Mittwoch, 6. April 2016

Generalprobe für den Endspurt zum Rheinorange

Nach dem spektakulären Natur- und Lauferlebnis beim Transgrancanaria war ich drauf und dran, meine Teilnahme an der TorTour de Ruhr abzusagen. 160 Kilometer flaches Asphalttreten? Da hatte ich absolut keine Lust drauf. Möglicherweise hat auch die Grippe, die mich zwei Wochen vom Laufen abhielt, zu meiner Unlust beigetragen. Am Ostermontag fühlte ich mich besser und testete spontan die TTdR-Strecke. Das Blatt wendete sich.

39 Kilometer Endspurt zum Rheinorange


Zum einen wollte ich die letzten, schweren Kilometer bis ins Ziel einfach mal vorab gesehen haben. Zum anderen sollten gleichzeitig die Navigation nach den Ruhrtalradweg-Schildern und dem TTdR-Track sowie das Zusammenspiel mit der Crew erprobt werden.

Meine riesige Crew besteht ausschließlich aus der Pulsmesserin, die mich im Auto begleiten und gewisse Punkte an der Strecke anfahren wird. Als ich vor rund einem Jahr mein Interesse an der TorTour bekundete, war das Ereignis noch so unbegreiflich weit entfernt, dass meine Frau diesen Monsterjob tatsächlich zusagte. Bei der Anfahrt zum Baldeneysee wird uns beiden langsam klar, was da auf sie zukommt.

"Diesen engen Feldweg soll ich jetzt langfahren? Wohin soll ich ausweichen, wenn die anderen Supporter mir hier entgegenkommen?" Letztlich erreichen wir das Seeufer, wo ich mit den Worten: "Bis nachher am Rheinorange!" in Sturm und Regen ausgesetzt werde.

Der Blick zum gegenüberliegenden Ufer versöhnt etwas mit dem unwirtlichen Wetter. Denn dort oben trohnt die Villa Hügel. Man ist hier auf der Strecke des Baldeneysee-Marathons unterwegs, wenn auch in Gegenrichtung. Auch die Route bis Kettwig kenne ich schon. Dadurch finde ich einen Weg über die Brücke in Werden. Der entspricht allerdings nicht hundertprozentig dem Track. Ich denke immer noch als Läufer, und noch nicht als Radfahrer. Schließlich folgt die Route dem Ruhrtalradweg. Noch ein paar mal werde ich unterwegs Schwierigkeiten haben, mich in meine Rolle als laufender Radler einzufühlen. Auch in Essen-Kettwig bin ich versucht, die kürzere Läufer-Variante zu nehmen.

Auf den Brücken bläst der Wind so stark, dass ich die Mütze festhalten muss. Insgesamt scheint das Tal aber Schutz vor dem Sturm zu bieten. Frau Pulsmesser erwartet angesichts ihrer Wetterbeobachtungen permanent meinen Anruf, mit dem ich mich von der Strecke retten lasse. Mache ich natürlich nicht.

Stattdessen genieße ich die Landschaft. Erfreut stelle ich fest, dass ich deutlich weniger auf Asphalt unterwegs bin, als befürchtet. Und als es urbaner wird, bekomme ich sogar einige Sehenswürdigkeiten vorgeführt. In Mülheim laufe ich hinterm Schloss Broich über die Kfar-Saba-Brücke in den MüGa-Park. Dort sprudeln die Fontänen inmitten einer Blütenpracht, die ein paar Sonnenstrahlen verdient hätte.

MüGa-Park, Foto by
Tuxyso / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0

Schon von Weitem sehe ich den Turm des Aquarius-Wassermuseums. Gleich dahinter liegt Schloss Styrum, umgeben von einer Mauer. Daher sieht der Läufer nicht viel davon. Aus dem Augenwinkel nehme ich im Vorbeiflitzen eine Glasscheibe wahr. Die hat man wohl extra für neugierige Blicke ins Gemäuer eingelassen. Aber um umzukehren fehlt mir die Muse. Auch Fotos mag ich bei dem Wetter nicht schießen.

Aquarius-Turm, Foto by
Tuxyso / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0

Die letzten zehn Kilometer durch Stadt- und Hafengebiet werden im Wettkampf wohl einiges an mentaler Härte verlangen. Es geht direkt an der A3 entlang. Und hier verlaufe ich mich auch noch! In der nächsten Bushaltestelle suche ich Unterschlupf vor einem starken Guss und ziehe das Handy zu Rate. Ich war auf der falschen Seite der Autobahn gelaufen, was die Wurmnavigation auf der Uhr noch nicht als Abweichung gewertet hat. Ich werde also noch eine Powerbank anschaffen müssen, um das Handy während der TTdR am Leben zu halten.

Auch im Hafen vertue ich mich nochmal, kann das aber mit dem beherzten Überqueren von ein paar Gleisen korrigieren. Ich bin damit wohl nicht der einzige. Es gibt schon einen Trampelpfad.

Rheinorange
Dann die ersten Wegweiser zum "Rheinorange". Schließlich ist das Sehnsuchtsziel in Sicht. Minuten später - nach einem finalen Verlaufer in einer Baustelle - schlage ich mit einer Vorab-Ausgabe der pfingstlichen Gänsehaut an der Ziel-Stele an.

Kilometer 147 bis 181


Die Crew und ich verspüren nach diesem initialen Test die Notwendigkeit, das Supporten noch ein wenig mehr zu üben. Und so setzt mich die Pulsmesserin am Samstag darauf bei Kilometer 147 aus. Zur Anfahrt nutzen wir die Koordinaten für "km 147" aus der "offiziellen" Auto-Support-Punkte-Liste. Dort angekommen, zeigt sich, dass der Wegpunkt "km 147" des Tracks 750 Meter ruhraufwärts liegt.

Ich begebe mich auf den ehemaligen Bahndamm und folge der Route. Liegt es am herrlichen Wetter? Oder bin ich jetzt als Rad-Läufer geübter? Dieses Segment ist so perfekt beschildert, dass ich den Track nur einmal brauche, als es die Alternativroute über die Brücke zu nehmen gilt. Sonst hätte ich auf die Fähre warten müssen.

Ruhrfähre
Am Kemnader See scheint man auf reichlich (Pfingst-)Ausflügler eingestellt zu sein. Es gibt hier separate, räumlich voneinander getrennte Wege für Fußgänger, Inline-Skater und Radfahrer. Ich bin ja jetzt Rad-Läufer und nehme folglich den Radweg. Schließlich verläuft dort der offizielle Track. Und ich bin mir nicht sicher, wo der Fußweg letztlich hinführt. Nicht immer ist er in Sichtweite. Obwohl heute der Radweg die am wenigsten frequentierte Route zu sein scheint, fühle ich mich ein wenig als Störenfried. Ich laufe in der permanenten Erwartung, von einem Velo-Piloten angemotzt zu werden. Doch alle tolerieren mich.

Die Wegführung ist wegen kürzlichen Hochwassers sehr "ruhrnah". Teilweise umgehe ich in der Böschung die noch unter Wasser stehenden Bereiche. Aber sonst ist es ein tolles Gefühl, wenn der Wasserspiegel direkt auf Weghöhe liegt und bis an den Asphalt heran reicht. Ich laufe im Wortsinn unmittelbar am Wasser. Überhaupt gefällt mir die Gegend. Sogar ein paar schroff-felsige Hügel sind zu bewundern.

An der Ruhr
Der Wegverlauf scheint teilweise mit dem des WHEW identisch zu sein. Denn unterwegs treffe ich einen Läufer, der für diesen Lauf übt. Er macht bereits Gehpausen, so dass ich ihn einholen kann. Und auch ich mag nicht mehr lange laufen und sehne Kilometer 181 herbei, wo meine Frau mich aufnehmen soll.

Endlich habe ich den Wegpunkt "km 181" des Tracks erreicht. Es gibt dort auch die erwartete Kneipe. Nur meine Frau ist nicht zu sehen. Sie wartet an Kilometer 181 aus ihrer Auto-Liste - eine Kneipe weiter. Die liegt 2,6 Kilometer von mir entfernt. Also raffe ich mich noch einmal auf, um aus den geplanten 34 Kilometern noch 37 zu machen. Zum Lohn gibt es dann eine Einkehr am Treffpunkt in der "Bar Celona".

Die beiden Tests auf der zweiten Hälfte der 100 Meilen überraschten mit einer Gegend nicht ohne Liebreiz und haben meine Lust auf die TTdR wiedererweckt! Nur die Auto-Wegpunkte muss ich vorher noch dringend in den Track einpflegen.

Kommentare:

  1. Wow, du machst dich an die TTdR - saucool!
    Ciao,
    Harald

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  2. Wow, Rheinorange ist ja wirklich in Reinorange (RAL 2004). Ich habe diese Farbe hier bei mir zu Hause an den Wänden. Da muss ich nicht ganz so weit laufen um diese zu erreichen...
    Das ist schon echt irre, was du da vorhast. Wie kann man nur so lange laufen .... Unglaublich.
    Und für die Pulsmesserin wird das Ganze dann wohl auch ein ziemlich anstrengendes Unternehmen.
    Ich bin schon echt gespannt auf deinen Bericht danach :-)
    Liebe Grüße
    Helge

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    1. Ah, auch noch ein Wortspiel! Kunst!
      Je näher der Termin rückt, umso mulmiger wird uns ;-)

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  3. Also dass Du nach dem Transgrancanaria laufen im Flachen langweilig empfinden magst, kann ich verstehen. Aber 160 km sind auch eine ganze Menge. Wenn es Dir langweilig ist, kannst Du ja zur Abwechslung mal schneller statt bergauf laufen ....nee, Spaß gemacht. Die TTdR scheint ja aber auch ihre landschaftlichen Reize zu haben. Aber wie kommt es, dass zwischen km 181 und 181 glatte 2,6km liegen?!
    Ich drücke Dir jetzt schon die Daumen für den Lauf, und Deinem Supporter-Team, dass alles reibungslos klappt!
    LG
    Elke

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    1. Rein mathematisch ist das nicht zu beantworten. Aber Wegpunkte kann man einfach irgendwie benennen. Wenn zwei geografisch 2,6 km entfernt von einander liegende Punkte den gleichen Namen tragen, wird es verwirrend.

      Aber ursprünglich dachte ich, ich müsste diese ganze Punkte, wo man mit dem Auto an die Strecke kann, selbst herausfinden. Diese Arbeit hat bereits jemand in den Vorjahren geleistet. Da will ich wegen solcher Kleinigkeiten wie Namensverwirrung mal nicht meckern.

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