Montag, 10. August 2015

Als Frühaufsteher durchs Hohe Venn beim Ultra in Monschau

"Das Hohe Venn für Frühaufsteher" so bewirbt der Veranstalter des am 9.8.2015 stattfindenden Monschau Marathons seinen Ultrawettbewerb über 56 Kilometer und 950 Höhenmeter. Passend zu diesem Slogan klingelt mein Wecker am Sonntagmorgen um 2:10 Uhr, damit Laufpartner Ralf und ich den Start um Fünf nach Sechs nicht verpassen.

Medaille und Finisher-Shirt Rückseite
Normalerweise muss man zuerst die Marathondistamz hinter sich bringen, um mit jedem weiteren Schritt immer mehr "ultra" zu werden. In Monschau funktioniert das andersrum. Wir werden zunächst auf die 14-Kilometer-Ultra-Zusatzschleife geschickt, bevor wir wieder am Start ankommen und dort den Marathon beginnen.

Wir laufen also erstmal eine Runde durch Belgien. Wobei diese Runde sehr eckig ist. Auf Asphaltwegen führt der Weg nämlich schnurgerade durchs Hochmoor, bevor er abknickt und sich wieder schnurgerade fortsetzt. Unser Blick ist schon jetzt vernebelt. Denn die Wolken hängen tief. So sieht man wenigstens das Ende der ewigen Geraden nicht. Allerdings wird auch die Schönheit der Landschaft vom Dunst verhüllt.

Start im Morgennebel
Trotzdem sind wir dankbar für dieses ideale Laufwetter. Bei Temperaturen zwischen 16 und 19 Grad läuft es sich angenehm dahin. Es ist sogar windstill, was für die Eifel wohl eher untypisch ist. Hat man sich hier doch extra die berühmten Monschauer Hecken bis zu neun Meter hoch als Windschutz um die Häuser wachsen lassen. Einen Nachteil haben die bodennahen Wolken jedoch. Es wird im Wald praktisch nicht hell, so dass ich mit dem lichtschwachen Objektiv des Handys nicht ein einziges Foto unterwegs aufnehmen kann.

Der Veranstalter hat offenbar eingeplant, dass es Mitte August selbst in der rauhen Eifel richtig warm werden könnte. Denn er hält etwa aller drei Kilometer Getränkestellen bereit. Diese werden noch durch zahlreiche private Stände flankiert. Eine Familie hat das ganze Jahr über fleißig Joghurt-Becher gesammelt, um uns aus diesen heute Wasser zu kredenzen. Das gefühlte Überangebot der Stationen wird für uns zum Running Gag. Und wir vermuten, man wolle uns hier ertränken. Irgendwann hat sich Ralf so viel von Iso und süßem Tee über den Latz geklettert, dass er fürchtet, bei einem Sturz am Boden kleben zu bleiben.

In der Ausschreibung hatte ich gelesen, dass 60 Prozent der Strecke aus Waldwegen bestehen. Und tatsächlich wird es noch ein schöner Landschaftslauf. Trails darf man allerdings nicht erwarten. Doch selbst die urbanen Anteile haben ihren Reiz, durchläuft man doch das sehenswerte Örtchen Monschau und bekommt neben viel Fachwerk auch das berühmte "Rote Haus" und die Burg über der Stadt zu sehen.

Alle Anstiege sind gut laufbar. Hätte ich gern geschrieben. Wenn mich nicht Holger vom Team Trampelpfadlauf an einem Berg beim Gehen erwischt hätte. Das wäre ja noch halb so schlimm, hätte er dabei nicht "Immer am Berg!" ausgerufen. Mit diesem Satz spielte er auf unser letztes Treffen an, als er bei der Harzquerung 2014 am Poppenberg an mir vorbeizog. Damals pfiff ich - völlig aufgerieben - auf dem letzten Loch. Heute handelt es sich jedoch um "strategisches Gehen", das - im Nachhinein gesehen - überflüssig war. Von unseren drei Gehpassagen würde ich lediglich den kurzen Berg nach der Überquerung der Rur auf einer malerisch gelegenen Brücke als die einzig nötige einschätzen.

Ralf tickt offenbar ganz ähnlich wie ich. "Da sind aber viele Frauen vor uns!", entfährt es ihm, als auf einer langen Geraden die Läufer vor uns sichtbar werden. Ganz am Horizont hüpft dabei ein sehr charakteristischer Rucksack auf dem Rücken einer Frau hin und her. Und wann immer wir den Blick auf das Feld vor uns haben, der Rucksack kommt nicht näher.

Zur Halbzeit will Ralf es plötzlich wissen und verschärft ziemlich spürbar das Tempo. Dummerweise springt mir bei Kilometer 31 ein Stein in den Schuh. Wenn ich den jetzt rausnehme, hole ich den beschleunigten Ralf so bald nicht mehr ein. Also geht es ab jetzt mit blindem Passagier weiter. Auf die Dauer fühlt sich der Fuß damit aber ungut an, da ich bei jedem Auftreten offenbar irgendeine unbewusste Ausweichbewegung mache. Egal, wir überholen jetzt nämlich den charakteristischen Rucksack samt seiner Trägerin, der Vorjahressiegerin.

Bei der Gelegenheit laufen wir auf Andreas auf, bei dem ich 2014 ein Trailrunning-Seminar auf Mallorca gebucht hatte. Er trainiert hier mit seinem Partner für den Transalpin-Run in drei Wochen. Und nebenbei gibt er den Bremsläufer für die schnelle Manishe vom Team Trampelpfadlauf, die hier ihren bisher längsten Lauf absolviert. Wir hängen uns an das Trüppchen an und lassen uns auch ein bisschen bremsen. Oder doch eher ziehen? Jedenfalls scheint mir nach dem Ende unseres Zwischenspurts die nächste Bank geeignet, nach neun Kilometern endlich mal den Stein aus dem Schuh zu expedieren.

Knapp vier Stunden sind vergangen. Wir durchlaufen die Marathonmarke. Unser Begleittrio haben wir verloren, da sich die Drei mehr Zeit an den Verpflegungsstellen lassen. Wir beide sind ja schon halb ertränkt, und als feste Nahrung genügen mir heute drei Bananensegmente.

Bald erreichen wir den 1,2 Kilometer langen Anstieg, vor dem man uns am Start warnte. Doch für uns hält er die schönsten Momente des Laufes bereit. Wir überholen hier nämlich einen der Marathonläufer! Dass er wenig später auf flacher Strecke wieder an uns vorbei läuft, wird dadurch kompensiert, dass wir jetzt sogar einen Staffelläufer hinter uns lassen.

Plötzlich schießt Manishe locker an uns vorüber: "Der Bremsläufer hat mich jetzt freigegeben!" Und weg ist sie. Als ich daraufhin Ralf "freigebe", findet er das irgendwie gar nicht witzig.

Beim Passieren der 50-Kilometer-Marke lasse ich es mir nicht nehmen, Ralf darauf hinzuweisen, dass wir im Oktober beim Röntgenlauf-Hunderter an dieser Stelle erst Halbzeit haben werden. Während wir daraufhin ein Weilchen sehr nachdenklich vor uns hin trotten, schiebt sich von hinten plötzlich der "charakteristische Rucksack" ins Blickfeld. Es bedarf keiner Worte zwischen Ralf und mir, um klarzustellen, dass wir das nicht zulassen können. Nachdem die Sache korrigiert ist, offenbart ein Blick zur Uhr, dass eine Zielzeit von 5:15 möglich ist, wenn wir die letzen drei Kilometer im 5er Schnitt laufen.

Dafür, dass wir diesen Ultra eigentlich mit einer 6er Pace laufen wollten, sind wir dann doch recht flott unterwegs. Mit unserem Schluss-Spurt kommen wir auf eine Durchschnitts-Pace von 5:37 min/km und holen sogar noch einen negativen Split heraus.

Finisher-Shirt Vorderseite

Kommentare:

  1. Also um dich zur Höchstleistung zu treiben muss man anscheinend nur ab und zu eine Frau vor dir auf der Strecke platzieren :-)))

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    1. Früher hieß es: "Hinter jedem erfolgreichem Mann steht eine starke Frau." Jetzt läuft sie vor ihm her!

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  2. Ha, da hat mir Helge meinen spontanen Gedanken vorweg genommen: Der läuft doch jeder hinterher und muss sie hinter sich lassen (Sei ehrlich, auf solche Kommentare legst Du es doch ein wenig an, denn ich denke nicht, dass Du da ein verborgenes Trauma hegst...)
    Und wieder was dazugelernt: "Strategischen Gehen" - köstlich!!! Ja und welche Risiken im übermäßigen Gel-Konsum liegen können...
    Schade, dass Du nicht mehr Bilder machen konntest, landschaftlich muss es schön sein. Aber wie schön, auf dem Startfoto erkenne ich den Tortura-Experten Nile :-)
    Glückwunsch zum Finish in einer sicherlich für das Terrain guten Zeit!
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Ja ja, das Pulsmesser rennt jedem Rock hinterher!
      Boah, unter diesen ganzen Hinterköpfen kannst du jemanden erkennen?
      Danke für die Glückwünsche, Elke!

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  3. Ist es nicht so, dass wir uns lieber an eine schnelle Frau dranhängen und ziehen lassen? ;) Du rennst wohl lieber all denen auf und davon :)

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    1. Vielleicht sollte ich zum Ausgleich noch erwähnen, dass wir auch eine Dame einholten, die ging. Mit gutem Zureden konnten wir sie motivieren, sich uns anzuschließen und weiterzulaufen.

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  4. Laufmacker ... ;-) Fast so schlimm wie Mamils auf Rennrädern.

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  5. 56 km - geschenkt. Aber Aufstehen um zehn nach Zwei, das ist Ultra. Herzlichen Glückwunsch!

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    1. Geschlafen wird im Winter.
      Meine Kommentare auf deinem Blog scheinen übrigens alle im Nirvana zu verschwinden.

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    2. ach ja, der Winterschlaf.
      Aus einem für mich nicht nachvollziehbarem Grund hält die Wordpress für spamverdächtig. Ich schalte deine Kommentare dann immer händisch frei, deswegen dauert's manchmal. Jetzt isser aber online!

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  6. Abgefahren - na, DU bist ja fit ;)
    Ins Hohe Venn möchte ich nächstes Jahr auch, allerdings zum Wandern - aber der Lauf liest sich schon schön (wenn man vor der brutalen Startuhrzeit mal absieht)

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    1. Die Gegend ist wirklich schön und lädt zum Wandern ein. Im Frühjahr lohnt auch ein Besuch zur Narzissenblüte ins Perlenbachtal.

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