Freitag, 20. November 2015

14 Minuten



Wie hoch ist das Jahreseinkommen eines Lauf-Profis? Und wie sieht das Wettkampf-Frühstück für eine Bestzeit aus? Neben tiefen Einsichten in die Psyche eines Hochleistungssportler liefert die Autobiographie von Alberto Salazar „14 Minuten“ auch Anworten auf solche Fragen. Ein Beispiel: Welche zwei Grundvoraussetzungen muss ein guter Marathonläufer mitbringen? „Den Willen und die Fähigkeit zu leiden.

Es sind nicht seine außergewöhnlichen Lauferfolge in den 1980er Jahren, die Salazar dazu bewegen, ein Buch zu schreiben. Erst ein 14-minütiges Herzversagen, das er entgegen jeder Wahrscheinlichkeit überlebt, lässt ihn auf seine Karriere zurückblicken. Den Grund für seine Gesundheitsprobleme sieht er nachträglich in seiner übertriebenen Trainingshärte. Selbstzerstörerisches Tun findet er auch bei einigen seiner Ahnen, die ihrem inneren Antrieb folgend und wider besseres Wissen in den Tod gingen. So sieht er sich in deren Tradition handelnd, wenn er gegen den Schmerz, mit dem Schmerz, in den Schmerz hinein läuft. Der Schmerz wird sein Freund.

Läufer ... lernen, sich dieser Schmerzgrenze immer weiter zu nähern und sie zu überschreiten. Im Laufe der Jahre lernt man sogar, sie willkommen zu heißen und kann schließlich nicht mehr ohne sie leben. Was man einst als sein äußerstes Limit angesehen hatte, wird ab sofort zur Normalität. ... Alles, an das man denken kann, ist wieder an diese Grenze zu gehen und einen weiteren Schritt über sie hinaus zu wagen. Man bewegt sich aus purer Willenskraft. Diese Grenzerfahrungen machen einen süchtig und sind außerordentlich gefährlich.“

Salazar, der schon früh mit dem Tod in Berührung kommt, hält sich für unsterblich und unbesiegbar. Tatsächlich gelingen ihm mit dieser Einstellung Weltrekorde und drei Marathons von Weltklasse. Allein die spannende Schilderung dieser großen Läufe und seiner Gedanken unterwegs – quasi ein nachträglicher Laufblog – machen das Buch zur lohnenden Lektüre. Bei seinem New York Marathon bin ich auf diese Weise mitgelaufen und habe im Ziel mit den Tränen gekämpft. So etwas muss ein Buch erstmal schaffen. Da sieht man es dem Autor auch nach, dass er aller paar Seiten seinen ehemaligen Sponsor und jetzigen Arbeitgeber in den Himmel hebt. Die zweite Hälfte des Buches handelt von seiner Tätigkeit als Team-Trainer für eben diesen Laufbekleidungshersteller.

Man kann einem Läufer fast jede Eigenschaft oder Fähigkeit antrainieren, nicht aber innere Stärke.“

Dieser Teil scheint mir angesichts der aktuelleren Dopinganschuldigungen und Zerwürfnisse im Team nicht so relevant. Daher habe ich ihn übersprungen. Der Wert des Buches liegt für mich stattdessen in Sätzen wie diesen:

Der Schmerz beim Langstreckenlauf tritt eher in Form einer allumfassenden Erschöpfung des gesamten Körpers auf. Der Wille fließt geradezu aus einem heraus; jede Faser fordert, stehenzubleiben. Die eigenen Gedanken trüben sich ein. Die Welt wird neblig. Man ist knapp davor aufzugeben, den Kampf zu beenden und einfach unterzugehen.

Und vielleicht gibt man auch wirklich auf – für einen kurzen Augenblick – gerade lange genug, um den Geschmack des Glücks und des Horrors einer Aufgabe zu erfahren. Doch dann macht man einen weiteren Schritt, und es wird einem klar, dass der Punkt totaler Erschöpfung und Kapitulation, an dem man sich schon wähnte, in Wahrheit doch noch eine Meile weiter vorne liegt. Man erkennt, dass es in Ordnung ist, sich schrecklich zu fühlen – schrecklich wird das neue normal.“

Bei seiner Nahtoderfahrung sieht Salazar nicht das oft beschriebene helle Licht. Das führt der tiefreligiöse Mann, der sich zu einem gewissen Grad als Auserwählter zu begreifen scheint, darauf zurück, dass er sein ganzes Leben bereits in eben diesem Licht verbringen durfte. Wesentlich mehr kann man wohl nicht erreichen, wenn man ein solches Resümee des eigenen Lebens ziehen darf.

14 Minuten, Alberto Salazar, Sportweltverlag 2015


Ein Rezensionsexemplar dieses Buches wurde mir vom Sportweltverlag kostenlos zur Verfügung gestellt.




Kommentare:

  1. "Süchtig und gefährlich zugleich" - da scheinen ja vielfältige Erfahrungen verarbeitet. Ist es nicht schwierig, bei einem Autor mit einem heute gewissen zwiespältigen Ruf sich ein Urteil zu bilden? Oder weiß man, was man glauben darf, oder was nicht? Aber ok, seine Lauferfahrungen aus den guten Zeiten sind sicherlich spannend.
    Und, welches Fazit ziehst Du daraus?
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Hallo Elke, mich hat vor allem die Schilderung seiner Gedanken und Gefühle über das Laufen und während des Laufens fasziniert.

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  2. Den letzten Satz finde ich ungeheuer berührend. Und wenn mein Antrag auf 48-Stunden-Tag endlich durch ist, werd' ich mir das Buch auf jeden Fall zu Gemüte führen. Momentan ist der To-Read-Stapel noch so lang ;)

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    1. Ich hab gleich nochmal nachgeschaut, welchen Satz ich da zitiert habe. Aber nein, der ist ja von mir. Danke!

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