muss ich gehen. Der Stecker, der Stecker!

An der Versorgungsstelle bei km 37 erhalte ich nicht nur Wasser, sondern auch einige Informationen. Ich liege auf Platz 7, heißt es. "Aber die anderen sehen nicht so entspannt aus wie du!" Im Weiterlaufen höre ich die Kinder rufen: "Da kommt der nächste Läufer!" So dicht? "Und ein Fahrrad!" Die führende Frau holt auf!

Ich versuche irgendwie Abstand zu gewinnen. Und siehe da, ein junger Mann in Schwarz wird vor mir sichtbar. Am letzten Verpflegungspunkt bei km 39 kann ich ihn mit der bewährten Technik überholen. Als ich mich beschleunigten Schrittes aus dem Staub machen will, spüre ich plötzlich Schwindel in den Kopf steigen. Laufen am Limit. Ich fürchte, dass die nächste Stufe "Ohnmächtig umfallen" ist und reduziere mal lieber das Tempo.

Der folgende Anstieg tut sein Übriges in Sachen Geschwindigkeit. Alles, was nicht völlig topfeben oder abschüssig ist, muss ich jetzt gehen. Die Oberschenkel sind hinten nur noch Schmerz. Eindeutig zu wenig Hügeltraining! Der schwarze Mann überholt. Aber ich kann im Flachen und vor allem bergab schneller! Und so wogt das Geschehen hin und her. Mal ist er vorn, mal ich.

Dann kommt die Staumauer, die den Namensgebers des Laufes entstehen ließ, in Sicht. Da müssen wir hoch! Es dürfte sich ja wohl um die letzte Anhöhe handeln. Insofern kann ich mich doch zum Laufschritt durchringen. Von der Mauerkrone aus sehe ich auf der anderen Seeseite das Ziel, während Blau und Frau direkt hinter mir das Stauwerk erklimmen.

Schwarz hat rund 30 m Vorsprung. Ich gehe nochmal bis an die Schwindelgrenze, um ihn einzuholen. Endlich neben ihm, lässt er ein "Ich bin fertig!" hören und fällt ins Gehen. Es können nur noch ein paar Hundert Meter sein. Etliche medaillendekorierte Finisher der Unterdistanzen kommen uns entgegen. Hatten die wenigen Passanten unterwegs noch in der einen oder anderen Form Anteil genommen, überwiegt bei den Medaillenträgern völliges Desinteresse am dramatischen Geschehen auf diesen letzten Metern.

Start und Ziel im Strandbad "Waldenburger Bucht"

Ein Schild verheißt: "Noch 250 Meter, dann gibt es Krombacher". Ich wähne mich des sechsten Platzes sicher. Da taucht an meiner Linken eine völlig neue Farbe auf. Der Mann muss sich von ganz hinten durchgearbeitet haben, denn ich sehe ihn zum ersten Mal. Kalt erwischt entfährt mir ein: "Das kann doch jetzt nicht wahr sein!" Ein letztes inneres Aufbäumen ist nötig, um den sechsten Platz ins Ziel zu bringen. Die Zeit von 3:47:18 reicht für den Sieg der Altersklasse.

Das am Morgen gewünschte "Anhäufen von Erlebnissen" muss mir wohl ziemlich wichtig sein. Anders ist die heutige Schinderei nicht zu erklären.

Montag, 26. Juni 2017

Generationenwechsel beim b2run 2017

"Diesmal laufe ich vor dir ins Ziel! Ich bleib' einfach an dir dran. Und zum Schluss überhole ich dich!" So spricht der Junior und eröffnet damit das psychologische Gefecht schon im Vorfeld des Düsseldorfer Firmenlaufes b2run.


Die Rahmenbedingungen sind für uns beide und die anderen 12000 Starter immerhin gleich. 35 Grad misst das Auto bei der Anfahrt und 27 Grad bei der Rückfahrt. Wenigstens bewölkt es sich kurz vor dem Start um 19 Uhr.

So moderat bin ich noch bei keinem b2run losgelaufen. Denn wir belauern uns gegenseitig und sparen Kräfte für den unausweichlichen Zweikampf. Mal liege ich vorn, mal der Junior. Sein Laufstil strahlt eine einschüchternde Leichtigkeit aus. Er lässt keinerlei Atemgeräusch vernehmen, während ich schon deutlich hörbar Luft ziehe. Mir ist klar, dass ich es nicht auf einen Endspurt ankommen lassen darf. Gemeinsame Steigerungsläufe haben mich schmerzlich gelehrt, dass explosive Spurtkraft der Jugend vorbehalten bleibt.

Also lautet der Plan, ab Kilometer Vier das Tempo zu verschärfen. Der Junge hat offenbar dieselbe Idee. Als von hinten zwei schnelle Läufer vorbeiziehen, hängt er sich dran. Ich auch. Für ein paar Meter. Dann entsteht ein Lücke. Die Lücke wird größer. Irgendwann sehe ich ein, dass ich diesen Abstand nicht mehr verringern können werde. Der Nachwuchs federt leichtfüßig und locker von hinnen. Jetzt überholt er auch noch die beiden Schnellen!

"Wird der Junior im nächsten Jahr vor seinem Erzeuger ins Ziel laufen?", endete mein Blogeintrag aus dem Vorjahr. Nun habe ich Gewissheit. Meine Motivation ist weg. Ich tröste mich mit dem Überholen der zweiten Frau und trotte einsam Richtung Ziel. Gerade als ich für den Fotografen so tue, als ob es Spaß macht, erscheint ein Konkurrent an meiner Schulter. Da flackert der Wille doch noch mal kurz auf, um das im Endspurt zu korrigieren.

Mein Sohn wartet schon seit einer halben Minute im Ziel. Neben dem väterlichen Stolz bleibt mir der Trost, mit 25:01 meine bisher schnellste Zeit auf der 6,2-km-b2run-Strecke gelaufen zu sein.

Dienstag, 6. Juni 2017

Mönchengladbach Marathon 2017

Laufen bildet. In Mönchengladbach lerne ich am Pfingstsamstag beim Santander-Marathon, dass der Name des Sponsors nicht auf dem zweiten A, sondern auf dem letzten E betont wird. Der Kopf verlangt an diesem heißen Nachmittag jedoch nach ganz anderem Input: "Wasser!"

An einem schwülheißen Frühsommer-Wochenende erscheint eine nachmittägliche Startzeit von 16:30 Uhr wenig geschickt gewählt. Nicht nur, weil sich bis dahin die Tagestemperaturen auf ihr Maximum gesteigert haben, sondern vor allem, weil die Gewittergefahr im Tagesverlauf zunimmt. So musste die Lauf-Premiere im letzten Jahr wegen eines Unwetters abgesagt werden. Und auch heute sind Gewitter, Starkregen und Hagel gemeldet. Aus meiner Sicht ist es einfach Glück, dass die Stadt diesmal nicht betroffen ist.

Ursprünglich wollte ich mir ein hagelsicheres Parkhaus suchen. Im Anreise-Stau reduziere ich meine Ansprüche auf das Erreichen des offiziellen Parkplatzes. Mein Navi will geradeaus, wo die Streckensperrung nur rechts oder links erlaubt. Die Ordner wissen nichts von einem Parkplatz für die Teilnehmer. Die Uhr tickt. Als ich eine Lücke am Straßenrand entdecke, entledige ich mich des mittlerweile lästig gewordenen Gefährts und finde mich mitten im Rotlichtviertel wieder. Schnellen Schrittes und etwas besorgt bringe ich die zwei Kilometer zum Start hinter mich.

Schaufenster-Deko am Parkplatz


Die Kleiderbeutel-Abgabe in Mönchengladbach überrascht. Ein winziges Zettelchen im Eintrittskartenformat des letzten Jahrhunderts (die zum Abreißen von einer Rolle, falls sich noch jemand erinnert), handbeschriftet mit einer Zahl (nicht der Startnummer!), wird vom Personal liebevoll mit einer Sicherheitsnadel an den Kleidersack geheftet. Anschließend landet der Sack auf dem großen, ungeordneten Haufen der anderen Kleiderbeutel. Daraufhin erhalte ich ein Duplikat der Eintrittskarte. Wohin nun mit diesem Papierschnipsel? Wird er unterwegs durchweichen? Oder wird die Schrift verlaufen? Warum hat man überhaupt die Kleiderbeutel-Abgabe neu erfunden? Na, ich bin schon auf das Mönchengladbacher Rad gespannt!

Trubel vorm Start

Noch rechtzeitig, aber mittlerweile ein wenig "negativ vorgespannt" brate ich bei 28 Grad im Startblock in der prallen Sonne, wo sich der 4-Stunden-Hase vor dem für 3:30 eingereiht hat. "Vier Runden durch Mönchengladbach. Der Marathon, den niemand braucht", entwerfe ich bereits die ersten Zeilen eines Blogeintrags, ganz im Stile eines frühen Stuckrad-Barre. Das Pulsmesser - der unfehlbare Marathonkritiker, vor dem die Laufveranstalter zittern!

Der erlösende Startschuss und das folgende meditative Tapp-Tapp der Schritte lassen mein Mütchen langsam abkühlen. Oder ist es das Wasser, das ich mir an den VP's über den Kopf schütte? 50000 Liter hält der Veranstalter davon bereit. Bei 1600 Halbmarathonis und 600 Marathonläufern bleiben, grob überschlagen, fast 25 Liter für jeden. Das sollte reichen.

Die gute Laune setzt sich endgültig durch, als Dennis zu mir aufschließt. Kennengelernt hatten wir uns im vorigen Jahr auf der Strecke des Düsseldorf Marathons. Und auch heute plaudern wir uns durch die Stadt. Dennis punktet mit der Anekdote von einem 10-km-Wettkampf, bei dem er dicht hinter dem Drittplatzierten läuft und diesen immer wieder angreift. Jedes Mal kann der Attackierte den Zwischenspurt parieren und seinen Verfolger in die Schranken weisen. Erst im Endspurt setzt sich Dennis durch und wird im Ziel von der wütenden Ehefrau des nun Viertplatzierten mit den Worten empfangen: "Sich die ganze Zeit ziehen lassen und dann kurz vor Schluss überholen! Das kannst du mit meinem Mann nicht machen. Der ist IronMan!"

Nachzielbereich

Das I-Tüpfelchen setzt diesem Lauf das Publikum auf. Für die Zuschauer wird durch das viermalige Vorbeirennen einiges zum Gucken geboten. Und sie revanchieren sich mit echter Anteilnahme, die ganz persönlich gemeint ist, da man vereinzelt defiliert, anstatt inmitten der anonymen Läufermasse eines großen Straßenmarathons. Da sind die Mädels, die auf jeder Runde für uns "La Ola" initiieren. Oder die ältere Dame, die barfuß auf der Straße tanzt und dabei einen bunten Wimpel schwenkt. Eine andere Frau verteilt feuchte Reinigungstücher. Als sie ihr ausgehen, stellt sie auf Wischlappen um. Nicht nur Kinder lassen sich abklatschen, auch der Rollstuhlfahrer mit den Atemschläuchen in der Nase ist begeistert bei der Sache. Überall sind Gartenduschen und Rasensprenger aufgebaut. Alternativ wird aus Spritzpistolen kühlendes Nass versprüht.

Erst als dieses kühlende Nass in Form eines kräftigen Schauers von oben kommt, ändert sich in der dritten Runde recht plötzlich der Charakter der Veranstaltung. Das Publikum verschwindet. Wolken verdecken die Sonne. Es weht bei 20 Grad ein leichter Wind. Und dann überholt uns auch noch der 3:30-Hase!

Der Gewinner der AK M80 im Halbmarathon

Das kann ich nicht zulassen, wähnte ich uns doch die ganze Zeit auf 3:30-Kurs. Den hatte ich allerdings nur anhand der GPS-Pace bestimmt. Dennis sieht es nicht ganz so eng und schickt mich allein dem Hasen hinterher. Gerade als ich nach einem kurzen Zwischensprint den BuZler und seinen einzigen Mitläufer einhole, schnallt der Pacer sein mächtiges Tragestell mit der Zeitfahne vom Rücken und geht erstmal aufs Klo.

Ich renne also allein weiter. Diese endbeschleunigte, letzte Runde tut erstaunlich weh. Abends über heißen Asphalt zu rennen ist wohl nicht ganz meine Lieblingsdisziplin. Nach 3:28:19 habe ich es zu Ende gebracht und nehme die Medaille nebst einem Stoffbeutel mit zwei Äpfeln und einem halben Liter Wasser in Empfang.

Und auch meinen Kleiderbeutel bekomme ich wieder. Ich hatte zu Hause vorsorglich meine Startnummer mit Edding draufgeschrieben.

Dienstag, 23. Mai 2017

Rennsteiglauf Supermarathon 2017

Viele Gründe sprechen dagegen, zwei Wochen nach einem 100er gleich nochmal 73,5 km zu laufen. Als sich spontan eine Mitfahrgelegenheit zum Rennsteiglauf bietet, will mir ganz plötzlich kein solcher Grund mehr einfallen.

Man kennt den Effekt noch aus dem Physik-Unterricht: Ausdehnung bei Erwärmung. Unter dem Einfluss des Treibhauseffekts scheint nun sogar der Rennsteig länger geworden zu sein. Wurden bisher 72,7 km für den Supermarathon veranschlagt, so werden in diesem Jahr 800 m mehr ausgeschrieben. So richtig traut man der ganzen Messerei wohl nicht mehr. Jedenfalls verzichtet der Veranstalter neuerdings darauf, die Distanz auf das Finisher-Shirt zu drucken. Trotzdem will ich es haben!

Ein Supermarathonfinisher oder ein super Marathon-Finisher?

Nach dem am Anschlag gelaufenen 100er verbieten sich allzu hoch gesteckte Ziele, was den Druck auf angenehme​ Weise reduziert. Das Tief zwischen km 60 und 80 vor zwei Wochen war eine üble Erfahrung, so dass ich heute als oberstes Gebot "mit gutem Kopf" unterwegs sein möchte. Ich will ohne Leiden ins Ziel kommen - und vielleicht trotzdem etwas schneller sein als bei meinem ersten Supermarathon vor vier Jahren? Es heißt doch immer, dass man nach einem Langstreckenrennen Bestzeiten auf den Unterdistanzen laufen könne ...

Vorm Start auf dem Eisenacher Markt
Dazu habe ich mir eine Strategie ausgedacht. Ich muss mich bloß auch mal dran halten! Der Trick beim Rennsteig besteht darin, während des langen Anstiegs vom Start bis zum Gipfel des Großen Inselsbergs mit den Kräften zu haushalten. Dieses erste Segment darf ich mit einer 7er Pace zuckeln. Wenn ich danach mit einer 6er Pace ins Ziel laufe, werde ich nach 7:46 Stunden im Ziel sein - elf Minuten schneller als beim ersten Versuch.

Zum Inselsberg


Ich lasse mir Zeit, gehe die steilen Segmente, zum Beispiel vorm Dreiherrnstein und vorm Inselsberg-Gipfel. Das Tempo fühlt sich entspannt an, obwohl die Uhr eine Pace von 6:23 zeigt. Gerne würde ich schneller laufen, denn mir wird immer kälter, je höher wir kommen. Immer wieder sage ich mir "Das Rennen wird nicht auf den ersten 25 km entschieden, sondern auf den letzten 25!"  Es kostet einiges an Disziplin, sich fast drei Stunden lang zu bremsen. Aber es gibt genügend abschreckende Beispiele in der Läuferschar um mich herum, denen die Belastung schon jetzt anzusehen ist.

Bei 100-km-Läufen in Deutschland finden sich meist weniger als 300 Starter. Der Rennsteig-Supermarathon mit seinen 1800 Höhenmetern dürfte kaum wesentlich weniger anstrengend sein, lockt aber rund 2500 Läufer an den Start. Da hat vermutlich nicht jeder ein adäquates Training absolviert.

Auf dem Gipfel bricht endlich die wärmende Sonne durch den Nebel. Eigentlich wollte ich mich von Wasser und Bananen ernähren. Aber wegen der niedrigen Temperaturen greife ich unterwegs dankbar zum heißen Tee. Und zum Schleim! Ich hatte ja völlig vergessen, dass es hier den legendären Haferschleim gibt. Köstlich! Von den ebenfalls feilgebotenen Wiener Würstchen lasse ich aber die Finger.
Tee-Ausschank vor der Kleiderbeutelabgabe

Vom Inselsberg führt ein langer, steiler Abhang zum Kleinen Inselsberg hinunter. Ich lasse es richtig krachen und donnere lustvoll die Piste runter. "Denk an deine Knie.", raunt mir ein erfahrener Läufer zu, der sich vorsichtig zu Tale tastet. Nein, den Spaß gönne ich mir! Schließlich habe ich erst kürzlich auf ganz anderem Untergrund geübt.


Die Hälfte ist geschafft!


Bei der Ebertswiese fingen  bei meinem Debüt die schlechten Gedanken an. Auch heute spüre ich die Beine deutlich. Die Wahrnehmung ist aber positiv. Freudig wird das Schild "Die Hälfte ist geschafft!" registriert. Mein Mantra lautet heute: "Du hast bis jetzt alles richtig gemacht."

Kilometer 50 passiere ich fast exakt nach fünf Stunden. Nur noch ein Drittel! Am Start meinte jemand, wenn man am Grenzadler sei, habe man es praktisch geschafft. Nun ja, damals hatte ich dort bei km 54 eine ganze Weile mit mir gerungen, ob ich nicht die Möglichkeit zum Ausstieg mit offizieller Wertung nutzen sollte. Heute sagt der Moderator beim Durchlauf gerade die 15. Frau an. Den Dreiherrenstein hatte ich noch mit der Frau auf Platz 34 überschritten. Es läuft! Und es fühlt sich gut an, permanent zu überholen, auch wenn das mit der Relativgeschwindigkeit geschieht, die ein Lkw in der linken Autobahnspur gegenüber dem Truck in der rechten aufweist. Natürlich schießt auch hin und wieder mal ein Porsche vorbei. Aber je weiter ich komme, um so mehr havarierte Sportwagen stehen am Rand. "Du hast bis jetzt alles richtig gemacht."

Der ist fertig!


Mittlerweile muss ich etwas fokussierter laufen. Der Blick ist einwärts gerichtet. Vermutlich habe ich gerade mal etwas tiefer durchgeatmet, oder vielleicht galt es auch gar nicht wirklich mir. Jedenfalls schnappe ich die Bemerkung vom Rand auf: "Der ist fertig!" An mir gleitet das ab, weil es einfach nicht stimmt. Aber wie muss sich so ein Kommentar in den Ohren derjenigen anhören, die sich wirklich auf dem Zahnfleisch ins Ziel schleppen?!

Es zieht sich aufwärts. Nicht steil, vor allem nicht steil genug zum Gehen. Aber lang. Ich weiß, dass der höchste Punkt der Strecke markiert ist. Und ganz oben sehe ich ein Schild. "Lass es den höchsten Punkt sein!", denke ich bei jedem Schritt. "Lass es den höchsten Punkt sein!" Und tatsächlich, er ist es! Ab jetzt geht es tendenziell bergab. Die steile Wiese runter zum Schmücke-VP sorgt nochmal für richtigen Lauf-Spaß. Ich mache hier gleich zwei Plätze in der Damenwertung gut.


Retardierendes Moment


Ein Porsche-Läufer, schon in Finisher-Stimmung, versucht einen Geher zu motivieren. Doch der gibt mit gebrochener Stimme zurück: "Bergab geht gar nicht mehr." Gerade bedauere ich den armen Kerl, müssen wir doch jetzt eigentlich nur noch runter ins "schönste Ziel der Welt - in Schmiedefeld", da gibt es einen weiteren, langen Gegenanstieg. Ich gehe ein paar Schritte. Dummerweise schmerzt seit geraumer Zeit beim Gehen mein rechter, hinterer Oberschenkel mehr als beim Laufen. Also laufe ich wieder an. Genau in dem Moment schießt mir ein Krampf in die Innenseite des Oberschenkels. "Was? Jetzt, so kurz vor dem Finale dieses flüssigen Rennens, soll plötzlich alles vorbei sein?!" Krämpfe hatte ich unterwegs noch nie. Was macht man da? Ich laufe weiter. Der Schmerz ist gerade noch so auszuhalten. Nur ein µ mehr und ich stünde auch am Rand. Die Therapie schlägt an. Der Krampf verschwindet so plötzlich, wie er gekommen war.

"Das schönste Ziel der Welt - in Schmiedefeld"
Durch die Menge der ausnahmslos applaudierenden 17-km-Wanderer renne ich Richtung Ziel, das schon seit Langem zu hören ist. Das "Du siehst ja noch ganz entspannt aus!" vom Streckenrand klingt fast ein bisschen enttäuscht. Dann sieht man einen Zielbogen, von dem sich der erfahrene Rennsteigläufer jedoch nicht verwirren lässt. Erst der dritte Bogen ist der wahre. Hier darf endlich gejubelt und geweint werden.

Mittlerweile bin ich geneigt, das Gelingen eines Ultras weniger nach der erreichten Zielzeit als nach dem Befinden unterwegs zu beurteilen. In dieser Wertung liege ich heute ganz weit vorne. Trotzdem muss die Zielzeit von 7:18:22 nicht verschwiegen werden, bedeutet sie doch eine Verbesserung von 39 Minuten. Und ich finde, 13. Frau klingt irgendwie viel besser als 206. Mann.

Montag, 8. Mai 2017

WHEW100 2017

Werner Sonntag postulierte 1978 "Irgendwann musst du nach Biel". Damals mag das richtig gewesen sein. Mittlerweile gibt es aber den WHEW100 praktisch vor meiner Haustür. Also spare ich mir die Reise in die Schweiz und starte in Wuppertal beim 100-km-Lauf.

Morgensonne am Start

Es verspricht ein sommerlicher Tag zu werden. Die Sonne bescheint den Start-/Zielbogen, dessen Rot sich kontrastreich vom wolkenlos-blauen Himmel abhebt. Noch ist es mit 5 Grad recht frisch. Soll man die morgendliche Kühle für ein paar schnelle Kilometer nutzen? Übermotiviert starte ich den Lauf inmitten der Staffelläufer und Run&Bike-Teams, die kaum von den 100-km-Aspiranten zu unterscheiden sind. Ich lassen mich anfangs mitreißen. Das zunächst ansteigende Profil sorgt aber bald für gedrosseltes Tempo.

Soundbikes


Die Strecke verläuft vielfach auf ehemaligen Bahntrassen, die mittlerweile zu Radwegen umgewidmet wurden. Nicht dass ich besonders viele 100er zum Vergleich heranziehen könnte, aber mir scheint, dass das einen eigenen Charakter dieser Veranstaltung schafft. Denn wie bei einem Straßenlauf ist man fast nur auf Asphalt unterwegs. Andererseits führt die Route meistens durchs Grüne. Und so hat sich das Veranstalterteam um Guido Gallenkamp eine Besonderheit zur Streckenbelebung ausgedacht. Es gibt sogenannte Soundbikes. Das sind Lastenräder mit mobilen Lautsprechern, die einen beachtlichen Klang erzeugen. Sie patroullieren auf der Strecke und dienen gleichzeitig als Anprechpartner, Ersthelfer und Streckenposten. Ich finde das Klasse und bin jedes Mal enttäuscht, dass die Räder so schnell vorbeirauschen.

Höhenprofil, 25-km-Zeiten, Platzierung*

Das Höhenprofil kippt. Es geht rund 17 km hinunter ins Ruhrtal. Bei den bisherigen Austragungen bildete dieses Gefälle den finalen Anstieg, da in Gegenrichtung gelaufen wurde. Mehrfach war ich hierher gekommen, um diese fiesen End-Kilometer zu trainieren. Und dann wird kurz vorm Lauf die Richtung geändert!

Der Staffelläufer


Nach 25 km steigen frische Staffelläufer ein. Einer hängt sich an meine Fersen. Als Duo donnern wir zu Tale. Die Pace sinkt unter 5 min. Ich fühle mich großartig. Obwohl mir im Unterbewusstsein klar ist, was das hier gerade für eine Dummheit ist, setze ich die Hatz auch an der Ruhr fort. Der Staffelläufer kann das Tempo irgendwann nicht mehr halten. Ich komme mir ganz toll vor. Es steht allerdings zu befürchten, dass ich in Wirklichkeit leider ein Idiot bin.

Die Hälfte


Von all dem ahnen die Zuschauer bei km 50 nichts. Sie rufen: "Der sieht aus, als wäre er eben erst losgelaufen!" Die Zwischenzeituhr zeigt jedoch, dass der Start vor 4:16 Stunden war.

Hier am Baldeneysee ist läuferisch die Hölle los. Sämtliche Essener Lauftreffs scheinen unterwegs zu sein. Immer wieder begegnen mir große Gruppen, die mit Beifall nicht geizen. Schön!

Archivbild: Die Laufstrecke am Baldeneysee

Dann hole ich die führende Frau ein. Ihr Shirt weist sie als Bezwingerin der Radebeuler Spitzhaustreppe aus, wo erst vor zwei Wochen der Mount-Everest-Treppenmarathon stattfand. Unglaublich, dass sie heute gleich wieder 100 km abspult!

Leinpfad - Leidenspfad


Der Ruhrtalradweg führt über den historischen Leinpfad. Hier wurden früher die Schiffe von den Treidlern gezogen. Stellenweise ist sogar noch das historische Pflaster erhalten - Kopfsteinpflaster! Und "Pfad" trifft es auch. Der Radweg ist so schmal, dass der Schönwetter-Radler-Betrieb langsam nervt, obwohl immer wieder anerkennende Worte von den Pedalisten gerufen werden. Der wahre Grund für meine negative Wahrnehmung liegt in mir selbst. Ab km 60 schwinden mir die Kräfte. Am schlimmsten ist, dass ich mir die ganze Zeit vorwerfen muss, mit meinem verschärften Anfangstempo selbst schuld zu sein. Hinzu kommen Schmerzen im rechten Hüftgelenk, die bis hinunter zum Knie strahlen. Aus meinem Laufen wird zeitweise ein hinkendes Gehoppel, das immer mal wieder kurz in Gehschritten endet. Schmach, Schande! Hatte ich mir doch angesichts des eher flachen Streckenprofils vorgenommen durchzulaufen.

Die führende Frau überholt nun mich. Einziger Trost: auch sie macht Gehpausen! Wenig später zieht Simone Durry geschmeidig vorbei. Sie hat sich das Rennen offenbar besser eingeteilt und wird heute mit neuem Streckenrekord gewinnen.

Ich schaffe es nicht, mich aus meinem mentalen Loch zu ziehen, will nur noch weg aus diesem Ruhrtal und bin froh, als ich endlich abbiegen darf. Auch wenn das nun den Beginn des langen Anstiegs bedeutet.

Rettender Engel


Ich sehne mich dem VP bei km 79 entgegen, heilfroh den Rucksack nebst Trinkflasche mitgenommen zu haben, um solche "Durststrecken" zu überbrücken. Da erscheint mir ein rettender Engel! Sigrid, die dritte Frau, läuft von hinten auf.

"Gleich haben wir 80, und ab da kommen wir durch!", lautet ihre frohe Botschaft. Sigrid überträgt ihre positive Energie auf mich und zieht mich mit. Das ist Ultra!

In welche Liga mich mein morgendlicher Spurt versehentlich katapultiert hat, zeigt sich im Gespräch.

"Ich bereite mich auf die Meisterschaften im 24h-Lauf vor."
"Ach, du willst zu den Deutschen Meisterschaften nach Gotha!"
"Nein, nach Belfast. Zu den Weltmeisterschaften."

Sigrid erzählt, dass sie Mitglied im 24h-Nationalteam ist. Und sie ist sich sicher, die Qualfikationsnorm von 205 km ein weiteres Mal zu erfüllen. Ein Paradoxon: während ich vor Ehrfurcht erstarre, werde ich gleichzeitig mitgerissen. Meine Krise ist vorbei!

Du sollst laufen, nicht gehen!


Am VP versorgt sich meine Begleiterin etwas ausführlicher und delegiert mich schon mal voraus. Als ich mich anschicke,  meinen Becher (an feste Nahrung ist schon länger nicht mehr zu denken) im Gehen zu leeren, ereilt mich ein Ruf im Kasernenhofton: "Du sollst laufen, nicht gehen!" Ich gehorche brav. Sobald wir wieder ein Duo sind, kann ich die weltmeisterschaftliche Pace seltsamerweise mitlaufen.

1000 Meter Klimaanlage


Ich hatte die ganze Zeit geglaubt, dass es eigentlich gar nicht so heiß ist. Wie sehr ich unter der Temperatur gelitten habe, wird mir erst bewusst, als wir den bisher längsten Eisenbahntunnel durchqueren. Seine 1000 Meter wirken wie eine Klimaanlage. Die körperliche Erholung ist regelrecht greifbar. Sigrid spürt die Wirkung offenbar auch. Sie stimmt ein Lied an!

Die letzten vier Kilometer sind einzeln markiert. Uns gelingen nochmal Paces im Bereich zwischen fünf und sechs Minuten. Als ich gerade die achttausendste Kilokalorie verbrenne, wird Sigrid dritte Frau. Wir sind im Ziel!

Auf der vergleichsweise flachen Strecke habe ich meine bisherige 100-km-Zeit ziemlich genau um 50 Minuten verbessert und die neue Marke auf 9:37:28 gelegt. Das bedeutet heute den 14. Platz der Männer und den vierten in der Altersklasse.

Nachzielbereich

Epilog


Im Verpflegungszelt, wo sich die 100-km-Finisher sogar an den aufpreispflichtigen Gourmet-Speisen kostenlos laben dürfen, entspinnt sich folgender Dialog.

"Jetzt laufe ich mal eine ganze Woche überhaupt nicht!"
"Ob du das aushältst?"



* Quelle Höhenprofil: whew100.de

Dienstag, 2. Mai 2017

Düsseldorf Marathon 2017 - (Bei) Sturm ins Ziel


Genau vor zehn Jahren lief ich hier in Düsseldorf meinen ersten Marathon. Zum heutigen Jubiläum habe ich etwas Besonderes vor. Pacer, Hase, Pacemaker, BuZler - offiziell werden sie Brems- und Zugläufer genannt. Ich bin erstmals einer von ihnen und will/darf/muss den Düsseldorf Marathon in 3:30 laufen.

Kleiderbeutelabgabe im Morgenlicht
Egal wie oft man schon an einer Startlinie gestanden hat, der Atmosphäre eines großen Städtemarathons kann man sich nicht völlig entziehen. Obwohl die gasgefüllten Luftballons mit der "3:30"-Aufschrift meine Schultern nach oben ziehen, lastet das Gewicht der damit verbundenen Verantwortung auf ihnen. Es gilt, punktgenau die Erwartungen der Läufer zu erfüllen, die unter dreieinhalb Stunden finishen wollen. Denn inoffiziell wird die am Rücken aufgedruckte "3:30" wohl als 3:29 interpretiert.

Wir starten als Trupp von fünf Gelbballonten bei angenehmer Kühle, blauem Himmel und herrlicher Morgensonne. Es verspricht perfektes Laufwetter zu werden. Nur die für den Nachmittag angekündigten heftigen Winde könnten eventuell das Läuferglück trüben.

Mein Ballons (rechts)
Man hatte uns gebeten, nicht als eine Ballon-Gruppe zu laufen, sondern das Feld vorn zu bremsen und hinten zu ziehen. Der Auftrag bedeutet auch, die ganze Zeit im dichten Läufermeer zu laufen. Der Pulk ist so groß, dass ich es nicht rechtzeitig schaffe, an die erste Verpflegungsstelle hinüber zu wechseln. Das ist in Düsseldorf aber kein Problem. Es kommen noch genug. Ich will heute ohnehin nichts außer Wasser zu mir nehmen.

Gerieten die ersten Kilometer in der Enge des Feldes noch zu langsam, beschleunigen wir leicht, so dass die 10-km-Marke punktgenau erreicht wird. Doch das forcierte Tempo wird beibehalten. Ich lasse mich zwar immer mehr von den vorderen Ballons zurückfallen, passiere den Halbmarathon dennoch eine Minute zu früh. Und dann geschieht es. In einer Kurve wickeln sich meine Ballonleinen um ein Verkehrsschild und reißen ab. Lustigerweise bedeutet das sofortigen Autoritätsverlust. Obwohl ich immer noch ein Rückenschild mit der Zeitvorgabe trage, verlässt mich der Läufer, der mir die ganze Zeit nicht von der linken Seite gewichen war, und schließt sich den Ballonträgern vor mir an.

Dann zieht die Startnummer mit dem Namensaufdruck "Paula" vorüber. Aus dem knappen rosa Höschen ragen überraschend krumme Beine. Spätestens der struppige Vollbart macht klar, dass hier jemand mit einem übernommenen Startpass unterwegs zu sein scheint.

Nachzielbereich am Burgplatz

Unsere Ballontruppe hat sich mittlerweile in alle Winde verstreut. Und das im Wortsinne. Auf dem Weg zu Kilometer 28 muss man zum ersten Mal lange gegen den inzwischen sehr starken Nord-Ost ankämpfen. So mancher Bestzeitentraum dürfte hier weggeblasen werden.

Ich bin ab jetzt ziemlich konstant mit passender Pace unterwegs. Aber es sind scheinbar nicht die Marathonneulinge, die sich mir anschließen. Ein Ultraläufer, der hier Kilometer als Biel-Vorbereitung sammelt, hat unterwegs versehentlich seine Uhr gestoppt und nutzt mich als Ersatz.

Als wir durch die Rethelstraße laufen, weist ein Banner am Haus darauf hin, dass das dortige Bordell im Rahmen einer "Haushaltauflösung" sein Inventar verkauft. Kopfkino auf dem nächsten Kilometer.

Völlig windstille Abschnitte wechseln mit sturmdurchtosten Straßen. Erstmalig höre ich das seltsame Geräusch, das entsteht, wenn eine Bö Hunderte Pappbecher über den Asphalt treibt. Der Wind wirbelt nicht nur Trinkgefäße und Absperrgitter durch die Luft, sondern auch Staub und Pollen auf. Ich habe die Augen davon voll. Und offenbar auch die Schnauze, denn es kratzt sogar im Rachen.

Wenn ich in den Vorjahren auf der Düsseldorfer Strecke unterwegs war, habe ich mir - auch ohne besonderes Zeitziel - einen Endspurt nicht nehmen lassen. Das verbietet sich heute. Dadurch registriere ich zum ersten Mal, wie schön das Panorama des Zieleinlaufs unter einem liegt, wenn man zum Rhein einbiegt. Rheinufer, Schloßturm, Brücke und dahinter das Riesenrad der Kirmes werden vom sonnenbeschienenen Oberkasseler Ufer auf der anderen Rheinseite flankiert.


Freibier im Biergarten im Nachzielbereich
Nach 3:29:05 wird mir Zugang zum Biergarten am Rhein mit Erdinger-Freibier-Ausschank gewährt. Das habe ich so in noch keinem anderen Marathon-Nachzielbereich gesehen. Nach dem ganzen Unterwegs-Gewässer gönne ich mir ein paar alkoholfreie Hefeweizen in der Sonne und hänge meinen Gedanken nach. War das heute wirklich die richtige Belastung so kurz vor dem 100er am nächsten Samstag?

Dienstag, 4. April 2017

Batman beim Lintorfer Citylauf 2017

Ermutigt vom überraschend hurtig beendeten Venloop gehe ich diesmal auf's Ganze und will die 2014er Bestmarke von 37:59 über 10 km nochmal angreifen.

Siggi der Bergische Löwe auf der 5-km-Strecke
Bei der Startaufstellung annonciert ein Starter vor mir ein Sub38-Ziel. Wie praktisch, da hänge ich mich dran! Es gibt Tage, an denen läuft es von alleine. So wie letzten Sonntag. Und es gibt Tage wie heute. Nach der ersten von vier Runden muss ich die Hoffung fahren und meinen "Hasen" ziehen lassen.

Seltsamerweise werde ich nur sehr wenig überholt, obwohl die Zeit in Richtung 40 min abdriftet. Die öffentliche Schmach hält sich also in Grenzen. Dennoch würde ich am liebsten einfach nach Hause gehen. Doch was soll der Junior denken, der hinter mir um eine Bestzeit kämpft? Wie nahe er mir auf den Fersen ist, ahne ich in diesen bitteren Momenten gar nicht.

5-km-Läufer
Schlechte Laune breitet sich aus. Sonst ereignet sich auf den nächsten Runden nicht viel. Erst in der letzten Umdrehung kommt wieder Würze ins Geschehen. Die zweitplatzierte Frau naht von hinten! (Mittlerweile muss ich bei Wettkämpfen starten, damit mir Frauen nachlaufen.) Mehrfach schließt sie bis auf Schulterhöhe auf. Auch sie hat zu kämpfen. Jedenfalls entwickelt sie eine beachtliche Geräuschkulisse, anhand derer ich nicht nur den Abstand zu ihr bestimmen, sondern sie auch auf solchen halten kann. Wie die Fledermäuse! Na gut, die Fledermaus erzeugt den Schall zur Distanzmessung selbst. Also lasse ich mich in akustischer Hinsicht auf den letzten beiden Kilometern auch nicht mehr lumpen. Ein schnaufender Batman setzt zum Endspurt an.

Finisher-Medaille
Im Abstand von nur einer Sekunde röcheln wir über die Zielinie. Mit einer Nettozeit von 39:19 verpasse ich erstmalig das Lintorfer AK-Treppchen. Eine Medaille gibt es trotzdem. "Schaffst du es noch, dir die umhängen zu lassen?", werde ich gefragt. Bevor ich mir noch Gedanken um den erbarmungswürdigen Zustand machen kann, den ich offenbar gerade abgebe, rennt schon der Junior ins Ziel, holt sich mit neuer pB den Altersklassenpokal und rettet den Tag.