Dienstag, 17. April 2018

100 km "Rund um Solingen" - 2018

Früher waren 100-km-Läufer harte Kerle. Sie rannten zu nachtschlafener Zeit "Rund um Solingen". Inzwischen hat Verweichlichung um sich gegriffen, denn die Veranstaltung beginnt jetzt eine Stunde später - also um 6 Uhr.

Wupper-Kotten
Am Start treffe ich Claudi und frage sie, ob sie beide der zwei 50-km-Runden mitläuft. Sie antwortet mit einem einfachen "Ja". Dabei stellt sich nach dem Start heraus, dass sie heute Guide und Pacemaker in einer Person ist und uns über die 100 km in gleichmäßigem Tempo führen wird. Ich liebe dieses Understatement! Es erinnert mich an einen Lauf neulich. Da wurde Simone unterwegs gefragt, ob sie den Röntgenlauf kenne. Auch sie antwortete nur mit "Ja". Dabei hat sie dieses Rennen schon zweimal gewonnen!

Schon bald wird es hell. Und mit der Sonne kommt die Wärme. Schicht um Schicht entblättere ich mich ins Begleitfahrzeug, das etwa aller 10 km als VP fungiert und auch unsere Kleiderbeutel transportiert.

Mobiler VP

Nach der ersten Runde verlassen uns die 50-km-Läufer und wohl auch ein paar Aussteiger. Von 20 gemeldeten 100-km-Aspiranten waren 17 gestartet. Im Ziel werden wir jedoch nur zu neunt ankommen. Ein bisschen beneide ich diejenigen, die jetzt noch den ganzen sonnigen Samstag auf der Terrasse herumlümmeln können. Es ist ja erst Mittag. Aber wir werden noch bis zum Abend weiterlaufen!

Nun wird das Tempo gleichmäßiger. In der großen Gruppe führte jede Verengung zu Stau mit nervigem Stop&Go. Im Pulk hatte ich sogar eine Stufe übersehen und mich auf allen Vieren wiedergefunden.

Claudi umschwirrt uns wie ein Hütehund. Mal bremst sie vorne, mal zieht sie hinten. Und immer behält sie ihre gute Laune! Bei km 90 dreht sie so richtig auf und zieht alle Motivationsregister. Zwei Mitläufer wollen hier aussteigen. Aber es gelingt ihr, die beiden zum Weiterlaufen aufzubauen.

Die letzten Kilometer haben es ziemlich in sich. Es geht sehr lange und recht steil bergauf. Die einheimischen Begleitläufer sprechen allerdings nur von einem "Bergischen Hubbel". Mit 1300 Hm gilt die Strecke für Bergische Verhältnisse als "entschärft". Mir fällt es trotzdem zunehmend schwer. Die Achillessehnen ächzen, und am linken Fuß fühlt es sich an, als ob sich der Nagel des kleinen Zehs ins Fleisch des Nachbarzehs bohrt. Am 95-km-VP schaue ich mal nach, wie tief er schon "drin" ist. Aber der Nachbarzeh ist völlig intakt! Der Nagel des kleinen Zehs ist unter Druck geraten und schmerzt. Für die verbleibenden 5 km ist das eine erträgliche Kleinigkeit. Aber für weitere 66 km wie sie zu Pfingsten geplant sind?

Diese letzte, kurze Pause lässt uns alle sofort frösteln. Zum Heizen ist keine Energie mehr übrig. Da bleibt nur Laufen, um warm zu werden. Und so erreichen wir alle gemeinsam das Freibad Ittertal nach 13:22:40, wo wir köstlich bewirtet werden und sogar Pokale erhalten.

Donnerstag, 12. April 2018

Eine von Bergischen 5

Ich bin dahinter gekommen, warum uns Oli, der Veranstalter des Etappenlaufes "Die Bergischen 5", schon um 7 Uhr loslaufen lässt. Er wartet noch auf die Lieferung eines Schlafzimmers in seine neue Wohnung. Ohne richtiges Bett kann der Mann vermutlich einfach nicht länger schlafen!

Mit roten Augen stehe ich als frischgebackener "Rookie-Finisher" am Start. Den lustigen Titel erwarb ich  anlässlich der österlichen "Tour de Anger", bei der uns Bernd über 38 km von der Quelle in Wülfrath bis zur Mündung bei Duisburg entlang des Angerbachs führte.

Rückblick: Angerbach kurz nach der Quelle in Wülfrath

Nur die erste, sonntägliche Etappe der "Bergischen 5" will ich bestreiten. Für die restlichen vier Tage fehlt mir der Urlaub und wahrscheinlich auch die Kraft. Seit meinem Neanderlandsteig-Etappenlauf spüre ich das rechte Knie und die Achillessehnen doch ziemlich deutlich.

Am Start verbreitet der Oli Angst und Schrecken. Die Strecke sei nicht komplett markiert. Und wer schneller als einen 6er Schnitt laufe, riskiere vor leeren VP's zu stehen. Zwar habe ich einen halben Liter Apfelschorle dabei. Für gute 50 km bei über 20 Grad wird das wahrscheinlich nicht ganz reichen.

Beinahe muss ich mir um derlei Umstände keine Gedanken mehr machen. Denn schon nach 7 km werde ich disqualifiziert! An einer Straßenquerung lasse ich den beampelten Fußgängerübergang links liegen und quere in direkter Linie die Straße. Diese freie Interpretation der Wettkampfregeln, die ein Überlaufen roter Ampeln verbieten, lässt der Organisator nicht durchgehen. Und der radelt direkt hinter mir!

Immerhin darf ich, außerhalb der offiziellen Wertung, den Lauf beenden. Aber es fühlt sich nicht gut an. Bin ich ein Betrüger, ein unfairer Sportler? Mit solchen Gedanken trotte ich weiter und leiste innerlich Abbitte: "Lieber Oli, es tut mir leid. Ich wollte deine Laufgenehmigungsverfahren nicht in Gefahr bringen." Es ist ganz gut, dass es mich als Einzeletappenstarter getroffen hat. So kann ich als abschreckendes Beispiel dienen. Man stelle sich vor, man hätte die ganze Serie gebucht, und dann ist nach 7 km alles vorbei!

Es zeigt sich, dass die anfangs prognostizierten Schwierigkeiten nicht existieren. Die Route ist perfekt markiert und die VP's sind, wie bei Oli üblich, leckerst bestückt. Sogar Grillfleisch ist wohlfeil! Ich begnüge mich dennoch mit Wasser, einem Stück Banane und zwei Stückchen Ananas.

Ganz anders müssen die Mehrtages-Läufer Energie bunkern. Nach 30 km, die ich allein kurz vor dem Feld lief, holen mich die beiden führenden Etappenläufer ein. Und einer davon schiebt nicht nur einen Schokoriegel nach dem anderen ein. Nein, er holt auch einen Thermobecher aus seinem Rucksack und gönnt sich unterwegs seinen Kaffee! Ist das die Läufervariante der berühmten "Bergischen Kaffeetafel"?

Wupper-Trail
Zusätzlich zu solchen leiblichen Genüssen verwöhnt uns jetzt auch die Strecke mit dem ganzen Liebreiz des Bergischen Landes. Der hohe Asphaltanteil zu Beginn war meinem Training für die Tortour de Ruhr sehr zuträglich, die Trails jetzt entlang der Wupper und des Eifgenbaches sind einfach nur herrlich. Mit dem Altenberger Dom bekommen wir auch noch eine richtige Sehenswürdigkeit präsentiert.

Dafür, dass meine beiden Begleiter noch vier weitere Tage vor sich haben, legen sie ein unglaubliches Tempo vor. Allein hätte ich diese Geschwindigkeit wohl nicht gehalten. Denn jetzt erhebt sich vor uns ein Großteil der rund 800 Hm der Strecke. Nach 45 km zerreißt es dann unser Dreigestirn. Ein Etappenmann trabt locker nach vorn, der Kaffee-Fan bleibt etwas zurück. Und ich kämpfe mich dazwischen, nun sehr froh über meine Zusatz-Apfelschorle, ins Ziel.

Ziellinie

Meine zwei Verlaufer erhöhen die Distanz dieses weiteren TTdR-Trainingslaufs auf 51,75 km, die ich nach 4:45:12 auf der Uhr habe. Das Tempo von 5:31 hat mich mehr gefordert, als erhofft. Fühlte ich mich direkt nach dem Neanderlandsteig-Etappenlauf noch perfekt auf die TorTour vorbereitet, mischen sich jetzt leise Zweifel darunter, ob das selbstauferlegte Programm mit noch zwei Hundertern (Rund um Solingen, WHEW) und dem Düsseldorf-Marathon nicht etwas zu umfangreich dimensioniert wurde.

Donnerstag, 29. März 2018

Kleiner Prinz - Spendenmarathon Oelde

"Die Strecke ist nicht die schönste. Is' aber so!" Mit diesen Worten empfängt uns der Veranstalter Volker und setzt beim Briefing noch einen drauf: "Es ist die hässlichste Strecke der fünf Läufe." Denn eigentlich sind fünf Marathons in fünf Tagen zu laufen, aber ich will es mit dem Etappenlaufen ja nicht gleich übertreiben.

Kleiderbeutelabgabe, Start, Ziel und VP

Die Lage der Strecke hat einen guten Grund. Wir starten nämlich auf dem Gelände der Brauerei "Pott's", die als Sponsor fungiert und neben dem Finisher-Bier und Toiletten noch jede Menge zu bieten hat. Wer nach dem Lauf im Brauhaus einkehrt, bekommt alle Getränke frei. Außerdem kann ein Brauerei-Museum besichtigt werden. Und der Oberbraumeister gibt den Startschuss ab, indem er eine Bierflasche mit lautem "Plopp" öffnet.

Zeitnehmer und Starter kurz vorm "Plopp!"

Damit sind die Sensationen des Tages allerdings aufgezählt. Nun müssen noch sieben Runden gelaufen werden - aus dem Gewerbegebiet heraus, auf asphaltiertem Fuß-/Radweg an einer Fernverkehrsstraße entlang und wieder ins Gewerbegebiet hinein. Zur Auflockerung wurde immerhin ein Mercedes mit dem Kennzeichen "BE-NZ" am Laufweg geparkt.

Der BE-NZ

Marco meint angesichts der Streckenführung und des eisigen Windes, dass möglicherweise ein Lauf innerhalb der Brauerei die bessere Idee gewesen wäre. In unserem 3:41:09 währenden, gemeinsamen Brainstorming finden wir doch noch einen positiven Punkt. Die Laufroute hat eine hervorragende Verkehrsanbindung. Sie befindet sich nur eine Minute von der Autobahn entfernt!

Medaille und Urkunde Spendenmarathon Oelde
In Wirklichkeit haben Marco und ich die ganze Zeit unseren Spaß. Die ausgezeichnete Versorgung bietet Wasser, Iso, Obst, Salzstangen, Studentenfutter, Kekse und veganes Backwerk. Und wir laufen für einen guten Zweck. Denn unsere Startspende geht an die Aktion Kleiner Prinz und kommt so Kindern in Not zugute. Mit unserem Start haben wir also definitiv nichts falsch gemacht und werden am Ende überraschend sogar mit Medaille und Urkunde belohnt.





Samstag, 24. März 2018

Neanderlandsteig-Etappenlauf: 246 km und 4000 Hm in 4 Tagen

George Mallory antwortete auf die Frage, warum er den Mt. Everest besteigen wolle: "Weil er da ist." Und der Neanderlandsteig ist auch da. Noch dazu vor der Haustür. Die Idee eines Etappenlaufes auf dem Steig beschäftigt mich schon länger. Jetzt gönne ich mir vier Tage Laufurlaub und will es endlich durchziehen.

Meine neue Liebe wird schnell anstrengend

Ich habe die Neanderland-Umrundung über 246 km in 4 Etappen aufgeteilt, die ohne Ruhetag zu laufen sind:
    EtappeVonNachkmHm
    1RatingenLangenfeld71,7658
    2LangenfeldHaan/Gruiten58,5841
    3Haan/GruitenVelbert/Nierenhof50,81257
    4Velbert/NierenhofRatingen65,11290

    Da sich seit den Tagen des Neandertalers die Erschließung des Neanderlands mit öffentlichen Verkehrsmitteln etwas verbessert hat, entschließe ich mich zu einem Standquartier in Ratingen und minimiere dadurch Organisationsaufwand und Laufgepäck.

    Neanderlandsteig - Etappen und Zuwege

    Nach Süden nach Süden


    Schöner könnte mein Laufurlaub nicht beginnen! Da mich die erste Etappe in Richtung Südpol des Neanderlandes führt, laufe ich den ganzen Tag der Sonne entgegen. Und die scheint so intensiv vom wolkenlosen Himmel, dass ich die minus drei Grad des "Märzwinters" mit seinem starkem Nordost-Wind gerne in Kauf nehme. Ich werde heute brauner als letztens auf Mallorca.

    Palmenstrand am Unterbacher See bei minus 3 Grad
    Die Wegewarte des Neanderlandsteigs haben die schönsten Pfade der Gegend herausgesucht und zu einer großen Runde verbunden. Wo immer möglich, verläuft der Steig auf einem Trampelpfad, oft parallel zu existierenden, breiteren Wegen. Auch das trägt zur guten Lauflaune bei.

    Und die lasse ich mir nicht trüben. Als ich ein Dreh-Gatter in einem Zaun passiere, weist ein Schild auf frei lebende Wildtiere in diesem Bereich hin. Hunde seien daher anzuleinen. Kaum habe ich das gelesen, schießt ein schwarzer Hund von rechts nach links aus dem Unterholz über den Weg. Aus zahlreichen Begegnungen mit Hunden und ihren Haltern habe ich die Erkenntnis gezogen, dass ein Ansprechen der Besitzer sinnlos ist und nur dazu führt, dass ich mich aufrege. Also weiter.

    Nur wenige Hundert Meter vor mir geht der nächste Gassigänger leinenlos. "Ruhig, Pulsmesser, du sagst nichts!" Kaum habe ich das Duo passiert, springt mich der große Schäferhund bellend von hinten an. Ich lasse mich stellen. Dann kann ich nicht anders und weise den Halter höflich auf das Schild hin. Im selben Moment nehme ich das dudelnde Radio an seinem und die Alkoholfahne aus seinem Hals wahr. Die Erfahrung bestätigt sich ein weiteres Mal. Ich wende mich ab und laufe weiter: "Ich lasse mir meinen Laufurlaub nicht versauen!"

    Ganz im Süden des Neanderlandes geht es offenbar etwas kultivierter zu. Ich treffe nacheinander drei Hundehalter, die ihre Tiere an der Leine führen! Ich staune ob des seltenen Anblicks.

    Märzwinterfarben am Südpol des Neanderlands

    Die wasserreiche Etappe leitet zunächst am Unterbacher See und Elbsee vorbei, bevor sie später an den Rhein führt. Ein kürzerer Lauf in Gegenrichtung lehrte mich einst, dass ich mit einem VP rechnen kann. Tatsächlich materialisiert sich etwa zur Halbzeit zwischen dem Buschwerk ein Mc Donalds. Selten habe ich mich über den Anblick des großen M's so gefreut.

    Als es nach 50 Kilometern gerade etwas anstrengend zu werden droht, lädt Aral zu einer spontanen Rast ein. Ich lerne, dass man dort den Kaffee 10 Ct billiger bekommt, wenn man seinen eigenen Becher mitbringt.

    Da der S-Bahnhof Langenberg nicht direkt am Steig liegt, muss ich am Etappenende noch knapp 3 km der Straße folgen. Trotz aller Belastung bin ich schneller als die Pendler im Stau neben mir.

    Die teuersten 3 Kilometer meines Lebens


    Als mich die S-Bahn am nächsten Morgen bei Wind und bitterer Kälte wieder in Langenfeld ausspuckt, setze ich einen nächtlichen Entschluss um. Ich springe ins nächste Taxi und lasse mich dorthin fahren, wo ich am Vortag den Neanderlandsteig verließ. Im morgendlichen Stau wäre ich zu Fuß wohl wieder schneller gewesen, aber ich genieße die herrliche Wärme im Auto und ruhe mich noch ein paar Minuten aus. Mein Ziel ist, den Neanderlandsteig komplett abzulaufen. Sinnlose Zuweg-Kilometer sollen es nicht gefährden. Insofern halte ich die 10 Euro Taxigeld für gut investiert.

    Schloss Laach

    Am Schloss Laach setze ich die ersten Schritte in den frisch gefallenen Schnee. Nach einiger Zeit kommt wieder die Sonne durch, ich aber komme heute scheinbar nicht vom Fleck. Nach 25 km weist ein Schild zu meinem Startpunkt, dem Bahnhof Langenfeld, in nur 1,1 km Entfernung! Und nach 30 km steht immer noch Langenfeld auf einem Ortsschild. Der Steig umkreist den südlichsten Ort und führt mich später in die Hildener Sandberge und durch die Ohligser Heide. Ich bin auch ein Stück auf der Strecke der Hildener Winterlaufserie unterwegs, die mich 2014 zu einer Bestzeit beflügelte.

    Die Sherpas haben Fixseile angebracht

     Krankenhausaufenthalt


    Mitten im Wald sehe ich plötzlich Unmengen von parkenden Pkw's. Das Rätsel löst sich kurze Zeit später. Der Parkplatz gehört zu einer Klinik am Waldrand. Da ich gerade die Hälfte der heutigen Distanz in den Beinen habe, benutze ich die dortige Cafeteria als VP.

    Bei Solingen kommt mir der Kurs recht bekannt vor. Vor zwei Jahren lief ich dort zweimal "Rund um Solingen". Auch in diesem Jahr will ich an dem 100-km-Freundschaftslauf teilnehmen.

    Sandklippen

    Genau mit meinem Eintreffen am Bahnsteig von Haan/Gruiten erreicht der Zug den Halteort. Ich springe aus vollem Lauf in den Wagen und umwehe die Mitfahrer mit meinem Odeur.

    Der Fuchs


    Der für den Morgen prognostizierte Nebel hält sich leider hartnäckig den ganzen Tag. Vom Bergischen Land ist auf der heutigen Etappe nicht viel zu sehen.

    Dorf Gruiten

    Obwohl die Temperaturen in den Plusbereich gestiegen sind und sich der Wind gelegt hat, friere ich die ersten drei Stunden. Offenbar fühlt sich sonnenlose, feuchte Luft kälter an. Vielleicht laufe ich mittlerweile auch nicht mehr schnell genug, um richtig warm zu werden. Auf jeden Fall bin ich froh, dass bei einer Straßenquerung etwa zur Halbmarathon-Distanz eine Star-Tankstelle als wärmende Labestelle bereitsteht.

    In den letzten beiden Tagen hatte ich schon einiges an Wildtieren beobachten können. Feldhase, Reh, Rotmilan, Buntspecht, Reiher, Zaunkönig und Kleiber gehörten dazu. Doch Reineke Fuchs ist der erste, der Blick-Kontakt mit mir aufnimmt und hält. Er beobachtet mich so lange regungslos, bis ich es endlich geschafft habe, mein Smartphone hervorzuholen, um den seltenen Moment festzuhalten.

    Der Fuchs

    Der gelbe Sack


    Die letzte Etappe starte ich mit der Gewissheit, dass ich den Etappenlauf tatsächlich ohne Ruhetag finishen werde. Doch habe ich die Rechnung ohne das Wetter gemacht. Es regnet bei 2 Grad und der Wind hat wieder aufgefrischt. Von der Regenjacke trieft die eisige Brühe genau in meinen Schritt. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich bereits mit Sitzbädern eine Blasenentzündung kurieren. Mir wird klar: das halte ich nicht den ganzen Tag aus. Also werde ich kreativ. Ich habe ja Zeit zum Nachdenken. Ich muss nur einen alten Müllsack finden! Rettung bringt der Zivilisationkontakt in Form eines Waldkindergartens. Dort spendiert man mir einen Gelben Sack, dessen Boden ich aufreiße. Dann steige ich hinein und stopfe den oberen Rand in den Hosenbund. Regenjacke drüber - fertig! Der Schmutzsack wird zum Schutzsack. Der Schutzsack dient als Sackschutz. Einst trug der Mann den Gehrock, ab jetzt trage ich den Laufrock! Alle Welt verteufelt die Plastiktüte. Mir rettet sie heute - im Wortsinne - den Arsch.

    Laufrock statt Gehrock

    Da ich kaum jemanden treffe, ist die Optik ohne Belang. Helmut Kohl sprach damals vom "Freizeitpark Deutschland". Offenbar sind wir davon (noch oder wieder) weit entfernt. Oder die Leute verbringen ihre Freizeit wochentags nicht im Wald. Jedenfalls beschränken sich meine seltenen Begegnungen im Wesentlichen auf Hundehalter. Dazu kommen noch ein paar Reiter und Spaziergänger sowie erstaunlich wenige Läufer.

    Krankenhäuser werden offenbar ganz gerne an den Waldrand gestellt. Nach 27 km bildet heute die Rhein-Ruhr-Klinik den VP und taut mich mit einer heißen Tomatensuppe auf.

    Das Ende naht


    Die letzte Etappe endet zum Glück flach. Anstiege laufe ich schon seit gestern nicht mehr. Aber in der Ebene trabt es sich noch erstaunlich gut. Schwierig wird es paradoxerweise durch meine Streckenkenntnis auf diesem Segment. Dadurch verlaufe ich mich heute zwar ausnahmsweise nicht, muss aber gegen die vielen Versuchungen zum Abkürzen ankämpfen. Aber ich will ja den Neanderlandsteig einmal komplett gelaufen sein.

    Bachtal im Ratinger Norden
    Immer wieder visualiere ich unterwegs tränenreich das Finish, gebe mich dem Glücksgefühl hin und lasse mich davon vorantreiben. Tatsächlich endet die Aktion dann eher recht prosaisch. Die Uhr piept: "Ziel erreicht!" Aufgabe erledigt.

    Die großen Gefühle bleiben aus. Die hatte ich unterwegs.

    Donnerstag, 15. März 2018

    Mallorca - Laufschuh schlägt Fahrrad

    Eine Woche darf ich mich auf den Trails von Mallorca herumtreiben - ein gelungener Mix aus Wandern und Trailrunning!

    Nach einer Wanderung in den Höhen des Tramuntana-Gebirges laufe ich den langen Downhill vom Stausee Cuber zurück zum Hotel in Port de Sóller. Unterwegs überhole ich zwei Mountainbiker. Bergab! Das könnte nun etwas über mich aussagen. Oder über die Biker. Ich denke, es sagt vor allem etwas über den Untergrund der hiesigen Trails.

    Ein paar Kilometer weiter im Barranc de Biniaraix biege ich um eine der zahlreichen Kehren. Direkt dahinter sitzt mitten auf dem Weg ein junges amerikanisches Pärchen auf seiner Picknickdecke. Er springt "Sorry"-rufend auf und drückt sich rechts an die Felswand. Sie stellt sich links an den Abgrund. "No problem, I will jump!", rufe ich und springe über den reich gedeckten "Tisch" zwischen den beiden. In dem Moment wechselt das Mädchen die Wegseite und tritt damit genau in meine Flugbahn. Für einen kurzen Moment sehe ich uns beide verknäuelt in den Abgrund trudeln. Aber irgendwie gelingt es, den Zusammenprall zu vermeiden. Wer mag wohl mehr Adrenalin ausgeschüttet haben, sie oder ich?

    Blick von Felskante nach Port de Sóller
    Beim Downhill vom Castel de Alaró treffe ich wieder auf eine Radlerin. Übellaunig trägt sie ihr Rennrad über die krassen Trails. Ich frage lieber nicht, was sie hierher verschlagen hat.

    Inzwischen scheint sich mein mallorquinisches Treiben herumgesprochen zu haben. Sommerkind-Trailrunning-Tours, die selber ausgebucht sind, fragen an, ob ich eine Dame mit in die Berge nehmen würde. Sie entpuppt sich als eine Freundin von Trailrunnerin Susi. So klein ist die Läuferwelt! Gemeinsam folgen wir einem Track, den mir Holger von Trampelpfadlauf zugesandt hat. (Erwähnte ich schon die Größe der Läuferwelt?) Er führt uns eine lange, steile Rampe hinauf auf einen namenlosen Fels. Nur zwei Wanderer treffen wir unterwegs. Statt eines Grußes keuchen sie: "Muy dificil!" Der Weg endet an einer Abbruchkante mit überragender Aussicht auf die Bucht von Sóller.

    Port de Sóller
    Ungefähr einen Halbmarathon und 800 Hm später sind wir zurück am Strand. Nach einer Verpflegungspause breche ich noch einmal allein auf. Ich möchte jetzt von der anderen Seite in die Bucht schauen und besteige den Puig de Balitx - laut Rother Wanderführer eine der anspruchsvollsten Bergtouren der Insel. Rother meint damit eigentlich die letzten Meter zum Gipfel. Ich vehederre mich stattdessen schon unten auf Privatgelände zwischen Steinmauern und Zäunen. Entnervt krieche ich nach einer Viertelstunde frustierenden Suchens einfach bäuchlings unter einem Maschendrahtzaun durch. Die offizielle Stelle zum Übersteigen des Zaunes entdecke ich erst auf dem Rückweg. Mein Gekrauche und Gekrieche wird am Gipfel mit einem Rundumblick auf die Tramuntana und Port de Sóller belohnt.

    Blick vom Puig de Balitx nach Port de Sóller
    Nach 41,4 km und 1700 Hm drücke ich ein Auge zu und verbuche das Finale des diesjährigen Mallorca-Urlaubs als Trailmarathon.

    Montag, 26. Februar 2018

    Armleuchter mit Russenpeitsche - Der Grüngürtel-Ultra um Köln



    Noch nie sah ich so eine edle Start-Ziel-Location wie beim Grüngürtel-Ultra über 63 km um Köln! An der hohen Decke des lichtdurchfluteten Rundbaus prangt ein riesiger Kronleuchter. Ich werde fotografiert, als ich das Luxus-Objekt bestaune. Bildtitel: „Kronleuchter mit Armleuchter“. 
     
    Das Spitzenfeld eilt von hinnen
    Die Veranstalter Thorsten Klenke und Thomas Eller punkten nicht nur mit edlem Ambiente. Sie empfangen uns mit Kaffee und Laugenbrezeln und verteilen Startnummern mit Namensaufdruck. Diese tragen das Logo des nahezu perfekt beschilderten Rundweges G1, den wir gleich belaufen werden. Außerdem sind schon die Finisher-Trophäen zu bewundern. Kacheln, auf denen das Wanderweg-Logo prangt, sind mit den Namen der Finisher personalisiert und in einem feinen Holzrahmen gefasst. Auf die ganz Schnellen warten Pokale in Form des stilisierten Kölner Doms.

    So ein Pokal ist ein toller Anreiz, doch ich will heute nicht ans Limit gehen. Zu Hause wälzt sich die Familie mit schwerer Grippe auf dem Siechbett, und mir kratzt es auch schon im Hals. Da möchte ich das Open-Window nicht über Gebühr weit aufstossen, zumal in einer Woche eine Reise gebucht ist, die ich gern gesund antreten würde. Also halte ich mich in respektvollem Abstand zur Führungssgruppe. Die erste rote Ampel trennt uns endgültig.

    Trophäen und Poser-Kram sind wohlfeil
    Die Rotphasen-Wartegemeinschaft wächst und wird zur Laufgemeinschaft. Mit Toni begleite ich die führende Frau. Simone und ich hatten uns einst an einem lauen Mai-Abend in Eisenach kennengelernt und sofort die Nacht zusammen verbracht - mit 50 anderen Schläfern im Massenquartier vorm Rennsteig-Super-Marathon. 

    Tonis beim „Kölnpfad“ erworbene Teil-Strecken-Kenntnis erweist sich als nützlich. Und sechs Augen sehen mehr als vier. Tendiert man im Duo dazu, beim Quatschen die Markierungen zu übersehen, passt einer von Dreien dann doch irgendwie auf. Obwohl auf der ganzen Strecken maximal drei Wanderwegzeichen fehlen, brauchen wir doch zusätzlich die Tracks auf zwei Uhren und die Karten-Navigation auf einem Handy. 

    Der Spitzen-Läufer ist offenbar weniger gut präpariert, kommt er doch plötzlich mit seiner Radbegleitung von hinten! Da er sich mehrfach verläuft, passiert das von nun an öfter. Er zeigt die mentale Stärke, die ich gerne hätte, und nimmt es mit Humor. So wird das Duo im doppelten Sinne zum „Running Gag“. Gewinnen wird er trotz seines Umwegs von insgesamt vier Kilometern.

    Die Sieg-Aspiranten haben mit einer Besonderheit zu tun. Die eine Hälfte der Starter läuft nämlich die Runde im Uhrzeigersinn, die andere entgegen. Dadurch kann man seine Position im Gesamtfeld nur anhand der Begegnungen abschätzen.

    Grün und flach
    Der Lauf macht seinem Namen alle Ehre. Nie hätte ich die Gegend um Köln für so grün gehalten! Bei dem herrlichen Wetter ist es einfach nur eine Freude draußen zu sein. Besonders schön sind die Passagen am Rhein entlang. Der Europäischen Union hat es sogar gefallen, die Aufstellung zweier Aussichtstürme auf einem Feld neben der Autobahn zu finanzieren. Es gibt aber auch historische Gebäude zu sehen und einen Schloßpark voller durchgeknallter Kunst und noch durchgeknallterer Pokemon-Go-Jäger. Beruhigend zu sehen, dass auch andere Leute abgefahrene Hobbys pflegen!

    Toni berichtet von einem Weltrekordversuch, bei dem 330 von 400 Startern ins 100-km-Ziel gelangen mussten. Obwohl sie es schaffen, gab es keinen Eintrag ins Guinness-Buch. Der Abgesandte der Guinness-Kommission, der den Rekord bezeugen sollte, war nicht erschienen!

    Wir laufen zwar nicht um den Weltrekord, aber Simone lässt durchblicken, dass sie die Spitzenposition doch ganz gerne bis ins Ziel verteidigen würde. Da wir einer anderen Läuferin schon kurz nach der Hälfte begegneten, scheint es angebracht, das einmal angeschlagene Tempo beizubehalten. Toni, der eigentlich nur im 6er Schnitt laufen wollte, geht es ab Kilometer 40 geruhsamer an. Für unser verbliebenes Duo wird es anstrengend. Denn dieser herrliche Sonnentag hat die Temperatur von den morgendlichen minus drei Grad mittlerweile um acht Grad ansteigen lassen. Die Medien hatten polare Kaltluft mit Sturm furchteinflößend als „Russenpeitsche“ angekündigt. Und nun sind wir viel zu warm angezogen.
     
    Am Horizont der Dom
    Ich leide außerdem unter den Auswirkungen meines Ernährungsexperiments. Mein Sohn hat mir vegane Energiekugeln aus Nüssen, Rosinen und Banane zubereitet, die ich statt industrieller Riegel verzehre. Die sind zwar sehr lecker und sättigend, verursachen aber extreme Blähungen. Also leide eigentlich nicht ich, sondern vor allem Simone. Darmwinde statt Polarsturm.

    Wenn es an diesem hervorragend organisierten Lauf mit seinem üppig ausgestattenen VP auf reizvoller Strecke überhaupt etwas zu bemängeln gibt, dann ist es die Schranke, die sich auf den letzten Kilometern genau vor uns schließt, um drei Minuten lang unten zu bleiben. Bis hier lagen wir exakt im Plan, um unter sechs Stunden zu finishen. Aber drei Minuten auf vier Kilometern wieder herauszulaufen, ist uns schier unmöglich. Das Geile ist, wir versuchen es trotzdem!
     
    Der Start ist das Ziel
    Obwohl uns die Russen-Peitsche plötzlich ein paar heftige Böen entgegenschleudert, die uns fast zum Stillstand bringen, laufen wir am Ende die schnellsten Tageskilometer und drücken die Pace final unter 5 min/km. Wir kacheln für die Kacheln! Meine Begleiterin hat noch die Kraft zu sprechen und erzählt etwas über die Frauen, die uns begegnen. Entweder halluziniert sie unter akuter Sauerstoffnot oder ich laufe mit Tunnelblick. Jedenfalls sehe ich weder Frauen noch sonst jemanden.

    Es nützt alles nichts. Wir reißen die 6-Stunden-Marke knapp. Zu unserem Glück werden bei der Zeitmessung keine Sekunden erfasst, so dass wir uns eine glatte 6:00 aufschreiben dürfen. Wir teilen uns den siebten Platz, und Simone darf den Dom-förmigen Siegespokal der Damen in ihre Trophäen-Sammlung aufnehmen.
     
    Lüstern, aber ohne Armleuchter

    Montag, 19. Februar 2018

    "Abherten" im Februar - Die Bertlicher Straßenläufe

    In Herten finden dreimal im Jahr die Bertlicher Straßenläufe statt. Die Veranstaltung besticht unter anderem durch ihr Kuchenbuffett. Der erfahrene Süßwarenliebhaber sichert sich seine Ration bereits vor dem Lauf und lässt sie sich für später weglegen.

    Marathonstart im Morgenlicht
    Obwohl die Athleten hier aus acht Distanzen wählen können, treffe ich Marcel und Marco am Marathonstart. Die erste der drei sonnigen Runden laufen wir im Rudel. Wer uns zuhört, fühlt sich wie bei einem Treffen der Weight-Watchers. Denn drei trainierte Ultras mit einem geschätzten Körperfettanteil von 17% jammern über ihre Gewichtsprobleme!

    Ein anderes Läuferthema wird ebenfalls behandelt und sogar einer Lösung zugeführt. IT-Spezialist Marco verrät uns einen Trick, wie sich Veranstaltungs-Fotos herunterladen lassen, auch wenn die Bilder-Galerie den Rechtsklick nicht erlaubt.

    Biologisch bedingte Pausen zerreissen unsere Läufergemeinschaft in Runde Zwei. Ich hänge mich an einen Mann in Gelb. Der scheint jedoch einen negativen Split zu planen und beschleunigt nach der Hälfte. Waren wir für die geplante 3:30er Zielzeit ohnehin schon zu schnell unterwegs, wird es jetzt richtig anstrengend. Mir hängt noch das letzte Wochenende an. Schon in den 20er Kilometern fange ich an, die Rest-Kilometer auszurechnen. Kein gutes Zeichen!

    Streckenmarkierung - im Hintergrund der Moderatoren-Ausguck
    Irgendwann muss ich den Gelben ziehen lassen. Aber ein Marathon ist immer für eine Überraschung gut. In den 30ern bricht der leuchtend Gewandete offenbar ein und fällt hinter mich zurück. Noch viel schlimmer hat es einen Lauffreund getroffen, auf den ich als nächsten treffe. Schon von Weitem sind sein Schreien und Stöhnen zu vernehmen. Dazu schlägt er sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel, während er hoppelnd vorwärts springt. Scheinbar plagen ihn so starke Krämpfe, dass sein ganzer Oberkörper völlig schief gezogen ist.

    Da relativiert sich das eigene Befinden doch erheblich. Trotzdem fühlt sich heute, was nur ein Tempo-Trainingslauf werden sollte, beinahe wie ein Marathon auf Bestzeit an. Mir tut alles weh! Aber das Rennen hat sich mittlerweile verselbstständigt. Wollte ich mich am Morgen noch für den Grüngürtel-Ultra am nächsten Wochenende schonen, setze ich jetzt zur Endbeschleunigung an.

    Nach fast 42 Asphalt-Kilometern gibt es auf den letzten Metern eine trailige Überaschung. Die  Schlacke im Stadion ist im Sonnenschein an der Oberfläche aufgetaut und hat sich so in roten Schlamm verwandelt. Auf profillosen Sohlen schlittere ich mit ehemals weißen Schuhen nach 3:24:30 ins Ziel.