Sonntag, 16. Juli 2017

Mit dem Fahrrad zum 1. Dickelsbachmarathon


Waren die lokalen Laufjunkies vor einer Woche in ein tiefes, mentales Loch gefallen und hatten Hilfeschreie bei Facebook versandt, weil keine Wettkämpfe stattfanden, so muss man an diesem Wochenende fast schon von einem Überangebot sprechen. Ich erhielt Einladungen zu zwei Veranstaltungen.

Die Firma Mammut wollte mich mit einer Journalisten-Akkreditierung zum eigentlich ausverkauften Eiger-Ultra schicken. Leider war es bei dem kurzfristigen Angebot zu spät zum Höhenmeter-Trainieren.

Gina Pflug hat eine flache Alternative parat. Sie veranstaltet zusammen mit Partner Sven den 1. Dickelsbachmarathon. Auch hier konnte ich mich nicht zu einer spontanen Zusage durchringen, erhielt ich die mündliche Einladung doch gegen Ende des "Bergischen 6h Laufs". Da reichten mir die Kilometer, die ich gerade noch vor der Brust hatte.

Start-/Zielbereich

Aber der Mensch tendiert dazu, Schmerzen ganz schnell zu verdrängen. Also schwinge ich mich heute um 6:30 Uhr auf mein Rad und fahre zum Start nach Ratingen-Lintorf. Achtmal wollen wir am Dickelsbach hin- und durch den Hinkesforst wieder zurückrennen, um auf 43,5 km zu kommen. Wer möchte und kann, darf die sieben Stunden bis zum Zielschluss auch für weitere Kilometer nutzen.

Thorsten Stelter will das tun, um sich auf seinen Spendenlauf von Düsseldorf nach Leipzig vorzubereiten, wo ihn nach 450 km Harald Schmidt in Empfang nehmen soll.

Sven hat die Strecke mit Kreide ausgezeichnet ausgezeichnet. Zwei Wurzeln machen sogar in Neongrün "hervorragend" auf sich aufmerksam. Nur der Pfeil, der den Baum hinauf zeigt, verwirrt mich auf der ersten Runde. Ich sehe von einer Kletterpartie ab, schließlich kenne ich die Strecke durch dieses Flurstück.

Ein Lauf mit Kinderbetreuung - Hengst am Dickelsbach

Der Name "Hinkesforst" bietet sich scheinbar für Kalauer an, als nach ein paar Runden die Sauberkeit des Laufstils nachlässt. In Wirklichkeit hat die Bezeichnung nichts mit einem schleppenden Gang zu tun. Ganz in der Nähe der Laufstrecke steht die Napoleoneiche im Wald und erinnert an die Zeit, als sich der Feldherr hier mit frischen Pferden versorgte. Damals lebten in diesem Gehölz Wildpferde. Deshalb wurde der Wald Hinkesforst genannt, was Hengstwald bedeutet. So jedenfalls berichtete es mir der alte Waldschrat, mit dem ich hier einst durch das Unterholz streifte, während wir uns von frischem Buchenlaub, Brennnesseln und den jungen Trieben der Lärche ernährten.

Heute esse ich nichts davon. Auch das üppige Angebot in Ginas Garage muss bis nach dem Finish warten, denn ich will den Lauf als Nüchternlauf gestalten. Das ist kein großes Problem, habe ich doch am Vorabend reichlich getafelt. Die Kinder wollten den ersten Ferientag mit Lagerfeuer und Stockbrot begehen. Da noch gegrillter Käse vom Freitag übrig war, hatte ich "Mit Grillkäse gefülltes Stockbrot" erfunden - eine sehr sättigende Kreation!

3:51:33 dauert es, bis ich über das üppige Büfett herfallen darf. Zum Nachtisch erfüllt sich ein alter Läufertraum. Ich bekomme eine Urkunde, auf der "Marathon-Gesamt-Sieger" steht!

Mittwoch, 12. Juli 2017

Raubtierangriff und anderes Ungemach

Die große, digitale Temperatur-Anzeige im Ratinger Freibad zeigt 33 Grad Luft- und 28 Grad Wassertemperatur, als ich zu einem speziellen Intervalltraining ausrücke. Zwischen den einzelnen Starts meiner Tochter beim Schwimmwettkampf streife ich durch Ratinger Gehölz.

Für das initiale Intervall stehen die 2,5 Stunden zwischen Einschwimmen und erstem Start zur Verfügung. Der im Bad bewässerte Haarschopf ist schon nach ein paar Hundert Metern wieder getrocknet. Da knallt mir plötzlich von hinten etwas gegen den aufgeheizten Schädel! Es fühlt sich an, als ob mir jemand ein fußballgroßes Stoffknäuel an den Kopf geworfen hätte. Bevor ich noch weiteres Rätselraten anstellen kann, segelt direkt über meinem Scheitel ein Raubvogel mit einer Flügelspannweite von etwa 1,20 m davon, dreht rechts in den Wald ab und verschwindet mit zwei, drei Flügelschlägen. Es dürfte ein Bussard gewesen sein. Ich vermute, der wollte nur spielen! Jedenfalls habe ich keinen Schnabel- oder Krallenkontakt gespürt.


Nach 13 Kilometern erreiche ich unbeschadet, aber doch recht erhitzt, die Gestade der Duisburger Sechs-Seen-Platte. Ich bewässere mich noch einmal gründlich, bevor ich auf gleichem Weg zurückkehre.

An der Sechs-Seen-Platte
Nach wohlwollend-väterlicher Betrachtung des sportlichen Geschehens im Schwimmbecken benetze ich Kopf und Kehle erneut und trete mit frisch gefüllten Wasserflaschen zum nächsten Intervall vor die Tore der Schwimmstätte. Diesmal meide ich das raubtierverseuchte Gebiet und durchkreuze den Ratinger "Oberbusch". Doch auch in diesem, eigentlich idylischen Waldstück, droht Ungemach aus der Luft. Aller 1,5 Minuten überquert ein Flugzeug den Forst im Landeanflug auf Düsseldorf. Das beginnt morgens um 6 Uhr und soll um 23 Uhr mit dem Nachtflugverbot enden. Jedoch gelten etliche Ausnahmeregelungen. Aber so lange will ich ja gar nicht laufen. Mir bleibt nur eine Stunde bis zum zweiten töchterlichen Start. Bei den insgesamt 36,5 erlaufenen Kilometern will ich es dann auch bewenden lassen. Um mich wieder herunterzukühlen, plantsche ich noch etwas im Freibad und überbrücke so die Wartezeiten zwischen den restlichen Schwimmwettkämpfen.

Nachdem ich mich heute so oft und gründlich nass gemacht habe, soll auch die Ausrüstung gewaschen werden. Offenbar hat die Hitze meinem Oberstübchen arg mitgespielt. Als ich später einen Blick auf mein Smartphone werfen will, fällt mir ein, dass es noch in meinem Rucksack steckt. Und der dreht sich munter in der Miele-Trommel! So schnell war ich noch nie im Keller. Während ich ratlos durch das Bullauge in die schäumende Gischt starre, meldet sich der Garmin am Handgelenk. Er hat sich gerade mit dem badenden Handy synchronisiert. Das Smartphone lebt also noch und sendet SOS! Nun ist schnelles Handeln gefragt. Aber wie stoppt man so eine Waschmaschine? Kurzerhand drücke ich den "Tür auf"-Knopf. Überraschenderweise springt tatsächlich die Luke auf und entlässt einen Schwall Seifenschaum. Ich entreiße die Laufweste den Fluten. Das Smartphone steckt, in eine kaputte Zip-Lock-Tüte gehüllt, in der Außentasche. Die Tüte hat ein Loch und der Zipper schließt auch nicht mehr. Dennoch hat die Technik den Kurzwaschgang unbeschadet überlebt.

Ein Wochenende ohne offizielle Laufveranstaltung kann auch ganz erlebnisreich sein.

Montag, 3. Juli 2017

Bergischer 6h Lauf 2017

Bei einem n-Stunden-Lauf gibt es nach der ersten Runde keine großen Überraschungen mehr. Irgendwann schwinden die Kräfte. Und vielleicht ändert sich das Wetter. Ansonsten lebt so ein Wettbewerb von den Begegnungen unterwegs.

Marcel stellt mir Harald vor. Der sei ein ganz krasser Typ.

Marcel: "Harald, wieviel Jahreskilometer hast du so?"
Harald: "Um die 4000."
Ich (vorlaut): "4000 laufe ich auch im Jahr!"
Harald: "Ich meinte, bis jetzt."

Nachdem sich das Gelächter gelegt hat, schildert Harald seinen Tagesablauf. Der sieht in etwa so aus. Nach dem Aufstehen um 2 Uhr läuft er 30 bis 45 km, bevor er zur Arbeit geht. Nach Feierabend kümmert er sich um Haus, Hof und Kinder. Abends radelt er noch 60 km. Sein Trick: "Ich brauche nur 4 Stunden Schlaf."

Das Wetter hat sich übrigens tatsächlich geändert. Der Starkregen hörte schon nach der ersten Runde auf und ging in normalen Dauerregen über. Somit lief manche Dame mit Regenschirm. Es hatten sich dieses Jahr mehr Frauen als Männer angemeldet. Mir schien, eine war sogar geschminkt unterwegs. Ich dusche noch nicht mal vor einem Lauf.

Auch die Kräfte schwanden erwartungsgemäß. Da der Organisator Oliver Witzke wegen akuten Helfermangels um einen Verzicht auf Restmetervermessung bat, ersparte ich mir die letzten 12 Minuten und startete diesmal nicht in eine unvollständige 22. Runde. Mein 60-km-Ziel war mit 60,9 km ohnehin erfüllt.

Zum Abschluss vergnügte ich mich mit zwei nackten Frauen in einem Hotelzimmer. Als diese ihr Bedürfnis gestillt hatten, wurden sie von einem gutaussehenden, jungen Mann abgelöst, der sich sofort stöhnend die schlammigen Kleider vom Leib riss. Der Renndirektor hatte für uns 3 Zimmer im nahen Hotel gemietet. Damit wir dort duschen konnten.

Unten ohne ins Hotel

Dienstag, 27. Juni 2017

Biggesee-Marathon 2017

Die Pulsmesserin hat einen samstäglichen Baumarktbesuch für mich vorgesehen. Beim Frühstück weise ich auf die Vergänglichkeit im Allgemeinen und die Kürze der mir verbleibenden Jahre im Besonderen hin. Da wäre es doch schade, eines der wenigen Wochenenden mit dem Herbeikarren unnützen Tands zu verschwenden, argumentiere ich. Anhäufen würde ich viel lieber noch ein paar Erlebnisse. Zum Beispiel beim Biggesee-Marathon. Der startet erst um 14 Uhr. Und wenn ich jetzt gleich losführe ...

Start-/Zielgelände

Zwei Stunden später stehe ich im Strandbad "Waldenburger Bucht" im Starterfeld und habe ein Mikrofon im Gesicht. Was denn meine Erwartungen seien. Hatte ich eben meiner Frau noch lange, philosophische Vorträge gehalten, stammele ich jetzt – völlig überrumpelt – etwas von "Spaß haben in schöner Natur".

Der Teil mit der "schönen Natur" klappt auch. Immer wieder bieten sich weite Ausblicke in üppig grünüberzogenes Land, das am Horizont von Hügeln gesäumt ist. "Gesäumt" ist nicht ganz richtig. Die Strecke ist mit solchen Hügeln "unterlegt" und bringt es so auf 930 Höhenmeter.

Warum es mit dem "Spaß" plötzlich vorbei ist, kann ich nicht sagen. Eben hatte ich noch entspannt mit dem Hundeführer geplaudert, dessen vorauseilendes Tier erstaunlicherweise jedes Mal den richtigen Abzweig genommen hatte. Und nun bin ich irgendwie in den Wettkampfmodus geraten.

Bei 140 Startern könnte man einen einsamen Waldlauf erwarten. Stattdessen sehe ich nach einer Weile des alleinigen Dahintrabens immer wieder den bunten Fetzen eines Shirts zwischen den Bäumen aufblitzen. Es folgt eine lange Zeit, die das Bunt ganz allmählich größer werden lässt. Bis ich schließlich den Shirt-Träger überholt habe. Dann beginnt das Spiel von vorn. Nur die Farben wechseln. Bei km 25 ändert sich auch das Geschlecht, als ich die erste Frau samt Führungsfahrrad einhole.

Zwischen km 29 und 30 wird endgültig klar, dass von "Spaß" keine Rede mehr sein kann. Hier versucht ein sehr langer Anstieg, mir den Stecker zu ziehen. Er zerrt gewaltig an der Schnur. Doch noch bleibt der Stecker drin, auch wenn der Kontakt ab jetzt ein wenig wackelig wird.

Kostenloses Teilnehmer-Shirt

Das nächste Hemd ist blau. Und es dauert ewig, bis ich endlich an einem der im 5-km-Abstand platzierten VP's zu ihm aufschließe. Mit strategisch verkürzter Nahrungsaufnahme gelingt mir das Überholen. Nun habe ich einen Verfolger im Nacken. Dafür ist vor mir niemand mehr in Sicht.

Lautes Jubeln erschallt über mir am Hang. Da scheint ja doch noch einer dicht vor mir zu sein und gerade den nächsten VP zu erreichen. Etliche Höhenmeter trennen mich noch von diesem Versorgungspunkt. Die letzten davon muss ich gehen. Der Stecker, der Stecker!

An der Versorgungsstelle bei km 37 erhalte ich nicht nur Wasser, sondern auch einige Informationen. Ich liege auf Platz 7, heißt es. "Aber die anderen sehen nicht so entspannt aus wie du!" Im Weiterlaufen höre ich die Kinder rufen: "Da kommt der nächste Läufer!" So dicht? "Und ein Fahrrad!" Die führende Frau holt auf!

Ich versuche irgendwie Abstand zu gewinnen. Und siehe da, ein junger Mann in Schwarz wird vor mir sichtbar. Am letzten Verpflegungspunkt bei km 39 kann ich ihn mit der bewährten Technik überholen. Als ich mich beschleunigten Schrittes aus dem Staub machen will, spüre ich plötzlich Schwindel in den Kopf steigen. Laufen am Limit. Ich fürchte, dass die nächste Stufe "Ohnmächtig umfallen" ist und reduziere mal lieber das Tempo.

Der folgende Anstieg tut sein Übriges in Sachen Geschwindigkeit. Alles, was nicht völlig topfeben oder abschüssig ist, muss ich jetzt gehen. Die Oberschenkel sind hinten nur noch Schmerz. Eindeutig zu wenig Hügeltraining! Der schwarze Mann überholt. Aber ich kann im Flachen und vor allem bergab schneller! Und so wogt das Geschehen hin und her. Mal ist er vorn, mal ich.

Dann kommt die Staumauer, die den Namensgebers des Laufes entstehen ließ, in Sicht. Da müssen wir hoch! Es dürfte sich ja wohl um die letzte Anhöhe handeln. Insofern kann ich mich doch zum Laufschritt durchringen. Von der Mauerkrone aus sehe ich auf der anderen Seeseite das Ziel, während Blau und Frau direkt hinter mir das Stauwerk erklimmen.

Schwarz hat rund 30 m Vorsprung. Ich gehe nochmal bis an die Schwindelgrenze, um ihn einzuholen. Endlich neben ihm, lässt er ein "Ich bin fertig!" hören und fällt ins Gehen. Es können nur noch ein paar Hundert Meter sein. Etliche medaillendekorierte Finisher der Unterdistanzen kommen uns entgegen. Hatten die wenigen Passanten unterwegs noch in der einen oder anderen Form Anteil genommen, überwiegt bei den Medaillenträgern völliges Desinteresse am dramatischen Geschehen auf diesen letzten Metern.

Start und Ziel im Strandbad "Waldenburger Bucht"

Ein Schild verheißt: "Noch 250 Meter, dann gibt es Krombacher". Ich wähne mich des sechsten Platzes sicher. Da taucht an meiner Linken eine völlig neue Farbe auf. Der Mann muss sich von ganz hinten durchgearbeitet haben, denn ich sehe ihn zum ersten Mal. Kalt erwischt entfährt mir ein: "Das kann doch jetzt nicht wahr sein!" Ein letztes inneres Aufbäumen ist nötig, um den sechsten Platz ins Ziel zu bringen. Die Zeit von 3:47:18 reicht für den Sieg der Altersklasse.

Das am Morgen gewünschte "Anhäufen von Erlebnissen" muss mir wohl ziemlich wichtig sein. Anders ist die heutige Schinderei nicht zu erklären.

Montag, 26. Juni 2017

Generationenwechsel beim b2run 2017

"Diesmal laufe ich vor dir ins Ziel! Ich bleib' einfach an dir dran. Und zum Schluss überhole ich dich!" So spricht der Junior und eröffnet damit das psychologische Gefecht schon im Vorfeld des Düsseldorfer Firmenlaufes b2run.


Die Rahmenbedingungen sind für uns beide und die anderen 12000 Starter immerhin gleich. 35 Grad misst das Auto bei der Anfahrt und 27 Grad bei der Rückfahrt. Wenigstens bewölkt es sich kurz vor dem Start um 19 Uhr.

So moderat bin ich noch bei keinem b2run losgelaufen. Denn wir belauern uns gegenseitig und sparen Kräfte für den unausweichlichen Zweikampf. Mal liege ich vorn, mal der Junior. Sein Laufstil strahlt eine einschüchternde Leichtigkeit aus. Er lässt keinerlei Atemgeräusch vernehmen, während ich schon deutlich hörbar Luft ziehe. Mir ist klar, dass ich es nicht auf einen Endspurt ankommen lassen darf. Gemeinsame Steigerungsläufe haben mich schmerzlich gelehrt, dass explosive Spurtkraft der Jugend vorbehalten bleibt.

Also lautet der Plan, ab Kilometer Vier das Tempo zu verschärfen. Der Junge hat offenbar dieselbe Idee. Als von hinten zwei schnelle Läufer vorbeiziehen, hängt er sich dran. Ich auch. Für ein paar Meter. Dann entsteht ein Lücke. Die Lücke wird größer. Irgendwann sehe ich ein, dass ich diesen Abstand nicht mehr verringern können werde. Der Nachwuchs federt leichtfüßig und locker von hinnen. Jetzt überholt er auch noch die beiden Schnellen!

"Wird der Junior im nächsten Jahr vor seinem Erzeuger ins Ziel laufen?", endete mein Blogeintrag aus dem Vorjahr. Nun habe ich Gewissheit. Meine Motivation ist weg. Ich tröste mich mit dem Überholen der zweiten Frau und trotte einsam Richtung Ziel. Gerade als ich für den Fotografen so tue, als ob es Spaß macht, erscheint ein Konkurrent an meiner Schulter. Da flackert der Wille doch noch mal kurz auf, um das im Endspurt zu korrigieren.

Mein Sohn wartet schon seit einer halben Minute im Ziel. Neben dem väterlichen Stolz bleibt mir der Trost, mit 25:01 meine bisher schnellste Zeit auf der 6,2-km-b2run-Strecke gelaufen zu sein.

Dienstag, 6. Juni 2017

Mönchengladbach Marathon 2017

Laufen bildet. In Mönchengladbach lerne ich am Pfingstsamstag beim Santander-Marathon, dass der Name des Sponsors nicht auf dem zweiten A, sondern auf dem letzten E betont wird. Der Kopf verlangt an diesem heißen Nachmittag jedoch nach ganz anderem Input: "Wasser!"

An einem schwülheißen Frühsommer-Wochenende erscheint eine nachmittägliche Startzeit von 16:30 Uhr wenig geschickt gewählt. Nicht nur, weil sich bis dahin die Tagestemperaturen auf ihr Maximum gesteigert haben, sondern vor allem, weil die Gewittergefahr im Tagesverlauf zunimmt. So musste die Lauf-Premiere im letzten Jahr wegen eines Unwetters abgesagt werden. Und auch heute sind Gewitter, Starkregen und Hagel gemeldet. Aus meiner Sicht ist es einfach Glück, dass die Stadt diesmal nicht betroffen ist.

Ursprünglich wollte ich mir ein hagelsicheres Parkhaus suchen. Im Anreise-Stau reduziere ich meine Ansprüche auf das Erreichen des offiziellen Parkplatzes. Mein Navi will geradeaus, wo die Streckensperrung nur rechts oder links erlaubt. Die Ordner wissen nichts von einem Parkplatz für die Teilnehmer. Die Uhr tickt. Als ich eine Lücke am Straßenrand entdecke, entledige ich mich des mittlerweile lästig gewordenen Gefährts und finde mich mitten im Rotlichtviertel wieder. Schnellen Schrittes und etwas besorgt bringe ich die zwei Kilometer zum Start hinter mich.

Schaufenster-Deko am Parkplatz


Die Kleiderbeutel-Abgabe in Mönchengladbach überrascht. Ein winziges Zettelchen im Eintrittskartenformat des letzten Jahrhunderts (die zum Abreißen von einer Rolle, falls sich noch jemand erinnert), handbeschriftet mit einer Zahl (nicht der Startnummer!), wird vom Personal liebevoll mit einer Sicherheitsnadel an den Kleidersack geheftet. Anschließend landet der Sack auf dem großen, ungeordneten Haufen der anderen Kleiderbeutel. Daraufhin erhalte ich ein Duplikat der Eintrittskarte. Wohin nun mit diesem Papierschnipsel? Wird er unterwegs durchweichen? Oder wird die Schrift verlaufen? Warum hat man überhaupt die Kleiderbeutel-Abgabe neu erfunden? Na, ich bin schon auf das Mönchengladbacher Rad gespannt!

Trubel vorm Start

Noch rechtzeitig, aber mittlerweile ein wenig "negativ vorgespannt" brate ich bei 28 Grad im Startblock in der prallen Sonne, wo sich der 4-Stunden-Hase vor dem für 3:30 eingereiht hat. "Vier Runden durch Mönchengladbach. Der Marathon, den niemand braucht", entwerfe ich bereits die ersten Zeilen eines Blogeintrags, ganz im Stile eines frühen Stuckrad-Barre. Das Pulsmesser - der unfehlbare Marathonkritiker, vor dem die Laufveranstalter zittern!

Der erlösende Startschuss und das folgende meditative Tapp-Tapp der Schritte lassen mein Mütchen langsam abkühlen. Oder ist es das Wasser, das ich mir an den VP's über den Kopf schütte? 50000 Liter hält der Veranstalter davon bereit. Bei 1600 Halbmarathonis und 600 Marathonläufern bleiben, grob überschlagen, fast 25 Liter für jeden. Das sollte reichen.

Die gute Laune setzt sich endgültig durch, als Dennis zu mir aufschließt. Kennengelernt hatten wir uns im vorigen Jahr auf der Strecke des Düsseldorf Marathons. Und auch heute plaudern wir uns durch die Stadt. Dennis punktet mit der Anekdote von einem 10-km-Wettkampf, bei dem er dicht hinter dem Drittplatzierten läuft und diesen immer wieder angreift. Jedes Mal kann der Attackierte den Zwischenspurt parieren und seinen Verfolger in die Schranken weisen. Erst im Endspurt setzt sich Dennis durch und wird im Ziel von der wütenden Ehefrau des nun Viertplatzierten mit den Worten empfangen: "Sich die ganze Zeit ziehen lassen und dann kurz vor Schluss überholen! Das kannst du mit meinem Mann nicht machen. Der ist IronMan!"

Nachzielbereich

Das I-Tüpfelchen setzt diesem Lauf das Publikum auf. Für die Zuschauer wird durch das viermalige Vorbeirennen einiges zum Gucken geboten. Und sie revanchieren sich mit echter Anteilnahme, die ganz persönlich gemeint ist, da man vereinzelt defiliert, anstatt inmitten der anonymen Läufermasse eines großen Straßenmarathons. Da sind die Mädels, die auf jeder Runde für uns "La Ola" initiieren. Oder die ältere Dame, die barfuß auf der Straße tanzt und dabei einen bunten Wimpel schwenkt. Eine andere Frau verteilt feuchte Reinigungstücher. Als sie ihr ausgehen, stellt sie auf Wischlappen um. Nicht nur Kinder lassen sich abklatschen, auch der Rollstuhlfahrer mit den Atemschläuchen in der Nase ist begeistert bei der Sache. Überall sind Gartenduschen und Rasensprenger aufgebaut. Alternativ wird aus Spritzpistolen kühlendes Nass versprüht.

Erst als dieses kühlende Nass in Form eines kräftigen Schauers von oben kommt, ändert sich in der dritten Runde recht plötzlich der Charakter der Veranstaltung. Das Publikum verschwindet. Wolken verdecken die Sonne. Es weht bei 20 Grad ein leichter Wind. Und dann überholt uns auch noch der 3:30-Hase!

Der Gewinner der AK M80 im Halbmarathon

Das kann ich nicht zulassen, wähnte ich uns doch die ganze Zeit auf 3:30-Kurs. Den hatte ich allerdings nur anhand der GPS-Pace bestimmt. Dennis sieht es nicht ganz so eng und schickt mich allein dem Hasen hinterher. Gerade als ich nach einem kurzen Zwischensprint den BuZler und seinen einzigen Mitläufer einhole, schnallt der Pacer sein mächtiges Tragestell mit der Zeitfahne vom Rücken und geht erstmal aufs Klo.

Ich renne also allein weiter. Diese endbeschleunigte, letzte Runde tut erstaunlich weh. Abends über heißen Asphalt zu rennen ist wohl nicht ganz meine Lieblingsdisziplin. Nach 3:28:19 habe ich es zu Ende gebracht und nehme die Medaille nebst einem Stoffbeutel mit zwei Äpfeln und einem halben Liter Wasser in Empfang.

Und auch meinen Kleiderbeutel bekomme ich wieder. Ich hatte zu Hause vorsorglich meine Startnummer mit Edding draufgeschrieben.

Dienstag, 23. Mai 2017

Rennsteiglauf Supermarathon 2017

Viele Gründe sprechen dagegen, zwei Wochen nach einem 100er gleich nochmal 73,5 km zu laufen. Als sich spontan eine Mitfahrgelegenheit zum Rennsteiglauf bietet, will mir ganz plötzlich kein solcher Grund mehr einfallen.

Man kennt den Effekt noch aus dem Physik-Unterricht: Ausdehnung bei Erwärmung. Unter dem Einfluss des Treibhauseffekts scheint nun sogar der Rennsteig länger geworden zu sein. Wurden bisher 72,7 km für den Supermarathon veranschlagt, so werden in diesem Jahr 800 m mehr ausgeschrieben. So richtig traut man der ganzen Messerei wohl nicht mehr. Jedenfalls verzichtet der Veranstalter neuerdings darauf, die Distanz auf das Finisher-Shirt zu drucken. Trotzdem will ich es haben!

Ein Supermarathonfinisher oder ein super Marathon-Finisher?

Nach dem am Anschlag gelaufenen 100er verbieten sich allzu hoch gesteckte Ziele, was den Druck auf angenehme​ Weise reduziert. Das Tief zwischen km 60 und 80 vor zwei Wochen war eine üble Erfahrung, so dass ich heute als oberstes Gebot "mit gutem Kopf" unterwegs sein möchte. Ich will ohne Leiden ins Ziel kommen - und vielleicht trotzdem etwas schneller sein als bei meinem ersten Supermarathon vor vier Jahren? Es heißt doch immer, dass man nach einem Langstreckenrennen Bestzeiten auf den Unterdistanzen laufen könne ...

Vorm Start auf dem Eisenacher Markt
Dazu habe ich mir eine Strategie ausgedacht. Ich muss mich bloß auch mal dran halten! Der Trick beim Rennsteig besteht darin, während des langen Anstiegs vom Start bis zum Gipfel des Großen Inselsbergs mit den Kräften zu haushalten. Dieses erste Segment darf ich mit einer 7er Pace zuckeln. Wenn ich danach mit einer 6er Pace ins Ziel laufe, werde ich nach 7:46 Stunden im Ziel sein - elf Minuten schneller als beim ersten Versuch.

Zum Inselsberg


Ich lasse mir Zeit, gehe die steilen Segmente, zum Beispiel vorm Dreiherrnstein und vorm Inselsberg-Gipfel. Das Tempo fühlt sich entspannt an, obwohl die Uhr eine Pace von 6:23 zeigt. Gerne würde ich schneller laufen, denn mir wird immer kälter, je höher wir kommen. Immer wieder sage ich mir "Das Rennen wird nicht auf den ersten 25 km entschieden, sondern auf den letzten 25!"  Es kostet einiges an Disziplin, sich fast drei Stunden lang zu bremsen. Aber es gibt genügend abschreckende Beispiele in der Läuferschar um mich herum, denen die Belastung schon jetzt anzusehen ist.

Bei 100-km-Läufen in Deutschland finden sich meist weniger als 300 Starter. Der Rennsteig-Supermarathon mit seinen 1800 Höhenmetern dürfte kaum wesentlich weniger anstrengend sein, lockt aber rund 2500 Läufer an den Start. Da hat vermutlich nicht jeder ein adäquates Training absolviert.

Auf dem Gipfel bricht endlich die wärmende Sonne durch den Nebel. Eigentlich wollte ich mich von Wasser und Bananen ernähren. Aber wegen der niedrigen Temperaturen greife ich unterwegs dankbar zum heißen Tee. Und zum Schleim! Ich hatte ja völlig vergessen, dass es hier den legendären Haferschleim gibt. Köstlich! Von den ebenfalls feilgebotenen Wiener Würstchen lasse ich aber die Finger.
Tee-Ausschank vor der Kleiderbeutelabgabe

Vom Inselsberg führt ein langer, steiler Abhang zum Kleinen Inselsberg hinunter. Ich lasse es richtig krachen und donnere lustvoll die Piste runter. "Denk an deine Knie.", raunt mir ein erfahrener Läufer zu, der sich vorsichtig zu Tale tastet. Nein, den Spaß gönne ich mir! Schließlich habe ich erst kürzlich auf ganz anderem Untergrund geübt.


Die Hälfte ist geschafft!


Bei der Ebertswiese fingen  bei meinem Debüt die schlechten Gedanken an. Auch heute spüre ich die Beine deutlich. Die Wahrnehmung ist aber positiv. Freudig wird das Schild "Die Hälfte ist geschafft!" registriert. Mein Mantra lautet heute: "Du hast bis jetzt alles richtig gemacht."

Kilometer 50 passiere ich fast exakt nach fünf Stunden. Nur noch ein Drittel! Am Start meinte jemand, wenn man am Grenzadler sei, habe man es praktisch geschafft. Nun ja, damals hatte ich dort bei km 54 eine ganze Weile mit mir gerungen, ob ich nicht die Möglichkeit zum Ausstieg mit offizieller Wertung nutzen sollte. Heute sagt der Moderator beim Durchlauf gerade die 15. Frau an. Den Dreiherrenstein hatte ich noch mit der Frau auf Platz 34 überschritten. Es läuft! Und es fühlt sich gut an, permanent zu überholen, auch wenn das mit der Relativgeschwindigkeit geschieht, die ein Lkw in der linken Autobahnspur gegenüber dem Truck in der rechten aufweist. Natürlich schießt auch hin und wieder mal ein Porsche vorbei. Aber je weiter ich komme, um so mehr havarierte Sportwagen stehen am Rand. "Du hast bis jetzt alles richtig gemacht."

Der ist fertig!


Mittlerweile muss ich etwas fokussierter laufen. Der Blick ist einwärts gerichtet. Vermutlich habe ich gerade mal etwas tiefer durchgeatmet, oder vielleicht galt es auch gar nicht wirklich mir. Jedenfalls schnappe ich die Bemerkung vom Rand auf: "Der ist fertig!" An mir gleitet das ab, weil es einfach nicht stimmt. Aber wie muss sich so ein Kommentar in den Ohren derjenigen anhören, die sich wirklich auf dem Zahnfleisch ins Ziel schleppen?!

Es zieht sich aufwärts. Nicht steil, vor allem nicht steil genug zum Gehen. Aber lang. Ich weiß, dass der höchste Punkt der Strecke markiert ist. Und ganz oben sehe ich ein Schild. "Lass es den höchsten Punkt sein!", denke ich bei jedem Schritt. "Lass es den höchsten Punkt sein!" Und tatsächlich, er ist es! Ab jetzt geht es tendenziell bergab. Die steile Wiese runter zum Schmücke-VP sorgt nochmal für richtigen Lauf-Spaß. Ich mache hier gleich zwei Plätze in der Damenwertung gut.


Retardierendes Moment


Ein Porsche-Läufer, schon in Finisher-Stimmung, versucht einen Geher zu motivieren. Doch der gibt mit gebrochener Stimme zurück: "Bergab geht gar nicht mehr." Gerade bedauere ich den armen Kerl, müssen wir doch jetzt eigentlich nur noch runter ins "schönste Ziel der Welt - in Schmiedefeld", da gibt es einen weiteren, langen Gegenanstieg. Ich gehe ein paar Schritte. Dummerweise schmerzt seit geraumer Zeit beim Gehen mein rechter, hinterer Oberschenkel mehr als beim Laufen. Also laufe ich wieder an. Genau in dem Moment schießt mir ein Krampf in die Innenseite des Oberschenkels. "Was? Jetzt, so kurz vor dem Finale dieses flüssigen Rennens, soll plötzlich alles vorbei sein?!" Krämpfe hatte ich unterwegs noch nie. Was macht man da? Ich laufe weiter. Der Schmerz ist gerade noch so auszuhalten. Nur ein µ mehr und ich stünde auch am Rand. Die Therapie schlägt an. Der Krampf verschwindet so plötzlich, wie er gekommen war.

"Das schönste Ziel der Welt - in Schmiedefeld"
Durch die Menge der ausnahmslos applaudierenden 17-km-Wanderer renne ich Richtung Ziel, das schon seit Langem zu hören ist. Das "Du siehst ja noch ganz entspannt aus!" vom Streckenrand klingt fast ein bisschen enttäuscht. Dann sieht man einen Zielbogen, von dem sich der erfahrene Rennsteigläufer jedoch nicht verwirren lässt. Erst der dritte Bogen ist der wahre. Hier darf endlich gejubelt und geweint werden.

Mittlerweile bin ich geneigt, das Gelingen eines Ultras weniger nach der erreichten Zielzeit als nach dem Befinden unterwegs zu beurteilen. In dieser Wertung liege ich heute ganz weit vorne. Trotzdem muss die Zielzeit von 7:18:22 nicht verschwiegen werden, bedeutet sie doch eine Verbesserung von 39 Minuten. Und ich finde, 13. Frau klingt irgendwie viel besser als 206. Mann.