Dunkel war’s, der Mond schien helle. Das glaubt jedenfalls die Pulsmesserin, die unseren Familienverband ab 2:45 Uhr in Richtung Rennsteig chauffiert. Tatsächlich leuchtet über der Autobahn nur das Logo einer Shell-Tankstelle. Zweifel an der Nachtsichtfähigkeit der Lenkerin verhindert fortan den Schlaf im Fond, trotz der frühen Stunde.
Der Nebel hebt sich und lässt die Sonne in den Kessel der Oberhofer Ski-Arena scheinen. Wie die Gladiatoren marschieren wir ein, startbereit und voller Stolz. Obwohl wir uns mit unserem derzeitigen Leistungsniveau - fernab einst erlaufener Bestzeiten - angemeldet haben, dürfen wir uns im ersten von dreizehn Startblöcken, direkt nach der Elite, aufstellen. Während hinter uns noch über 7000 Athleten einströmen, empfinde ich tiefe Dankbarkeit für das auf diese Weise vor Augen geführte Privileg, auf diesem Niveau Sport treiben zu können - sogar gemeinsam mit meinen Kindern.
Während das Pulsmesserchen nach Rennsteiglied und Schneewalzer der Elite hinterherjagt, lassen es der Junior und ich betont ruhig angehen. Denn nach langer Verletzungspause bestand sein "Training" aus fünf Laufkilometern im letzten Monat. Wir werden Teil des riesigen Lindwurms aus Menschen, der sich den Rennsteig entlang windet.Nach gut vier Kilometern verabschiedet sich der Nachwuchs aus unserem Duo. Ich könne gerne schneller laufen. Er würde jetzt den nächsten Baum ansteuern und dann versuchen, mich wieder einzuholen. Ich glaube nicht so recht an die angekündigte Aufholjagd, und versuche tatsächlich ein wenig zu beschleunigen, was aber an dem nun folgenden langen Anstieg eher moderat ausfällt.
Ich bin überrascht, als plötzlich der Junior wieder an meiner Schulter auftaucht und direkt vorbeizieht. Er ist wie ausgewechselt. Mit fröhlichem Gesicht hat er sich auf die Fährte einer jungen Frau in Weiß gesetzt, die von hinten das Feld aufrollt. Damit schlägt der Charakter des Laufes um. Wir sind jetzt "im Rennen". Unsere Pacemakerin voran, versuchen wir, uns durch Lücken in der dichten Läufermenge zu schlängeln.
So bringt uns der Flow bis zum höchsten Punkt der Strecke, der überraschenderweise mit Schnee bedeckt ist. Offenbar haben den die Veranstalter hier zur allgemeinen Belustigung ausgebracht. Das war mir bei meinen Supermarathon-Teilnahmen gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich war ich so langsam, dass bei meiner Ankunft alles schon weggetaut war.
Das wilde Schneetreiben bringt alles durcheinander. Der Junior lässt abreißen, und die Weiße Frau wird langsamer, weil sie auf ihrem Handy rumtippt. Ein in ein rotes Dress gewandeter Herr wird kurzerhand von mir zum neuen Leitwolf auserkoren. Unsere Allianz bricht aber schon nach kurzer Zeit, weil auch er nicht schnell genug läuft, für den Sog, den die Startnummer auf meiner Brust nun erzeugt.
Am nächsten Anstieg schwächelt die Startnummer ein wenig. Ihre Wirkung reicht nicht aus, um zu verhindern, dass ein üppiger Triathlet an mir vorüberzieht, dessen hautenges Leibchen Erinnerungen an Presswurst wachruft, die der Vegetarier in mir sonst verdrängt.
Ein weißes Blinken im Augenwinkel! Auf der Kuppe taucht die Pacemakerin wieder auf und stürzt sich in den nächsten Downhill. Mit abenteuerlichen Überholmanövern arbeitet sie sich voran. Mir ist das auf dem unebenen Untergrund in der Enge der Meute etwas zu gefährlich, so dass sich unser Abstand zusehends vergrößert. Meine Getränkeaufnahme am VP in der Talsohle macht die Situation nicht besser. Als dann auch noch der einzige Trailabschnitt der Strecke folgt, und ich auf dieser engen Passage hinter einem anderen Läufer feststecke, kann nicht wieder zu ihr aufschließen. Später ist sie außer Sichtweite.
Trotzdem komme auch ich immer weiter nach vorn in der Schar der verschwitzten Leiber. Das ist keine große Kunst, hatte doch die Zwischenzeit bei der Hälfte noch eine Zielzeit von über 2 Stunden angezeigt Es fühlt sich aber großartig an! Ich zähle nur noch fünf Athleten, die mich bis ins Ziel überholen. Auch auf der Geraden ins "Schönste Ziel der Welt in Schmiedefeld" mache ich noch Plätze gut.
Nach 1:49:04 drücke ich die Stopp-Taste der Garmin und gerate in den Fokus der Rettungskräfte im Nachzielbereich. Zweimal fange ich den prüfenden Blick je eines Sanitäters auf. Scheinbar bin ich mehr gezeichnet von der Hetzjagd, als mir bewusst ist. Aber ich werde nicht ins Sanizelt verbracht, sondern darf mich auf die Suche nach meinem Kleiderbeutel begeben.
Auch die Familie finde ich wieder. Das gemeinsame Fazit lautet: es war ein schönes Erlebnis, aber der Rennsteiglauffunke ist beim Halben nicht übergesprungen. Vor allem wegen der für uns aufwendigen Logistik werden wir künftig lieber kleinere, lokale Events unterstützen.

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