Montag, 4. Januar 2016

Ratinger Neujahrslauf 2016



Eingequetscht stehe ich in der unruhigen Menschenmenge. Vor mir recken einige die geballte Faust nach oben. Sie bringen damit ihren Unmut zum Ausdruck. So wie ich sind auch sie unzufrieden mit der Situation. Denn die Uhren an ihren emporgestreckten Handgelenken empfangen kein GPS-Signal. Selbst da oben nicht. Meine Fenix 3, die sonst in Sekunden den Sat-Fix bewerkstelligt, schafft es auch in den verbleibenden sieben Minuten bis zum Start des Ratinger Neujahrslaufes nicht, ihre Position zu bestimmen. Zum Glück habe ich vor dem Lauf die Auto-Lap-Funktion ausgeschaltet. Ich will meine Geschwindigkeit anhand der Zwischenzeiten bei den Kilometer-Markierungen bestimmen.
 
Der Bergische Löwe im Nachzielbereich
Unvermittelt knallt der Startschuss. Den letzten schnellen 10er lief ich im April 2015. Seitdem stand Tempotraining nicht ganz so weit oben auf der Prioritätenliste. Doch angesichts der Dreipaarundvierzig, die ich nach dem ersten Kilometer stoppe, denke ich: „Mensch, ich kann’s ja doch noch.“ Wie im Jahr zuvor würde ich gern unter Vierzig Minuten bleiben. Inzwischen hat sich das Feld sortiert. Vor mir klafft eine Lücke. Im Feld davor erkenne ich die Gestalten zweier Läufer aus meiner Leistungsklasse. Da ist zum einen der Triathlet, der im Vorjahr deutlich schneller war als ich, den ich dann aber bei der Winterlaufserie abhängen konnte, und zum anderen der Mann, den ich nicht wegen seiner Statur, sondern aufgrund seiner Rückenbeschriftung heimlich „Jean-Claude Van Damme“ nenne. Ihn konnte ich vor einem Jahr auf diesem Kurs hinter mir lassen. Der Abstand zu den beiden sollte also keinesfalls größer werden.

Bis Kilometer Vier bleiben mir nur die beiden Herren als Marker, denn ich verpasse bis dahin alle Kilometer-Schilder. Als es auf Runde Zwei erneut den langezogenen, leichten Anstieg zu bewältigen gilt, denke ich noch, dass er mir diesmal gar nicht so zu schaffen macht. Dann reisst mich die Fünf-Kilometer-Marke aus meinem schönen Traum. Fünfvierunddreißig! Das kann doch wohl nicht wahr sein! Der Abstand nach vorn ist doch stabil und überholt hat mich auch keiner. Andererseits sind schon über 21 Minuten Laufzeit verstrichen. Ich denke kurz ans Aufgeben, besinne mich wenig später und will wenigstens die Kilometer sammeln. Die Erleichterung kommt bei Kilometer Sechs, wo ich eine Kilometerzeit von Zwei-Irgendwas messe. Vielleicht liegt es an der Enttäuschung über die scheinbar falsch aufgestellten Schilder, dass ich alle weiteren verpasse.
 
Die 5-km-Läufer queren nach dem Start den Marktplatz
Bisher verlief das Rennen ziemlich statisch. Ich wurde kaum überholt und überhole selten. Doch am Beginn der dritten Runde zieht ein Trio aus einer Dame und zwei Herren an mir vorbei. Während ich versuche, an der Gruppe dranzubleiben, kommen wir „Van Damme“ immer näher. Als ich endlich neben ihm bin, höre ich ihn vernehmbar keuchen und nehme dies als Zeichen für zwei Dinge. Erstens scheint von ihm nun keine Gefahr mehr auszugehen. Und zweitens wird es auch für mich langsam mal Zeit, in den Schnappatmungsmodus umzuschalten. 

Die letzte Kurve ist bewältigt. Es geht nun geradeaus hinunter durch die Innenstadt über Kopfsteinpflaster bis ins Ziel. Jetzt trete ich das Gaspedal voll durch. Kick-down! Die Frau und ihre beiden Begleiter bleiben zurück. Wen ich sonst noch überhole, kann ich jetzt im Tunnelblick nicht mehr ausmachen. Doch die blöde Uhr erkenne ich. Sie springt gerade auf Vierzig Minuten um. Der Triathlet geht kurz vor mir durchs Ziel. Auch er bleibt nicht unter Vierzig. Aber ist das ein Trost?

VierzigNullAcht. Dass es neuerdings in Ratingen „Erdinger“ im Ziel gibt, bleibt damit im Moment das einzig Erfreuliche. Doch während ich mit meinem alkoholfreien Weizenbier in der Hand in Richtung Dusche trotte, passiere ich noch einmal die Strecke, wo viele Läufer ihre letzte Runde beginnen. Als mich ein Zuschauer fragt: „Schon fertig oder aufgegeben?“, wird mir klar, dass ich wohl ganz zufrieden sein darf.

Kommentare:

  1. Man nennt das Jammern auf hohen Niveau :-)))
    Ein gesundes neues Jahr wünsche dir und deiner Familie und ich hoffe, auch dieses Jahr viele von deinen Laufabenteuern lesen zu dürfen.
    Und bei dieser katastrophal schlechten 10er Zeit am 1.1. kann das Jahr ja nur besser werden ;-))
    Liebe Grüße
    Helge

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    1. Vielen Dank, Helge! Auch dir ein erfolgreiches, neues, triathletisches Jahr!

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  2. Frohes neues Jahr! Anständig durchgezogen. Und nächstes Jahr bin ich hoffentlich auch mal dabei (vielleicht vergess ichs dann auch ausnahmsweise mal nicht), ist ja in der Nachbarschaft.

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    1. Hallo Oliver, da hast du ja schon mal einen guten Vorsatz für 2017 gefasst ;-)

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  3. So darf das Jahr eindeutig starten :) Eine Top-Zeit und eben jammern auf hohem Niveau!

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    1. Wenn es sonst mit dem hohen Niveau schon nicht klappt, dann wenigstens beim Jammern!

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  4. Nee ne, welch eine Katastrophe, über 40! Das kann ja heiter werden, ich würde sofort alle Pläne für 2016 hinsichtlich der Erwartungshaltung überprüfen...
    (Diese Einleitung bitte genau so ironisch lesen, wie Dein Jammern, dessen hohes Niveau hier schon wiederholt konstatiert wurde, hoffentlich gemeint war).
    Ich würde mal sagen, fulminant ins neue Jahr gestartet, weiter so!
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Na, wenn das Jahr so heiter wird wie deine Beiträge hier, liebe Elke, dann will ich schon zufrieden sein ;-)

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