Donnerstag, 6. Juni 2013

Rennsteiglauf Supermarathon: "Hart, aber schön"



"Hart, aber schön." So lautete der Slogan des Rennsteiglaufes am 25.5.2013. Dass es hart werden würde, war klar. Doch würde es auch schön werden?


Ein Finisher-Shirt gibt es nur für die Läufer, die den Supermarathon über 72,2 km und 1400 Hm beenden. Nachdem ich vor zwei Jahren auf der Marathondistanz, die hier 43,5 km lang ist, unterwegs war, wollte ich mir diesmal das Shirt verdienen.
Für 8 Euro bot das Elisabethgymnasium in Eisenach Übernachtung mit Frühstück an. Dafür bekommt man einen Liegeplatz für Isomatte und Schlafsack und ab 3:30 Uhr zwei Brötchen, Butter, Marmelade, Honig, Käse und Wurst. Solange der Vorrat reichte, gab es noch gratis Äpfel und Schokoriegel dazu. Auch für die Verpflegung am Vorabend ist dort mit Getränken, Obst, Schmalzstulle und Hack-Brötchen gesorgt. Und wer möchte, kann sogar nach dem Lauf noch einmal dort nächtigen. Die Übernachtung selbst war schon ein Erlebnis, teilte ich mir doch u.a. einen Klassenraum mit der Siegerin des Röntgenlaufes 2010 und 2012, Simone Durry, und mit Jürgen Kuhlmey, der als Starter der M75 einiges aus seinem ca. 30-jährigen Läuferleben mit mehr als 300 Marathons auf allen Kontinenten zu berichten hatte.
Um 4 Uhr am nächsten Morgen gab es noch keine Schlangen beim Frühstück und im Sanitärtrakt, obwohl das Objekt ausgebucht war. So konnte ich entspannt den kostenlosen Shuttlebus um 5 Uhr zum Start am Marktplatz erreichen. Dort lief alles sachlich nüchtern ab. Kein Vergleich zu der Party beim Marathonstart in Neuhaus mit Kapelle, Rennsteiglied und Schunkeln zum Schneewalzer! Morgens um 6 Uhr in der Innenstadt ist wohl eher Ruhe geboten. Sehenswert im Startblock waren die Schuhe eines Rennsteigveteranen. Während ein uralter Filzhut mit Rennsteiglauf-Logo seinen Kopf zierte, trug er an den Füßen Tracking-Sandalen. Der Chip war mit Paketschnur angeknotet. So laufe er seit 15 Jahren. Man solle es nur auch einmal probieren. Mancher der Umstehenden witterte hier einen neuen Trend in der Laufszene. Auch unterwegs waren immer wieder alte Rennsteig-Haudegen zu sehen, die die Anzahl ihrer Starts auf ihrem Shirt vermerkt hatten. Einer davon blieb auch am steilen Anstieg zum Inselsberg-Gipfel im Laufschritt und meinte: "Jetzt bin ich hier 38 mal hochgelaufen, da laufe ich auch beim 39. Mal, selbst wenn ich dabei langsamer als mancher Geher bin."
An den Bergen zählte auch ich zu den Gehern. Die Verpflegung nahm ich ebenfalls jeweils im Gehen auf, machte an den Verpflegungsstellen aber keine Pausen. Denn nur eine Minute an jeder Versorgungsstelle bedeutete in Summe den Verlust einer Viertelstunde auf die Gesamtzeit. Zu Zeitverlusten kam es gleich zu Beginn, als das dichte Feld immer wieder zum Stehen und Gehen kam. Weiter vorn wurde die Ursache klar. Die Wege waren teilweise voller Schlamm und Matsch, durch den einige Läufer nicht hindurch wollten. Damit reduzierte sich die genutzte Wegbreite auf ca. ein Drittel, und es kam zum Stau. Aber man konnte prima überholen, wenn man einfach durch die Pfützen und den Matsch durchlief. Da ich bei der Harzquerung in der Beziehung stark abgehärtet wurde, konnte ich mich auf diese Weise etwa ab km 5 freilaufen.
Vielleicht war ich die Vorbereitungsläufe "Kyffhäuser Berglauf" und "Harzquerung" zu schnell gelaufen. Auf jeden Fall taten mir schon bei der Hälfte der Strecke die Beine weh. Damit lagen dann 4 Stunden Zähnezusammenbeißen vor mir. Nach dem Lauf hatte ich regelrecht Zahnschmerzen davon. In den hohen 50er Kilometern waren etwa 6 Stunden vergangen, da stieß ich auf einen Begleiter, der meinte, es seien ja nur noch 2 Stunden. Das war tatsächlich tröstlich. Es ist eben alles relativ.
Irgendwann war der höchste Punkt der Strecke mit 973 m erreicht. Dort lagen noch ein paar Schneereste der letzten Nacht und ich war froh über meine Jacke und zog auch die Handschuhe wieder an. Ab jetzt ging es abwärts, und das von mir am schnellsten gelaufene Teilstück, auch wenn es sich anders anfühlte, sollte folgen. Mein Idealziel, unter 8 Stunden zu bleiben, schien nun realistisch erreichbar. Und das spornte an. Kurz vor der Verpflegungsstelle bei km 64 überholte ich ein Trüppchen. Und einer der Läufer fragte mich mit Angst in der Stimme, ob es denn noch einmal bergauf gehe. Das wusste ich auch nicht, hoffte jedoch inständig, dass es nicht der Fall sein möge. (Inzwischen weiß ich es besser.) Jetzt war jeder km beschildert. Aber es dauerte eine Weile bis meinem blutleeren Hirn dämmerte, dass man hier nicht einfach die letzten 20 km ausgeschildert hatte, sondern dass es sich um die Markierung des Halbmarathons handelte. Es waren also noch 1,1 km mehr bis ins Ziel, und ich hatte meine Zeitrechnung zu korrigieren. Es war Eile geboten! An den letzten Steigungen gönnte ich mir kein Gehen mehr. Auf der gemeinsamen Zielgeraden von Marathon und Supermarathon konnte ich sogar noch ein paar Finisher des Marathons überholen, bevor ich völlig fertig nach knapp 8 Stunden die letzte Matte passierte.
Jetzt wollte ich nur eins: mein Finisher-Shirt. Auf dem Weg zur Ausgabe kam ich an einem Container vorbei, in dem gelangweilte Physiotherapie-Lehrlinge auf Kundschaft warteten. Spontan änderte ich die Richtung und legte mich auf die Pritsche, wobei ich die Suggestiv-Frage, ob ich nicht erst Duschen wolle, einfach verneinte. Und so bekamen meine schlammigen Waden eine Massage mit sehr frischem und ganz natürlichem Peeling. Nach dieser Wohltat war ich so ausgekühlt, dass meine Zähne aufeinanderschlugen. Das Shirt musste also nochmals warten. Ich schleppte mich zähneklappernd zur Gepäckwiese, wo Kleiderbeutel und anderes Gepäck im Gras lagen. In diesem Jahr waren die Behältnisse von oben trocken geblieben. Aber durch den Regen der Vortage liefen schlammige Rinnsale quer über die abschüssige Wiese und mitten durchs Gepäck. Mein Rucksack war zum Glück nur am Boden etwas schmutzig geworden und ich konnte einen wärmenden Pullover hervorzerren. Als ich später geduscht und dick angezogen mein Finisher-Shirt in Empfang nahm, hielt ich es mir prüfend vor den Körper. Daraufhin riet mir eine Läuferin mit Nachdruck, es besser richtig anzuprobieren: “Jetzt hast du dir die Seele aus dem Leib gelaufen. Wenn das Shirt nicht passt, ärgerst du dich dein Leben lang!” Das wollte ich natürlich nicht riskieren. Also entpellte ich mich noch einmal. Das Shirt saß wie angegossen und wurde an dem Tag nicht mehr ausgezogen!

mehr lesen: Rennsteiglaufvorbereitung Teil 1: Kyffhäuser Berglauf

Kommentare:

  1. Glückwunsch zu dem Finisher eines wohl einizgartigen Laufes!

    Vielleicht laufe ich ihn in den nächsten Jahren auch mal

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