Dienstag, 2. Mai 2017

Düsseldorf Marathon 2017 - (Bei) Sturm ins Ziel


Genau vor zehn Jahren lief ich hier in Düsseldorf meinen ersten Marathon. Zum heutigen Jubiläum habe ich etwas Besonderes vor. Pacer, Hase, Pacemaker, BuZler - offiziell werden sie Brems- und Zugläufer genannt. Ich bin erstmals einer von ihnen und will/darf/muss den Düsseldorf Marathon in 3:30 laufen.

Kleiderbeutelabgabe im Morgenlicht
Egal wie oft man schon an einer Startlinie gestanden hat, der Atmosphäre eines großen Städtemarathons kann man sich nicht völlig entziehen. Obwohl die gasgefüllten Luftballons mit der "3:30"-Aufschrift meine Schultern nach oben ziehen, lastet das Gewicht der damit verbundenen Verantwortung auf ihnen. Es gilt, punktgenau die Erwartungen der Läufer zu erfüllen, die unter dreieinhalb Stunden finishen wollen. Denn inoffiziell wird die am Rücken aufgedruckte "3:30" wohl als 3:29 interpretiert.

Wir starten als Trupp von fünf Gelbballonten bei angenehmer Kühle, blauem Himmel und herrlicher Morgensonne. Es verspricht perfektes Laufwetter zu werden. Nur die für den Nachmittag angekündigten heftigen Winde könnten eventuell das Läuferglück trüben.

Mein Ballons (rechts)
Man hatte uns gebeten, nicht als eine Ballon-Gruppe zu laufen, sondern das Feld vorn zu bremsen und hinten zu ziehen. Der Auftrag bedeutet auch, die ganze Zeit im dichten Läufermeer zu laufen. Der Pulk ist so groß, dass ich es nicht rechtzeitig schaffe, an die erste Verpflegungsstelle hinüber zu wechseln. Das ist in Düsseldorf aber kein Problem. Es kommen noch genug. Ich will heute ohnehin nichts außer Wasser zu mir nehmen.

Gerieten die ersten Kilometer in der Enge des Feldes noch zu langsam, beschleunigen wir leicht, so dass die 10-km-Marke punktgenau erreicht wird. Doch das forcierte Tempo wird beibehalten. Ich lasse mich zwar immer mehr von den vorderen Ballons zurückfallen, passiere den Halbmarathon dennoch eine Minute zu früh. Und dann geschieht es. In einer Kurve wickeln sich meine Ballonleinen um ein Verkehrsschild und reißen ab. Lustigerweise bedeutet das sofortigen Autoritätsverlust. Obwohl ich immer noch ein Rückenschild mit der Zeitvorgabe trage, verlässt mich der Läufer, der mir die ganze Zeit nicht von der linken Seite gewichen war, und schließt sich den Ballonträgern vor mir an.

Dann zieht die Startnummer mit dem Namensaufdruck "Paula" vorüber. Aus dem knappen rosa Höschen ragen überraschend krumme Beine. Spätestens der struppige Vollbart macht klar, dass hier jemand mit einem übernommenen Startpass unterwegs zu sein scheint.

Nachzielbereich am Burgplatz

Unsere Ballontruppe hat sich mittlerweile in alle Winde verstreut. Und das im Wortsinne. Auf dem Weg zu Kilometer 28 muss man zum ersten Mal lange gegen den inzwischen sehr starken Nord-Ost ankämpfen. So mancher Bestzeitentraum dürfte hier weggeblasen werden.

Ich bin ab jetzt ziemlich konstant mit passender Pace unterwegs. Aber es sind scheinbar nicht die Marathonneulinge, die sich mir anschließen. Ein Ultraläufer, der hier Kilometer als Biel-Vorbereitung sammelt, hat unterwegs versehentlich seine Uhr gestoppt und nutzt mich als Ersatz.

Als wir durch die Rethelstraße laufen, weist ein Banner am Haus darauf hin, dass das dortige Bordell im Rahmen einer "Haushaltauflösung" sein Inventar verkauft. Kopfkino auf dem nächsten Kilometer.

Völlig windstille Abschnitte wechseln mit sturmdurchtosten Straßen. Erstmalig höre ich das seltsame Geräusch, das entsteht, wenn eine Bö Hunderte Pappbecher über den Asphalt treibt. Der Wind wirbelt nicht nur Trinkgefäße und Absperrgitter durch die Luft, sondern auch Staub und Pollen auf. Ich habe die Augen davon voll. Und offenbar auch die Schnauze, denn es kratzt sogar im Rachen.

Wenn ich in den Vorjahren auf der Düsseldorfer Strecke unterwegs war, habe ich mir - auch ohne besonderes Zeitziel - einen Endspurt nicht nehmen lassen. Das verbietet sich heute. Dadurch registriere ich zum ersten Mal, wie schön das Panorama des Zieleinlaufs unter einem liegt, wenn man zum Rhein einbiegt. Rheinufer, Schloßturm, Brücke und dahinter das Riesenrad der Kirmes werden vom sonnenbeschienenen Oberkasseler Ufer auf der anderen Rheinseite flankiert.


Freibier im Biergarten im Nachzielbereich
Nach 3:29:05 wird mir Zugang zum Biergarten am Rhein mit Erdinger-Freibier-Ausschank gewährt. Das habe ich so in noch keinem anderen Marathon-Nachzielbereich gesehen. Nach dem ganzen Unterwegs-Gewässer gönne ich mir ein paar alkoholfreie Hefeweizen in der Sonne und hänge meinen Gedanken nach. War das heute wirklich die richtige Belastung so kurz vor dem 100er am nächsten Samstag?

Kommentare:

  1. Hey, das war ja mal ein Laufvergnügen der anderen Art für Dich! Ich glaube gern, dass das Gefühl der Verantwortung da ein sehr besonderes ist. Und dann geraten auch noch die Luftballons abhanden!! Du hast es ja perfekt hinbekommen! Und immerhin bist Du nicht gleich spontan zur Haushaltsauflösung abgebogen :-)
    Ob Dein selbstloser Einsatz zum Wohl des D'dorfer Marathons sich negativ auf den nächsten Lauf auswirkt? Du wirst es sehen. Falls ja, wars gut, falls nicht, hast Du ein gutes Werk getan! Viel Glück schonmal dafür!
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Danke, Elke. Irgendwie werde ich die 100 schon überstehen.

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  2. Bravissimo, das sind die wahren Läufern, die sich auch mal für andere einsetzen, dafür gebührt dir ein Extra dickes Lob. Ansonsten super gelaufen zum Wohle der Gezogenen ! Aber du siehst auch - im wahrsten Sinne des Wortes - dass es noch mehr in Düsseldorf zu sehen gibt, aber nur, wenn du auf den geliebten, gewohnten Entspurt verzichtest, tja, hat eben alles seine Vor- und Nachteile !

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    1. Mit einem extra dicken Lob hatte ich nicht gerechnet. Vielen Dank dafür, das freut mich!

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  3. Spitzen Leistung als Pacemaker.
    Vor einem Marathon im konstanten Tempo schrecke ich noch zurück und ziehe meinen Hut vor alle die das so punktgenau hinbekommen!

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    1. Danke, das ist wirklich gar nicht so einfach.

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  4. Vor Pacemakern hab ich ja immer ganz besonderen Respekt, da läuft eine Menge Vertrauen und Verantwortung mit.
    Deshalb: Super! ... und hätte ich das gewusst! Die 3:30er Ballons waren (wie geplant) in meiner Sichtweite und ich konnte mich ziemlich lange sehr locker und zuverlässig daran orientieren, statt ständig auf die Uhr zu schauen. Naja, bis zu meinem jämmerlichen Einbruch. Und da im Ziel normalerweise ein Dank an den Pacemaker folgt (diesmal nicht machbar), kommt der eben hier, danke! :-)

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    1. Danke für diese positive Rückmeldung! Ich hatte nämlich die ganze Zeit bedenken, dass wir ein wenig zu schnell seien. Doch unterwegs hörte ich auch schon eine Dame, die meinte: "Ich hänge mich weiter hier dran. Die machen einen super Job!"
      Es tut echt gut, zu hören, dass unser Einsatz irgendwie sinnvoll war.
      Die Botschaft ist angekommen, ich freue mich!
      Und bei dir läuft es demnächst in minimalem Schuhwerk besser, vielleicht schon in MG, beim Vivawest oder in Duisburg?

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    2. Das nächste Ziel ist Monschau im August, da werde ich "alles anders machen"! ;-)

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    3. "Alle Anstiege sind gut laufbar." (http://daspulsmesser.blogspot.de/2015/08/als-fruhaufsteher-durchs-hohe-venn-beim.html)
      :-D

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    4. Super, mach mir Mut :-)

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  5. Ich glaube nicht, das die Belastung die richtige war. Ich denke es war zu wenig. Am Tag vor den 20 km in Venlo bist du 70 km Trail gelaufen. Tsss, was willst du mit 42 km? :-))))
    Ich finde deinen Einsatz für die Allgemeinheit beim Laufen sehr löblich. Nur das mit dem Luftballon solltest du noch üben. Am schwieristen stelle ich mir tatsächlich vor, gleichmäßig zu laufen.
    Liebe Grüße
    Helge

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    1. Ja, idealerweise sollte man immer so schnell sein, dass die Ballonleinen stets straff gespannt waagerecht nach hinten zeigen - auch bei Rückenwind!
      ;-)

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