Dienstag, 30. September 2014

Die Härte in Herten



In Herten finden dreimal im Jahr die Bertlicher Straßenläufe statt, in deren Rahmen man für 15,50 Euro auch einen Marathon laufen kann. In diesem Preis inklusive sind die Pokale, die die Altersklassensieger mit nach Hause nehmen dürfen. Und so einen Pokal will ich mir heute, am 28.9.2014, verdienen. Die Ergebnis-Statistik zeigt, dass das in meiner Altersklasse mit einer Zeit unter 3:15 und etwas Glück gelingen kann.

Und so stehe ich erstmals am Start eines Wettkampfes in der ersten Reihe. Eigentlich tun wir das alle, denn nur 25 Läufer wollen sich heute der Marathondistanz stellen, die hier über drei recht flache Runden durch die Felder führt.

Die einschlägige Literatur bescheinigt mir aufgrund meiner Leistungen auf den Unterdistanzen das Potential für eine Marathonbestzeit unter drei Stunden. Doch leider haben diese Hochrechnungen bei mir noch nie funktioniert. Deshalb möchte ich die erste Hälfte mit einer 4:30er Pace laufen, was einer Zielzeit unter 3:10 und somit einer neuen Bestzeit entspricht. Sollte es möglich sein, könnte ich in der zweiten Hälfte immer noch beschleunigen.

Hoffentlich wird es das!
Was ist das Wichtigste beim Marathon? Richtig, nicht zu schnell loslaufen! Vorbildlich bremse ich mich. Sogar etwas zu sehr. Die Zeit des zweiten Kilometers liegt bei nur 4:48. Danach hat sich das Feld vorerst sortiert. Ich laufe Brust an Brust mit einem Herrn in Schwarz. Und ist es zu fassen? Er könnte durchaus so alt sein wie ich. Was für ein Pech! Sollen wir jetzt 40 km um den Altersklassensieg kämpfen? Eine ganz neue Erfahrung, läuft man beim Marathon doch sonst in seinem Tempo so vor sich hin. Doch unser Tempo passt. Die Zwischenzeiten liegen nur knapp unter 4:30. Nach acht Kilometern haben wir den Zweitplatzierten überholt. Und dann startet der „Schwarze“ plötzlich durch. Die nächste Zwischenzeit ist mit 4:17 viel zu schnell. Jetzt muss ich mich entscheiden. Soll ich weiter um den Pokal laufen oder sicher die Bestzeit nachhause bringen? Ich bin vernünftig und lasse den Konkurrenten ziehen. Der Pokal, den zu erringen ich heute hierher kam, ist damit mutmaßlich weg. Es sei denn, der Mann ist viel jünger oder älter, als er aussieht. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Zumindest bleibt mir noch die Bestzeit. Immerhin ist es ein tolles Gefühl, wenn dir der Streckenposten „Marathon Platz drei!“ zuruft.

Am Ende der ersten Runde zieht von hinten jemand gleichauf. Erleichtert stelle ich fest, dass der Mann schon ergraut ist. Und er läuft absolut konstant die 4:30. Mal traben wir Seite an Seite, mal führt er, mal ich. Auf der nahezu schattenlosen Strecke bin ich froh, dass die Sonne durch einen leichten Wolkenschleier scheint. Den relativ starken Gegenwind nehme ich als willkommene Kühlung wahr. Im kalten August hatte mich schon so eine Ahnung beschlichen, dass es beim Herbstmarathon entgegen aller Regel warm werden könnte. Dennoch kann man bei den heutigen Temperaturen von über 20 Grad noch nicht von einem Hitzelauf sprechen. Trotzdem spüre ich, dass es mit einer weiteren Tempoerhöhung auf der zweiten Hälfte wohl eher nichts wird.

Marathonlaufen traut uns das Orga-Team zu, Treppensteigen eher nicht.
Fast die ganze zweite Runde sind wir im Duo unterwegs. Dann, etwa bei km 26, beschleunigt auch dieser Konkurrent. Denke ich. Erst der Blick zur Uhr bescheinigt mir, dass nicht der andere Gas gibt, sondern dass ich einbreche. Ein ganz klassischer Hammermann! Hatte Gladys vorm Start nicht noch zu mir gesagt: „Marathon ist eben jedes Mal wieder ein Abenteuer“? Recht hat sie. Von nun an laufe ich gegen den Zug eines Gummiseils, das jemand an meinem Rücken festgebunden zu haben scheint. Pokal weg, Bestzeit weg, Motivation weg. Ich fühle mich wie ein Anfänger bei seinem ersten Marathon. Doch es ist noch schlimmer. Denn nach 25 Marathons bzw. Ultras habe ich genügend gescheiterte Bestzeitenversuche hinter mir, um genau zu wissen, was mir jetzt bevorsteht. So will ich nicht Marathon laufen!

In den beiden Vorwochen war mir das selbstgesteckte Pokalziel plötzlich wie eine lästige Pflicht vorgekommen, die ich abzuarbeiten habe. Vielleicht setzt der Körper jetzt diese mentale Einstellung um? Nach einer Erkältung, die ich mir beim letzten Halbmarathon einhandelte (bzw. einhändelte), hatten sich die Läufe nicht mehr leicht und flüssig angefühlt. Trotzdem hatte ich einen 35er im 5:15er Tempo abgespult. War das zu schnell? Da ich auch die anderen langen Läufe eher auf Tempo gelaufen war, ist der Fettstoffwechsel möglicherweise nur ungenügend trainiert. Ansonsten fällt mir nichts ein, was ich falsch gemacht haben könnte. Ist mir denn vom 100er gar nichts geblieben? Doch – der Wille zum Durchhalten. Denn nach Runde Zwei könnte ich aussteigen, nach Hause fahren und so tun, als wäre nichts gewesen. Aber ich ziehe es durch.

Das Gute bei so einer kleinen Veranstaltung ist, dass einem trotz des Einbruchs die Schmach des permanenten Überholtwerdens erspart bleibt. Und so werde ich nur von Platz Drei bis auf Platz Acht durchgereicht. Ich versuche, der Sache noch mehr positive Aspekte abzugewinnen. Deshalb freue ich mich, dass ich immerhin unverletzt bin. Ich bringe das jetzt hier hinter mich, und nach einer kurzen Regenerationsphase werde ich wieder fröhlich durch die Gegend rennen können. In zwei Wochen werde ich durch die Berge Mallorcas laufen und im Herbst bestimmt noch einen Ultra in schöner Natur genießen. Wie heißt es doch bei meinem Freund Udo Lindenberg: „… bin gewachsen an der Qual“? (Tragischerweise lautet die nächste Zeile allerdings: "bin gekommen um zu gewinnen".) Und so schleppe ich mich irgendwie bis Kilometer 40. Hier schaue ich zum ersten Mal nicht nur nach den Zwischenzeiten, sondern auf die Gesamtzeit. Wenn ich altes Weichei mich jetzt am Riemen reiße, kann ich wenigstens noch unter 3:30 ins Ziel kommen. Da ich mich ja nun fast 1,5 Stunden ausgeruht habe (har, har), bin ich tatsächlich in der Lage, so etwas wie einen Endspurt vorzutäuschen. Das macht beim Zieleinlauf im Stadion offenbar Eindruck. Denn eine ganze Menschengruppe kommt im Ziel applaudierend zu mir: „Sie haben aber einen tollen Laufstil! Das war doch bestimmt eine Bestzeit?“ Wenn die wüssten! Trotzdem – danke, das hat gut getan!

Nachdem ich mir bei diversen gescheiterten Bestzeitenversuchen das Erlebnis Marathon vermiesen ließ, hatte ich mir geschworen, nie mehr mit schlechten Gedanken ins Marathon-Ziel zu laufen. Denn ein zu Ende gebrachter Marathon ist immer eine Leistung, auf die man stolz sein kann. Und so nehme ich an diesem Tag doch noch eine Trophäe mit nach Hause. Das Finisher-Foto zeigt mich mit einem strahlenden Lächeln.

Kommentare:

  1. Mh, was ist falsch gelaufen...? Ich würde evtl. auch auf Fettstoffwechsel tippen, aber die Antwort kannst nur Du Dir geben. Aber unterm Strich: Man kann eben nicht so einfach seine Laufergebnisse vorprogrammieren, muss man manchmal nehmen, wie es kommt. Dennoch: In Deiner AK hast Du doch einen guten Platz errungen! Und wie Du selber konstatierst, DURCHGEZOGEN! Aufgeben kann jeder, finishen tun nur die wahren Marathonis!
    Nur am Rande möchte ich kurz anmerken, dass ich Deine Zeit ja gerne mal hättee!
    Liebe Grüße
    Elke

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    1. Elke, und beim nächsten Mal sehen wir uns dann in Herten! Du hättest beim Halben nämlich den Pokal in deiner AK gewonnen: http://www.sus-bertlich.de/la/ver/sl/sl_ergebnisse/28-09-14/gesamt.htm

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    2. Ja, haha, habe ich auch gleich nachgeschaut ;-) Wenn das mal kein Grund ist! Aber wenn Du mich erst hinterher auf diesen Lauf aufmerksam machst... Ok, Herausforderung nehme ich an!
      Liebe Grüße
      Elke

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  2. Wahrscheinlich tröstet es dich nicht, aber Marathon unter 3:30 ist für andere undenkbar. :-)
    Den wirklichen Sieg hast du errungen, indem du durchgehalten hast. Wahre Helden laufen nicht nur mit Bestzeiten ins Ziel. Das hast du gut gemacht.
    Und irgendwann hast du den Siegerpokal gewonnen, vielleicht dann, wenn du es gar nicht erwartest.
    Toller Bericht über einen tollen Kampf :-)
    Gute Erholung
    Liebe Grüße
    Helge

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    1. Stimmt, Helge, das tröstet mich nicht. Dennoch habe ich mich über deine Zeilen sehr gefreut, danke! Ich betrachte als eigentlichen Sieg die Tatsache, dass ich mit dem Ausgang des Laufes nicht mehr hadere. Früher, als ich nur einen Marathon im Frühjahr und einen im Herbst lief, hätte ich die ganze Saison als verdorben angesehen.

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  3. Klasse Sache, so ein zügiger Mara. Sieh' es positiv: du hast (immer) noch ein Ziel vor Augen, und der erfreuliche Aspekt an der Erfahrung, die das Altern mitbringt, ist ja, dass ein Marathon kein Lebensziel mehr ist. Hast ja schon genügen absolviert.

    Hilft dir das? Vermutlich nicht.

    Wenn ich endlich meine eigene Dauererkältung, die mich schon seit -zig Wochen nervt, losgeworden bin, darf ich auch wieder regelmäßig rennen!

    Viele grüße,
    Harald

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    1. Hallo Harald,
      zügig hat sich der Marathon irgendwie nicht angefühlt.
      Aber nach den Berg-Läufen hier auf Mallorca (werde berichten) ist das Malheur schon Geschichte.
      Dir gute Besserung!

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