Montag, 2. Juni 2014

Westerwaldlauf – Himmelfahrt 2014



Vier Tage liegt der Rheinsteig-Extremlauf erst zurück. Ich fühle mich noch ziemlich zerschlagen und zaudere, ob ich beim Westerwaldlauf am 29.5.2014 starten soll. Immerhin sind auf den 50 Kilometern auch 1100 Höhenmeter zu überwinden. Doch dann stelle ich mir vor, beide Läufe zusammen wären ein einziger Lauf über 84 Kilometer. Dadurch erscheint die dreitägige Pause nach den ersten 34 Kilometern plötzlich als sehr komfortabel.

Schon bei der Anfahrt erahne ich die Schönheit des Westerwaldes, als sich neben der Straße ein Blick ins Tal öffnet. Dort ragt ein Wäldchen als Insel aus dem Morgennebel. Noch weiß ich nicht, dass ich diese Aussicht in ein paar Stunden etwas länger und nebelfrei genießen darf, wenn ich hier zu Fuß vorbei kommen werde.

Den heutigen Lauf will ich gemütlich als langen Trainingslauf zurücklegen. Denn es gibt hier ohnehin keine offizielle Zeitmessung. Die Ausschreibung spricht von einem „Funlauf, teilweise mit Trail-Charakter“. Es geht also um nichts. Und da ich viel zu zeitig am Start im Freibad Rengsdorf angekommen bin, tue ich etwas, das ich noch nie vor einem Lauf wagte. Ich trinke Kaffee und esse dazu ein Stück Kuchen mit dicken Butterstreuseln! Das ist nicht unbedingt die lehrbuchmäßige Wettkampf-Ernährung, weder nach Herbert Steffny, noch nach Werner Sonntag. Zum Glück ist die Schlange zum Sanitärbereich kurz.
10 Grad, Nebel, trocken
Gemeinsam mit Antje, einer Bekanntschaft aus dem Mallorca-Trailcamp, laufe ich los und eröffne ihr, dass ich heute im 7er Schnitt unterwegs sein möchte. Das sei ihr zu schnell, entgegnet sie und simuliert einen Anruf als Vorwand sich zurückfallen zu lassen. Wie sie es geschafft hat, genau in dem Moment ihr Handy klingeln zu lassen, bleibt ihr Geheimnis.

Stau am ersten VP
So ziehe ich allein weiter, gerate aber bei Kilometer Acht in eine größere Gemeinschaft, die sich am dortigen Verpflegungs- und Kontrollstempel-Punkt staut. Einen Stempel und ein Wasser später sehe ich mich dem ersten längeren Anstieg gegenüber. Mancher geht hier bereits. Ich trotte hinauf und bleibe zum Ausgleich oben für ein Foto stehen.

Mir fällt ein besonderes Gespann auf. Ein Hund begleitet einen Läufer. Mit Herrchen gerate ich ins Gespräch. Er nimmt den Hund bei Strecken bis 50 Kilometer mit. Das Training scheint sich bezahlt zu machen – für Mensch und Tier. Wir dürften jetzt etwa einen knappen 6er Schnitt laufen. Herrchen meint, dass er dieses Tempo bis 100 km halten könne. Ich zolle meinen Respekt und lausche ehrfürchtig den Berichten von Läufen jenseits der 200-km-Marke. Wir sind ziemlich lange gemeinsam unterwegs, obwohl ich eigentlich nicht so schnell sein wollte. Aber irgendwie finde ich den Gedanken befremdlich, dass ein Hund vor mir im Ziel sein könnte.

An einem längeren Hügel macht das Gespann eine Gehpause, und ich bleibe im Laufschritt. Von nun an genieße ich die Landschaft wieder allein. Steile, felsige Pfade gibt es hier genauso wie schmale Waldwege sowie Forststraßen und Wiesenwege. Und es geht permanent hoch und wieder runter. Anders sind 1100 Höhenmeter in einer Gegend mit eher kleineren Hügeln nicht zusammenzubekommen. Mir gefällt die Wegführung hier sogar besser als am Rennsteig, denn es eröffnen sich immer wieder Ausblicke. Und sogar beim Wald gibt es Abwechslung. Im Bewuchs wechseln Eichen, Fichten und Buchen. Gelegentlich plätschert irgendein Gewässer am Wegesrand. Und einen Hohlweg gibt es auch.

Irgendwann muss ich mir das mal merken: wenn ich entspannt loslaufe, komme ich ohne Quälerei ins Ziel. Inzwischen bin ich bei Kilometer 39 und sehe kaum noch andere Läufer – und wenn, dann überhole ich sie. Ziemlich genau vier Stunden sind jetzt vergangen. Die anfängliche 7er Pace hatte sich über lange Zeit bei einer akkumulierten 6:30 eingependelt. Inzwischen bin ich bei einer 6:15er Anzeige der Uhr angekommen. Mich packt plötzlich der Ehrgeiz. Ich will versuchen, unter fünf Stunden zu bleiben.

Auf den bisherigen 39 km langen Supersauerstofflauf folgt nun ein 11 Kilometer langer Endspurt im Marathonrenntempo – ein langer Lauf mit Endbeschleunigung. Herr Greiff müsste seine Freude an mir haben. Ich jedenfalls habe sie. Immer wieder hole ich Läufer ein, treffe auch auf Rucksäcke, die ich zuletzt im km-8-Stau vor der Nase hatte. Da ich nicht einfach wortlos vorbeihasten will, bemühe ich mich um etwas Small-Talk. Als ich jedoch einen Läufer scheinbar aus seinem Runner’s-High reiße, höre ich damit auf. An der letzten Verpflegungsstation nehme ich nur noch den Stempel. Die Pace sinkt und sinkt. Jetzt drücke ich die Zwischenzeiten, um die Zielzeit anhand der verbleibenden Kilometer ausrechnen zu können. Es müsste klappen. Und es klappt! Hechelnd nehme ich die Zielgeraden. Es interessiert keinen. Da ist nur das Banner, sonst nichts. Keine Zeitnehmer, keine Zuschauer, nur geparkte Autos.

Ich drücke nach 4:51:21 die Stopptaste, gehe rüber ins Freibad und lasse mir die Zeit auf eine Urkunde schreiben. Dann investiere ich vier Euro in eine Medaille. Soviel Ruhm muss sein! Mit dieser Trophäe um den Hals trete ich ausgesprochen zufrieden die Heimfahrt an.

Kommentare:

  1. Uii, schon wieder so ein toller Lauf. Du haust zur Zeit ja richtig rein.
    Und wie schön, familiär und entspannt sich das alles bei dir anhört. Beneidenswert!

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    1. Das war wirklich ein entspannter Lauf. Obwohl viel länger, empfand ich ihn weniger anstrengend als den RHEX.

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  2. Vielleicht sollte ich auch mal die Nummer mit Kaffee&Streuselkuchen vor dem Start ausprobieren...?
    Glückwunsch zu dem schönen Lauf!
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Danke, Elke. Nach dem Lauf war es an der Kuchentheke eng. Die Wanderer bekamen große, reservierte Paletten mit in Alufolie eingeschlagenem Kuchen. Also reservieren oder vorher zuschlagen ;-)

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  3. Oh man, so viele KM und das 3 Tage nach anderen so vielen KM. Respekt!
    Ich finde langsam loslaufen und später richtig Gas geben ist sehr viel effizienter als umgekehrt. Und du scheinst ja nun wirklich alles richtig gemacht zu haben.
    Naja, und das mit dem Hund verstehe ich :-)))
    Aber ich schätze mal der kam lange nach dir.
    Liebe Grüße
    Helge

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    1. Weiter vorn lief sogar noch ein anderer Hund! Von einem Huskie würde ich sowas ja erwarten, aber das waren ganz normale Hunde - quasi wie du und ich ;-)

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  4. Ich esse den Streuselkuchen immer nach dem Lauf. Wahrscheinlich ist das mein "Problem" ? ;-)
    Herzlichen Glückwunsch auf jeden Fall zum Lauf. Ich finde die paar EUR für die Medaille hast Du sehr gut investiert.
    Erhol Dich gut...
    Viele Grüße, Claudi

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    1. Früher bin ich die langen Wettbewerbe sogar danach ausgesucht, ob es im Ziel auch eine Medaille gibt ;-)

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  5. Mittlerwiele sind wieder ein paar Tage vergangen! Welchen Lauf hast du diesmal unter die Füße genommen? :-)
    Jetzt haust du aber ganz schön was weg! Sei bitte vorsichtig!

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    1. Jetzt ist erstmal Tempotraining auf der Kurzstrecke angesagt, denn der b2run steht an.

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