Dienstag, 31. Mai 2016

Rheinsteigextremlauf 2016

Rheinsteigextremlauf - was für ein Name! Wer möchte sich da nicht mit einem Finish brüsten, um sich fortan Extremläufer nennen zu dürfen? Nach der inoffiziellen Austragung von 2014 will ich mir heute das "echte" Extrem-Attribut verleihen lassen. Angesichts der überschaubaren Streckenlänge von 35 Kilometern scheint mir der Lauf für einen ersten Sehnentest unter Wettkampfbedingungen geeignet - mein läuferisches Comeback! Allerdings ist die Distanz mit reichlich Höhenmetern ausgestattet. 1250 sind es ihrer an der Zahl. Irgendwo muss das Extrem ja auch herkommen.

Das Ziel am Freibad auf der Rheininsel Grafenwerth soll die Familie zu einem Ausflug ins Siebengebirge locken. Doch als die Kinder hören, wann sie aufstehen müssten, heißt es: "Drachenfels? Da waren wir doch schon!" Immerhin begleitet mich die Pulsmesserin, um während meines Laufs ihre Bahnen im Schwimmbad zu ziehen (und meine Abholung im Ziel dieses Streckenlaufs zu sichern).

Ziel-Schwimmbad mit Blick zum Drachenfels

Nach dem Start am Rheinufer verhindern nach wenigen Hundert Metern die Bonner Verkehrsbetriebe ein zu schnelles Loslaufen. Sie gönnen uns eine Ruhepause an den geschlossenen Schranken eines Bahnübergangs. Nur das Spitzenfeld hat den Fahrplan eingehalten und diese Schikane bereits passiert.

Ungefähr nach zwei Kilometern geht es in die Hügel des Siebengebirges. Eine Treppe zwingt zu den ersten Gehschritten. Der befürchtete Stau bleibt hier aber aus. Und dann gerate ich in den Zweikampf der Damen um Platz Zwei und Drei. Gemeinsam mit der Drittplatzierten ziehe ich an der bis dahin Zweiten vorbei. Doch meine heimliche Pacemakerin schnürt so konstant die Berge hoch, dass ich sie ziehen lassen muss, wenn ich ein paar Reserven für die noch ausstehenden 1000 Höhenmeter behalten will.

Am Petersberg wird es so steil, dass ich wieder Gehen muss. Hier gibt es zwei Überraschungen. Meine "Pacemakerin" kommt wieder in Sichtweite. Sie geht nur ein paar Schritte vor mir. Und wie ich ihr gerade so auf die Pelle rücke, tönt die zweite Überraschung von hinten. "Darf ich mal kurz vorbei?", fragte die Drittplatzierte, die diesen steilen Single-Trail im Laufschritt nimmt.

Obwohl der "VauPe" auf dem Gipfel standesgemäß vor dem ehemaligen Gästehaus der Bundesrepublik aufgebaut ist und auch entsprechende Köstlichkeiten (Melone, Ananas) feilbietet, verpflege ich nur kurz und lasse damit die beiden Damen endgültig hinter mir.

Blick vom Drachenfels (Archiv)
Das nächste Mal zwingt mich, wie erwartet, der Drachenfels zum Gehen. Ein Zuschauer teilt mir mit, dass ich 19 Minuten Rückstand auf die Spitze habe. Aber was soll unsereiner mit so einer Information anfangen?  Das Erreichen des Hochplateaus ist nicht nur wegen des anstrengenden Aufstiegs atemberaubend. Die Aussicht auf den Rhein und die Insel möchten einen fast verweilen lassen, wäre man nicht schon mehrfach hier gewesen. An der letzten Schutzhütte hatte ich einen Läufer überholt, der erstmal den Rucksack abnahm, um zu rasten. So sollte man es eigentlich halten. Immerhin lasse ich kurz den Blick schweifen. Dafür greife ich die nächste Melonenscheibe am Gipfel-VP nur im Weiterlaufen, so dass mich der am Abstieg lauernde Fotograf kauend erwischt. "Mit vollem Mund zu laufen ist erlaubt, aber Sagen darfst du nichts!" Nach einem  Plausch steht mir ohnehin gerade nicht der Sinn.

Frohgemut widme ich mich dem Abstieg, denn beim vorbereitenden Lesen des Höhenprofils war mir ein schwerer Fehler unterlaufen. Ich hatte mir eingeprägt, dass nach dem Drachenfels alle nennenswerten Anstiege bewältigt seien. Irgendwie kommen mir bereits Zweifel, da erst etwa die Hälfte der Strecke gelaufen ist. Ein Mitläufer demoralisiert mich mit der Botschaft, dass noch die Löwenburg ihrer Bezwingung harre. Die höchste Erhebung war mir völlig durchgegangen!

Höhenprofil RHEX

Und so wird es doch noch schwer für mich. Weitere Gehpassagen müssen eingeschoben werden, sogar an Segmenten, die ich unter anderen Umständen als eher nicht so steil eingestuft hätte. Obwohl ich noch einige Male überhole, werde ich ab jetzt von drei oder vier Läufern, die sich ihre Kräfte weit besser eingeteilt haben (oder schlicht mehr davon besitzen), regelrecht abgehängt.
Rhine-Island-Big-Band
Man kennt es von der Marathonendphase. Jetzt beginnt bei jedem Kilometerschild diese Rechnerei. Ach, noch x Kilometer. Ein sub-Irgendwas ist aber noch drin. Ich hatte mir heute ein Finish unter 3:30 vorgenommen. Das wird auf jeden Fall klappen. Die Hochrechnungen schwanken zwischen 3:26 und 3:22. Auf dem letzten Kilometer scheint dann sogar ganz kurz eine sub 3:20 möglich. Wäre da nicht noch die steile Fußgängerbrücke zur Insel!

Letztlich werde ich nach 3:20:51 mit Pauken und Trompeten im Ziel empfangen. Denn dort spielt die Rhine-Island-Big-Band auf. Da hat Organisator Oliver Witzke wieder ordentlich was auf die Beine gestellt. Er fungiert auch als Moderator und empfängt mich als "messerscharfen Blogger, der immer schöne Laufberichte schreibt". Na, da kann man doch zufrieden die Partystimmung am Grill genießen und mal in Ruhe die ganze Palette der kostenlos gereichten, alkoholfreien Krombacher Biersorten durchprobieren.

Zielparty auf der Rheininsel




Donnerstag, 12. Mai 2016

Glück im Unglück

Mein Arsch ist im Arsch. Die Handballen sind taub, der Nacken steif. Länger als drei Stunden halte ich es einfach noch nicht auf einem Fahrradsattel aus. Doch warum fährt der Kerl plötzlich exzessiv Rad?

Schmerzen im Schienbein


Seit einem harten Intervall-Training Mitte April muckert das rechte Schienbein. Und der Düsseldorf-Marathon ein paar Tage später hat die Situation nicht unbedingt verbessert. Nachdem das Internet leer gegoogelt war, hatte ich meinen Orthopäden-Titel in der Tasche (Dr. med. Rasen) und stellte meine Diagnose: Sehnenscheidenentzündung - offenbar eine Überlastungserscheinung.

Die Symptome passten recht eindeutig zu den Beschreibungen in der Literatur:
  • Schwellung
  • Erwärmung
  • Schmerz, besonders beim Hochziehen der Zehen
  • "Schneeballknirschen" (man fühlt ein Knarzen in der Sehne, wenn man die Hand auflegt)
Die im Web prognostizierten Aussichten sind recht Furcht einflößend. Der Schmerz würde immer stärker, bis man letztendlich nicht einmal mehr gehen könne. Sei das Ganze erst chronisch geworden, dauere die Heilung besonders lang. Noch schlimmer, jeder erneute Lauf würde dann den Schmerz wieder hervorrufen. Und Schneeballknirschen sei bereits das Zeichen einer chronischen Entzündung. Angst!

Als Therapie verordnete ich mir daher:
  • Laufpause
  • Kühlen
  • Voltaren-Salbe 
  • Voltaren 25 -Tabletten als Entzündungshemmer
Laufpause - immerhin an der Ruhr

Die abgeschwächte Version der Voltaren-Tabletten ist rezeptfrei erhältlich. Eine Erhöhung der Dosis sollte das stärkere Präparat meiner Meinung nach emulieren können. Mehr als drei Stück am Tag erlaubt der Beipackzettel eigentlich nicht. Der Apotheker schien aber erfahren im Umgang mit entzündungsgeplagten Sportlern: "Nehm' Se nicht mehr als sechs ...".

Bangen und Hoffen


Es folgten Tage voller Zweifel. Nachts war es auch nicht besser. Mit der eisigen Kompresse am Bein und dauerndem Für und Wider im Kopf lag ich wach. Kurz gesagt, war da einerseits die Hoffnung auf eine rechtzeitige Genesung bis zur TorTour de Ruhr. Dem gegenüber stand die Sorge, ob es vernünftig wäre, ein (hoffentlich) gerade von Überlastung genesenes Körperteil als erste Maßnahme 24 Stunden lang zu schinden?

Und wie sollte ich mich überhaupt fit halten? So kam das eingangs erwähnte Alternativtraining auf dem Fahrrad zustande. Dass ich sogar im Schwimmbad war, zeigt wahrscheinlich das ganze Maß meiner Verzweiflung!

Die Entscheidung

 

Fünf Tage vor der TorTour schien es mir Zeit für eine Entscheidung zu sein, um einem Kandidaten von der Warteliste noch eine Chance auf Teilnahme zu geben.

Die Laufpause hatte mir drastisch vor Augen geführt, welch wichtiger Eckpfeiler meines Lebens plötzlich weggebrochen war. Genau diesen Eckpfeiler wollte ich dauerhaft sanieren, um ihn langfristig bis ins hohe Alter zu erhalten. In diesem historischen Lichte betrachtet, erschien ein einzelner abgesagter Lauf als relativ überschaubares Übel. Während eine Teilnahme das Risiko einer irreparablen Schädigung des Eckpfeilers oder besonders langer Reparaturmaßnahmen bedeuten könnte.

Den letzten Tropfen, den es noch brauchte, um mein Entscheidungsfass überlaufen zu lassen, lieferte ausgerechnet der Veranstalter selbst mit seinem finalen Newsletter. Darin wurde noch einmal darauf aufmerksam gemacht, dass es sich um einen reinen Selbstversorgerlauf handelt, den es mithilfe der eigenen Crew zu bewältigen gilt. Da der Radweg immer beschildert ist, und meine Einmann-Crew mir ihre ewige Gefolgschaft gelobt habt, könnte ich den Lauf - so redete ich mir ein - jederzeit privat nachholen.

Obwohl meine Therapie schon deutliche Erfolge zeigte, wuchs ich über mich hinaus und tat, was vernünftig schien. Ich sagte meine TorTour-Teilnahme ab.

(Rad-)Weg ins Glück


Offenbar fand mein tapferer Entschluss die Aufmerksamkeit einer höheren Macht. Als ich wieder wacker in die Alternativtrainings-Pedale trat, hatte man mir etwas in den Weg gelegt. Nein, diesmal keine Steine. Es war ein 20-Euro-Schein!

Schnöder Mammon oder Wink des Schicksals?


Ein Wink des Schicksals! Die Bestätigung meiner Entscheidung! Der Beginn einer neuen Glückssträhne! Ja, ja, so will ich es interpretieren!

Da wird mein Hintern wohl noch eine Weile zu leiden haben, wenn ich jetzt weiter brav meine Radrunden drehe.


Dienstag, 26. April 2016

Düsseldorf Marathon 2016

Schneidend kalter Wind bläst vom Rhein ins Starterfeld. Der Temperatursturz auf drei Grad wird den Bestzeitenjägern entgegenkommen. Üblich waren in den Vorjahren urplötzlich auf sommerliche Werte gestiegene Temperaturen, die so manchen Bestzeitentraum über Nacht platzen ließen. Auch ich war schon dreimal davon betroffen.

Kein Strandwetter in Düsseldorf

Heute steht für mich jedoch nur ein letzter langer Tempolauf vor der TorTour auf dem Plan. Würde ich der Vernunft gehorchen, müsste ich ihn ausfallen lassen. In der Vorwoche hatte ich mir eine Verletzung zugezogen. Die spontan eingeschobene Intervalleinheit im Stadion war mein Körper nach den vielen ruhigen, langen Wald-Läufen wohl nicht mehr gewohnt. Er reagierte mit einem geschwollenen, schmerzenden rechten Schienbein.

Ein paar Tage Laufpause hatten eine minimale Besserung gebracht. Obwohl die Symptome laut ängstlicher Googelei für ein Schienbeinkantensyndrom oder sogar für einen drohenden Ermüdungsbruch stehen könnten, habe ich mich zum Start entschlossen. Wie bei den anderen in diesem Jahr gelaufenen Marathons soll eine Zeit um 3:30 dabei herauskommen.



Rolls Royce - gut getarnt am Streckenrand


Bei den großen Straßenläufen sortiert sich das Feld recht schnell, und man ist in "seiner" Gruppe unterwegs. So ergibt sich noch in den einstelligen Kilometern ein Kontakt zu Dennis, der durch sein TorTour-Buff auffällt. Wie sich herausstellt, trägt er es nicht etwa als Ausweis erbrachter Leistungen, sondern als Motivation für die erstmalige Teilnahme über 100 Meilen. Da haben sich zwei gefunden!

In gemeinsamer Plauderei fliegen die Kilometer nur so vorbei. Ich lasse mich von seinem 4:50er Tempo mitreißen. Als ich meine Freude über einen schnellen Hasen zum Ausdruck bringe, erwidert dieser verblüfft: "Und ich dachte, Du ziehst!"

Das Wechselspiel von Gegenwind und windstillen, sonnigen Abschnitten hat die Kleiderwahl heute zur Glückssache werden lassen. Mit kurzer Hose, Langarmhemd, Mütze und Handschuhen glaube ich zunächst, zu warm angezogen zu sein. Als es dann zu regnen und zu hageln beginnt, freue ich mich. Bestätigt dieses Wetter doch die Richtigkeit meiner Kleiderwahl!

Spärlicher Bekleidete sind offenbar mit Leidensmiene unterwegs. Ihnen gilt wohl der Ruf vom Streckenrand: "Lächeln! Das macht Spaß!" Da ich nicht am Limit laufe, kann ich der Aufforderung ohne Weiteres nachkommen. Und trotzdem staune ich, wie unerwartet viel Kraft es mich kostet, das einmal angeschlagene Tempo bis ins Ziel zu bringen. Gefühlt laufe ich die zweite Hälfte sogar schneller. Tatsächlich dauert sie aber vier Sekunden länger. Na gut, von einem Einbruch muss man da wohl noch nicht sprechen.


Hoch das Bein - Cheerleader am Zieleinlauf


Nicht nur vom Einbruch, auch vom Ermüdungsbruch bleibe ich verschont. Dennoch meldet das Schienbein permanent seine Anwesenheit. Gegen Ende zieht es im ganzen rechten Bein. Vermutlich sind unbewusste Ausgleichsbewegungen die Ursache. Eine Laufpause bis zum Pfingst-Ultra scheint angebracht. Auch den Endspurt lasse ich ausfallen, wodurch ich genügend Luft habe, meiner am Zieleinlauf anfeuernden Frau ein "Bis gleich!" zuzurufen. Wir sind im Anschluss zur Finisher-Party des Hauptsponsors eingeladen, um dort unsere Kohlenhydratspeicher aufzufüllen.

Zur Feier möchte ich nach dem Finish in 3:21:04 natürlich frisch geduscht erscheinen. Während meine Frau im Staffelziel die Wahl zwischen Schwall- und Regenwalddusche hatte, lässt sich in meinem Dusch-Container noch nicht mal die Wassertemperatur regeln. Ist eiskaltes Wasser im Ziel sonst keine Besonderheit, so wird man hier regelrecht heiß gedampfstrahlt. Marathon ist eben nur was für die ganz Abgebrühten. Dass sich die Umkleide unterm weiten Firmament befindet, passt in dieses Bild. Ein anderer Waschwilliger, der seine unter freiem Himmel abgelegten Sachen gegen den Sturm zu sichern trachtet, spricht das Schlusswort des heutigen Wettkampftages: "Zum Laufen waren die niedrigen Temperaturen ja ganz angenehm, aber nicht zum Umziehen im Freien!"

Die Staffelmedaillen lassen sich als Puzzle zusammenlegen

Montag, 11. April 2016

100 km "Rund um Solingen"

Wer trifft sich bei zwei Grad Celsius morgens um fünf Uhr im Freibad? Richtig, die Ultraläufer.

Im Freibad Ittertal beginnt der Freundschaftslauf "Rund um Solingen". Die siebzehn 100-km-Läufer werden die Route zweimal ablaufen. Damit es ihnen nicht langweilig wird, werden sie jedes Mal von einem frischen Trupp an 50-km-Läufern begleitet. Zur Vermeidung eines Drehwurms wird die zweite Rotation in die Gegenrichtung gelaufen.

Die Startgebühr fällt mit 25 Euro für 100 km sehr moderat aus, verdoppelt sich für mich jedoch ganz plötzlich bei der Anfahrt. Am steilen, kurvigen Abhang ins Ittertal weckt mich ein grell-rotes Blitzlicht aus meinem frühmorgendlichen Tran. Das Ordnungsamt verdient heute Morgen recht gut in dieser Dreißigerzone, bekennen doch etliche Mitläufer, ebenfalls derart erleuchtet worden zu sein.

Laufen erfreut sich hoher Popularität und auch das Ultralaufen wird immer beliebter. Sich zu nachtschlafener Zeit zu einem Hunderter zu verabreden, scheint aber doch noch nicht ganz im Mainstream angekommen zu sein. So kann man sich für die nächsten 13 Stunden illustrer Begleitung sicher sein.

Da ist zum Beispiel der Quadrathlet, der bei den Weltmeisterschaften in seiner Sportart die Bronzemedaille erkämpft hat. Quadrathlon, so erfahre ich, ist Triathlon plus Kanufahren, was mich als ehemaligen Kanurennsportler sofort begeistert. Leider ist Schwimmen aber immer noch dabei.

Ein anderer berichtet davon, wie er sich in der Sahara verirrt hat. Und ein Neu-Rentner blickt auf mittlerweile 50 Iron-Man-Finishs zurück. Damit kann er in dieser Runde aber nicht wirklich protzen, begleitet uns doch ein Siebzigjähriger, der sowohl den Transamerika- als auch den Transeuropa-Lauf absolviert hat. Doch auch die Jugend kann punkten. Eine junge Dame hatte für den 50er gemeldet, läuft aber spontan die zweiten 50 Kilometer auch noch mit.

Und nicht nur die sportlichen Leistungen beeindrucken. Jemand hat 20 Kubikmeter Sachspenden und 8000 Euro gesammelt und nach Idomeni gebracht. "Wenn dir Eltern ihr Kind in den Arm drücken wollen, damit du es mit nach Deutschland nimmst, kannst du dir in etwa eine Vorstellung von ihrer verzweifelten Lage machen."

Unterbrochen werden die interessanten Gespräche nur durch die Stopps an der mobilen Verpflegungsstation, die zunächst aller zehn, gegen Ende einer jeden Runde aller fünf Kilometer auf uns wartet. Es werden sogar Schoko-Pfirsich-Kuchen und Blätterteig-Quiche feilgeboten! Auch wenn der Witz mittlerweile abgedroschen wirkt: hier nimmt man wahrscheinlich mehr Kalorien zu sich, als man verbraucht. Dies seien 7700 gewesen, meint meine Fenix am Schluss, wo ein noch üppigeres Büffet seiner Dezimierung harrt.

Zusätzlich werden wir mit Trophäen überhäuft. Neben Urkunden und Pokalen erhalten wir noch riesige Bergische Brezeln am Halsband. Wahrscheinlich als Wegzehrung, falls jemand immer noch nicht satt geworden ist. Oder weil wir heute durchs Bergische Land gebrezelt sind?

So kann man seinen Samstag also auch rumkriegen. Ein Begleiter hatte es beim Durchlaufen des Fachwerkstädtchens Unterburg bereits auf den Punkt gebracht, als er ausrief: "Das ist ja wie Urlaub!"


Mittwoch, 6. April 2016

Generalprobe für den Endspurt zum Rheinorange

Nach dem spektakulären Natur- und Lauferlebnis beim Transgrancanaria war ich drauf und dran, meine Teilnahme an der TorTour de Ruhr abzusagen. 160 Kilometer flaches Asphalttreten? Da hatte ich absolut keine Lust drauf. Möglicherweise hat auch die Grippe, die mich zwei Wochen vom Laufen abhielt, zu meiner Unlust beigetragen. Am Ostermontag fühlte ich mich besser und testete spontan die TTdR-Strecke. Das Blatt wendete sich.

39 Kilometer Endspurt zum Rheinorange


Zum einen wollte ich die letzten, schweren Kilometer bis ins Ziel einfach mal vorab gesehen haben. Zum anderen sollten gleichzeitig die Navigation nach den Ruhrtalradweg-Schildern und dem TTdR-Track sowie das Zusammenspiel mit der Crew erprobt werden.

Meine riesige Crew besteht ausschließlich aus der Pulsmesserin, die mich im Auto begleiten und gewisse Punkte an der Strecke anfahren wird. Als ich vor rund einem Jahr mein Interesse an der TorTour bekundete, war das Ereignis noch so unbegreiflich weit entfernt, dass meine Frau diesen Monsterjob tatsächlich zusagte. Bei der Anfahrt zum Baldeneysee wird uns beiden langsam klar, was da auf sie zukommt.

"Diesen engen Feldweg soll ich jetzt langfahren? Wohin soll ich ausweichen, wenn die anderen Supporter mir hier entgegenkommen?" Letztlich erreichen wir das Seeufer, wo ich mit den Worten: "Bis nachher am Rheinorange!" in Sturm und Regen ausgesetzt werde.

Der Blick zum gegenüberliegenden Ufer versöhnt etwas mit dem unwirtlichen Wetter. Denn dort oben trohnt die Villa Hügel. Man ist hier auf der Strecke des Baldeneysee-Marathons unterwegs, wenn auch in Gegenrichtung. Auch die Route bis Kettwig kenne ich schon. Dadurch finde ich einen Weg über die Brücke in Werden. Der entspricht allerdings nicht hundertprozentig dem Track. Ich denke immer noch als Läufer, und noch nicht als Radfahrer. Schließlich folgt die Route dem Ruhrtalradweg. Noch ein paar mal werde ich unterwegs Schwierigkeiten haben, mich in meine Rolle als laufender Radler einzufühlen. Auch in Essen-Kettwig bin ich versucht, die kürzere Läufer-Variante zu nehmen.

Auf den Brücken bläst der Wind so stark, dass ich die Mütze festhalten muss. Insgesamt scheint das Tal aber Schutz vor dem Sturm zu bieten. Frau Pulsmesser erwartet angesichts ihrer Wetterbeobachtungen permanent meinen Anruf, mit dem ich mich von der Strecke retten lasse. Mache ich natürlich nicht.

Stattdessen genieße ich die Landschaft. Erfreut stelle ich fest, dass ich deutlich weniger auf Asphalt unterwegs bin, als befürchtet. Und als es urbaner wird, bekomme ich sogar einige Sehenswürdigkeiten vorgeführt. In Mülheim laufe ich hinterm Schloss Broich über die Kfar-Saba-Brücke in den MüGa-Park. Dort sprudeln die Fontänen inmitten einer Blütenpracht, die ein paar Sonnenstrahlen verdient hätte.

MüGa-Park, Foto by
Tuxyso / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0

Schon von Weitem sehe ich den Turm des Aquarius-Wassermuseums. Gleich dahinter liegt Schloss Styrum, umgeben von einer Mauer. Daher sieht der Läufer nicht viel davon. Aus dem Augenwinkel nehme ich im Vorbeiflitzen eine Glasscheibe wahr. Die hat man wohl extra für neugierige Blicke ins Gemäuer eingelassen. Aber um umzukehren fehlt mir die Muse. Auch Fotos mag ich bei dem Wetter nicht schießen.

Aquarius-Turm, Foto by
Tuxyso / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0

Die letzten zehn Kilometer durch Stadt- und Hafengebiet werden im Wettkampf wohl einiges an mentaler Härte verlangen. Es geht direkt an der A3 entlang. Und hier verlaufe ich mich auch noch! In der nächsten Bushaltestelle suche ich Unterschlupf vor einem starken Guss und ziehe das Handy zu Rate. Ich war auf der falschen Seite der Autobahn gelaufen, was die Wurmnavigation auf der Uhr noch nicht als Abweichung gewertet hat. Ich werde also noch eine Powerbank anschaffen müssen, um das Handy während der TTdR am Leben zu halten.

Auch im Hafen vertue ich mich nochmal, kann das aber mit dem beherzten Überqueren von ein paar Gleisen korrigieren. Ich bin damit wohl nicht der einzige. Es gibt schon einen Trampelpfad.

Rheinorange
Dann die ersten Wegweiser zum "Rheinorange". Schließlich ist das Sehnsuchtsziel in Sicht. Minuten später - nach einem finalen Verlaufer in einer Baustelle - schlage ich mit einer Vorab-Ausgabe der pfingstlichen Gänsehaut an der Ziel-Stele an.

Kilometer 147 bis 181


Die Crew und ich verspüren nach diesem initialen Test die Notwendigkeit, das Supporten noch ein wenig mehr zu üben. Und so setzt mich die Pulsmesserin am Samstag darauf bei Kilometer 147 aus. Zur Anfahrt nutzen wir die Koordinaten für "km 147" aus der "offiziellen" Auto-Support-Punkte-Liste. Dort angekommen, zeigt sich, dass der Wegpunkt "km 147" des Tracks 750 Meter ruhraufwärts liegt.

Ich begebe mich auf den ehemaligen Bahndamm und folge der Route. Liegt es am herrlichen Wetter? Oder bin ich jetzt als Rad-Läufer geübter? Dieses Segment ist so perfekt beschildert, dass ich den Track nur einmal brauche, als es die Alternativroute über die Brücke zu nehmen gilt. Sonst hätte ich auf die Fähre warten müssen.

Ruhrfähre
Am Kemnader See scheint man auf reichlich (Pfingst-)Ausflügler eingestellt zu sein. Es gibt hier separate, räumlich voneinander getrennte Wege für Fußgänger, Inline-Skater und Radfahrer. Ich bin ja jetzt Rad-Läufer und nehme folglich den Radweg. Schließlich verläuft dort der offizielle Track. Und ich bin mir nicht sicher, wo der Fußweg letztlich hinführt. Nicht immer ist er in Sichtweite. Obwohl heute der Radweg die am wenigsten frequentierte Route zu sein scheint, fühle ich mich ein wenig als Störenfried. Ich laufe in der permanenten Erwartung, von einem Velo-Piloten angemotzt zu werden. Doch alle tolerieren mich.

Die Wegführung ist wegen kürzlichen Hochwassers sehr "ruhrnah". Teilweise umgehe ich in der Böschung die noch unter Wasser stehenden Bereiche. Aber sonst ist es ein tolles Gefühl, wenn der Wasserspiegel direkt auf Weghöhe liegt und bis an den Asphalt heran reicht. Ich laufe im Wortsinn unmittelbar am Wasser. Überhaupt gefällt mir die Gegend. Sogar ein paar schroff-felsige Hügel sind zu bewundern.

An der Ruhr
Der Wegverlauf scheint teilweise mit dem des WHEW identisch zu sein. Denn unterwegs treffe ich einen Läufer, der für diesen Lauf übt. Er macht bereits Gehpausen, so dass ich ihn einholen kann. Und auch ich mag nicht mehr lange laufen und sehne Kilometer 181 herbei, wo meine Frau mich aufnehmen soll.

Endlich habe ich den Wegpunkt "km 181" des Tracks erreicht. Es gibt dort auch die erwartete Kneipe. Nur meine Frau ist nicht zu sehen. Sie wartet an Kilometer 181 aus ihrer Auto-Liste - eine Kneipe weiter. Die liegt 2,6 Kilometer von mir entfernt. Also raffe ich mich noch einmal auf, um aus den geplanten 34 Kilometern noch 37 zu machen. Zum Lohn gibt es dann eine Einkehr am Treffpunkt in der "Bar Celona".

Die beiden Tests auf der zweiten Hälfte der 100 Meilen überraschten mit einer Gegend nicht ohne Liebreiz und haben meine Lust auf die TTdR wiedererweckt! Nur die Auto-Wegpunkte muss ich vorher noch dringend in den Track einpflegen.

Samstag, 12. März 2016

Trans Gran Canaria



Ich schlottere am ganzen Körper. Vor über einer Stunde hat uns der Bus in Fontanales im Startbereich abgesetzt. Jetzt, kurz vor Sieben, beginnt das Morgenlicht durchzubrechen. Der Startschuss steht unmittelbar bevor. Vier Monate habe ich auf diesen Moment hintrainiert. Bin wieder und wieder die steilste Flanke meines Reviers mit ihren lächerlichen 70 Höhenmetern rauf und runter gerannt - und trotzdem in einer ganzen Woche nicht auf die 4500 Hm gekommen, die mir heute am Stück bevorstehen. Sie verteilen sich auf die 83 km, die der Trail durch die Berge Gran Canarias und über die höchste Erhebung der Insel bis zu den Sanddünen am Strand von Maspalomas führt.

Leichtes Tröpfeln, sanfter Wind, laufoptimale 13 Grad. Mein plötzliches Zittern hat nichts mit dem Wetter zu tun. Es ist die Anspannung, die sich Bahn bricht. Das Rennpferd in der Startbox. Es wird erlöst. Schon nach 50 Metern geht es bergauf. Kurz darauf die ersten Single-Trails. Das hat erstmal Stau zur Folge. Kein Problem, das hilft mir, es ruhig angehen zu lassen.

Sturz


Bei aller Gelassenheit, es sind noch keine drei Kilometer gelaufen, da finde ich mich hingestreckt im Lehm wieder. Jemand hat versucht, Stufen in den feuchten Hang zu schlagen. Mir haben sie nichts genützt. Trotz Stockeinsatzes falle ich auf den Rücken. Zum Glück bewahren mich Rucksack, Handschuhe und Ärmlinge vor Verletzungen, nicht aber vor einer deftigen Schlammkruste, die mich fortan als Trottel markiert. Hinter so einem Unfähigen mag offenbar niemand herlaufen. Es drängt von hinten an mir vorbei, obwohl sich kaum Gelegenheiten zum Überholen bieten. Zum einen laufe ich nicht langsamer als mein Vordermann. Zum anderen besteht der Kurs aus gefühlten 80 Prozent Singletrail.

Wie habe ich dieser Insel Unrecht getan! Hatte ich bei der Fahrt vom Flughafen zum Hotel noch gedacht: „Wieder so ein staubiger Steinhaufen im Meer!“, so entpuppt sich die Insel jetzt als ein feuchtes, grünes Eiland mit saftigen Blumenwiesen und nebelverhangenen Bergen. Weit kann man bei den tiefhängenden Wolken, aus denen Nieselregen sprüht, nicht sehen. Man achtet auch besser auf den Weg. So er denn unter dem üppigen Bewuchs zu sehen ist. Belustigt beobachte ich den Einheimischen vor mir, wie er auf Zehenspitzen die wenigen Pfützen zu umtänzeln trachtet. Der hat offenbar kein Training im deutschen Schlamm hinter sich.

 

Das Rennen beginnt erst in Teror


Am Vortag hatte ich gelesen: „Das Rennen beginnt erst in Teror.“ Nur schwer kann man ob des Ortsnamens aufs Kalauern verzichten, denn ab dort geht es bis zum höchsten Punkt nur noch steil bergauf. Frohgemut konstatiere ich, dass mir das nichts ausmacht. Ich genieße einfach nur diesen herrlichen Lauf, die Landschaft und die handverlesene Streckenführung. Nach ein paar Stunden steht mitten in der Wiese ein weißer Pavillon. Während ich durchlaufe, wird meine Startnummer gescannt und dann geschieht ein Wunder. Es ist, als ob ich ein Tor zu einer anderen Welt durchschritten habe. Offenbar markiert der soeben überquerte Bergrücken eine Wetterscheide. Nebel und Regen hören hier urplötzlich auf, und vor mir öffnet sich eine sonnenbestrahlte Bergwelt. Ob der Felsformationen und der rötlichen Färbung der Felsen komme ich mir wie im Gran Canyon vor. Bis ich mitkriege, dass die leichte Rottönung offenbar von der automatisch abdunkelnden Sonnenbrille herrührt, die ich auf der Messe am Vortag erfeilscht hatte. So viel zum Thema, im Wettkampf nur im Training erprobte Ausrüstung zu benutzen.


Ausrüstung


Apropos, Ausrüstung. In der Sonne wird es jetzt so warm, dass ich die Ärmlinge runterkremple und die Handschuhe ausziehe. Eigentlich hatte ich letzte nur angezogen, um meine Hände vor Blasen durch das ungewohnte Stockbenutzen zu schützen, war aber bis hierher über deren wärmende Funktion ganz dankbar. Das ist mein erster Wettkampf, bei dem ich Stöcke dabei habe. Und ich lerne, dass man zum Schutze der Mitläufer die Spitzen nach vorne zeigen lässt, wenn man die Gehhilfen gerade nicht einsetzt. Zunächst hatte ich erwogen, auf kleinstes Maß faltbare Karbonstöcke zu erwerben, war aber vor dem Preis zurückgeschreckt. Stattdessen habe ich meine alten Aldi-Wanderstöcke dabei, die zwar pro Stück 275 Gramm wiegen, aber einen riesigen Vorteil aufweisen. Sie haben einen Doppelgriff. Damit kann ich sie beim Bergaufgehen am unteren Griff packen und beim Bergablaufen den oberen Griff benutzen, ohne dass eine Höhenverstellung vorgenommen werden muss. Zusätzlich habe ich sie nach einem Probetraining noch etwas gepimpt. Die tiefen Rillen am unteren Griff, die nach einer Stunde des Probetragens trotz Handschuhen bereits Hautreizungen hervorgerufen hatten, habe ich mit Panzertape umwickelt. Und das kalte Metall in Stockmitte, wo die Stöcke bei Nichtbenutzung gefasst werden, habe ich ebenfalls mit dem Tape isoliert. Außerdem entfernte ich die Handschlaufen, die bei Nichtbenutzung bei jedem Armschwung wild hin und her schlackerten. Das bewährt sich. Als Stockbenutzer gehöre ich hier übrigens zu einer Minderheit. Weniger als die Hälfte der Teilnehmer um mich herum haben Stöcke dabei. Und wenn, dann tragen sie sie meist unbenutzt in einer Hand oder gleich am Rucksack. Mir kommen sie ganz nützlich vor, obwohl ich sie die meiste Zeit auch nur trage. 

Die gepimpten Stöcke

Runner's High taugt, Ultratrac dagegen nicht


Ich "wache auf" und brauche einige Zeit um rauszufinden, wo ich bin und was ich gerade tue. Mein lieber Mann, da muss ich wohl gerade eine ganze Weile im Runner's High unterwegs gewesen sein! Dieser Lauf hat ja echt einiges zu bieten. Noch 45 km sind es jetzt bis ins Ziel, wenn man den aller fünf Kilometern aufgestellten Schildern trauen darf. Sie erscheinen verlässlicher als die Fenix 3 an meinem Handgelenk. Ich betreibe sie heute nämlich erstmalig sicherheitshalber im akkuschonenden Ultratrac-Modus, da ich keine zuverlässige Prognose über meine Zielzeit wage. Noch nie habe ich mich so vielen Höhenmetern gestellt. Meine ganze alpine Erfahrung stammt aus einem einzigen Lauf auf Korsika der satte 2100 Höhenmeter auf nur 19 Kilometern zu bieten hatte. Der Ultratrac-Modus erweist sich als völlig unbrauchbar. Nach der Uhr habe ich schon 60 km hinter mir. Das einzige, was noch zuverlässig angezeigt wird, ist die gelaufene Zeit. (Anmerkung: Die Fenix wird am Ende 96 km und 3500 Hm für diesen Lauf ermitteln.) 


Blick zum Teide


Ich kraxele einen Felsen hinauf und brauche eine Ewigkeit, bevor ich die junge Frau über mir am Berg eingeholt habe. Nach einer der vielen Bachquerungen (die man alle trockenen Fußes bewältigen kann) habe ich es geschafft. Sie kommt aus Neuseeland und wollte eigentlich den Marathon laufen. Da der ausverkauft war, habe sie sich eben für die 83 km entschieden, obwohl sie nur sechs Wochen trainiert habe. Welche Zeit ich denn laufen wolle. Nun ja, angemeldet hatte ich mich für die Kategorie "unter 17 Stunden". Eine Statistik zeigte, dass im Vorjahr die meisten nach 14 Stunden gefinisht haben. Das würde ich auch ganz gerne. Mein absolutes Idealziel sind 12 Stunden. Obwohl ich momentan auf Kurs Idealziel liege, halte ich eine Zielzeitprognose im Moment noch für völlig verfrüht. Zu viel kann noch passieren. Kaum ist das ausgesprochen, passiert auch schon was. Wir biegen um eine Ecke und ich kann ein "Boah!" nicht zurückhalten. Vor uns ragt der schneebedeckte Teide aus dem Meer!
(Anmerkung: Die Neuseeländerin wird das Ziel nicht erreichen.)

Blick zum schneebedeckten Teide

Roque Nublo


Das Gelände wird immer spektakulärer. Wir nähern uns Roque Nublo, dem Wahrzeichen Gran Canarias. Ich bin so von dem Fels und der Aussicht bis Teneriffa angezogen, dass ich am Checkpoint weiter Richtung Felsen laufe. Erst das Geschrei hinter mir lässt mich erkennen, dass das ein Wendepunkt ist! Also zurück. Aber hatte da eben wirklich "noch 50 km bis zum Ziel" auf dem Schild am Wendepunkt gestanden? Das kann doch gar nicht sein, wenn wir schon am "noch 45 km"-Schild vorbei sind? Andererseits scheint die Entfernungsangabe zum Höhenprofil, das einlaminiert an meinem Startnummernband baumelt, zu passen. Langsam wird mir klar, dass das "Genieße, wenn du kannst" nun langsam seinem Ende entgegen geht, und Goethes zweiter Ratschlag wohl demnächst zu befolgen sein wird: "Leide, wenn du musst."

Roque Nublo


Halbzeit?


Entsprechend froh bin ich, als endlich Garañón beim Kilometer 39 erreicht ist. Das ist aber auch ein kleines Paradies! Inmitten eines lichten Wäldchens befindet sich hier auf einem Hochplateau ein Campingplatz mit locker zwischen den Bäumen verteilten Hütten und Zelten. Hier würde ich es ein paar Tage aushalten, muss aber nach kurzer Rast - sechs Stunden und sieben Minuten sind vergangen - weiter. Immerhin gibt es am hiesigen VP zusätzlich zu dem Standard-Angebot der anderen "Aid-Stations", das aus Wasser, Iso, Orangenvierteln, Bananenstücken, gesalzenen Erdnüssen, Käsewürfeln, sehr trockenem Brot und gezuckerten Gummitieren besteht, auch Suppe, Kaffee und Nudeln. Letzte muss der Vegetarier allerdings ohne Soße runterwürgen. Außerdem wird hier der Drop-Bag ausgehändigt. In meinem befindet sich nur Nahrung. Da ich eigentlich jede halbe Stunde etwas essen wollte, hätten meine mitgenommenen Vorräte hier vertilgt sein sollen. Wie üblich habe ich die Ernährungs-Disziplin nicht ganz aufgebracht, aber immerhin etwa jede Stunde etwas zu mir genommen. Trotzdem stopfe ich schnell alles in meinen Rucksack, fülle die Trinkblase mit Wasser und die Softflask mit Iso, in das ich zusätzlich noch ein Gel reinquetsche. Viele Mitstreiter sind wesentlich minimalistischer unterwegs und haben nur eine 500-ml-Softflask dabei, die sie an jedem VP befüllen. Die Pflichtausrüstung (Becher, 1,5-Liter-Flüssigkeitsbehälter usw.) scheint nicht kontrolliert zu werden.

Mein faltbarer Trinkbecher
Nun geht es sehr steil bergauf zum höchsten Punkt der Insel mit seinen 1949 Metern. Dessen letzte zehn Höhenmeter bleiben allerdings der militärischen Nutzung vorbehalten. Oben bin ich zwar der einzige, der wieder in den Laufschritt fällt, doch mein Waterloo wird kommen. Ab jetzt geht es nämlich fast nur noch bergab. Und ein Vorbote des kommenden Unheils erscheint. Hinter mir ertönen schon Schreckensschreie. Und ich selbst mache mich bereits auf das Knirrschen gefasst, mit dem mein Kinn gleich in den Boden schlagen wird. Es ist pures Glück, dass ich im allerletzten Moment mein Gleichgewicht wieder erlange. Ab jetzt muss ich dringend langsamer (kein Problem, haha) und aufmerksamer laufen. Nochmal werde ich nicht so ein Schwein haben. Man kann sich hier Zähne ausschlagen oder Beine brechen. Der Weg ist allerdings nirgends so ausgesetzt, dass man zu Tode stürzen könnte.



Es wird technisch


Bald sind die Oberschenkel nur noch Schmerz. Stockeinsatz bringt zwar Entlastung, hindert aber auch an flüssigem Vorankommen. Ich stelle fest, dass mich jetzt sogar 125-km-Läufer überholen. Mit einem laufe ich lange Zeit in einem Bereich. Mal liegt er vorne, mal ich. Letztlich fällt er zurück und wird auf den verbleibenden Kilometern bis ins Ziel fünf Stunden auf mich verlieren. Das sagt vermutlich nicht nur einiges über die 125-km-Strecke, sondern auch etwas über diese letzte Zu-Tal-Etappe aus. Ich hatte erwartet, dass für mich die größte Schwierigkeit des Laufes in den Höhenmetern liegen würde. Es stellt sich jedoch heraus, dass der anspruchsvolle Untergrund, also das, was "technischer Trail" genannt wird, für mich die härteste Prüfung wird.

Dann wechselt auch schon die Bodenbeschaffenheit! Dominierten bisher Lehm und Fels, so gibt es ab jetzt nur noch Steine. Eine Art Eselkarrenpfad windet sich so weit das Auge reicht eine Schlucht hinunter. Man könnte von alpinem "Kopfsteinpflaster" sprechen. Was für ein hölzernes Rad der ideale frühgeschichtliche Untergrund gewesen zu sein scheint, erweist sich für mich als fast unlaufbar. Jeder einzelne Schritt muss mit Bedacht gesetzt werden. Nehme ich die Stöcke, bleiben sie dauernd in den "Fugen" stecken. Sobald mein rechter Fuß verkantet oder verrutscht, tut er höllisch weh. Vielleicht sollte ich endlich mal nachsehen, ob das wirklich Steine waren, die da vor einer Weile in den Schuh gesprungen waren. Ich raste auf einem Felsblock. Tatsächlich, diese Inov-8-Gamaschen sind - wie schon so oft - an der Ferse hochgerutscht und haben die Schuhkante freigegeben. Als ich mich vom Schuhwerk befreien will, führen die nötigen Verrenkungen sofort zu Beinkrämpfen. Nach ein paar Anläufen schaffe ich es dennoch und kippe drei ziemlich große Kiesel aus dem rechten Schuh. Hätte ich das doch eher gemacht! Die Socke ist schon durchgerieben. Das lässt auf den Zustand des Fußes darunter schließen. Schnell wieder einpacken!


Während ich eben auf dem Stein saß, hat mir jeder Vorüberkommende seine Hilfe angeboten. Nun ist es an mir, mein Verbandspäckchen zu offerieren. Der japanische 125-km-Aspirant, der mich seit geraumer Zeit begleitet, stürzt fluchend auf die Knie. Er hat sich offenbar nicht wirklich verletzt, aber das Ereignis bringt sein Faß zum Überlaufen. Es bricht ihm den Willen. Er fällt zurück.

Ich hangele mich irgendwie zur vorletzten Verpflegungsstation hinunter. Dass ich mich mal so über Asphalt freuen würde! Auf der kurzen Pendelstrecke im Ort begegnen mir etliche Mitstreiter und ich will sie freundlich grüßen. Doch niemand hebt den Kopf. Ich blicke nur in die leeren Gesichter von lauter Gezeichneten.


Raus aus der Krise


Es folgt der letzte Anstieg. Und er stellt sich als sanft ansteigende Jeep-Piste heraus. Anfangs laufe ich sogar noch hinauf. Da aber alle anderen gehen, schone ich ebenfalls meine Kräfte. Während dieses unangestrengten Dahinwanderns entfaltet die eben eingeworfene Handvoll Erdnüsse mit Käsewürfeln in mir offenbar ihre Wirkung. Mir wird plötzlich bewusst, dass ich mein Tief überwunden habe.

Laminiertes Höhenprofil für unterwegs

Das mörderische Flussbett


Bald geht es wieder abwärts. Mit mir zwar auch, aber jetzt treibt mich ein Ziel. Ich will nicht nochmal stehenbleiben müssen, um die Stirnlampe aus dem Rucksack zu nehmen. Heisst, ich muss bei Einbruch der Dunkelheit zumindest die beleuchteten Straßen von Maspalomas erreicht haben. Da wir 7 Uhr 10 gestartet sind, und es gegen 19:15 Uhr dunkel wird, bleiben mir gut 12 Stunden Laufzeit für dieses Vorhaben. Die Vorgabe bringt mich irgendwie durch diese fürchterlichen letzten Kilometer. War in einem Bericht einer vergangenen Austragung noch von einer einfach zu laufenden Schotterpiste in der Schlussphase die Rede, so wurde dieses Jahr die Strecke zwar leicht verkürzt, dafür auf den letzten 20 Kilometern viel "technischer". Das bedeutet dass wir in einem riesigen Canyon bis zum Meer laufen. Dabei kommen wir immer tiefer, und die Schlucht wird immer enger. Letztlich bewegen wir uns die ganze Zeit in einem kieselübersäten Flußbett. Ich weiß einfach nicht, wie ich hier zwischen all den Steinen die Füße setzen soll. Damit bin ich nicht allein, überhole ich doch hier so manchen anderen vorsichtig Balancierenden, darunter auch Marathonläufer. Doch es ist mittlerweile so flach, dass ich einfach laufen muss. Unzählige Male knalle ich mit dem rechten Fuß gegen Steine, was mich wohl den großen Zehnagel kosten wird. Warum ausschließlich mit dem rechten Fuß!? Fluchend stolpere ich voran. Ich will jetzt nur noch fertig werden. Mit jedem Schritt gratuliere ich mir zu der Entscheidung, nicht die ganz lange Distanz gewählt zu haben. Und wie viel schwieriger muss es sich hier erst im Schein einer Kopflampe laufen!?


Aus Trail wird Urban Trail


Endlich kündigt die Autobahnunterführung die nahe Stadt an. Ich werde es ohne Stirnlampe schaffen! Doch echte Erlösung ist noch nicht in Sicht. Wir laufen weiter im trockenen Flußbett, nur dass es mittlerweile gemauert ist. Das ist keine wirkliche Erleichterung, denn in den Zement sind völlig unregelmäßige Wackersteine eingelassen. Urban Trail!

Meine offiziellen Zwischenzeiten
Dann führen steile Stufen aus dem Fluß heraus. Aber nur, um kurz nach dem letzten VP wieder zurück in den Bach zu leiten. Schon eine ganze Weile höre ich hinter mir die Stimmen aufgekratzter, junger Frauen. Jetzt sind sie direkt hinter mir und rufen einem Geher zu: "Come on, just 3k." und jubeln noch ein weiteres "3k!" hinterher. Es sind 125-km-Läuferinnen, die hier schon seit Kilometern finishen. Sie wissen, dass sie ihren Erfolg sicher in der Tasche haben und sind entsprechend in Hochstimmung. Für mich ist es noch nicht so weit. Und ich kann es jetzt einfach nicht zulassen, dass ich von den Frauen überholt werde, die eine noch viel längere Strecke in den Beinen haben. Ich gebe nochmal Gas. Auf dem Trail war es außer Kraft gesetzt. Doch jetzt, wo ich endgültig normales Straßenpflaster unter den Füßen haben, gilt wieder das altbekannte "linker Fuß, rechter Fuß" des Ultraläufers. Das kann ich und verlange mir einen Endspurt ab. Da, der Zielbogen! Nein, ist er ja gar nicht. Ich muss nochmal Tempo rausnehmen, denn da hat jemand drei Fake-Bögen aufgebaut, lässt uns nochmal vom Ziel weg und erst dann Richtung Finale laufen. Einem Berglauf angemessen, steht der Zielbogen erhöht auf einem Podest. Nach 12:09:52 habe ich auch diesen letzten Anstieg erklommen.