Montag, 23. Juli 2018

Rund um Irgendwas VI

Mit der Raketengang zwischen Motodrom und Erdbeerkäse

Der heutige Gruppenlauf, dessen Name "Rund um Irgendwas" kaum Fragen offen lässt, soll den Teilnehmern die grüne Seite des Ruhrgebiets zu zeigen. Timo, gebürtiger Gelsenkirchener, führt uns auf ehemaligen Bahntrassen, die heute Rad- und Fußwege sind, durch seine Heimat.

Obwohl wir kurz nach 7 Uhr starten, wird es schnell heiß. Deshalb genießen wir den Schatten, den die jungen Bäume spenden, die aus dem Asphalt des ehemaligen Motodroms sprießen. Wo heute lediglich ein paar Leitplanken im Unterholz zu sehen sind, fanden in den 80er Jahren spektakuläre Autorennen satt. Jetzt rennen nur noch die Trailrunner über die Relikte der geteerten Piste.

Motodrom

Timo, hauptberuflich Straßenbau-Experte, klärt uns gleich auf. Teer sei krebserregend und daher beim Anlegen neuer Fahrbahnen verboten. (Anm. d. Verf.: In Zigaretten ist das Zeug immer noch drin.) Heute benutze man Asphalt, der mit Bitumen abgebunden werde. Und auf diesem Untergrund sind wir heute vorwiegend unterwegs, obwohl die eine oder andere Halde auch mit ein paar Trails aufwartet.

Auf der Halde Hoheward
Kaum haben wir eine solche Halde erklommen, wird am Horizont ein Fernsehturm sichtbar. Auch dazu meldet sich ein Experte aus der Läuferschar zu Wort. Die richtige Bezeichnung laute "Fernmeldeturm". Laufen bildet! Meine Wissenslücken in Sachen Frauentausch solle ich schließen, indem ich nach dem Stichwort "Erdbeerkäse" googlen möge.

Es gibt noch mehr Spezialisten im Trupp. Als wir ein Grafitto passieren, das eine weibliche Figur ohne Kopf und mit vier Brüsten zeigt, ist von der "idealen Frau" die Rede.

Die ideale Frau?

Wir folgen der "Route Industriekultur", sehen Kanäle, entstehende Yachthäfen, ehemalige Zechen und Halden. Die Tour lebt von den Gegensätzen. Das wird besonders deutlich, als wir rechts braune Kühe unter alten Eichen weiden sehen und an eine Almwiese denken müssen, während sich linker Hand eine Mülldeponie in den Himmel reckt.

Auch die legendäre Emscher fehlt nicht im Programm. Der Fluß, der jahrelang als Abwasserkanal des Ruhrgebiets herhalten musste, ist trotz aller Renaturierungsbemühungen nach wie vor nicht ganz geruchsneutral.

Entlang der Emscher

Auf Zeche Ewald ergibt sich ein ungeplanter, zusätzlicher Versorgungspunkt. Für irgendein Event werden gerade Foodtrucks und Bierpilze aufgebaut. Nach einem eiskalten alkoholfreien Bier fühle ich mich wie neugeboren. Mittlerweile dürften dreißig Grad im Schatten herrschen. Jedenfalls schwitze ich trotz des moderaten Tempos um die 7 min/km ungewöhnlich stark.

Kanalquerung
Normalerweise verstummen in den hohen Dreißigern die Gespräche. Nicht so in dieser Runde aus erfahrenen Ultras. Die meisten haben bereits eine der TorTour-de-Ruhr-Distanzen absolviert und schmücken sich mit dem entsprechenden Shirt. Die Raketengang, die heute freundlicherweise meinen Shuttle-Transfer sicherstellt, will beim nächsten Mal dabei sein. Um die Motivation der Raketen nicht zu gefährden, ergeht die Aufforderung, auf heldenhafte Leidensgeschichten zur verzichten, und nur noch die schönen Seiten des Laufs an der Ruhr zu schildern.

Jahrhunderthalle Bochum
Die "Industriekultur" genannte Szenerie, die uns umgibt, stimmt nachdenklich. Gerade einmal gute 100 Jahre ist es her, dass ein grünes Feuchtgebiet in ein riesiges Industrie-Areal  gewandelt wurde. Und von den Bauten wird bereits heute nichts mehr benötigt. Die Hinterlassenschaften wurden zu Kultureinrichtungen oder Landschaftsparks umgewidmet, während die Industrie in andere Regionen der Welt abgewandert ist. Ob man sich dort bewusst ist, wie kurzlebig der Aufschwung sein wird?

Das Raketen-Shuttle steht am VP3 bereit. Dort bietet Shell eisgekühlte Getränke feil, die den Raketen und mir nach 50 km und 7 Stunden als Zielverpflegung dienen. Der Rest-Trupp will noch weitere 18 km und eine zusätzliche Halde bewältigen. Mit diesem ersten längeren Lauf nach der TorTour kann ich bei der aktuellen Witterung mein heutiges Trabe-Bedürfnis durchaus als gestillt betrachten.

Montag, 9. Juli 2018

Coriotrail - Aut viam inveniam aut faciam

Als man Hannibal mitteilte, man könne die Alpen nicht mit Elefanten überqueren, soll er angeblich: "Aut viam inveniam aut faciam" geantwortet haben. "Entweder ich finde einen Weg, oder ich mache einen" ist auch das Motto des Coriotrials. Das klingt doch ganz vielversprechend für einen Trailrun!

Die Macher des Hivernaltrails haben mit dem Coriotrail eine Sommervariante geschaffen. Es gibt mit 10, 20 und 42 km drei Streckenlängen zur Auswahl. Der Junior überzeugt mich davon, statt auf die Langdistanz lieber mit ihm auf die 20-km-Strecke zu gehen. Angesichts der Hitze und der Tatsache, dass ich seit der "TorTour de Ruhr" nichts gelaufen bin, was länger als 30 km war, ist das möglicherweise kein schlechter Entschluss. Dass ich mir den Track auf die Uhr gespielt habe, wird sich jedoch paradoxerweise noch als ein solcher erweisen.

Vorm Start beendet der Veranstalter sein längeres, holländisches Briefing mit der Frage, ob er das auch nochmal auf Deutsch vortragen solle. Mein "Ja, bitte!" wird vom "Nein" meines Nebenmannes übertönt. Es scheint jede Menge Redundanz in der holländischen Sprache zu stecken, denn er meint lapidar zu mir: "Einfach den Pfeilen folgen!"

Ab dem Startsignal beherzigen wir diesen Ratschlag. (Keiner ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass mir die Sonne im Laufe des Rennens diesen Tipp aus dem Schädel brennen wird.) Wir hatten uns vorgenommen, zunächst einmal zu schauen, ob wir in der Führungsriege mitmischen können und evtl. die Chance auf eine Platzierung besteht. Anderenfalls wollten wir die Trails einfach nur genießen. Wir halten uns also zunächst im Feld der ersten Zehn der 65 Starter. Als sich drei Mann nach vorn absetzen, bleiben wir dran. Für mich wird am ersten Anstieg deutlich, dass ich die Pace von gut 4 min/km nicht viel länger werde halten können. Bisher zeigte die Tendenz des Streckenprofils eher talwärts. Laut Ausschreibung sind jedoch rund  500 positive Höhenmeter zu erwarten. Und gerade die letzten drei Kilometer scheinen es diesbezüglich in sich zu haben.

Der Führende ist inzwischen auf und davon. Direkt vor uns liegen jetzt ein Gelber und ein Blauer. Dann kommt die erste echte Schikane. Es geht eine Klippe steil hinab, unten über Äste und unmittelbar daneben, die Klippe wieder hoch. Ein Weiß-Behemdeter findet hier offenbar den richtigen Weg (ohne die Äste) und zieht quasi auf der Innenbahn vorbei.



Blau schwächelt an der Klippe und wird von unserem Familien-Duo überholt. Dann ziehen Gelb, Weiß und mein Sohn von hinnen. Das letzte Mal sehe ich den Spross meiner Lenden, als er auf einer Viehweide den Weißen hinter sich lässt und damit Platz Drei einnimmt. Ich mache noch ein Abschiedsfoto und widme mich der Aufgabe, Blau auf Abstand zu halten.

Querung einer Weide
Ein Pfeil weist nach rechts, und ich halte mich – wie sich herausstellt – etwas zu hündisch an die Vorgabe. Ich stecke bis zu den Knien in einem Gewirr aus Ästen. Als ich mich durchgekämpft habe, muss ich noch über einen Stacheldraht springen. Nur um ein paar Meter weiter unter Stacheldraht durchkriechen zu müssen, damit ich von der irrtümlich betretenen Weide auf den Weg zurück gelange. Hier wird mir endgültig klar, dass das offenbar nicht die vom Pfeilsprüher vorgesehene Route gewesen sein kann. Aber ich bin nicht der einzige, der flink dem fatalen Pfeil-Pfusch falsch folgt. Hinter mir höre ich Blau durch die kniehohen Äste brechen.

Die Damen am VP schauen verwundert, als ich, trotz der Hitze, ignorant an ihnen vorbeilaufe. Bei diesem umweltfreundlichen Lauf gibt es keine Wegwerfbecher. Jeder Starter muss sein eigenes Trinkgefäß mitbringen. Da habe ich mir gleich eine Softflask voller Wasser in den Rucksack gepackt. Der Zeitgewinn durch die gesparten Boxenstopps scheint mir das halbe Kilo Zusatzgewicht wert zu sein.
Start 42-km-Lauf
In einem Ort zeigt der Pfeil nach links. Dort erspähe ich einen unscheinbaren Pfad in die Felder. Während ich einbiege, denke ich noch, wie viele sich hier wohl verlaufen werden, weil sie den Pfad übersehen. Dann macht mir der Track auf der Uhr klar, dass ich derjenige bin, der falsch ist. Beim Zurückkehren auf die richtige Strecke, kann ich den Blauen schon wieder hinter mir sehen! Am nächsten Berg holt er mich ein, macht aber keine Anstalten zu überholen. Stattdessen eröffnet er das Gespräch. Eigentlich habe er, anfangs auf Platz Drei laufend, am Gelben dranbleiben wollen, es sei aber heute zu warm für ihn. Dann zieht er weiter über die ausgetrocknete Flur. Heute wird wohl keiner im Schlamm ausrutschen. Eher holt man sich eine Staublunge.

Am zweiten und letzten VP spiele ich dann die Softflask-Karte erfolgreich aus. Während Blau sich labt, trabe ich vorbei. Dabei bemerke ich die „Rote Gefahr“. Ein Läufer in Rot hat aufgeschlossen. Und obwohl er am VP stoppt, überholt er mich kurze Zeit später, wobei er mich auf meinen offenen Schnürsenkel hinweist. Der Doppelknoten muss sich wohl gelöst haben, als wir eben durch das mannshohe Gras gerannt waren. Bis ins Ziel wird der Schuh schon noch am Fuß halten.

Bisher war der sehr schöne und abwechslungsreiche Streckenverlauf durchweg laufbar gewesen, wenn man von einigen hölzernen Stufen absieht. Doch kurz vorm Ziel hat der Veranstalter „The Wall“ eingebaut. Diese Steilklippe wurde mit zwei Seilen versehen, an den man sich heraufziehen kann. Oben muss ich erstmal einige Schritte gehen, um wieder zu Atem zu kommen. Es folgen noch ein paar weitere steile Anstiege, die aber gelaufen werden können. Nur haben meinem Hirn Anstrengung und Sonne anscheinend mächtig zugesetzt. Ich kann das Ziel schon hören, sehe aber auf der Uhr, dass mich die Pfeilmarkierung weg vom Track, weg vom Ziel und zurück auf die bereits gelaufene Strecke führt. Ich kehre um und laufe zurück! Da kommt mir mein blauer Mitstreiter entgegen und weist mich darauf hin, dass ich falsch sei. Ich erkläre ihm meine wirre Sicht der Dinge, aber er rennt nur schulterzuckend weiter. Dort, wo mein Track Richtung Ziel führt, ist ein dicker Strich quer über den Pfad gesprüht. Offenbar hat der Veranstalter kurzfristig die Strecke geändert. Vielleicht wäre die deutsche Briefing-Variante doch ganz interessant gewesen.

Edles Metall zum Lohne
Leicht frustriert renne ich den Anstieg, den ich eben schon einmal erklommen hatte, wieder hoch. Zwischen den Bäumen sehe ich es noch ein paar Mal blau blitzen. Aber den eben so idiotisch verspielten, sechsten Rang kann ich nicht mehr zurückerobern. Im Prinzip ist es ja auch wurscht. Der große Verlauferbeim letzten Hivernaltrail, der mich die Chance auf Platz Drei gekostet hat, war da schon ärgerlicher. Hier auf der kürzeren Strecke muss ich die Lorbeeren ohnehin den Jüngeren überlassen. Als ich nach 1:47:51 das Ziel erreiche, wartet der Junior schon seit 13 Minuten auf mich. Er hat den zweiten Gesamtplatz erlaufen und gewinnt neben Handtuch und Laufsocken auch noch einen Freistart für den Hivernaltrail im Februar. Da werden wir wohl um einiges schlammbesudelter im Ziel ankommen. Einen Rekord kann ich am Ende also doch noch verbuchen. So sauber bin ich bisher bei noch keinem Traillauf geblieben!

Montag, 2. Juli 2018

b2run Düsseldorf 2018 - Eine Wiederauferstehung

Leere Beine, leerer Kopf, leerer Blick. So lassen sich die Wochen nach der TorTour de Ruhr kurz zusammenfassen. Seit dem Hundertmeiler hatte es mich nicht mehr in die Nähe einer Startlinie gezogen. Das soll sich am heutigen Abend in der Düsseldorfer Esprit-Arena ändern - beim b2run über 6,2 km.
Medaille
Nach den schwülwarmen Austragungen der Vorjahre handelt es sich um den bisher kältesten Firmenlauf in meiner Vita. Bei 27 Grad bläst ein leichter Nordost. Trotzdem bewässere ich das Haupthaar vorm Start gründlich. Man will ja in der Hitze des Gefechts kühlen Kopf bewahren. Zu solch militärisch geprägter, gedanklicher Wortwahl würde nun ein Start-Schuss passen. Stattdessen wird der Lauf mit einer Glocke, nun ja - eingeläutet.

Der Junior startet direkt aus der zweiten Reihe, will er doch eine Top-Ten-Platzierung erreichen. Da ich bisher unter die ersten 70 lief, fühle ich mich in Reihe 10 angemessen aufgestellt. Das Feld sortiert sich auf dem ersten Kilometer, der Nachwuchs ist schon nicht mehr in Sichtweite. Er wird sein Ding schon machen! Ich mache meins. Das heißt, dass ich unter 25 Minuten bleiben muss, um eine neue persönliche Bestzeit zu erlaufen.

Nach dem ganzen TorTour-Langstrecken-Training hatte ich in den Vorwochen den Fokus auf Tempo gestellt und oft mit dem Junior trainiert - nach seinem Trainingsplan! Der Gipfel war ein langes Vater-Sohn-Wochenende am Meer. Nach sechs Stunden nächtlicher Fahrt stiegen wir für eine fünfstündige Seekajaktour in die Boote. Nach so viel Sitzen durfte der abendliche Lauf nicht ausfallen, auch wenn es darüber dunkel werden sollte. Am nächsten Morgen trieb mich mein Sohn aus den Federn und in den Darßwald zum nächsten Lauf, auf den eine 80-km-Bodden-Umrundung per Rad folgte. Nun hätte ich einen Ruhetag benötigt. Stattdessen stand der "Lange Lauf" auf dem Plan (meines Sohnes). In seinem Fettstoffwechseltempo von 4:30 min/km hetzte er mich 21,1 km bei großer Hitze über den Deich. Ich habe Wochen gebraucht, um mich von diesem Urlaub zu erholen!

Seekajaktour
Diese Mühen sollen nicht umsonst gewesen sein, sage ich mir, als es bei Kilometer Drei schmerzhaft im Unterbauch wird. Kündigt sich da Seitenstechen an? Ich reduziere das Tempo zumindest so weit, dass ich nicht überholt werde. An der nächsten Kilometer-Marke bin ich einigermaßen wieder hergestellt und kann mich erneut den Männern vor mir widmen. Es gelingt mir, eine erkleckliche Anzahl von ihnen im Schatten der 104 Bäume des Düsseldorfer Messeparkplatzes einzuholen. Beinahe wäre der hölzerne Bewuchs einem geplanten Ed-Sheeran-Konzert geopfert worden, um freien Blick zur Bühne zu ermöglichen. Nach einem Einspruch der Grünen findet der Auftritt nun in Gelsenkirchen statt.

Bis zum Ziel bleibe ich "unüberholt". Nur den Endspurt fange ich zu spät an, um, wie beabsichtigt, auch den "Teekanne"-Läufer noch hinter mir lassen. Man kann nicht alles haben. Eine Verbesserung der pB um 1:22 auf 23:39 muss reichen!

Nun könnte ich mich in diesem Erfolg sonnen, wenn der Nachwuchs ihn nicht so überzeugend in den Schatten gestellt hätte. Mit einer 20-Minuten-Zeit wird er Fünfter im Gesamteinlauf und kommt damit nicht nur im Ziel, sondern in einer anderen Liga an. Den Handschlag, mit dem ihn Gewinner Nikki Johnstone hinter der Linie empfängt, sehe ich als läuferischen Ritterschlag.

Freitag, 25. Mai 2018

Hundert Meilen TorTour de Ruhr



Heute gebe ich zehn Prozent! Ich habe ausreichend trainiert, ordentlich getapert und es im Vorfeld nicht übertrieben. Da es heißt: „90 Prozent des Erfolgs sind Vorbereitung“, muss ich jetzt lächerliche zehn Prozent dazu geben und die 100 Meilen der TorTour de Ruhr nur noch laufen. Ha, die mentale Einstellung passt offenbar!

Prolog

 

Die Abendsonne taucht die bewaldeten Hänge des Sauerlandes in goldenes Licht. Die hügelige Prolog-Runde, eigentlich nur dazu gedacht, die Distanz auf 160,9 km aufzustocken, ist ein Naturgenuss! Auch die Laune im sehr verhalten dahintrabenden Trupp ist bestens. Am ersten und einzigen Downhill der ganzen Strecke lasse ich mich zu ein paar schnellen Schritten hinreißen und schließe zu einem Kameraden auf, der den Hundertmeiler in einem Schnitt von 6:30 min/km zurücklegen möchte. Beim letzten Mal habe er die ganze Ruhrlänge von 230 km absolviert, berichtet er. Nach 17 Stunden hatte er damals schon die ersten 100 Meilen hinter sich und musste auf seine Crew warten, die noch gar nicht eingetroffen war und legte sich schlafen. Ich bin hier offenbar ganz falsch, ich bin viel zu schnell!
Die Ruhr

Der schrecklichste Moment 

 

Am Abzweig zum ersten VP ist meine Trinkflasche noch gut gefüllt. Einen Notriegel habe ich auch dabei. Also weiche ich vom Plan ab und spare mir den Abstecher zur etwas abseits gelegenen Halle. Nun bin ich ganz allein unterwegs und reite laufe in den Sonnenuntergang. Es folgt der schrecklichste Moment des Laufs. Die überholten Volldistanzler rufen mir zu: „Du bist der erste 100-Meilen-Läufer!“ Eigentlich kann das nicht sein, sprinteten doch einige von uns eilig von hinnen. Wenn es aber zuträfe, wäre ich zu schnell. Vor allem aber bin ich mental nicht der Last gewachsen, bei meinem ersten Hundertmeilenlauf einen Treppchenplatz bis ins Ziel zu verteidigen. Ich nehme Tempo heraus und bin sehr froh, als von hinten ein lustiger Trupp wieder zu mir aufschließt.

Ausrüstung und Zeitziel 

 

Meine Tempofindung ist weitgehend gefühlsbasiert, denn ich laufe ohne Pace-Anzeige. Nach gut 2,5 Jahren traue ich dem Akku der Fenix 3 keine 20 Stunden Laufzeit mehr zu. Und 20 Stunden sind schon mein ideales Zeitziel. Primär will ich natürlich überhaupt erstmal „Ankommen“. Und mit „sub 24h“ wäre ich auch schon höchst zufrieden. Einst hatte ich den Ultratrac-Modus der Garmin-Uhr getestet. Sie erwies sich dabei als so ungenau, dass ich beschlossen habe, einfach nur nach Durchgangszeiten zu laufen. Für die ersten 60 km ist eine Pace von 6.30 min/km vorgesehen. Danach darf sie auf 7.00 min/km fallen. Und ab 100 km reichen 8.30 min/km, um vor Ablauf der Idealvorgabe von 20 Stunden ins Ziel zu kommen. Eine gewisse Orientierung gibt mir mein uralter „Garmin GPSmap60csx“. Er gibt mir nicht nur den zu laufenden Track vor, sondern kann auch die Geschwindigkeit zumindest in km/h anzeigen. Die Tabelle mit den geplanten Zwischenzeiten baumelt laminiert an meiner Startnummer.
Abendstimmung an der Ruhr

Die ideale Crew 

 

Bei der TorTour ist eine Begleit-Crew Pflicht, um den Läufer zusätzlich zu den sieben offiziellen Verpflegungspunkten auf den 160,9 km zu versorgen und im Zweifelsfall zu bergen. Mein gesamtes Team besteht aus genau einem Mitglied: meiner Frau. Mit dieser Ideal-Besetzung weiß ich ganz sicher, dass ich mich unter allen Umständen auf jeden Einzelnen meiner Mannschaft zu 100 Prozent verlassen kann!

Das Unvorhergesehene

 

An vorher definierten Wegpunkten erwartet mich die Pulsmesserin mit dem Begleit-Pkw. Ich tausche die Trinkflasche gegen eine volle und nehme einen Happen mit auf den Weg. Gerade als sich eine gewisse Routine bei unseren Treffs eingespielt hat, passiert das Unvorhergesehene. Obwohl ich am GPS-Gerät die größte Schriftart eingestellt habe und mein laminierter Zeitplan in Schriftgröße 14 und fett gedruckt ist, kann ich im Licht der Stirnlampe nichts davon mehr lesen. Wir hatten Crewing auf der Originalstrecke geprobt. Was ich jedoch nicht geübt hatte, war das Laufen durch die Nacht - schon gar nicht mit der geplanten Wettkampfausrüstung. Es kommt, wie es kommen muss: wir verpassen uns an einer geplanten Versorgungsstelle und ich laufe kurzzeitig trocken mit leerer Flasche (aber noch nicht „wie Flasche leer“).
Ruhrtalradweg im Morgennebel
Ab jetzt muss meine Frau nicht nur die tatsächliche Laufzeit gegen den Plan abgleichen, sondern mir auch noch genau sagen, nach wieviel Kilometern der nächste Treff oder offizielle VP folgt. Und vor allem muss sie sichtbar an der Strecke stehen, damit ich nicht wieder vorbei laufe. Notiz an mich: nächstes Mal größer und kontrastreicher ausdrucken und im Garmin unterschiedliche Symbole für die einzelnen Wegpunkt-Arten (Treff/VP/andere Punkte) nutzen. Oder mit Lesebrille laufen?

Die schönsten Stunden ins Schlaraffenland 

 

Auf die kurze Aufregung folgen die schönsten Stunden des Laufs. War die Dämmerung schon herrlich, so ist das einsame Laufen durch die Ruhe der Nacht ein ganz besonderes Erlebnis. Ich schalte auf Autopilot. Die Kilometer rinnen mir wie von selbst aus den Beinen. 

Nach 64 Kilometern treffe ich im Schlaraffenland ein. Und ich kriege keinen Bissen mehr runter! Der dortige VP befindet sich in einem Restaurant mit Bar und All-inclusive-Büfett. Chromblitzende Warmhaltegefäße reihen sich auf langen Tischen. Von den Spiritusbrennern ist die Luft in dem warmen Raum verbraucht. Ich würge einen Becher alkoholfreies Weizen hinunter und lecke kurz an einem Stück Melone. Dann muss ich da raus. Ab jetzt werde ich wohl auf Flüssignahrung umstellen.

Keine 100 Kilometer mehr! Da ich das Navi nur an Kreuzungen aus dem Rucksack nehme, bleibt ein Verlaufer nicht aus, als ich einen Abzweig nicht wahrnehme. Glücklicherweise bemerkt es der Radbegleiter des Teams hinter mir. Später kann ich mich revanchieren, als ich ein Paar zurückrufe, das den Abzweig zur Fähr-Umgehung übersehen hat. Und dann graut bereits der Morgen. Was für ein Schauspiel, als sich die Nebel nach und nach über der Ruhr lichten!
Baldeneysee im Morgenlicht

Das Duell 

 

Als die ersten Sonnenstrahlen durchbrechen, ist es ja noch ganz schön. Doch spätestens ab dem Baldeneysee wird klar, dass mit Schatten nun nicht mehr gerechnet werden kann. Ich kämpfe mich zum VP mit dem motivierenden Namen „Ab jetzt nur noch Marathon“. Dann sind die ersten Gehschritte nicht mehr zu vermeiden. Die Beine sind nur noch Schmerz. Eine kurze Bestandsaufnahme, wo es eigentlich nicht weh tut, ergibt nicht viel mehr als „Ohrläppchen“. Ich gebe mich eine ganze Weile gehend dem Schmerz hin. Bis ich die Geschwindigkeit auf dem Garmin prüfe. Fünf km/h und noch fast 40 Kilometer vor der Brust. So wird das nichts mit den 20 Stunden! Humpelnd trabe ich wieder an und versuche an dem extrem langsamen Sonntags-Jogger mit Hund dranzubleiben, der mich eben überholt hat und nicht ahnt, was für ein hartes Duell er gerade mit mir ausficht.

Heulkrampf 

 

Als ich meine liebste Crew am Ufer sehe, brechen sich die eigentlich fürs Ziel vorgesehenen großen Gefühle Bahn. Meine Frau ist mit der Interpretation der Situation überfordert und denkt, ich gebe gerade auf. Um ihr die Sorge zu nehmen, schnappe ich mir einfach nur die Flasche und schlurfe schniefend weiter. Ich brauche dringend eine Strategie gegen die Bein-Pein. Wie war das nochmal? Man soll den Schmerz annehmen! Doch meine Zwiesprache mit dem "Bösen Schmerz" gerät mir zur inneren Satire. So wird das nichts. Dann fällt mir ein, dass der Schmerz, der gekommen ist, auch wieder gehen wird. Ich muss aufhören mit der humpelnden Ausweichbewegung und durch den Schmerz hindurchlaufen. Es funktioniert. Ich bleibe bis zur Eisenbahnbrücke in Kettwig im Laufschritt. Wenn auch Optik und Geschwindigkeit arg verbesserungswürdig sind.

Bootsanleger in Kettwig

Langsam! 

 

In Kettwig steht zum ersten Mal der Campingstuhl für mich bereit. Offenbar hat mein letzter Auftritt einige Wirkung hinterlassen! Wie ich da so sitze, überholt mich ein 230-km-Läufer! Obwohl er geht, hat er zu mir aufgeschlossen! An der Länge meiner Pausen kann es nicht liegen. Der Garmin wird am Ende eine Standzeit von 23 Minuten anzeigen. Bei 20 Versorgungsstopps und drei Pinkelpausen dürfte sie nicht mehr großartig optimierbar sein.

Die A52-Brücke ist weithin sichtbar und dient daher als ganz brauchbarer Motivator, denn sie markiert den nächsten und letzten VP. Hatte man mir am vorherigen VP noch bescheinigt, auf Platz Drei zu liegen, so wähnt man mich hier an zweiter Position. Seltsam, ich habe doch niemanden überholt!

Überholt werde stattdessen jetzt ich. Von 230-km-Sprintern! Auch der 100-km-Sieger zieht vorbei. Sein Begleiter fordert mich im Kasernenhofton zum Laufen auf. Auch wenn ich nicht auf solch rauhe Ansprache stehe, muss ich mir eingestehen, dass er in der Sache recht hat. Ich trabe weiter durch die schattenlosen Ruhrauen, wenn auch extrem langsam.

Hammer und Nagel 

 

In Mülheim wechsele ich doch noch das Hemd, das mir seit gestern 18 Uhr gute Dienste geleistet hat. Nachts hatte ich es nur mit Ärmlingen, Handschuhen und Buff ergänzen müssen. Auch jetzt ist es noch völlig brauchbar, wenn man den Geruch erträgt. Ein anderes Phänomen lässt mich seiner überdrüßig werden. Nachdem ich die Beine nun wieder einigermaßen im Griff habe, melden sich andere Körperregionen. In diesem Fall die Rippen. Genug Zeit zur Ursachenforschung hatte ich ja. Die Analyse endet bei den Taschen, die adidas im Frontbereich überflüssigerweise applizierte und obendrein noch mit einem Klettverschluss ausstattete. Der Verschluss trägt ein paar Millimeter auf. Bei jedem Schritt schlagen Flasche bzw. Navi in den Brustfächern des Rucksacks ganz leicht auf den Klettverschluss. Über die Zeit führt das zu einem Hammer-und-Nagel-Effekt.

Crew-Problem 

 

In der Endphase des Laufs hatte ich kürzere Abstände zwischen den Treffs mit meiner Crew geplant. Nicht weil es für meine Versorgung nötig wäre, sondern als Zwischenziele zur psychologischen Unterstützung. Doch plötzlich, an völlig ungeplanter Stelle, bricht meine Frau, den Tränen nahe, aus dem Buschwerk. Im mittlerweile dichten Verkehr ist sie mit dem Auto noch langsamer als ich und glaubt, die geplanten Treffpunkte nicht rechtzeitig erreichen zu können. Nun ist es an mir, meine Crew zu supporten. Wir sagen kurzerhand alle weiteren Zwischentreffs ab und verabreden uns für die letzten Meter kurz vorm Ziel.

Rheinorange
Unterstützung kommt jetzt von unerwarteter Stelle. Oli Witzke begleitet mich ein paar Kilometer mit dem Fahrrad und wendet dabei ein paar sehr spezielle Motivationsmethoden an, indem er mich wissen lässt, wie extrem langsam ich sei und dass die Angaben zu meiner Platzierung vermutlich alle falsch seien. Aber seine Anekdoten von seinem eigenen TTdR-Leiden, seinem Schlafzimmer und seinen Italienplänen lenken mich hervorragend ab. Als er mich verlässt, bin ich mental so weit erfrischt, dass ich fast wieder einen 6er Schnitt laufen kann.

Die Geschwindigkeitsmessung übernimmt jetzt ein unbekannter, radelnder Ruhrpott-Fan, der extra an die Strecke gekommen ist, weil er unsere Unternehmung bewundert. Er wässert meine Mütze, zeigt mir den Weg und weist mich auf die Schönheiten der letzten Kilometer hin. "Die Häuser da hinten: das ist schon Ruhrort! Ich meine die Fabrikgebäude dort." Es ist unglaublich, auf wie viele Menschen sich die Begeisterung dieser Veranstaltung überträgt.

Rheinorange 

 

Der letzte Punkt, der mit dem Auto erreichbar ist, liegt 1800 Meter vorm Ziel, dem ersehnten Rheinorange. Dort erwartet mich die Pulsmesserin. Wir haben das ganze Ding als Team durchgezogen, jetzt laufen wir auch gemeinsam ins Ziel! Wir amüsieren uns beide, ob der kuriosen Situation. Denn ich, mit 160 km in den Beinen, muss das Tempo reduzieren, damit meine Frau auch beim Zieleinlauf noch lächeln kann.

Und dieses Lächeln kriegen wir so schnell nicht mehr aus dem Gesicht, als wir nach 19:21:11 an der reinorange-farbenen Sehnsuchts-Stele angeschlagen haben. Als Drittplazierter darf ich ein kleines Rheinorange fortan mein Eigen nennen.

Pokal, Medaille und Buckle (v.l.n.r.) auf Startbeutel