Dienstag, 12. September 2017

Triathlon-Debüt endet mit Gesamtsieg

"Ihr müsst mir versprechen, dass ihr auch wirklich 100 Prozent gebt!" So peitscht der Junior seiner Schwester und mir am Morgen ein. Vielleicht hätte ich besser ihn als "Staffelverantworlichen" bei der Anmeldung zum Ratinger Triathlon registrieren lassen sollen.

Die Kinder hatten mich überredet, mit ihnen eine Triathlon-Staffel zu bilden. Wegen des Alters meiner Tochter kam nur der Familienstaffel-Wettbewerb über 250 m Schwimmen, 10 km Rad und 2,5 km Laufen in Frage. Beide Kinder trainieren ihre jeweilige Sportart (Schwimmen bzw. Laufen) im Verein. Da ich keine derartige Qualifikation vorweisen kann, wurde ich auf's Fahrrad verwiesen. Die klare Ziel-Vorgabe durch die Kinder lautet: wir müssen gewinnen!

Als Triathlon-Novizen irren wir aufgeregt durch das Schwimmbad. Wo muss man einchecken? Wann ist die Wettkampfbesprechung? Wo findet die Staffelübergabe statt? Wieso hat auch der Schwimmer eine Startnummer bekommen? Und was macht man mit den Startnummern-Aufklebern? Einiges bleibt ungeklärt, aber wir schaffen es zu starten.

Planmäßig verlässt das Töchterchen als Erste das Gewässer. Nur wird sie auf dem Weg in die Wechselzone beinahe von einem Verfolger eingeholt. Also sprinte ich zu meinem Rad und reiße es vom Ständer. Ja, ich hatte mein Tourenrad in der Wechselzone auf seinen Ständer stellen müssen, da sowohl Lenker als auch Sattel zu hoch waren, um es unter die vorgesehene Aufhängstange zu bringen.

Einfahrt in die Wechselzone
Als ich das Bad verlasse, glaube ich, endlich losradeln zu können. Aber ich muss für circa 150 m einem blauen Teppich folgen. Das ist gut, denn noch bin ich in meiner eigentlichen Disziplin unterwegs. Wie ein Gestörter renne ich mit dem Rad über den blauen Belag, denn ich will unbedingt als Erster auf der Strecke sein. Dann halte ich erstmal an - und steige auf. Das Aufspringen aus vollem Galopp hätte man vielleicht mal üben sollen. Zu spät.

Schon jetzt rasselt mir der Atem. Der "Wettkampfbesprecher" nannte die Radstrecke schnell. Mir fehlt jeder Vergleich, aber für meinen Geschmack geht es dafür ganz schön bergauf. Immerhin erklimmen wir die Flanke des Langenbergs, der mit 105 m Ratingens höchste Erhebung bildet. Ein weiterer Anstieg führt in den Ortsteil Eggerscheidt, wo mich eine 180-Grad-Kehre zum Bremsen nötigt. Das ginge wahrscheinlich auch irgendwie geschmeidiger. Hatte ich gehofft, dass der bisherige, kräftige Gegenwind nun schieben würde, so werde ich enttäuscht. Es bleibt bei Gegenwind. Das typische Radfahrer-Paradoxon! Immerhin überhole ich ein paar andere Radler, vermutlich die vorher gestarteten Volkstriathleten auf ihrer zweiten Radrunde. Aber auch ich werde überholt! Kleine Jungs auf eindrucksvollen Rennmaschinen und visierbehelmte Männer auf Triathlonrädern ziehen vorbei. Schwer festzustellen, ob Familienstaffel-Konkurrenz dabei ist. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als weiter am Limit zu strampeln. Den Blitzer in der 70-Zone löse ich leider nicht aus. Das gelinge jährlich nur zwei bis drei Startern, wurde uns in der Wettkampfbesprechung verraten. Für Lichtblitze sorge ich selbst. Ich habe vergessen, die Beleuchtung auszuschalten! Sinnlos fließt ein Teil meiner Energie in den Nabendynamo. Noch eine Runde könnte ich definitiv nicht in dem Tempo fahren.

Am blauen Teppich lasse ich mit einem ungelenken Abstieg nochmal deutlich den Familien-Starter erkennen. Auch elegant-einhändiges Rad-am-Sattel-Führen beherrsche ich nicht. Dafür schiebe ich mein Bike so schnell in die Wechselzone, dass ich zwei der Velo-Raser wieder einhole. Trotzdem steht schon ein Rad im Familien-Wechselbereich!

Ein Drittel der Beute
Das muss der Junior jetzt wieder ausgleichen. Ob das gelingt? Wir hatten vorher überlegt, dass die Schwimm-und Laufstrecken zu kurz sind, um meine schlechte Rad-Performance wieder kompensieren zu können. Doch der Junior straft alle Theorien lügen und macht uns mit einem Finish nach 35:52 min zu Staffelgewinnern!

Die Kinder wollen nächstes Jahr an einem "richtigen Triathlon" teilnehmen.


Montag, 24. Juli 2017

"Auf der Leibzucht" - Deutschlandlauf 2017

Immer wieder die Frage von passierenden Rad- oder Autofahrern: "Was issen das für'n Marathon?" "Das ist der Deutschlandlauf von Sylt auf die Zugspitze über 19 Etappen und 1300 km." Und jedesmal muss ich kleinlaut anfügen: "Ich laufe nur die heutige, achte Etappe über 83 km von Werne nach Solingen mit."

Startnummer

Am Vorabend hatte ich das Leben "in vollen Zügen" genossen, denn ich war mit der Bahn zum Ziel der siebten und längsten Etappe (90 km) nach Werne an der Lippe gereist. Der Weg vom Bahnhof zur Turnhalle ist gut markiert, denn zufällig führt auch die Laufstrecke durch die Bahnhofsunterführung.

Am Ziel bin ich erstaunt über die Größe des Trosses, der die Läufer begleitet. Zwei Miet-Lkw und zahlreiche Campingfahrzeuge bilden vor der Turnhalle eine Wagenburg. Einer der Helfer betreibt aus seinem Campinganhänger heraus einen kleinen Kiosk, an dem die Läufer Snacks und gekühltes Bier erwerben können.

Wagenburg

Ich habe "mit Halbpension" gebucht. Mein Turnhallenschlafplatz beinhaltet Abendessen und Frühstück. Leider ist meine Pflichtausrüstung unvollständig. Ich habe kein Geschirr dabei. Aber für ein Stück Pizza auf die Hand reicht es, als der italienische Lieferdienst einen Kleinwagen voller Familienpizzen, Pasta und Salaten bringt. Er muss zweimal fahren!

Für die Veganer gibt es einen Spezialservice. Eine Triathletin begleitet die Läufer auf der Tour mit dem Fahrrad. Morgens zieht sie einen Hänger, aus dem heraus sie den ersten VP betreibt. Dann fährt sie weiter ins Ziel und kocht das vegane Dinner.

"Kiosk"-Angebot - auf das Wesentliche beschränkt

Gestartet sind auf Sylt 61 Sololäufer, ein 75-jähriger Tretrollerfahrer und zwei 2er-Teams, deren Starter jeweils einen Tag ruhen können, wenn der Partner läuft. Dazu kommen noch Leute wie ich – Sensationstouristen als Tagesbesucher.

Ich erlebe mit, wie am Abend zwei Solo-Läufer das Rennen abbrechen müssen, womit sich die Zahl der Solisten auf 52 verringert. Feuerrote, heiße Flecken auf den Beinen signalisieren akute Sehnenentzündung. Man sieht straff in Frischhaltefolie gewickelte Waden, geschwollene Gelenke, Eisbeutel auf Schienbeinen und Füße voller Blasen. Unter der Dusche komme ich nicht umhin zu bemerken, dass bei Manchem auch die empfindlichsten Teile wundgescheuert sind. Den Abbrechern werden ihre restlichen Blasenpflaster und Kanülen zum Aufstechen von Blasen regelrecht aus den Händen gerissen. Ein Läufer hat eitrige, offene Fußsohlen. Trotzdem wird er die nächste Etappe antreten.

Mir wird klar, diese Ausnahmesportler sind mental so stark und körperlich so gut trainiert, dass nur mangelnde orthopädische Robustheit ein Ankommen auf der Zugspitze verhindern kann.

Kühlen der Fußgelenke

Wie auf einem U-Boot, einer Forschungsstation in der Arktis oder eben bei "Big Brother" ergeben sich innerhalb der Läufer-Zwangsgemeinschaft auch Spannungen. Heutiger Streitpunkt: die ausgegebenen Eiswürfel zum Behandeln von Entzündungen wurden zum Kühlen von Getränken zweckentfremdet. Aber der eigentliche Dauerbrenner scheint die Aufteilung der Starter auf zwei Gruppen zu sein. Das werde ich noch selbst zu spüren bekommen! Die langsameren Starter sollen eine Stunde vor den anderen loslaufen. Scheinbar mischen sich auch etwas Flinkere in diese erste Gruppe, so dass sie vor dem eigentlichen Tagessieger im Ziel sind.

Während um 21 Uhr die offizielle Nachtruhe beginnt, kommen jetzt die Letzten, nach 16 Stunden Laufzeit, im Etappenziel an. Sie müssen noch essen, duschen und ihre Wunden versorgen, bevor auch sie sich endlich hinlegen können.

In den Schlaf wird heute jedoch kaum jemand finden. Das Licht in der Turnhalle lässt sich nicht abschalten. Trotz herausgedrehter Hauptsicherung sorgt ein zweiter Stromkreis für "Notbeleuchtung", die jedoch reichlich überdimensioniert scheint. Ohrstöpsel habe ich dabei, aber die Schlafmaske nicht. Notgedrungen ziehe ich mir die Schlafsackhülle über den Kopf. Besonders gut atmet es sich darunter in der aufgeheizten Halle nicht. Insbesondere, da die Halsschmerzen, die mich seit ein paar Tagen plagen, jetzt in einen rauhen Husten übergehen.

Nun ja, lange dauert das Martyrium ohnehin nicht, denn um 3:40 Uhr wird geweckt, damit um vier Uhr gefrühstückt werden kann. Die Helfer dürften schon deutlich eher aufgestanden sein, um die riesige Kaffeemaschine auf Temperatur zu bringen. In Ermangelung eines Tellers esse ich statt Müsli Käsebrote und Obst und sauge dabei die Stimmung auf. Die meisten scherzen ausgelassen und malen sich aus, wie sie sich auf der Zugspitze betrinken werden. ("Viel Alkohol wird dazu nicht nötig sein!") Ein anderer will heute unterwegs unbedingt irgendwo vier Kugeln Eis mit Sahne essen. Der Franzose neben mir schwärmt davon, wie schön es sei durch den Regen zu laufen. Er wird heute tanzend an den VP's gesehen werden. Ganz selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass ich eine 100-km-Bestzeit habe. Enttäuschung kommt erst auf, als ich sie nenne. Und was antwortet man diesen Langstreckenspezialisten auf die Frage: "Läufst du viele Ultras?"

Füße hochlegen im Etappenziel

Um 5 Uhr wird die große, erste Gruppe gestartet. Zehn Solo-Läufer, ein Team-Läufer und ich starten eine Stunde später. Inzwischen hat es so stark angefangen zu regnen, dass ich meine Regenjacke aus meinem eigentlich bereits abgegebenen Gepäck heraushole. Der Starter hat keine Lust nass zu werden, so dass wir direkt aus der Halle heraus loslaufen.

Der Wind ist genauso heftig wie der Regen. Ich spüre, wie sich mein Infekt in eine ausgewachsene Erkältung verwandelt. Permanent trieft mir der Schnodder von der Nase. Ich hoffe, dass ich wenigstens an den VP's mit einermaßen rotzfreiem Gesicht erscheine. Doch was jammere ich über meinen Zustand! Mein Befinden ist so unbedeutend angesichts der Leiden, die die anderen klaglos, meist sogar fröhlich, durchstehen. Hier kann man eine Lektion in Sachen mentaler Härte lernen!

Die biologisch abbaubare Sprühkreide hat im Regen, besonders auf saugfähigem Untergrund, schon recht erfolgreich mit dem Auflösungsprozess begonnen. Nach 35 Minuten hört der Guss ganz plötzlich auf. Ab jetzt sind die aufgesprühten Markierungen viel besser zu sehen. Ich frage mich, wer die Pfeile so gewissenhaft anbringt. Und wann? Dieses Rätsel wird sich heute noch lösen.

Aller 10 Kilometer gibt es Versorgung. Teilweise werden diese VP's von den mitreisenden Helfern betreut. Örtliche Vereine betreiben die zusätzlichen. Was für eine Leistung, all das punktgenau zu koordinieren! Es ist eine Herausforderung, sich so einem Lauf zu stellen. In meinen Augen ist es eine mindestens ebenso große Leistung, eine derartige Veranstaltung zu organisieren.

Mir war klar, dass sich eine Route dieser Länge am einfachsten entlang von Landstraßen planen lässt. Insofern bin ich überrascht, dass wir ein ganzes Stück einem Kanal folgen, und dort einen See und eine Marina passieren. Der Hafenkiosk hat am sehr frühen Sonntagmorgen sogar schon geöffnet, was einige der Läufer nutzen, um sich einen Coffee-to-Run mitzunehmen. Ab jetzt treffe ich immer wieder auf einzelne Frühstarter. Darunter ist auch ein fröhlicher Franzose, der in Crogs läuft!

Alle fünf Kilometer sind markiert, sogar die Halbmarathonmarke. Dann die Aufschrift: "Noch 50 km". Während ich noch grübele, ob diese Information nun motivierend ist, passiere ich ein Straßenschild: "Auf der Leibzucht". Wie passend! Hier werden Leiber gezüchtigt. Mögen sie dem Willen ihrer Inhaber gehorchen und sie alle zur Zugspitze bringen!

Auf der Leibzucht

Der Weg von Nord nach Süd durch Dortmund zieht sich, besonders da die Stadt direkt in den Ort Witten überzugehen scheint. Immerhin, es fließt kaum Verkehr, und jede Menge Bäcker bieten zusätzliche Labemöglichkeiten. Nach dem üppigen "Watt läuft"-VP mit sensationeller Stimmung geht es stetig hinauf ins Bergische Land, und das Auge wird mit Grün verwöhnt. Je näher wir der Heimatregion des Veranstalters Oliver Witzke kommen (Solingen, das heutige Etappenziel, ist sein Heimatort), desto schmaler werden die Pfade. Man spürt, dass er sich hier auskennt. Die Markierung "Zur Zugspitze" (der Kreidesprüher hat offenbar Humor) führt jetzt auf einen Radweg, der auf einer ehemaligen Kohlebahntrasse verläuft. Diese geht bald in die Bahntrasse auf bekannter WHEW-Streckenführung über. Folgerichtig wird der dortige VP von Guido Gallenkamp, dem WHEW-Organisator, betreut.

Dort, bei km 60, erfahre ich, dass bisher nur der Tretrollerfahrer gesehen wurde. Sollte ich etwa gleich an zwei Wochenenden in Folge als Erster durch ein Ziel laufen? Doch jetzt erwarten mich die Anstiege des Bergischen Landes. 1266 Höhenmeter weist die Strecke laut Track auf. An der 65-Km-Marke lege ich hangaufwärts die erste Gehpause ein. Da kommt von hinten Henry und zieht grußlos vorbei. "Das kann doch nicht sein, dass ich nicht so schnell laufen kann wie jemand, der schon seit Sylt unterwegs ist!" Der Gedanke reicht mir offenbar, um meine mentalen Kräfte wieder zu bündeln. Ich hänge mich hinten dran und versuche etwas Smalltalk, was nicht so gut gelingt. Stattdessen wird mir vorgeworfen, dass ich als schneller Läufer mit den 5-Uhr-Startern losgelaufen sei. Ich nehme das nicht übel angesichts der Strapazen, denen sich diese außergewöhnlichen Menschen unterziehen. Wer weiß schon, welche Gedanken sie in den vielen einsamen Stunden vorantreiben oder bremsen. Aber die Chemie scheint nicht für viele gemeinsame Kilometer zu passen. Am VP bei km 67 setze ich mich nach vorn ab.

Was ich nicht weiß und erst später ergoogle: der in Norwegen lebende Sachse Henry Wehder ist schon seit 12.6. als Etappenläufer unterwegs. Er ist am Nordkap gestartet und integriert den Deutschlandlauf in seinen privaten Transeuropalauf bis nach Gibraltar. Anschließend will er noch den Spartathlon in Griechenland anhängen und somit insgesamt 10.200 km in 111 Tagen laufen.

So langsam beginne ich, die herbeigesehnte 80-km-Marke zu vermissen. Da spricht mich eine Radfahrerin an. Sie habe nicht damit gerechnet, dass jetzt schon ein Läufer kommt, und sei mit dem Markieren der Strecke noch nicht fertig. Kein Problem, ich habe ja den GPS-Track auf meiner Uhr!

Wenig später kommt mir Oli entgegen geradelt. Er teilt mir mit, dass er den Läufern heute den besonders schwierigen Aufstieg auf dem Serpentinen-Trail zum Schloß Burg (die Wupperbergemarathon-Finisher unter den Lesern schmunzeln hier wissend) ersparen und die Strecke um einen Kilometer verkürzen will. Ich finde seine Wegbeschreibung in der Realität nicht wieder und folge dem Originaltrack ins Ziel, das ich nach 8:39:29 durchlaufe. Dort sitzt zu meiner Enttäuschung schon Klemens, der Zweier-Team-Läufer, der die Abkürzung offenbar besser gefunden hat. Kurz danach erreicht auch Henry als führender Solo-Läufer die Jugendherberge.

Zwei Solo-Etappenläufer beenden Etappe 7

Es verdient den höchsten Respekt, sich dieser Strecke überhaupt zu stellen und einige Etappen zu meistern. Wie viele die Zugspitze erreichen werden, ist schwer zu prognostizieren. Die heutige Etappe hat die Zahl der Solo-Läufer auf 46 dezimiert. Aber, dass es Menschen gibt, die bei einem Etappenlauf so schnell sein können und diesen sogar noch um ein Vielfaches verlängern, liegt noch immer außerhalb meiner Vorstellungskraft, obwohl ich selbst (ein bisschen) dabei war.


Sonntag, 16. Juli 2017

Mit dem Fahrrad zum 1. Dickelsbachmarathon


Waren die lokalen Laufjunkies vor einer Woche in ein tiefes, mentales Loch gefallen und hatten Hilfeschreie bei Facebook versandt, weil keine Wettkämpfe stattfanden, so muss man an diesem Wochenende fast schon von einem Überangebot sprechen. Ich erhielt Einladungen zu zwei Veranstaltungen.

Die Firma Mammut wollte mich mit einer Journalisten-Akkreditierung zum eigentlich ausverkauften Eiger-Ultra schicken. Leider war es bei dem kurzfristigen Angebot zu spät zum Höhenmeter-Trainieren.

Gina Pflug hat eine flache Alternative parat. Sie veranstaltet zusammen mit Partner Sven den 1. Dickelsbachmarathon. Auch hier konnte ich mich nicht zu einer spontanen Zusage durchringen, erhielt ich die mündliche Einladung doch gegen Ende des "Bergischen 6h Laufs". Da reichten mir die Kilometer, die ich gerade noch vor der Brust hatte.

Start-/Zielbereich

Aber der Mensch tendiert dazu, Schmerzen ganz schnell zu verdrängen. Also schwinge ich mich heute um 6:30 Uhr auf mein Rad und fahre zum Start nach Ratingen-Lintorf. Achtmal wollen wir am Dickelsbach hin- und durch den Hinkesforst wieder zurückrennen, um auf 43,5 km zu kommen. Wer möchte und kann, darf die sieben Stunden bis zum Zielschluss auch für weitere Kilometer nutzen.

Thorsten Stelter will das tun, um sich auf seinen Spendenlauf von Düsseldorf nach Leipzig vorzubereiten, wo ihn nach 450 km Harald Schmidt in Empfang nehmen soll.

Sven hat die Strecke mit Kreide ausgezeichnet ausgezeichnet. Zwei Wurzeln machen sogar in Neongrün "hervorragend" auf sich aufmerksam. Nur der Pfeil, der den Baum hinauf zeigt, verwirrt mich auf der ersten Runde. Ich sehe von einer Kletterpartie ab, schließlich kenne ich die Strecke durch dieses Flurstück.

Ein Lauf mit Kinderbetreuung - Hengst am Dickelsbach

Der Name "Hinkesforst" bietet sich scheinbar für Kalauer an, als nach ein paar Runden die Sauberkeit des Laufstils nachlässt. In Wirklichkeit hat die Bezeichnung nichts mit einem schleppenden Gang zu tun. Ganz in der Nähe der Laufstrecke steht die Napoleoneiche im Wald und erinnert an die Zeit, als sich der Feldherr hier mit frischen Pferden versorgte. Damals lebten in diesem Gehölz Wildpferde. Deshalb wurde der Wald Hinkesforst genannt, was Hengstwald bedeutet. So jedenfalls berichtete es mir der alte Waldschrat, mit dem ich hier einst durch das Unterholz streifte, während wir uns von frischem Buchenlaub, Brennnesseln und den jungen Trieben der Lärche ernährten.

Heute esse ich nichts davon. Auch das üppige Angebot in Ginas Garage muss bis nach dem Finish warten, denn ich will den Lauf als Nüchternlauf gestalten. Das ist kein großes Problem, habe ich doch am Vorabend reichlich getafelt. Die Kinder wollten den ersten Ferientag mit Lagerfeuer und Stockbrot begehen. Da noch gegrillter Käse vom Freitag übrig war, hatte ich "Mit Grillkäse gefülltes Stockbrot" erfunden - eine sehr sättigende Kreation!

3:51:33 dauert es, bis ich über das üppige Büfett herfallen darf. Zum Nachtisch erfüllt sich ein alter Läufertraum. Ich bekomme eine Urkunde, auf der "Marathon-Gesamt-Sieger" steht!

Mittwoch, 12. Juli 2017

Raubtierangriff und anderes Ungemach

Die große, digitale Temperatur-Anzeige im Ratinger Freibad zeigt 33 Grad Luft- und 28 Grad Wassertemperatur, als ich zu einem speziellen Intervalltraining ausrücke. Zwischen den einzelnen Starts meiner Tochter beim Schwimmwettkampf streife ich durch Ratinger Gehölz.

Für das initiale Intervall stehen die 2,5 Stunden zwischen Einschwimmen und erstem Start zur Verfügung. Der im Bad bewässerte Haarschopf ist schon nach ein paar Hundert Metern wieder getrocknet. Da knallt mir plötzlich von hinten etwas gegen den aufgeheizten Schädel! Es fühlt sich an, als ob mir jemand ein fußballgroßes Stoffknäuel an den Kopf geworfen hätte. Bevor ich noch weiteres Rätselraten anstellen kann, segelt direkt über meinem Scheitel ein Raubvogel mit einer Flügelspannweite von etwa 1,20 m davon, dreht rechts in den Wald ab und verschwindet mit zwei, drei Flügelschlägen. Es dürfte ein Bussard gewesen sein. Ich vermute, der wollte nur spielen! Jedenfalls habe ich keinen Schnabel- oder Krallenkontakt gespürt.


Nach 13 Kilometern erreiche ich unbeschadet, aber doch recht erhitzt, die Gestade der Duisburger Sechs-Seen-Platte. Ich bewässere mich noch einmal gründlich, bevor ich auf gleichem Weg zurückkehre.

An der Sechs-Seen-Platte
Nach wohlwollend-väterlicher Betrachtung des sportlichen Geschehens im Schwimmbecken benetze ich Kopf und Kehle erneut und trete mit frisch gefüllten Wasserflaschen zum nächsten Intervall vor die Tore der Schwimmstätte. Diesmal meide ich das raubtierverseuchte Gebiet und durchkreuze den Ratinger "Oberbusch". Doch auch in diesem, eigentlich idylischen Waldstück, droht Ungemach aus der Luft. Aller 1,5 Minuten überquert ein Flugzeug den Forst im Landeanflug auf Düsseldorf. Das beginnt morgens um 6 Uhr und soll um 23 Uhr mit dem Nachtflugverbot enden. Jedoch gelten etliche Ausnahmeregelungen. Aber so lange will ich ja gar nicht laufen. Mir bleibt nur eine Stunde bis zum zweiten töchterlichen Start. Bei den insgesamt 36,5 erlaufenen Kilometern will ich es dann auch bewenden lassen. Um mich wieder herunterzukühlen, plantsche ich noch etwas im Freibad und überbrücke so die Wartezeiten zwischen den restlichen Schwimmwettkämpfen.

Nachdem ich mich heute so oft und gründlich nass gemacht habe, soll auch die Ausrüstung gewaschen werden. Offenbar hat die Hitze meinem Oberstübchen arg mitgespielt. Als ich später einen Blick auf mein Smartphone werfen will, fällt mir ein, dass es noch in meinem Rucksack steckt. Und der dreht sich munter in der Miele-Trommel! So schnell war ich noch nie im Keller. Während ich ratlos durch das Bullauge in die schäumende Gischt starre, meldet sich der Garmin am Handgelenk. Er hat sich gerade mit dem badenden Handy synchronisiert. Das Smartphone lebt also noch und sendet SOS! Nun ist schnelles Handeln gefragt. Aber wie stoppt man so eine Waschmaschine? Kurzerhand drücke ich den "Tür auf"-Knopf. Überraschenderweise springt tatsächlich die Luke auf und entlässt einen Schwall Seifenschaum. Ich entreiße die Laufweste den Fluten. Das Smartphone steckt, in eine kaputte Zip-Lock-Tüte gehüllt, in der Außentasche. Die Tüte hat ein Loch und der Zipper schließt auch nicht mehr. Dennoch hat die Technik den Kurzwaschgang unbeschadet überlebt.

Ein Wochenende ohne offizielle Laufveranstaltung kann auch ganz erlebnisreich sein.

Montag, 3. Juli 2017

Bergischer 6h Lauf 2017

Bei einem n-Stunden-Lauf gibt es nach der ersten Runde keine großen Überraschungen mehr. Irgendwann schwinden die Kräfte. Und vielleicht ändert sich das Wetter. Ansonsten lebt so ein Wettbewerb von den Begegnungen unterwegs.

Marcel stellt mir Harald vor. Der sei ein ganz krasser Typ.

Marcel: "Harald, wieviel Jahreskilometer hast du so?"
Harald: "Um die 4000."
Ich (vorlaut): "4000 laufe ich auch im Jahr!"
Harald: "Ich meinte, bis jetzt."

Nachdem sich das Gelächter gelegt hat, schildert Harald seinen Tagesablauf. Der sieht in etwa so aus. Nach dem Aufstehen um 2 Uhr läuft er 30 bis 45 km, bevor er zur Arbeit geht. Nach Feierabend kümmert er sich um Haus, Hof und Kinder. Abends radelt er noch 60 km. Sein Trick: "Ich brauche nur 4 Stunden Schlaf."

Das Wetter hat sich übrigens tatsächlich geändert. Der Starkregen hörte schon nach der ersten Runde auf und ging in normalen Dauerregen über. Somit lief manche Dame mit Regenschirm. Es hatten sich dieses Jahr mehr Frauen als Männer angemeldet. Mir schien, eine war sogar geschminkt unterwegs. Ich dusche noch nicht mal vor einem Lauf.

Auch die Kräfte schwanden erwartungsgemäß. Da der Organisator Oliver Witzke wegen akuten Helfermangels um einen Verzicht auf Restmetervermessung bat, ersparte ich mir die letzten 12 Minuten und startete diesmal nicht in eine unvollständige 22. Runde. Mein 60-km-Ziel war mit 60,9 km ohnehin erfüllt.

Zum Abschluss vergnügte ich mich mit zwei nackten Frauen in einem Hotelzimmer. Als diese ihr Bedürfnis gestillt hatten, wurden sie von einem gutaussehenden, jungen Mann abgelöst, der sich sofort stöhnend die schlammigen Kleider vom Leib riss. Der Renndirektor hatte für uns 3 Zimmer im nahen Hotel gemietet. Damit wir dort duschen konnten.

Unten ohne ins Hotel

Dienstag, 27. Juni 2017

Biggesee-Marathon 2017

Die Pulsmesserin hat einen samstäglichen Baumarktbesuch für mich vorgesehen. Beim Frühstück weise ich auf die Vergänglichkeit im Allgemeinen und die Kürze der mir verbleibenden Jahre im Besonderen hin. Da wäre es doch schade, eines der wenigen Wochenenden mit dem Herbeikarren unnützen Tands zu verschwenden, argumentiere ich. Anhäufen würde ich viel lieber noch ein paar Erlebnisse. Zum Beispiel beim Biggesee-Marathon. Der startet erst um 14 Uhr. Und wenn ich jetzt gleich losführe ...

Start-/Zielgelände

Zwei Stunden später stehe ich im Strandbad "Waldenburger Bucht" im Starterfeld und habe ein Mikrofon im Gesicht. Was denn meine Erwartungen seien. Hatte ich eben meiner Frau noch lange, philosophische Vorträge gehalten, stammele ich jetzt – völlig überrumpelt – etwas von "Spaß haben in schöner Natur".

Der Teil mit der "schönen Natur" klappt auch. Immer wieder bieten sich weite Ausblicke in üppig grünüberzogenes Land, das am Horizont von Hügeln gesäumt ist. "Gesäumt" ist nicht ganz richtig. Die Strecke ist mit solchen Hügeln "unterlegt" und bringt es so auf 930 Höhenmeter.

Warum es mit dem "Spaß" plötzlich vorbei ist, kann ich nicht sagen. Eben hatte ich noch entspannt mit dem Hundeführer geplaudert, dessen vorauseilendes Tier erstaunlicherweise jedes Mal den richtigen Abzweig genommen hatte. Und nun bin ich irgendwie in den Wettkampfmodus geraten.

Bei 140 Startern könnte man einen einsamen Waldlauf erwarten. Stattdessen sehe ich nach einer Weile des alleinigen Dahintrabens immer wieder den bunten Fetzen eines Shirts zwischen den Bäumen aufblitzen. Es folgt eine lange Zeit, die das Bunt ganz allmählich größer werden lässt. Bis ich schließlich den Shirt-Träger überholt habe. Dann beginnt das Spiel von vorn. Nur die Farben wechseln. Bei km 25 ändert sich auch das Geschlecht, als ich die erste Frau samt Führungsfahrrad einhole.

Zwischen km 29 und 30 wird endgültig klar, dass von "Spaß" keine Rede mehr sein kann. Hier versucht ein sehr langer Anstieg, mir den Stecker zu ziehen. Er zerrt gewaltig an der Schnur. Doch noch bleibt der Stecker drin, auch wenn der Kontakt ab jetzt ein wenig wackelig wird.

Kostenloses Teilnehmer-Shirt

Das nächste Hemd ist blau. Und es dauert ewig, bis ich endlich an einem der im 5-km-Abstand platzierten VP's zu ihm aufschließe. Mit strategisch verkürzter Nahrungsaufnahme gelingt mir das Überholen. Nun habe ich einen Verfolger im Nacken. Dafür ist vor mir niemand mehr in Sicht.

Lautes Jubeln erschallt über mir am Hang. Da scheint ja doch noch einer dicht vor mir zu sein und gerade den nächsten VP zu erreichen. Etliche Höhenmeter trennen mich noch von diesem Versorgungspunkt. Die letzten davon muss ich gehen. Der Stecker, der Stecker!

An der Versorgungsstelle bei km 37 erhalte ich nicht nur Wasser, sondern auch einige Informationen. Ich liege auf Platz 7, heißt es. "Aber die anderen sehen nicht so entspannt aus wie du!" Im Weiterlaufen höre ich die Kinder rufen: "Da kommt der nächste Läufer!" So dicht? "Und ein Fahrrad!" Die führende Frau holt auf!

Ich versuche irgendwie Abstand zu gewinnen. Und siehe da, ein junger Mann in Schwarz wird vor mir sichtbar. Am letzten Verpflegungspunkt bei km 39 kann ich ihn mit der bewährten Technik überholen. Als ich mich beschleunigten Schrittes aus dem Staub machen will, spüre ich plötzlich Schwindel in den Kopf steigen. Laufen am Limit. Ich fürchte, dass die nächste Stufe "Ohnmächtig umfallen" ist und reduziere mal lieber das Tempo.

Der folgende Anstieg tut sein Übriges in Sachen Geschwindigkeit. Alles, was nicht völlig topfeben oder abschüssig ist, muss ich jetzt gehen. Die Oberschenkel sind hinten nur noch Schmerz. Eindeutig zu wenig Hügeltraining! Der schwarze Mann überholt. Aber ich kann im Flachen und vor allem bergab schneller! Und so wogt das Geschehen hin und her. Mal ist er vorn, mal ich.

Dann kommt die Staumauer, die den Namensgebers des Laufes entstehen ließ, in Sicht. Da müssen wir hoch! Es dürfte sich ja wohl um die letzte Anhöhe handeln. Insofern kann ich mich doch zum Laufschritt durchringen. Von der Mauerkrone aus sehe ich auf der anderen Seeseite das Ziel, während Blau und Frau direkt hinter mir das Stauwerk erklimmen.

Schwarz hat rund 30 m Vorsprung. Ich gehe nochmal bis an die Schwindelgrenze, um ihn einzuholen. Endlich neben ihm, lässt er ein "Ich bin fertig!" hören und fällt ins Gehen. Es können nur noch ein paar Hundert Meter sein. Etliche medaillendekorierte Finisher der Unterdistanzen kommen uns entgegen. Hatten die wenigen Passanten unterwegs noch in der einen oder anderen Form Anteil genommen, überwiegt bei den Medaillenträgern völliges Desinteresse am dramatischen Geschehen auf diesen letzten Metern.

Start und Ziel im Strandbad "Waldenburger Bucht"

Ein Schild verheißt: "Noch 250 Meter, dann gibt es Krombacher". Ich wähne mich des sechsten Platzes sicher. Da taucht an meiner Linken eine völlig neue Farbe auf. Der Mann muss sich von ganz hinten durchgearbeitet haben, denn ich sehe ihn zum ersten Mal. Kalt erwischt entfährt mir ein: "Das kann doch jetzt nicht wahr sein!" Ein letztes inneres Aufbäumen ist nötig, um den sechsten Platz ins Ziel zu bringen. Die Zeit von 3:47:18 reicht für den Sieg der Altersklasse.

Das am Morgen gewünschte "Anhäufen von Erlebnissen" muss mir wohl ziemlich wichtig sein. Anders ist die heutige Schinderei nicht zu erklären.

Montag, 26. Juni 2017

Generationenwechsel beim b2run 2017

"Diesmal laufe ich vor dir ins Ziel! Ich bleib' einfach an dir dran. Und zum Schluss überhole ich dich!" So spricht der Junior und eröffnet damit das psychologische Gefecht schon im Vorfeld des Düsseldorfer Firmenlaufes b2run.


Die Rahmenbedingungen sind für uns beide und die anderen 12000 Starter immerhin gleich. 35 Grad misst das Auto bei der Anfahrt und 27 Grad bei der Rückfahrt. Wenigstens bewölkt es sich kurz vor dem Start um 19 Uhr.

So moderat bin ich noch bei keinem b2run losgelaufen. Denn wir belauern uns gegenseitig und sparen Kräfte für den unausweichlichen Zweikampf. Mal liege ich vorn, mal der Junior. Sein Laufstil strahlt eine einschüchternde Leichtigkeit aus. Er lässt keinerlei Atemgeräusch vernehmen, während ich schon deutlich hörbar Luft ziehe. Mir ist klar, dass ich es nicht auf einen Endspurt ankommen lassen darf. Gemeinsame Steigerungsläufe haben mich schmerzlich gelehrt, dass explosive Spurtkraft der Jugend vorbehalten bleibt.

Also lautet der Plan, ab Kilometer Vier das Tempo zu verschärfen. Der Junge hat offenbar dieselbe Idee. Als von hinten zwei schnelle Läufer vorbeiziehen, hängt er sich dran. Ich auch. Für ein paar Meter. Dann entsteht ein Lücke. Die Lücke wird größer. Irgendwann sehe ich ein, dass ich diesen Abstand nicht mehr verringern können werde. Der Nachwuchs federt leichtfüßig und locker von hinnen. Jetzt überholt er auch noch die beiden Schnellen!

"Wird der Junior im nächsten Jahr vor seinem Erzeuger ins Ziel laufen?", endete mein Blogeintrag aus dem Vorjahr. Nun habe ich Gewissheit. Meine Motivation ist weg. Ich tröste mich mit dem Überholen der zweiten Frau und trotte einsam Richtung Ziel. Gerade als ich für den Fotografen so tue, als ob es Spaß macht, erscheint ein Konkurrent an meiner Schulter. Da flackert der Wille doch noch mal kurz auf, um das im Endspurt zu korrigieren.

Mein Sohn wartet schon seit einer halben Minute im Ziel. Neben dem väterlichen Stolz bleibt mir der Trost, mit 25:01 meine bisher schnellste Zeit auf der 6,2-km-b2run-Strecke gelaufen zu sein.