Mittwoch, 7. September 2016

Kö-Lauf Düsseldorf - Halbmarathon auf der Kö

Früher hieß er Kö-Lauf und war maximal 10 km lang. In diesem Jahr findet zum ersten Mal auch ein Halbmarathon statt, was zu einem neuen Namen und dem verwirrenden Hinweis auf der Veranstalter-Seite führt: "Der Stadtwerke Düsseldorf Halbmarathon auf der Kö feiert am Sonntag den 4. September seine 29. Auflage." Ob erstes oder 29. Mal, das Schönste an dem Lauf ist für mich die Nachmeldung.

Das Ziel ist nicht das Ziel
Nur am Vortag und nur auf der Kö (also der Düsseldorfer Königsallee) ist eine nachträgliche Registrierung möglich, wenn man, wie ich, die Anmeldefrist versäumt hat. Bei Sommerurlaubswetter trete ich zu einem 30-km-Lauf heraus, dessen Wendepunkt das Nachmeldebüro inmitten Düsseldorfs teurer Pracht- und Flaniermeile bilden wird. Man hat dort einen Zielbogen errichtet. Ich übe gleich mal das Durchlaufen in Jubelpose. Zu früh gefreut. Das ist der falsche Bogen. Hier endet eine Oldtimer-Rallye. Oldtimer? Passt ja doch irgendwie. Musste ich mir neulich doch anhören, dass es in meinem Alter ja nun langsam mit dem Höher-Schneller-Weiter vorbei sei. Ein Omen für den morgigen Lauf?

Oldtimerrennen auf der Kö - auch schon am Vortag
Völlig verschwitzt mische ich mich ins samstägliche Getümmel der edlen Kö-Galerie. Der Weg zur Nachmeldung führt durch die Reihen der Sitzplätze eines hochpreisigen, italienischen Restaurants, wo Einkäufer in feinem Zwirn ihre Mahlzeit genießen wollen. Statt von Pastaduft werden sie von meinen Ausdünstungen umwölkt. Entsprechende Blicke ernte ich. Derart abgehärtet setze ich auf dem Rückweg noch einen drauf und kehre beim Veganer ein. Immerhin belege ich  rücksichtsvoll einen Platz im Freien, wo ich erwartungsgemäß allein am Tisch bleibe.

Veganes Loading ohne Carbo
Am Wettkampftag reise ich doch lieber nicht zu Fuß an, sondern nehme das Fahrrad. Das Wetter, das gestern noch der bayrischen Landesfahne zu aller Ehre gereicht hätte, ist über Nacht umgeschlagen. Einem Starkregenschauer gefällt es, genau auf meiner Route hernieder zu gehen. Dank Goretex bleiben Leib und Füße trocken. Nur das Höschen ist schon vorm Start feucht.

Die Kollegen vom TuS Lintorf, die den Zehner schon hinter sich haben, raten zu einer Aufstellung in der vierten Reihe, da anderenfalls ob des Gedränges auf dem engen Kurs keine 1:30er Zeit zu laufen sei. Mein letzter Halbmarathonstart ist lange her. Im November 2014 hatte ich mit einer persönlichen Bestzeit von 1:26:05 die Latte so hoch gelegt, dass ich unterbewusst wohl bisher ein erneutes Antreten auf dieser Distanz gescheut habe. Heute, erst seit zwei Wochen wieder im Training, muss ich froh sein, wenn ich überhaupt die 1:30 schaffe. Somit folge ich dem Aufstell-Tipp.

Beinahe könnte ich den eingekauften Kenianern, die mit Bestzeiten von 1:01 und 1:02 gemeldet haben, von hinten auf die Schulter fassen. Ich komme mir etwas deplatziert vor. Doch mit dem Startschuss stellt sich heraus, dass die Stelle optimal war. Es ist kaum Bewegung im Feld, von Gedränge keine Spur. Auf eine 1,1-km-Einführungs-Kö-Runde folgen vier 5-km-Schleifen, die neben der Königsallee auch den neuen Kö-Bogen und die angrenzenden Parks beinhalten. Außer Asphalt werden den Startern auch Parkwege, Pfützen, rechte Winkel und leichtes Auf-und-Ab geboten. Mir gefällt's, war ich doch beim bisherigen, ausschließlich auf der namensgebenden Straße stattfindenden Kö-Lauf wegen des Gerangels auf der kleinen Runde kein zweites Mal gestartet.

Nach planmäßig absolvierten ersten Kilometern passiere ich erneut den Einheizer am Ende der Königsallee. Mit mächtigen Bässen verleiht Bonnie Tyler ihrem Bedürfnis Nachdruck: "I need a hero!" "Ja, ja, Bonnie, ich komm' ja schon!" Mir geht es durch und durch. Und dann geht es mit mir durch. Ganz unerwartet zeiht es mich in ein Läuferhoch. Mit Gänsehaut und feuchten Augen fliege ich um die Ecke. Ich will nur noch laufen, laufen. Ungestüm fange ich an zu überholen, bis die Wirkung meiner Droge plötzlich nachlässt. 4:03 min für diesen Kilometer war wohl etwas schnell. Aber allein diese paar Momente voller Glückseligkeit waren die 35 Euro Startgebühr wert.

Von  nun an geht es nur noch bergab. Der Mut sinkt, während die Pace steigt. Immerhin - der treue Leser wird sie schon vermisst haben - die obligatorische Frau wird noch überholt. Später stellt sich heraus, dass es die Drittplatzierte war.

Ich höre Pfiffe. Werde ich für meine miserable Leistung auch noch ausgepfiffen? Nein, von hinten naht der Führungs-Radler und pfeift eine Gasse für den Sieger herbei. Dabei hätte es gar keiner zusätzlichen akustischen Signale bedurft. Schlabbernd und schmatzend lässt sich der platte Vorderreifen vernehmen, den der bedauernswerte Offizielle über den Kurs quält. Im Gegensatz zu mir darf sich der arme Mann kein Schwächeln erlauben und muss schneller als der Führende bleiben! Seltsamerweise nehmen der Radler und die beiden Kenianer den Parallelweg ein Beet weiter, während das Feld vom Streckenposten die Abkürzung geschickt wird.

Vor mir läuft Guido Gallenkamp, der mit dem "Zuckerspiel" selbst einen Halbmarathon organisert. Er applaudiert dem schnellen Afrikaner, als ihn dieser überholt. Er applaudiert dem Zweitplatzierten, als dieser ihn überholt. Dann überhole ich ihn. Und er applaudiert mir! Ja, Dritter wäre ich gern. Seinen kleinen Irrtum überspiele ich mit den Worten: "Dein Zuckerspiel habe ich auch noch auf der Liste!" 

Im Weiterlaufen werden mir zwei Dinge klar. Wenn ich so munter plaudern kann, agiere ich offenbar nicht am Limit, wie es sich für einen Wettkampf gehören würde. Und zweitens fällt mir ein, dass  Guido auch den WHEW veranstaltet, einen 100-km-Lauf, der noch viel weiter oben auf meiner Liste steht.

Viele Kilometer und noch mehr negative Gedanken später - es muss so um die 18er-Marke herum sein - ruft es an meiner Seite: "Plötzliche Wiederauferstehung, mein Freund!". Es ist Guido, der sich hier zu einem Endspurt anschickt. "Nimm mich mit!", fordere ich ihn auf. Mein Kampfgeist ist wieder geweckt. Alles nur Kopfsache! Gemeinsam bahnen wir uns einen Weg durch die Überrundeten, und ich finde mich auf einmal vor meinem Motivator wieder. Seiner Schritte hinter mir gewiss, zeigt die Uhr noch drei anständige Zwischenzeiten, bevor wir kurz nacheinander den Wettkampf beenden.

Erdinger alkoholfrei, Aggregatzustand: fest
Nach glatten 1:32 im Ziel, überrascht dort die Firma Erdinger mit einem Bier-Riegel. Offenbar sind die Bayern fest entschlossen, die Zielversorgung komplett an sich zu reißen. Wann kommt die Erdinger-Banane?

Kommentare:

  1. So n Halbmarathon geht eben immer. Im Zweifel auch mit Vollgas und trotzdem mit Genuß! :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Muss ich wohl öfter mal wieder machen.

      Löschen
  2. Genau so muss es laufen! Als Oldtimer die Ziellinienüberquerung proben, als Rakete durchstarten, mit phasenweise feuchtem Höschen und ebensolchen Augen ein Runner's High mitnehmen, das obligatorische Röcken überholen und obendrein schonmal vorab Applaus einheimsen :-)
    Welch ein Lauf! Glückwunsch!
    Liebe Grüße
    Elke

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, Elke! Mit dem "Oldtimer" muss ich mich aber erst noch arrangieren ;-)

      Löschen
  3. :-))))
    Göttlich deine Beschreibung des Laufes. Da ist ja wieder alles dabei. Sogar Bier zum Essen.
    Und Bonnie Tyler bekommt endlich ihren Hero und das auch noch mit feuchten Höschen :-)))
    Glückwunsch :-)
    Liebe Grüße
    Helge

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das Bier ist trocken, dafür ist das Höschen feucht.
      Danke, Helge!

      Löschen